Im Rückspiegel: claudius (denken im sitzen oder zelten im gehirn) (30. 07. 2009)
Rückspiegel
- claudius (denken im sitzen oder zelten im gehirn) (30. 07. 2009)
Den Kosmos durchforsten
Der Romantiker verlangt nach allem, was die Sinne verwirrt. Er steht ausserhalb jeglicher Moralität, menschgemachte Gesetze erkennt er nicht nur nicht an, sondern bricht sie, wo es ihm möglich ist. Die Sexualität ist ihm auch Perversion, ist ihm auch (und gerade) Tod. Georges Bataille gehört literaturgeschichtlich gesehen nicht zur Romantik, in seiner Konsequent führt er jedoch die Leidenschaften eines Lautréamont, Barbey d’ Aurevilly oder Huysman fort. Anthropologisch gesehen gehören Wollust und religiöse Ekstase ebenso zusammen wie Eros und Thanatos im Grunde. Von dem französischen Soziologen Marcel Mauss stammt der Ausspruch: “Das Gebot wurde erdacht, um es zu überschreiten.” Tabu und Tabuverletzung gehören für Bataille zur Voraussetzung erotischer Ekstase, der Entgrenzung des Ich. Um aber dorthin zu kommen, muss der Mensch etwas aufs Spiel setzen, möglicherseise sein eigenes Leben. Auf die Frage der Surrealisten „Warum schreiben Sie?“ antwortete Bataille: „Ich schreibe, damit die Leute kotzen.“
Im Kurzausflug leider heute natürlicherweise nicht alles geschafft, was ich wollte… aber zum Glück auch ihn noch einmal mit Muse betrachten können – einen fave im Bildersturm auf der Veranda, Eugène Delacroix. Das Skizzenhafte, Flüchtige, die Vorwegnahme des neu zu definierenden malerisch- expressiven Stils ist mir bei den kleinformatigen Bildern heute noch einmal augenfällig geworden. Er gilt aber auch als ein bedeutender Vertreter der französischen Romantik, dessen Farbgestaltung sich bahnbrechend auf spätere Generationen, vor allem für die Impressionisten, erwies.
Leider konnte ich die Großversion des Sadarnapals nicht mehr betrachten…
Merkwürdig, was die ungewohnte Darstellung mit Rahmen ausmacht. Da sie in der Regel überaus prunkvoll gestaltet sind (vergoldete Reliefarbeiten), und da die Bilder an vollbestückten Wänden dicht an dicht hängen, verlieren sie scheinbar im einzelnen an Wert. Das finde ich überaus schade, störend.
Hinzu kommen die unerträglichen Menschenmassen…
Sein Widersacher, Jean-Auguste-Dominique Ingres, ist mir hingegen mit seinen kleinformatigen Studien und Bildern (z.B. Das türkische Bad) unerwartet etwas sympathischer geworden.
Max Brod, dem wir Franz Kafka zu verdanken haben, wurde nun seines posthumen Geheimnisses entrissen. Am vergangenen Montag wurden die Schließfächer der UBS-Bank, die den beiden in Israel lebenden Schwestern Brods gehören, per Gerichtsbeschluss geöffnet. Nun war die Angelegenheit allerdings nicht in den Händen der beiden Schwestern sondern des Familiengerichts zu Tel Aviv, einer Institution, die den Damen den Erbschein verweigert.
Die Meldungen über den Inhalt der Schließfächer sind indes widersprüchlich. Die Tageszeitung Haaretz berichtet von einer sensationellen unveröffentlichten Geschichte in der Handschrift Kafkas; Kulturzeit (3 Sat) berichtet sogar salopp von bis zu sechs Kurzgeschichten. Diese “unveröffentlichte” Erzählung stellte sich dann jedoch als “Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande” heraus. Professor Hans-Gerd Koch, Leiter der Kafka-Forschungsstelle an der Universität Wuppertal und Redakteur der Werkausgabe sprach dann ironisch davon, dass man wohl die “Kritische Ausgabe und den Briefwechsel mit Max Brod” nicht kenne und in diesem Falle natürlich alles eine “Neuentdeckung” sei.
Hinter den Kulissen zur Öffnung der Schließfächer installiert sich mittlerweile ein Zirkus, der für sich schon Stoff für eine Komödie gäbe. Wem gehört nun Kafka und der Max Brod-Nachlass? Israel und Marbach sind im Endspiel.