Trimalchio

Vorbemerkung: Nach der Rohform des “Ruinen-Kapitels”, das nicht zwingend das erste Kapitel der SANDSTEINBURG sein muss (es ist gedacht als das Erinnerungsfragment eines später auftauchenden Protagonisten), gilt es nun einen Sprung zu machen. Es ist der PILGRIM, der jetzt auftritt.

Ich sehe mich nackt auf dem Laminatboden knien, den Dreck beseitigen, den Dreck, der sich seit Monaten in die künstliche Beschichtung gebrannt hat, nackt, weil ich mich meiner Kleider entledigte, um sie nicht zu beschmutzen, damit sie nicht naß werden
(wir sind die Seele unserer Kleider)
wo sie sich um nichts scheren als um ihre Arbeit, wo sie sich auf das Bier am Wochenende stürzen, ihre eigene Größe erwartend als stünde sie an der rieselnden Hauswand geschrieben, die als Zukunft gilt, die Hauswand, die nicht den Ruinen gleicht
-Laßt uns der Lebenden gedenken
nicht den Gemälden aus Stein, meine Bücher auf der ausladenden Fensterbank, auf dem Tisch recken sich ebenfalls einige Stapel
(wir werden ohne Bücher geboren)
aber ansonsten ist das Zimmer leer
(leer außer vier Stühlen und einer ausgeliehenen Matratze)
unsere wunderbaren Ställe, Kunstfaser statt Heu, der Freßtrog das Spülbecken
(wir fressen nicht wo wir scheißen, also haben wir ein besonderes Zimmer dafür, der After öffnet sich hingegen wie bei jedem Stück Vieh)
aber ansonsten ist das Zimmer leer, ich habe keinen Schrubber
(das erklärt, warum ich auf dem Boden kniee und die Flecken der letzten Erinnerung beseitige)
Weinflecken am meisten, von auf dem Boden abgestellten Gläsern und Flaschen, ein paar vage Abdrücke von Plateauschuhen, Spermaflecken
(wie in einem Lupinar zu Trimalchio)
das Zimmer riecht jetzt wieder frisch nach mediterranen Noten, und wenn ich dazu komme, putze ich sogar noch die Fenster, an denen noch die Penatencreme zu sehen ist, mit der wir damals die Alufolie dort befestigten, wir hatten keinen Tesastreifen
(oder überhaupt keinen Kleber)
vier Fenster erstrecken sich über die Länge der gesamten Wand und wenn man sich keine Vorhänge leisten kann, greift man zu
(Flecken)
Bia hatte
(ich fand sie unten am Fluß, gefesselt und die Wäsche mit Steinen schrubbend, Unterwäsche, Bettwäsche, Nachtwäsche)
ihren Teil mitgenommen, die Alufolie deshalb entfernt, damit sie sehen konnte, was ihr gehörte
Schaum gischtet auf, dahinter räkeln sich verkniffene Münder, unter den verschlossenen Augen steht hintendran ein Hirte, der ins Gebüsch onaniert und an der dreckigen Wäsche riecht, meine Gedanken sind herausgerissen aus dem Leib der Literatur und Beschleuniger vieler Worte
als der Hirte zu Ende gekommen ist, tritt er auf mich zu und ich erkenne einen Haken an seiner rechten Hand, seine Schafe blöken und rubbeln die Wäsche
-Sie suchen ein Zimmer, fragt er, ich weiß nichts von einem Zimmer, bin nur gekommen, um die Waschfrauen zu betrachten, nichts ist ihnen fremd, sie dringen linksrechts schabend übern Zaun und wissen sich nicht zu behaupten
(leise)
ein Lärm von Hosenböden, die den Abgrund scheuern
(wär das Nichts noch nicht so weit, Garnichts zu sein, man käme dahin, zu denken, sie putzten die Ewigkeit)
auch Heine küßte das rote Sefchen, die Scharfrichterstochter – nicht bloß aus zärtlicher Neigung, sondern aus Hohn gegen die alte Gesellschaft und alle ihre
(Ruinen, Sandsteinburgen)
dunklen Vorurteile, das Sefchen
-Dichter werden ist das Schlimmste, das dir passieren kann
(das Herz hat seine eigene Vernunft, von der der Verstand nichts weiß, oder)
Le cœr a sa raison, que la raison ne connaît-pas, oh Paris, du sinnliche Hoheit

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