24. Esrabella
Es war einmal ein Dorf, das man nicht kennt und an das man nicht denkt. Es lag in einer schlechten Wetterzone, Nebel stand hier selbst in den Sommermonaten, die kaum einmal wirklich heiß wurden, jeden Morgen sehr tief. Im Umland lagen rudimentäre Erinnerungen an eine bessere Zeit teilweise im Acker vergraben. Ruinen bröckelten vor sich hin, faulende Gatter schlugen wie Geisterkiefer in einem zahnlosen Bett. Der Wind röchelte durch die ausgemergelten Fensterscharten. Kein Glas saß mehr in seinem Rahmen. Begonnen hat Frau Gräf, den Kindlein zu erzählen, daß ein großer, garstger Vogel käm’, wenn sie nicht schlafen wollten. Zuvor da sang sie Lieder, erzählte von Feenreichen, Paradiesen, die im Wasser funkeln – und Schätzen tief in Höhlen, von Königreichen, die man nur im Traum betreten kann, wo man König ist und Königin, die Bienen den Honig an die Haustür bringen und die Tiere sprechen. Auch ihr Vogel sprach, den sie den Nachtkrapp nannte – heute weiß keiner mehr, wer ihn erfand. Die Angst zu schüren, gefiel ihr sehr gut, sie spürte da ein regelrechtes Ziehen in den verbotenen Regionen, wann genau sie schwarz geworden war, das hatte sie vergessen. Als Witwe fürchtete man sie, das lag an der Tracht des Todes, wie sie wußte. Sie roch nach Humus und Stall. „Sie muß verrückt geworden sein vor Trauer”, sagte man im Dorfvon ihr. Die Wahrheit aber ging anders. Esrabella Gräf hatte ihr Leben nie gelebt: sehr früh schon Magd am Hof des Vaters, wurde sie jung in die Ehe gegeben, vor der sie sich zurecht gefürchtet hatte. Ihr zukünftiger Gemahl hatte einige recht merkwürdige Angewohnheiten und keiner konnte sagen, ob er sich die nach der Hochzeit abgewöhnen würde. Esrabella hätte gesagt, sie habe in die Abgründe eines Mannes geblickt, der als Säugling mit Schnaps ruhig gestellt, später der Gespiele seiner eigenen Mutter wurde, nachdem der Vater sich bei einem Jagdunfall den Hoden abgeschossen hatte. Er überlebte, aber vielleicht wäre es für die Familie besser gewesen, er wäre gestorben (Gott verbiete mir mein Mundwerk!).
