André Baquero Brun erhält keine Antwort.

(Dieser Beitrag ist auch als Podcast auf der Webseite “Nach Eden” verfügbar. Dort finden Sie ausserdem Bilder und Filme aus André Baquero Bruns Kindheit in Sulamérica.)

Seit seinem Anruf hat sich André Baquero Bruns Welt verändert. Die Telefonnummer auf der Holzbank am Egelsee ist verschwunden. Jemand hat sie abgeschabt. Dort, wo sie stand, ist das Holz abgetragen. Ein frischer, heller Fleck auf der Sitzfläche. Wie jeden Tag, seit der Frühling die Bank vom Schnee befreite, setzt sich Herr Brun auch heute hin, stützt sich mit den Ellbogen auf den Beinen ab, legt den Kopf in die Hände und blickt – heute zum ersten Mal – nicht auf die Nummer, sondern auf ihre Abwesenheit.
Ein bisschen fühlt Herr Brun sich schuldig, dass er die Aufforderung, die unter der Nummer stand, ernst genommen hat. Vielleicht hat sie ja gar nicht ihm, sondern einem anderen, einer anderen gegolten. Vielleicht wartete diese Person seit Wochen, vielleicht Monaten neben ihrem Telefon darauf, dass ein ganz bestimmter Mensch sich bei ihr meldete. Dann endlich klingelt es, sie geht ran –

“Hallo?” sagte Herr Brun in sein mobiles Gerätchen, als der Klingelton verstummte. “Hallo?” sagte Herr Brun nochmals, und als keine Antwort kam und er nur ahnen konnte, dass jemand am anderen Ende der Leitung sich einen Hörer ans Ohr hielt, erklärte er: “Sie wollten, dass ich Sie anrufe.” Keine Antwort. “Mein Name ist Brun, André Baquero Brun”, stellte er sich vor, in der Hoffnung, so vielleicht ein Gespräch in Gang zu bringen. “Mein Name ist Brun. Ich habe Ihre Nummer auf einer Bank am Egelsee gefunden.” Noch immer nichts. “Brauchen Sie Hilfe?” fragte Herr Brun jetzt. “Kann ich irgendetwas für Sie tun?” Keine Reaktion. Herr Brun, der endlich begriff, dass reden hier nichts brachte, verstummte. Schweigend lauschte er in sein Telefon, schweigend lauschte es zurück. Sein Schweigen war kein entspanntes, sondern ein unbehagliches Nichtssagen. Zuerst versuchte er, sich nichts anmerken zu lassen, doch sein Unbehagen wuchs und entwickelte eine Eigendynamik, der er sich nicht zu entziehen vermochte. Zwar kämpfte er dagegen an, konnte jedoch nicht verhindern, dass sein Unbehagen in Aggression umschlug. Herr Brun schwieg, weil er nichts sagen wollte, was er später bereuen würde.
Nach einigen Minuten hörte Herr Brun schliesslich ein Knacken in der Leitung. Die Person hatte aufgelegt.

Die Irritation blieb. Schlecht gelaunt brachte er den restlichen Tag in seiner Wohnung zu. Als es Abend wurde, versuchte er, Yolanda in Sulamérica zu erreichen, doch sie war mit Sofia einkaufen oder am Strand. Tränen der Wut schossen ihm in die Augen. Lieblos bereitete er sich eine Mahlzeit zu. Mehr als alles andere brauchte er jetzt jemanden, mit dem er sprechen konnte. Nochmals rief er Yolanda an. Sie war noch immer nicht zurück. Sein Blut kochte, seine Haut brannte. Die Knochen wie zu einem Scheiterhaufen aufgetürmt und in Brand gesetzt. Das fiebersenkende Mittel brachte keine Linderung.

Diese Panik angesichts des Schweigens – André Baquero Brun hat sie noch nicht überwinden können. Seit jenen schrecklichen Tagen, die er in Sulamérica nach einem ausser Kontrolle geratenen Experiment auf einer Intensivstation hatte verbringen müssen, fürchtet er nichts mehr als die Sprachlosigkeit.

Einige Monate ist das nun her. Brun wurde wieder gesund, kehrte aus Sulamérica in die Schweiz zurück, in ein Leben, das sein sollte, wie es früher war. Aber als er vor wenigen Tagen jene Nummer wählte, die irgend jemand auf eine Holzbank geschrieben hatte, da war sie wieder da, seine Angst, in der Bedeutungslosigkeit zu sterben.

Der Hund muss raus, trotz Fieber. Deshalb sitzt er jetzt wieder auf der Bank am Egelsee und blickt auf den hellen Fleck, wo einst die Nummer stand. Da bewegt sich das trübe Wasser des Sees, ein Kopf taucht auf und wenige Augenblicke später entsteigt dem Teich eine Frau. Sie grüsst Herrn Brun mit einem freundlichen Nicken, greift sich aus einem Strauch ein Tuch und reibt sich damit trocken.
“Algen”, sagt Herr Brun und zeigt mit dem Finger auf ihr Haar, “da haben sich Algen in ihrem Haar verfangen.” Er kann die Augen nicht von ihr lassen, und weil er in seinem Zustand nichts mehr fürchtet als die Stille, redet er einfach weiter und fragt, ob sie wisse, dass Schwimmen in diesem See verboten sei, da er unter Naturschutz stünde, und fährt fort ihr von der Artenvielfalt dieses kleinen umwucherten Gewässers zu erzählen, ob ihr überhaupt bewusst sei, wie brackig dies Wasser sei, und all die Algen – während sie nochmals in den Strauch nach ihrer Kleidung greift. Sie unterbricht ihn nicht, stört sich auch an seinen Blicken nicht, tut einfach, zieht sich an, und als sie schliesslich in einem kurzen, leichten Sommerkleid vor ihm steht, schliesst sie, bevor sie ihm zum Abschied winkt, die Rechte zu einer Faust, spreizt Daumen und kleinen Finger und führt so die Hand zu ihrem Ohr, als wollte sie ihm sagen: “Ruf mich an.”

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