Zärtliche Bisse (Auflösung/ Recherche -2-)

Geschichte des Bildes

Der gerade mal 20 gewordene Parmigianino wurde vom Grafen Galeazzo im Jahr 1523 berufen, diesen versteckten Raum auszugestalten. Hinreißend malte der junge Künstler dort seine Version der Ovid-Metamorphose. Der mit einer Inschrift an Diana gerichtete Vorwurf kann als Ausdruck des Zweifels an der göttlichen Gerechtigkeit, betrachtet werden, denn den Spiegel ziert ein Spruch an der Raumdecke: “et respice finem“.

An Diana: Sag Göttin, wenn der Zufall den unglücklichen Actaeon hierher geführt hat, warum wird er von dir seinen Hunden zum Fraß vorgeworfen? Es ist nur bei einem Verbrechen erlaubt, dass die Sterblichen die Strafe zu tragen haben: auch geziemt solch ein Zorn Göttinnen nicht.

Diese Texte weisen den Raum möglicherweise als Meditationsort aus. Doch zur Deutung später mehr.

Inhalt des Gesamtfrescos

Erst am Ende des Lebens steht fest, wer wirklich glücklich war, so Ovid.

Deutungsebenen
Das Fresko widmet sich dem antiken Mythos von Diana (Artemis), die den Jäger (*1) als Strafe in einen Hirsch verwandelte, nachdem dieser sie zufällig beim Nacktbaden überrascht hatte.
Die Geschichte entwickelt sich bei Parmigianino als eine Art natürliches Theater: eine Decke mit einer grünen Laube und Masken mit Mosaiken, offenbarte Einblicke in Himmel, einem runden Spiegelgewölbe in der Mitte, wie oben gesagt, mit den Worten “respice finem” (Look to the end).

Angeblich ist der Auftraggeber im Spiegel selbst abgebildet. An drei der vier Wänden, werden Verse aus Ovids Metamorphosen, die unsere Geschichte szenisch erzählen, dargestellt: die Jagd in den Wäldern, die Begegnung mit der badenden Göttin, die Actaeon empört mit Wasser des Heiligen Sees vollspritzt, bis hin zur schrecklichen Szene, wo Actaeon von Diana zur Strafe als Hirsch verwandelt, von seinen eigenen Hunden zerfleischt wird- genau die Szene, die ich herausgelöst aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang bei Herbert Pfostl fand und weswegen wir uns hier so ausführlich um Aufklärung bemühen.

Auf der vierten Wand stellte Parmigianino eine charmante, weibliche Figur dar, die vermutlich Paola Gonzaga, die Gemahlin des Grafen Galeazzo, zeigt, in ihren Händen die Symbole des Lebens und des Opferns haltend: Ähren und ein Gefäß mit Wein.

War die vierte Wand tatsächlich der Gräfin oder der ehelichen Leidenschaft gewidmet? Sehen wir hier wirklich eine Studie des Grafen oder vielmehr einen Tribut an die Alchemie – eine Leidenschaft von Parmigianino – wie vielleicht die reinigenden Elemente Wasser und andere natürliche Elemente in ihrem Verwandlungsprozess? Oder ist vielleicht die mahnende Inschrift nicht in erster Linie der Göttin gewidmet, sondern eher an die Nachfahren des Adels gerichtet, eine Erinnerung an die schweren menschlichen Verluste dieser Familie, die sie in dieser Zeit erleiden musste? Die Experten sind sich unsicher, wem oder was dieses magische Zimmer gewidmet wurde, die Realitätsebenen scheinen nicht stark voneinander gefasst worden zu sein.

Bildquelle
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*1 Actaeon
- vom Kentaur Cheiron erzogen worden, welcher ihn besonders in der Kunst der Jagd unterrichtete
- nur sein Verstand blieb nach Metamorphose unverändert, er überlegte, was er tun solle
- vor Scham begab er sich nicht zum Palast seines Vaters; hielt sich in den dichten Wäldern der Umgegend auf
- seine Hunde erspähen und verfolgen ihn, angespornt von den Freunden , die bedauern, dass Actaeon diese Jagd versäumt; sie rufen ihn und bemerken nicht, dass der Hirsch noch auf den Namen lauscht, während ihn seine eigenen Hunde zerfleischen eine der Deutungsmöglichkeiten, die auf unseren Bildausschnitt zutreffen mag
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Ovid war der erste Dichter, der die Verwandlung in einen Hirsch beschreibt, bildliche Darstellungen vor ihm zeigen Actaeon ausschließlich in menschlicher Gestalt. Frühere Darstellungen gehen davon aus, dass ursprünglich lediglich die Hunde behext wurden und glaubten, einen Hirsch vor sich zu haben. Parmigianino folgt in seiner Darstellung Ovids Textvorgabe, er zeigt auch den phasenbedingten Verwandlungsprozess – nicht nur das Ergebnis der Metamorphose.

In den Metamorphosen werden die Namen all seiner Hunde wiedergegeben: Aello, Agre, Agriodus, Alce, Asbolus, Conace, Dorceus, Dromas, Harpalos, Harpyia, Hylactor, Hyläus, Ichnobates, Labros, Lachne, Lacon, Ladon, Laelaps, Leucon, Lysice, Malampus, Melanchaetes, Melaneus, Nape, Nebrophonus, Oresitrophus, Oribasus, Pamphagus, Poemenis, Pterelas, Stilbe, Theridamas, Theron, Thous, Tigris – ein Beweis für die große Bedeutsamkeit unserer herausgelösten Hunde- Hirsch -Szene, die die Unfassbarkeit von Actaeons Schicksal vollends erfasst.

Fortsetzung

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