
Ludwig von Orléans entschleiert seine Geliebte, Eugène Delacroix, 1826
“Leidenschaftlich in die Leidenschaftlichkeit verliebt“, meinte Charles Baudelaire, sei Eugene Delacroix gewesen, ein Dramatiker der Leinwand, ein Erzromantiker eben…
III. Ludwig von Valois, Herzog von Orléans
In einer biografischen Abhandlung über Ludwig von Valois, den Herzog von Orléans, erfahren wir, dass der titelgebende Ludwig von einem von Johann Ohnefurcht (ein Cousin Ludwigs) gedungenen Killer, um dessen Machtposition am Hof durchzusetzen, ermordet wurde.

Der Meuchelmord an Ludwig
Die Tat wurde verschleiert und als Tyrannenmord dargestellt. Die Argumentation sprach von Ludwigs Prunk- und Verschwendungssucht sowie von seiner lockeren Lebensweise, Fakten, die nicht alle aus der Luft gegriffen sind. Der notorische Schürzenjäger hatte neben legitimen auch außereheliche Kinder.

Die Beisetzung von Louis d’Orléans, von Martial d’Auvergne, Buchmalerei (Mahnwachen? Charles VII), Paris, 15. Jh.
Ludwig soll allerdings auch intelligent und relativ gebildet gewesen sein und sich in der Rolle eines Mäzens gefallen haben- z. B. förderte er den Dichter Eustache Deschamps. Hervorstechende Eigenschaft Ludwigs war sein Ehrgeiz und er liebte den Prunk.
Ludwig verstand es, zu feiern, er war der Verführer schlechthin. Seine Feinde sagten, dass er fast allen schönen Frauen wie ein Hengst hinterherwiehern würde (“hennissait comme un étalon après presque toutes les belles femmes”). Wegen seiner Affäre mit der Königin, kommt Ludwig als der wahre Vater von Karl VII in Frage. Er ist der Großvater von Louis XII, von Jean d’Orléans, Urgrossvater von Franz I.
Was mag Eugène Delacroix dazu gebracht haben, ausgerechnet diesen Menschen darzustellen? Sah er in Ludwig Parallelen vielleicht zu seiner Zeit oder etwa zu seinem eigenen Leben? War es das lebendige Bild des Adels, entworfen von Brantôme, das ihn dazu inspirierte (s.u.)?
Was allein nötig ist, um ein Thema zu finden, ist ein Buch zu öffnen, das zu inspirieren vermag, und sich von seinen Stimmungen leiten zu lassen. {…} Es gibt einige {Bücher}, die einen niemals im Stich lassen. Solche muss man besitzen, ebenso wie Stiche großer Künstler. Dante, Lamartine, Byron, Michelangelo. (Delacroix)
IV. Delacroix – Dramatiker der Leinwand
Am 19.05.1825 erreicht Delacroix Dove, bleibt bis August im westlichen London, besucht Museen, geht ins Theater. Sichtlich beeindruckt ist er dort von Webers Freischütz, Goethes Faust (Ausgangspunkt für spätere Lithografien ) und natürlich von Shakespeares Werken. Anzunehmen, dass ihn sein dortiges Leben, seine Bekanntschaften mit Sir Thomas Lawrence, David Wilkie, C. R. Coockerell und Bonington, den er bereits aus Paris kennt, und die beginnende Beziehung (1826) zu Victor Hugo und dem Romantikerkreis auch dazu bringen, den Stoff dieses Bildes aufzugreifen. Insbesondere der Gedankenaustausch mit seinem jungen englischen Freund Bonington kommt hierfür in Frage, denn beide lasen das selbe Buch: “Vies des dames galantes” (Das Leben der galanten Damen) von Brantôme (*1), 1822/23, neu aufgelegt von Mommerque. Darin enthaltenes Zitat bringt Aufschluss:
“Ludwig von Orleans hat gerade eine seiner Hofdamen verführt, als deren Mann ihn aufsucht; der Herzog zeigt ihm den nackten Körper der Frau, wobei er ihr Gesicht sorgsam verdeckt hält.” (Alain Daguerre de Hureaux, Delacroix – Das Gesamtwerk, Belsen Verlag, Zürich/ Stuttgart, 1993, S. 123)
Ich habe mir Das Leben der galanten Damen “besorgt” und bin dabei es zu studieren, auf den Spuren von Delacroix…, auf den Spuren Ludwigs…
*1 Eigentlich Pierre de Bourdeille/ Brantôme (* um 1540 in Périgord; † 15. Juli 1614 in Brantôme), Renaissanceschriftsteller, der ein lebendiges Bild der französischen adligen Gesellschaft seiner Zeit vermittelte; besagtes Buch erschien erstmals 1665 und enthielt eine Unzahl historisch begründeter Klatschgeschichten. 1574 ernannte ihn König Heinrich III. von Frankreich zum Kammerherrn, und in infolgedessen lebte er am französischen Königshof, wo er auch den Stoff zu besagtem Werk sammelte.
Fortsetzung folgt




Eine wahre Fundgrube für mich. Sozusagen ganz auf mich zugeschnitten und ungemein bereichernd.
danke.
bin grad im vorwort der galanten damen und schon begeistert.
Rudolf Noack (Inselverlag, 1986) führt unterm strich für mich aus, was das werk Brantômes u.a. so anziehend gestaltet- der überaus lockere lebensstil bei hof, genaustens von Brantôme studiert, hautnah mittendrin von ihm selbst erlebt- all die wahren geschichten von liebe und intrige. nicht moralisierend oder wertend geschrieben, sondern eros im mittelpunkt des geschehens. scheint vielversprechend zu sein und ich ahne, warum Delacroix darauf abfuhr.
ich liebe deine exquisiten kunstgeschichtlichen artikel! ob der ehemann den schoß erkennt?
danke.
darüber spekuliere ich auch in nachfolgenden teilen