Abb. (Siamesische) Zwillinge, Foto und Zeichnung, 1999 (kann hier nicht dargestellt werden)
6. Was ist der Grund dafür, dass die Frauengesichter in einigen Bildern angeschnitten bzw. ganz weggelassen wurden oder dass sie männlich erscheinen? Geschah das des größeren Deutungsspielraums wegen, vor dem Hintergrund der Angst vor Repressalien (im Bereich der Menschenrechte), um die Symbolik des Beschnittenwerdens, der Ausgrenzung zu zeigen? Ist dies eine Erweiterung (unserer Deutung) der Komponente eines ersten, schüchternen, lesbischen Treffens?
Ich glaube schon, dass ich mich dieser Problematik öffne, aber ich möchte hinzufügen, dass ich noch nie in der “Schublade Lesbe” gewesen bin; aber in einer Zeit, in der ich in der Bostoner feministischen Bewegung gearbeitet habe, war es politisch nicht korrekt, “straight” heterosexuell zu sein.
“Dann bekäme der Turm eine völlig neue Bedeutungsebene- der Mann als derjenige, der entweder still außen vor bleibt oder der still aus der Ferne bedroht oder als derjenige, der “schuld” am Glück oder Unglück dieser Ersterfahrung war, wie immer sie auch ausgegangen ist…”- Ich denke, das liegt im Auge des Betrachters, es gilt seine persönliche Meinung. Für mich persönlich hat der Turm eine ähnliche Bedeutung, wie der Fluchtpunkt im Buch “Vom Endlichen zum Unendlichen”, er ist das Unbekannte.
Vom Endlichen zum Unendlichen, transferencia en caja de hierro, 1998
7. “Die rechte Hand der anderen Frau scheint sich hingegen schüchterner auszunehmen, sie ist kleiner, ev. einer jüngeren oder nur der perspektivisch etwas entfernteren, Person zuzurechnen. Mit geschlossenen Fingern kratzt sie sich wohl am Bein- auch eine Geste der Verlegenheit (wenn man nicht weiß, was man sagen soll)?
Bei genauerer Betrachtung: Ähnelt sich die Physiognomie beider Hände oder nicht… haben wir es vielleicht sogar mit ein und der selben Person zu tun… in unterschiedlichen Bewegungsmomenten, während einer Situation oder in verschiedenen Lebensphasen dargestellt? Eine neue Komponente im Spiel? Oder auch hier Blutsverwandte, gar Schwestern, wie die beiden in unserem französischen Vergleichsbild? Die Frage, die sich nun aufdrängt, besitzt Carla eine Schwester? Wieder so eine spannende Reise! Schönheit kann auch in der Reduktion empfunden werden. Diese Reduzierung, die Carla Rippey so konsequent im gesamten Bild durchhält, wird manch einem nicht gefallen, denn sie kann als kryptische Sprache nicht so ohne weiteres verstanden werden, was u.U. wiederum Unbehagen auslöst. Das trifft ebenso auf unser Vergleichsbild zu.”
In der Tat habe ich zwei Schwestern und wuchs in einer Familie von vier Frauen und zwei Männern (Vater und Bruder) auf. Es war eine mehr weibliche als männliche Familie. Mein Vater war ein sehr intensiver (dominanter?), konnte charmant sein, war aber sehr schnell verärgert. Ich sah öfters, wie man sich mit Frauen vergnügte, mit Freundinnen, die nicht zu unserem Haus gehörten. Möglicherweise gibt es etwas davon in meiner Arbeit, eine Intension, den Vater zu verführen, sozusagen seinen vergnügten Blick für mich einzufangen.
8. “Was bestimmte Carla Rippey? … bei der Gestaltung des ausgewählten Bildes ? “Bestimmte” Carla Rippey möglicherweise- sei es nun bewusst oder unbewusst- eines der nachfolgenden Bilder de Chiricos. Ich komme darauf, weil es inhaltliche und formale Parallelen gibt: der zentralperspektivische Bildaufbau und der das Bildzentrum bestimmende Turm, welcher vielleicht mit seiner stabilen, standhaften, antikisierenden Bauweise, nüchterner betrachtet, etwas von der Unbewegtheit der Zeit signalisiert, etwas von Zeitlosigkeit repräsentiert (zeitlose Schönheit?, die keiner Mode unterworfen ist) oder eher ein Turm der Einsamkeit/ ein Elfenbeinturm- Rückzugsgebiet oder sicherer Fluchtpunkt hoch über den gewöhnlichen Menschen? Nur wer befände sich darin- der Künstler, der (moderne) Mensch an sich? Gar nichts wissen wir… [...]
Interessant wäre es, herauszufinden, um welche Bauwerke es sich bei de Chirico und bei Rippey handelt, wenn sie denn konkrete Architekturen und keine Erfindungen des Geistes darstellen. Formal ähneln sie antiken Rundtempeln- Zeugen einer andern Zeit? Ist auch hier ein Teil des Rätsels Lösung versteckt?
Wie ich oben erwähnte, hat der Turm seinen Ursprung in einem Bild der Bechers und ja, er erinert an de Chirico.
9. “Beklagt die Rippey den Verlust solch bewahrenswerter Materie, oder doch eher die aus dem Wege geräumte Natur (Perkampus/ Hamann in Ninegal, S. 5), die einhergeht mit einem Zweifel an der Technik, einem Zweifel am Fortschritt? Der Ballungsstress des Städtebaus, die zunehmende Anonymisierung, Individualisierung, Entfremdung und Vereinzelung des Menschen in der Großstadt, der Raubbau an den natürlichen Ressourcen zugunsten der Stadt-und Schienennetzerweiterung, der Industrialisierung. Die Abwesenheit von Ruhe und Beständigkeit da und hier die Beschwörung von Ruhe und Dauerhaftigkeit(einer Beziehung)? Der Verlust immaterieller, innerer Werte. Letzteres trifft jedenfalls auf de Chirico zu- alles ist so billig, alles so teuer geworden… Menschliche Wärme ist unbezahlbar… Zeigt sich ähnliches bei Rippey, die ihre Figuren im Bild sich nicht physisch berühren lässt?”
Ich glaube, dass die Charaktere etwas unzugänglich sind, als wenn sie im Schlaf gesehen wurden, etwas verängstigt, frustriert, in ihren Wünschen beschnitten.




