Rückspiegel
Nachtschrank






16. Wirst du zu Essig, werd’ ich zu Wein

„Seitdem es keine Zigarettenwerbung mehr im Fernsehen gibt, weiß ich nicht mehr, was ich rauchen soll!“ Bartholomäus auf der Straße, sucht den Boden um die Telefonzelle nach Kippen ab. Viele sind es nicht, die meisten wird er in der Kneipe finden, von denen es hier gleich drei gibt. Aber läßt man ihn rein? Gesteht man dem Verirrten zu, die Nachtwächter zu trinken und vielleicht auf dem Klo rumzustehen? Er hat’s versucht, und tatsächlich schenkt ihm der Gasthof-Michel zwei Krüge randvoll, Schaum wäre dann Einsachtzig. „Verstehe Sie
nicht, gibt doch überall Plakate.“
„Aber niemand spricht mehr mit mir!“ Mantel insektensteif, auch die Telefonzelle wird bald verschwunden sein, doch vorher der Bahnhof, in dem jetzt noch an kalten Tagen der Ofen brummt, niemand da, der ihn schürt, aber heiß ist er immer. Der fremde Raucher wird nachher in die Ecke des Warteraums pinkeln, und am nächsten Tag werden Hunde dort verboten sein.
„Wie heißt denn dieses Nest?“
„Steht doch auf dem Schild!“
„Ich kann nicht lesen, Kriegsverletzung.“
Die Anonymen ziehen weiter, hier ist ein Ort, an dem niemand aussteigt. Fremd sein ist einfach, man tauscht seinen Namen, seine Kleidung, man erdenkt sich eine völlig neue Biographie. Schaffner, wo wir schon dabei sind: „Ich war mal Schaffner!“ Bartholomäus trottet den einzigen Bahnsteig auf und ab, die Anonymen interessiert das nicht, sie wollen um 15.37 einsteigen und um 15.50 ankommen.
„Ich kann Ihnen Karten besorgen!“ Bleibt stehen und schmiert sich den Rotz an den Ärmel.
„Ehrlich, aber ich weiß nicht mehr, was ich rauchen soll. Heute ham’se den Buback abgeknallt!“ Die Anonymen starren ihn an, als wisse er insgeheim mehr als sie selbst. Man kann die Zeit damit verbringen, die Schottersteine zu zählen, fängt bei einer Million an und zählt zur zweiten. In der Zwischenzeit wird etwas geschehen. Der Zug kommt. Bartholomäus steigt nicht ein. „Einemillionundzwölf!“ Das unentscheidbare Grau der Reizquantität. Wirst du zu Essig, werd’ ich zu Wein!

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