Nicht/ Für die Ewigkeit (7/1)

I.

Fetzenfisch (Phycodurus eques), Länge bis 35 cm

Der wunderschöne Fetzenfisch, Phycodurus eques (Günther, 1865), alias grüner Seedrachen oder Glauerts Seadragon, erhielt seinen Namen aufgrund der blattartigen Anhängseln auf dem Körper. Er gehört zur Unterfamilie der Nadelpferdchen und Fetzenfische (Solegnathinae), die auch verschiedene Seenadelarten aus dem Indopazifik beinhaltet. Man findet ihn vor den Küsten Australiens. Alle Fetzenfische unterscheiden sich aufgrund ihrer blattartigen, der Tarnung dienenden, Hautauswüchse von den übrigen Mitgliedern der Gruppe, denen im übrigen generell eine Schwanzflosse fehlt. Stattdessen gebrauchen diese Tiere (Nadelpferdchen, Seepferdchen) ihren Schwanz als Greiforgan.

Diese Art ist nur an den südlichen und westlichen Küste Australiens zu finden. Ihr Lebensraum liegt in Tiefen von etwa 30 bis 50 m zwischen Seetang-bedeckten Felsen unterhalb der Ebbezone. Fetzenfische haben eine lange Pfeifen-Schnauze mit einer kleinen Mundöffnung, ernähren sich von Plankton und kleinen Krebstieren.

Im Gegensatz zu Seepferdchen besitzen Seedrachen keinen Beutel für die Aufzucht der Jungen. Das Männchen trägt stattdessen die Eier (etwa 250 – 300 Stück) an der Unterseite seines Schwanzes, von wo aus sie schließlich schlüpfen. Dieser Brutfleck, bestehend aus kleinen Mulden blutreichen Gewebes speziell für jedes Ei, wird extra für den Einsatz während der Brutzeit von August bis März entwickelt. Die leuchtend rosa Eier werden in diese “Tassen” eingebettet, erhalten dort Sauerstoff über die Blutgefäße. In freier Wildbahn werden die jungen Drachen auf See gern von anderen Fischen, Krebstieren und Seeanemonen gefressen. Jungtiere sind zarter, und unterscheiden sich in der Färbung von den Erwachsenen.

II.
Das Kunstwerk, welches heute in den Mittelpunkt gelangt, wird erst zu einem späteren Zeitpunkt hier bild- und namentlich vorgestellt. Es handelt sich um eine Art “Speicherkarte oder Chip”, aufgeladen mit all dem, was diesen Materialien in früherer Zeit passiert ist, bevor sie schließlich in die Sprache der Kunst fixiert wurden.
Die Poetik des ebenfalls später vorzustellenden Künstlers untergräbt grundsätzlich den Begriff von Kunst in seiner Beziehung zum Leben (s.a. Beuys u.). Die Kunst als Nachahmung von Leben ist endgültig vorbei. Unser großer Unbekannter verwendete ungewöhnlich “arme” Materialien, was natürlich bei vielen Betrachtern zunächst eine verständlich kontroverse Reaktion auslöst.

Um 1949/1952 begann er z.B. mit alten, vielfach zerrissenen und schmutzigen Beuteln bzw. Säcken zu arbeiten- dahinter scheinbar eine klare Absicht: nicht zu vergessen, was ursprünglich damit gemacht wurde, somit das Gefühl für den menschlichen Umgang mit ihnen zu bewahren, für die damit möglicherweise enthaltenen Träume und all das Leid. Die Dinge können dem dafür Empfänglichen die in ihnen gespeicherten Botschaften weitergeben. Reparierte Sackteile, einst scheinbar zufällig oder konkret, historisch bedingt, zerschlissen bzw. erst während der Entstehung der Stoffcollage verwirklicht, sprechen mit unauslöschlichen Spuren einer mehr oder weiter entfernten Vergangenheit. Wessen Vergangenheit?

Es scheint geboten, das Werk zunächst im historischen und biografischen Kontext zu sehen. Kreative Impulse entstanden bei unserem (bereits 1995 verstorbenen), hier noch versteckten, Künstler, aus dem erlebten Schrecken des II. Weltkrieges und der Diktatur heraus, die er zeitlebens versuchte zu verarbeiten – aus dem Wunsch heraus, den Alptraum der Vergangenheit abzuschütteln. Indem er ihre Spuren in alten Stofffetzen konservierte? Ein Widerspruch an sich?

Der Fetzenfisch tarnt sich geschickt und bleibt damit häufig erstaunlich unerkannt, ja unbeschadet. Unser Künstler praktiziert vielleicht genau das Gegenteil: er deckt auf, enthüllt, was ihn verletzte, macht sich im Material erkenntlich, sichtbar bis ins Innerste und damit auch wieder ein stückweit verwundbar. Kann man Vergangenheit tatsächlich abschütteln, wenn man sich ihr stellt…? Oder tarnt man sich mit dem vermeintlich so einfach “Lesbarem”?


Verwandte Beiträge

Dieser Beitrag wurde unter bildersturm, gastbeiträge abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Antworten auf Nicht/ Für die Ewigkeit (7/1)

  1. Australien – terra incognita. So viele Gründe gibt es für mich, einmal dorthin zu gelangen. Einen – einen drängenden – haben Sie heute hinzugefügt: den Fetzenfisch. Ungeheuer schön. Ein schönes Ungeheuer. Camouflage. Verteidungsstrategien sind auch Kampfmittel, mithin Waffen.

  2. Julia sagt:

    Schönes Ungeheuer, ja, in der Tat. ;)
    In der freien Wildbahn kann man ihn nur schwerlich fotografieren, weil er sehr scheu ist. Diese Aufnahme wurde vor Ort in einem Zoo gemacht.
    Vielleicht sollten den von Menschenhand gemachten Waffen auch Zweige erwachsen, so, wie Berninis Daphne und Apollo…

    http://www.linesandcolors.com/images/2007-06/bernini_450.jpg
    http://25.media.tumblr.com/tumblr_l1gz3xdQxU1qa399ro1_500.jpg

  3. Pingback: Nicht/ Für die Ewigkeit (7/2) | Die Veranda

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>