Niemals war hier eine stadt

Es regnete. Schon war er aus dem bett und stand vor dem fenster. Einen vorteil hatte das zimmer da unten. Man konnte durchs fenster raus und rein wie man wollte, kam also gleich zu der breiten treppe, die unten vom garten nach oben zur straße führte. Wenn er den schlüssel vergas, konnte er das gekippte fenster aushaken. Jetzt ging er hinaus um zu duschen. Natürlich hätte er auch unten im fluß baden können, aber das wasser stank abscheulich, es hätte ihn wahrscheinlich nicht saubergemacht.
Die schlafenden vögel wurden naß, aber er sah sie nicht, weil sie einfach weiterschliefen und sich nichts daraus machten.
Er stand auf der nächtlichen straße und wurde jetzt auch naß. Er hatte nur eine kernseife bei sich und begann, sich mit ihr abzureiben. Ab und zu blickte er zum haus, ob sich auch ja nichts rührte. Feine nadelstreifen in der nacht, schmierseife, die an seinen füßen vorbei hinab trottete. Tatsächlich rührte sich nichts im haus, aber weiter unten, wo die straße mitsamt der schmierseife in die langgezogene dorfstraße mündete, hörte er ein geräusch. Nur leise drang es durch den perkussiven klang des regens, aber es war eindeutig eine menschliche stimme. Nun würde man ihn hier gesehen haben, bliebe er stehen und gaffte, also zog er sich in seine kammer zurück, trocknete sich ab und dachte an das jauchzen, denn das glaubte er, war es gewesen. Da mochte sich noch jemand über den regen gefreut haben.
An manchen tagen spielten kinder im staub und blickten den fuhrwerken entgegen, die in die stadt einrollten. Sie spielten, daß sie einen schatz fänden, sie spielten aber auch, daß sie diese straße bauten, daß man ihnen dafür dankte, weil die händler ihre ware schneller liefern konnten. Wenn es regnete, führte die straße, die nicht viel mehr als eine piste war, direkt in das gesammelte wasser hinein, so als läge auf dem grunde in diesem zeitweiligen see ein geheimnisvoller ort, der unbedingt verborgen werden musste. Die kinder dachten sich dann abenteuer aus, mit sonderbaren geschöpfen, die dort hausten. Das taten sie während der regen fiel und sie spielten. Die kutschen lagerten an den streckenposten und alle warteten. Die kinder warteten nicht, sie träumten. Obwohl sie träumten, kam ein neuer tag, an dem ihre eigenen kinder dort spielten, wo nun teermaschinen und walzen die erde erstickten. Nachdem die bauarbeiter ihre maschinen ausgestellt hatten und nach hause gegangen waren, spielten die kinder, daß sie nun die straße planierten und den kochenden teer verteilten. Sie spielten, daß es gar keine baumaschinen mehr wären sondern raumfahrzeuge. Wenn es regnete, dann roch es komisch. Es roch nach bitterer hitze, ölige tropfen rannen von den dächern der fahrzeuge. Die arbeiter warteten in ihrer halle, bis der regen nachgelassen hatte. Die kinder warteten nicht, sie träumten. Und während sie träumten, zog ein neuer tag herauf, und ihre kinder spielten am straßenrand.
Wenn er da jetzt hinginge und nachsähe, könnte auch er von dem träumen, was einst war. Er stand auf der dorfstraße und erblickte nichts als regen. Es war nacht und jemand kam ihm aus dem dunst entgegen.
»Wo ist die stadt?« fragte er den fremden, denn er sah die häuser nicht.
»Die stadt? Niemals war hier eine stadt«, antwortete der fremde.

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