Ruinen

Wir benötigen den Verfall der Ruinen, ihre bizarren Muster, die sich unter den vermeintlichen Fortschritt und unter das Moderne schleichen, umzäunt, zugerankt, verschwiegen – oder auch ganz offenkundig wie ein gerissener Zahn sein Areal aufzeigt. Das Fleisch wächst wäßrig zu, juckt, wird Moos.
Wir benötigen die Vergangenheit als Modell des Verschwindens und nicht als etwas Gesäubertes, Unauffindbares. Warum reisen wir so gerne zu den Schauplätzen der Geschichte, fahren mit unseren Fingern über zyklopischen Stein, schaudern heimlich über den Anblick alter brauner Flecke in Opfergefäßen?
Weil wir an uns teilhaben wollen. Wir können uns nicht fassen, wenn wir nicht die Pyramiden besteigen, in Schützengräben flanieren, die einst das Blut wie ein Bach zu einem unbekannten Meer chauffierten.
Was ist der Mensch? – und mir fiele ein: der Mensch ist ein Wesen, das mutwillig Leben nimmt, aus Tötungslust, meistens aber aus Dummheit.
Natürlich wäre das nicht gerecht, denn es gibt die Liebe. Aber ist sie nur ein weiteres Problem der Gattung oder ihr eigentliches Streben?
Das alles können wir die stillen Monumente fragen, all die Plätze, auf denen wir Mensch wurden, jenseits von Gut und Böse, Ain Absolutum in der Geschichte der Welt.
Man geht auf den Trümmern, die tief unten gebettet liegen, weit in der Erde. Auf diesen Schichten leben wir in Schichten. Auch wäre die Erzählung unseres Lebens ein Mantel, danach eine ganze Garderobe, danach eine Sammlung alter Kleider.

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