seeleute

seeleute
   (roger mit winston. roger lacht)
in meiner garage steht ein original dodge und vor meinem bett schnorchelt eine englische bulldogge.
vom dodge will ich jetzt nicht sprechen – aber der bully heißt roger.
zuerst mußte ich gewisse ästhetische widerständigkeiten hinter mich werfen, auch saß ich verständnislos vor seinen falten, dem grimmigen menschengesicht ohne schnauze,

den zurückgelegten ohren und den großen runden schwarzen augen. aus dem mächtigen maul ragten vier winzige babymilchzähnchen und eine rosa zungenspitze. dick standen links und rechts die goldfarbenen wangen ab.
er gurgelte und schnarchte bisweilen, obwohl er völlig wach war.

ich versuchte, ein gespräch zu beginnen und stellte ihm verschiedene fragen. das machte ihn aggressiv, denn, wie ich so allmählich verstand, war er nicht der hellste und wußte auf meine fragen nicht zu antworten.
seine dicken babypfoten stellte er abwechselnd auf meine kleinen nackten zehen. zum glück sabberte er nicht, wenn ihm auch einige üble wolken entkamen.
ich brach diese immer ungemütlicher werdende sitzung ab und ging zum leicht verständlichen befehlston über: “hier!”, “sitz!”, “platz!” – das funktionierte einwandfrei.
beim spazierengehen sagte ein kleines kind: “dieser hund ist böse!” und ich rief laut nach hinten: “ist er nicht!” und roger sah mich von ganz unten aus seinen großen runden augen an. mir schien, es sei etwas wärme darin gewesen.
nach dem langen spaziergang setzten wir uns in den garten. das heißt: ich setzte mich in die hollywoodschaukel und roger stand lange – und lange – und blickte in ein undefinierbares, worüber ich nicht den mut hatte, ihn zu befragen.
unvermittelt nahm er anlauf mit seinen vier kleinen muskulösen beinchen, ließ sich kurz vor der brautspiräe fallen und rutschte unter den busch. dort war ein tiefes grunzen und rascheln und zwischen dem untergeäst goldbraunes wälzen in erde.
als ich schon nachsehen wollte, ob alles in ordnung sei, kam er heraus, schüttelte sich und ließ sich, so wie er war, auf den bauch ins gras fallen. das war ein kurzer weg, denn die kleinen beinchen rutschten einfach ins seitliche weg wie bei einem ausschneidefrosch aus papier.
er sah mich bedeutungsvoll an. lange. noch länger.
es blieb mir nichts übrig, als meine unsicherheit zu verbergen und betont gleichmäßig zu schaukeln.
ich legte meine handtasche in xxlarge neben mich, nahm die zigaretten heraus und zündete mir eine an.

ich bemühte mich, nicht hinzusehen und die natur zu genießen in diesem garten, der von allem eine bloße idee enthielt: eine lyra aus stein, einen rosenstock, einen überdimensionalen lavendel, blühend, einen weißen rittersporn mitten in der gemähten wiese.
da nahm etwas wuchtiges anlauf auf mich zu und mit allen vieren von oben kam der simplicissimus auf meine tasche gesegelt und landete punktgenau, trotz heftigsten nachbewegungen der überrumpelten schaukel an sich.

“guter hund!” sagte ich lässig und betont, worauf er neben mir seinen dicken goldhintern positionierte, meine blickrichtung für sich übernahm und die schaukelbewegungen mit dem wuchtigen goldkopf ausglich: vor und zurück, auf und ab.
und ich dachte, er muß auf see gewesen sein und fühle sich nun zu hause. er schleckte mir mit einem winzigen kuß seinen geruch auf den ellenbogen und ab da waren wir freunde. bis zum abend schaukelten wir wortlos nebeneinander.

und wer sich noch etwas in bullys hineinversetzen mag – hier die erste begegnung zwischen vater (chaucer) und tochter (nicht aus rogers familie):

http://www.youtube.com/watch?v=nN7YWz2RqH8&feature=related

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8 Antworten auf seeleute

  1. Julia sagt:

    oh, das ist so knuffig (text und video) :)
    du schreibst dich richtig in die spezies dieser hunderasse hinein. und in der tat aehneln sich die annaeherungsversuche des Ichs an diesen hund denen der beiden im video. es muendet immer in einen fluffigen ueberraschungsruck (-satz) .gefaellt mir.

  2. Susanna sagt:

    danke, julia :)
    ich mußte viel lernen von ihm. es ist, als ob die äußere erscheinung und das zurückgewiesenwerden durch andere hunde – mangels langer schnauze, mangels signalwirkung von schwanzwedeln, aufgrund ständig zurückgelegter ohren – diese kinderseelen verpflichteten, gutmütig und traurig, und deshalb als größte komiker durchs leben zu gehen. die sensibilität ist grandios, aber seine würde unverletzbar. das ist kein hund – das ist ein buddha :) ich bin sehr froh, daß er mich begleitet. mag man uns für hässlich halten – wir sind es mit stolz und wissen es besser :)

  3. Julia sagt:

    “das ist kein hund – das ist ein buddha ” hihi
    ja, die sehen voellig anders alle anderen aus. wie bist du denn zu ihm gekommen, hast du ihn ausgewaehlt?

  4. Susanna sagt:

    nein. mein bruder hat ihn sich ausgewählt. er war ganz verrückt mit dem hund. bevor er starb, hat er ihn mir gegeben. so unser kennenlernen, das herz schon schwer. heute tut mein bruder viel aus der anderswelt, aber daß er ihn mir gab, damit tat er am meisten für mich. er muß das gewußt haben. er ist der beste bruder, den man sich vorstellen kann.

  5. Julia sagt:

    seltsam, dein bruder ist auch schon in der anderswelt… meiner seit vorigem jahr…

    mich wuerde interessieren, was dein bruder von dort aus tut – aber das hier auszubreiten, ist vielleicht der falsche weg…

  6. Susanna sagt:

    mein bruder seit april vorigen jahres, seltsame koinzidenz. er gibt zeichen und glückliche fügungen. er scheint sich – auf nachfrage – den wettermacherdienst erbeten zu haben :) es donnert und blitzt im merkwürdigsten. es gibt keine falschen – nur umwege :)

  7. Julia sagt:

    meiner seit 2.6.09, bauchspeicheldruesenkrebs mit 45.

  8. Susanna sagt:

    es tut mir sehr leid, julia. da können wir uns die hand reichen.

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