Tableau 5/59-93

War denn Rodriguez der erste oder der letzte, der ihn auf die Spur brachte? Adam vermutete, daß er in manche Zufälle aus Bequemlichkeit geriet, weil er am Leben nicht teilhaben wollte, das ihn vulgär von allen Seiten bedrängte. Noch später, als er Raha, diesen lettristischen Vorort Babylons längst hinter sich gelassen hatte, wunderte er sich darüber, wie leicht es war, diese „Abwege“ zu finden, indem man alles, was man gelehrt bekam, einfach in sein Gegenteil verkehrte. Die Inversion ist eine neu zusammengesetzte Wahrheit, die Welt unendlich groß, ohne Mittelpunkt, die schwingenden Atome alles, woran wir uns stoßen können. Von der Kausalität zur Aufgabe der Kausalität. Ein Trauma muß her, um zu erkennen, das Trauma eines tief verankerten Verlustes, eine existentielle Verweigerung. Adam kannte die Verweigerung. Wie es hieß, wollte er in den ersten Minuten seines neuen, dreckigen Lebens diese fleckfiebrige Luft nicht einatmen, die in Krankenzimmern, Gefängnissen, unterirdischen Kellern, Brunnen, etc. zur Hypochondrie führt, und die es darauf abgesehen hatte, sich in seinem Organismus auszubreiten. Wir wissen nicht, was geschah, damit er es schließlich doch tat – er mochte eingesehen haben, daß er zwar bisher alles Leben über die Funiculus umbilicalis eingetrichtert bekommen hatte, sein Blut aber das Blut seiner Babet, von ihrem Blut sein Blut übrig bleiben würde, lange über das Leben hinaus. Also balgte er die Lungen auf und schrie der Welt ins Gesicht, klapperte mit den Zähnen (überliefert), und beruhigte sich schließlich, als sein Kopf zwischen der sanften Hügelkette Platz nahm.
Mane, Mane witte, giv iusen Kind de Titte, wie es in einem Kinderlied heißt.
Rodriguez (über Adam werden wir aus eigenem Munde erfahren, wohin er sich zu denken wünscht) war, historisch betrachtet, eine Kugel des Karambol, angerollert, nachdem sich der ewig Liebende Protagonist selbst schon kein Wort mehr glauben konnte, in seinem Kellerzimmer zeltete und nicht ahnte, daß es die Welt, in der er scheinbar festsaß, nicht gab.
Faran, faran, Wanderer, fahre hinaus in ein üppiges Phantasma.
(In Babylon wurden in der Zwischenzeit immer noch die Toten mit Ocker bestreut in Ost-West-Richtung niedergelegt und mit Kaurischnecken geschmückt, die Vulva für die Wiedergeburt, Neumutter, Erdmutter, Liebesöffnung, sei in meinem Ring der Erde Gast.)
Und um noch einmal auf den Verlust zu sprechen zu kommen, ist das Entschlüpfen ein säugetierisches Ent-Eien, dem das Abnabeln folgt, der Verlust der Urhöhle (in anderen Fällen zu denken als die Pyrenäenhöhle in Tuc d‘ Audoubert, in der noch die Fersenabdrücke der Tänzer zu sehen sind, rund um eine aus Ton modellierte Gruppe einer Bisonkuh und eines Bullen im Augenblick des Bespringens.
Damit steht jedoch nicht fest, wen Adam an den Toren Babylons verlassen hat, und vor allem nicht, warum er sich einer solchen Tortur aussetzen mußte, und wie es Myrrha schließlich gelang, ihn durch ein einfaches Wolkengebilde zu irritieren.

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