Wenn Midas König wäre

Die Schneeflocken tänzeln im Viervierteltakt vom schwarzen Nachthimmel und sterben leise knisternd auf meiner purpurnen Jacke. Es ist ein paar Minusgrade zu kalt für feine Seidenkleidchen und trotzdem will der Fuß, der auf die Schwelle tritt lieber wieder von der Schwelle zurück in den Schnee, denn da weiß man wenigstens, was man kriegt. Küsschen links, Küsschen rechts, reserviert, konstruiert, simuliert. Gut erzogen! Erst einmal nur Bier, damit man dem Gegenüber nicht schon nach einer Stunde in den Ausschnitt kotzt, der Reiz bleibt. Reizend zu sein erfordert mehr Anstrengung als gereizt zu sein. Eine imaginäre Hand fasst an ihren Hals. Ich mustere ihr Gesicht, bevor ich mich weiterreiche wie eine Schatulle. Sie ist schön, ebenso schön wie ich, aber ihre herbe, warme Schönheit hat nichts mit meiner mädchenhaften, kühlen gemein. Die Hand verschwindet wieder aus dem Gesichtsfeld. Ich beschließe, den Vorteil, den sie mir verschaffen hätte können nicht als Vorteil anzusehen, Contenance. Es ist laut und es ist ungemein hell und alle guten Vorsätze werden mit drei Schlucken weggespült, es sind immer drei, eins, zwei, ich zähle sie leise mit, drei. In spätestens zwei Stunden wird den mittelmäßigen Mädchen der billige Kajal in den Augenwinkeln kleben, wenn sie eine Freundin mit aufs Klo schleppen, um sich die Haare halten zu lassen. Ich werde heute keines von diesen Mädchen sein.

Meine Begleitung bestellt brav Bier nach. Ich lächle aufgesetzt und ein bisschen zu breit für diese Uhrzeit, aber es funktioniert auch diesmal. Mein Blick bleibt wieder an ihrem Gesicht hängen, die Wangen aus weißem Gold, der kirschrote Mund, die verschlagenen Augen, die stets alles unter Kontrolle haben und mit unverhohlener Neugier auch die bestversteckten Makel finden. „Er hätte wenigstens eine Flasche Schampus zahlen können“, wird sie später sagen und die Lippen dabei kräuseln. Diamond Girl. Show me what you got. I can take it. Heute Nacht wird sie mir den Arsch nicht retten. Ich fühle mich fremd und ein bisschen verloren auf bekanntem Parkett. Midas drängt sich in mein Gesichtsfeld. Links, zwo, drei. Wir sind miserable Tänzer, allesamt. Ich schaue einen Moment lang bedächtig in die Runde. Eine Generation von Frauen, die keine Männer mehr braucht. Eine Generation von Männern, die zu emotionalen Krüppeln erzogen wurde. Ich trinke aus, nehme die Begleitung sanft am Arm und gehe zurück in den Schnee.

Winterwonderland. Es ist mir egal, dass ich auf einem Postkartenbild lebe. Ich hatte nie viel übrig für die langen Winter. Wir suchen einen geeigneten Platz zum Gras rauchen, weg von den Lichtern und den schwarzen Männern. Midas nimmt mich an der Hand und zieht mich weg von den anderen hinter einen Lastwagen. Ich bin für den Bruchteil einer Sekunde versucht, mich an den Reifen zu lehnen. Ich atme laut hörbar aus und gebe den Faden nicht aus der Hand, den er sucht. Ich würde mir lieber selbst in die Kniescheibe schießen. „Du bist nicht gerade kooperativ.“ – „War ich nie.“  - „Freak.“
Um meine Seele ist nicht zu verhandeln, jetzt nicht und später auch nicht. Ich habe plötzlich Angst um die Fassade und streiche mir besorgt übers Gesicht. Ich bin zu ungeschliffen und wir sind hier nicht in Amsterdam. Ich trete hinter dem mannshohen Reifen hervor ins Mondlicht und betrachte ungläubig meine Hände. Alles ist golden und glänzt.

C’mon. I can take it… Nothing else is quite the same.


(Lyrics: The Bird and the Bee)

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2 Antworten auf Wenn Midas König wäre

  1. Julia sagt:

    schoen, dass du wieder da bist, goldmarie ;) splitter klingt gut…
    laesst du sie auch auswachsen oder beschaeftigen sie dich in der regel, wenn du sie postest, nicht weiter?
    mitunter koennten sie ja auch hier und da selbststaendig zusammenwachsen…

  2. m. sagt:

    danke dir.. ich bin mir noch nicht ganz sicher, wie ich die rubrik gestalten möchte, deswegen erst einmal ein weitläufiger titel. ein roter faden wäre natürlich schön, aber ich denke, das ergibt sich von ganz alleine.

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