Begleitender Brief DTDS (14)

Die Tafeln des Symballousa
“Denken Sie ans Leben : Da rechnen Sie mit dem einen und das andere geschieht. Es gibt schon so manche Kausalitäten, das gebe ich zu; aber die sind ja auch nicht für die Ewigkeit. Das Typoskript wird jetzt womöglich noch einiges schwerer zu fassen sein als der Text, vor allem, weil ich auf einer faksimilierten Ausgabe bestehen muß. Es kam in mehreren Stufen dahin (ich gehe darauf noch ein); was können wir schon planen; die Dinge ergreifen sich ihrs. Wir folgen (das heißt, wenn man ein Instrument ist, folgt man der Melodie, die irgendwo herkommt – auf uns gezupft, gepfiffen oder geprügelt wird). Ich muß Ihnen sagen, daß der Text auch alle Anstrengungen enthalten soll. Daß ich mich verschreibe, ist ja nicht geplant, daß es aber gerade an dieser und jener Passage geschah, folgt schon einem Muster (das Instrument ! – Stakkato, dann Abgang; hier : zweideutig). Wenn Sie jetzt sagen, das lesen doch höchstens 30 Leute, und die müssen schon verrückt sein, dann gefällt mir das in einem Masse, wie Sie das nicht beabsichtigten. Mehr geistige Kapazität hat das Land ja nicht. Weil ich aber noch einmal auf den „Mut“ oder „Idealismus“ zu sprechen kommen möchte : Ich diene – das glauben Sie vielleicht nicht, aber das zu werden, was ich bin, war ja nie meine Wahl. Als ein gefälliger Knecht der Industrie hätte ich es (wie Sie vielleicht auch) einfacher. Um so ehrlicher man zu Werke geht, desto mehr wird man Außenseiter bleiben, und jeder fragt sich, wieso man denn nicht genauso blöde und hörig ist wie jeder andere auch. Darauf gibt es keine Antwort außer : Angst, die nicht da ist. Leben wir nicht in einem Klima der Angst ? – Drogen und psychiatrische Krankenhäuser sind zum Schmieröl, zur Wartungsfabrik geworden, was notwendig ist, um den völligen Zusammenbruch der menschlichen Maschine zu verhindern. Wenn Technik die universelle Form materieller Revolution ist, definiert das unsere Kultur.- Man kann von „Entfremdung“ nicht eigentlich sprechen, weil es kein Selbst mehr gibt, das entfremdet werden könnte. Wir sind alle gekauft worden, erkennen uns in unseren Wahren wieder. Wir sind, was wir besitzen. – Und ich besitze eben nichts (mal abgesehen von einer Schreibmaschine und ein paar tausend Büchern… ja, Socken, natürlich).
Gegen all das ist Be-schleunigung das denkbar schlechteste Mittel. Ich zum Beispiel arbeite sehr langsam. Mit dem Computer war ich nicht etwa schneller sondern chaotischer. Dauernd mußte ich die Texte, die längst abgespeichert waren, verändern. Ich habe nahezu 800 verschiedene Fetzen, Zettel, Fragmente, Anfänge undsoweiter.
Sie haben nach den Regeln für die Orthographie gefragt. Ich schicke sie in diesem Brief mit, im Wesentlichen bin ich noch am Probieren.”

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