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	<title>Die Veranda &#187; borges</title>
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		<title>Jorge Luis Borges</title>
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		<pubDate>Mon, 22 Mar 2010 05:39:30 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Perkampus</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Die Bedeutung von Borges f&#252;r die Literatur ist nicht zuletzt eine stilistische, denn alle Autoren, ob sie ihn anerkannten oder nicht, haben von Borges die praktische Anwendung jener stilistischen &#214;konomie gelernt, die zu jener beeindruckenden Dichte f&#252;hrt, die dem Leser &#8230; <a href="http://veranda.michaelperkampus.net/20100322/jorge-luis-borges/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://veranda.michaelperkampus.net/wp-content/uploads/2010/03/borges7.jpg"><img class="alignnone size-full wp-image-2187" style="float: left; margin-right: 10px;" title="borges7" src="http://veranda.michaelperkampus.net/wp-content/uploads/2010/03/borges7.jpg" alt="" width="250" height="303" /></a>Die Bedeutung von Borges f&#252;r die Literatur ist nicht zuletzt eine stilistische, denn alle Autoren, ob sie ihn anerkannten oder nicht, haben von Borges die praktische Anwendung jener stilistischen &#214;konomie gelernt, die zu jener beeindruckenden Dichte f&#252;hrt, die dem Leser das Gef&#252;hl gibt, die endg&#252;ltige, nicht mehr ab&#228;nder- oder erg&#228;nzbare Formulierung eines Gedankens vor sich zu haben.</p>
<p>( Zum Essay &#8220;<a title="Borges" href="http://veranda.michaelperkampus.net/20100322/borges-und-die-philosophische-phantastik/" target="_blank">Borges und die philosophische Phantastik</a>&#8220;)</p><p class="postmetadata">Im Rückspiegel:&nbsp;<a title="bora, mistral, kalmen (28. 03. 2009)" rel="bookmark" href="http://veranda.michaelperkampus.net/20090328/bora-mistral-kalmen/">bora, mistral, kalmen</a> (28. 03. 2009)<!-- wprvm cached --></p>]]></content:encoded>
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		<title>Borges und die philosophische Phantastik</title>
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		<pubDate>Mon, 22 Mar 2010 05:38:16 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Perkampus</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Behandelte B&#252;cher: Jorge Luis Borges, Fiktionen Jorge Luis Borges, Das Aleph Jorge Luis Borges, Niedertracht und Ewigkeit Adolfo Bioy Casares, Morels Erfindung Einleitung Wenn wir heute von der Literatur des 20. Jahrhunderts sprechen, dann ist es nicht m&#246;glich, nicht sofort &#8230; <a href="http://veranda.michaelperkampus.net/20100322/borges-und-die-philosophische-phantastik/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Behandelte B&#252;cher:</strong></p>
<p><em>Jorge Luis Borges, Fiktionen<br />
Jorge Luis Borges, Das Aleph<br />
Jorge Luis Borges, Niedertracht und Ewigkeit<br />
Adolfo Bioy Casares, Morels Erfindung<br />
</em></p>
<p><a href="http://veranda.michaelperkampus.net/wp-content/uploads/2010/03/img_borges.jpg"><img class="alignnone size-full wp-image-2191" style="float: left; margin-right: 10px;" title="img_borges" src="http://veranda.michaelperkampus.net/wp-content/uploads/2010/03/img_borges.jpg" alt="" width="308" height="400" /></a></p>
<p><strong>Einleitung</strong></p>
<p>Wenn wir heute von der Literatur des 20. Jahrhunderts sprechen, dann ist es nicht m&#246;glich, nicht sofort an Jorge Luis Borges zu denken, den Mann, dem seit vielen Jahrzehnten alle Schriftsteller der nachfolgenden Generationen bis heute die gr&#246;ssten Bahnbrechungen der Literatur verdanken.<br />
Sein Erz&#228;hlband „Fiktionen“ l&#246;ste in den 40iger Jahren eine Revolution aus und gilt bis heute als das wichtigste einzelne Buch hispanischer Prosa des 20. Jahrhunderts – f&#252;r viele das wichtigste seit Don Quijote. Mit seinen Erz&#228;hltechniken brachte Borges die hispanische Novelistik zur Weltgeltung: k&#252;hl kalkulierte Kunst statt biederen Dahinschreibens, Pr&#228;zision und lakonische Tiefensch&#228;rfe statt breiter Auswalzung, eine Vielzahl von Erz&#228;hlperspektiven statt des ewigen „allwissenden Autors“. Witz und disziplinierte Phantasie, dazu perfektes Handwerk lassen diese vielschichtigen Erz&#228;hlungen nie akademisch erstarren; sie sind nach allen Seiten offen und immer ein Lesevergn&#252;gen. Borges Fiktionen sind der Ursprung des gesamten modernen „Magischen Realismus“. Ohne diesen Band w&#228;re vieles nicht denkbar, was heute mit grossen Namen verbunden ist, Umberto Eco macht nicht mal einen Hehl daraus, wer seinen Werken „Pate“ stand.<br />
So kann man von zwei grossen Polen der modernen Literatur an sich sprechen: der eine, das ist zweifelsohne Edgar Allan Poe, der, neben Walt Whitman, alle modernen Genres im Alleingang erfand und in der Neuzeit: Jorge Luis Borges. Ihn nicht gelesen zu haben, w&#228;re gleichbedeutend mit Proust nicht gelesen zu haben, Joyce, Beckett, Robbe-Grillet, Asturias, Simon und Kafka nicht gelesen zu haben, kurzum: die moderne Literatur gar nicht zu kennen und vor allem: nicht zu verstehen, was man seit den letzten hundert Jahren unter H&#246;henkamm-Literatur zu verstehen hat.</p>
<p>Mittels einiger Verfahren zur Aufl&#246;sung eines Dualismus, der Grenzen zwischen Wirklichkeit und Fiktion, zwischen dem Autor und dem Leser, nimmt Borges die Theorie des nouveau roman und der Tel Quel-Gruppe vorweg, nach welcher sich die Texte selbst generieren. Der Autor verwandelt sich in jenen Part, der die Aktivit&#228;t des Rezipienten als Co-Autor anregt und versuchen mu&#223;, den Prozess des Schreibens mit dem des Lesens in Einklang zu bringen. Borges behauptet in verschiedenen Interviews, da&#223; der Schriftsteller vor allem Leser sei. Die Aspekte seines Denkens haben vor allem die zweite H&#228;lfte des letzten Jahrhunderts bis heute gepr&#228;gt und liessen Borges zum Urvater des postmodernen und postkolonialen Zeitalters werden. Es steht unumstritten fest, da&#223; er ein neues Paradigma in der Literatur des 20. Jahrhunderts er&#246;ffnet hat, das gar nicht oft genug zu wiederholen ist: Die Auffassung, Literatur sei nicht mehr Mimesis der Realit&#228;t sondern Pseudo-Mimesis der Literatur/Fiktion. Man habe es mit einer Literatur der Wahrnehmung zu tun, die nach dem Prinzip des Rhizoms organisiert ist (ein Prinzip, bei dem sich ein Element mit einem anderen von sehr verschiedener Struktur verbindet). Damit entledigt sich Borges jeder Art von Mimesis (Die freilich bereits in der Romantik aufgegeben wurde).</p>
<p>Heben wir die Wirklichkeit auf, indem wir den Unterschied zwischen ihr und der Fiktion nicht mehr gelten lassen, k&#246;nnen die Erz&#228;hlungen von Borges schwerlich als Nachahmung der Wirklichkeit und auch nicht mehr als phantastisch bezeichnet werden, da die Phantastik gerade aus der Opposition der Fiktion zur Realit&#228;t erw&#228;chst. Hiermit zwingt Borges den Leser, seine Rezeptionshaltung entscheidend zu &#228;ndern: Dieser darf keine traditionelle und koh&#228;rente Geschichte erwarten, ebensowenig wie die Widerspiegelung der Realit&#228;t oder eine Botschaft, der Text soll als eine eigenst&#228;ndige und dem Moment der Lekt&#252;re innewohnenden Realit&#228;t verstanden werden.<br />
Dabei entsteht hier das Labyrinthische, das die moderne Literatur so sehr kennzeichnet und das ich pers&#246;nlich immer wieder herausheben m&#246;chte: bekannte und unbekannte oder erdachte Texte verweben sich ohne das Pr&#228;dikat „universell“ oder „trivial“ zu einem Kn&#228;uel. Der Reziepient kann auf dieses Abenteuer eingehen und den Personen, Werken, Zitaten und Anspielungen nachgehen oder er kann einfach die Geschichte lesen. F&#252;r Borges gibt es keine Unterschiede der Gattungen, keine objektive Bewertung der Literatur, sondern nur pers&#246;nlichen Geschmack.</p>
<p><strong>Das Abenteuer</strong></p>
<p>Kafka ist stets als einer der Paten f&#252;r die wohl bekannteste eigenst&#228;ndige Literaturstr&#246;mung des 20. Jahrhunderts im La Plata-Raum genannt worden: f&#252;r die „phantastische Literatur“ der Gruppe um Jorge Luis Borges, der, fleissiger Leser von Berkeley, Hume und Schopenhauer, versucht, sowohl in der Form des Gedichts, als auch in Erz&#228;hlung und Essay die Konsequenzen des dieser Philosophie zugrundeliegenden radikalen Zweifel als Gedankenexperiment durchzuspielen.<br />
Damit trat Borges dem aufkeimenden Naturalismus und der Tendenz zum Psychologischen in Theorie und Praxis entgegen. In der Praxis tut er das mit dem Band „Niedertracht und Ewigkeit“, einem Band meisterhafter Nacherz&#228;hlungen von Abenteuergeschichten aus allen Erdteilen, in dem auch zum ersten Mal Borges&#8217; die Intertextualit&#228;tsdebatteder 70iger Jahre vorwegnehmendes Textverst&#228;ndnis zum Ausdruck kommt. In der Theorie geschieht das durch die Neudefinition des phantastischen Genres, und vor allem durch das Vorwort zu dem 1940 erschienenen Roman der neuen phantastischen Str&#246;mung „Morels Erfindung“ seines Freundes Adolfo Bioy Casares. Im selben Jahr erschien, mit einem ebenfalls programmatischen Vorwort, diesmal von Bioy Casares, der Band, der die neue Str&#246;mung sozusagen er&#246;ffnen sollte: eine Anthologie phantastischer Erz&#228;hlungen aller Zeiten und L&#228;nder, herausgegeben von Borges, Bioy Casares und dessen Frau Silvina Ocampo.</p>
<p>Mit dem ersten Band „Der Garten der Wege, die sich verzweigen“, die sp&#228;ter mit dem n&#228;chstfolgenden zu „Fiktionen“ zusammengefasst wurde, folgt das Spiel mit virtuellen Welten und virtuellen B&#252;chern. Tats&#228;chlich n&#252;tzt Borges in seinen phantastischen Erz&#228;hlungen die leserorientierte Strategie aus Anspielungen, scheinbaren und tats&#228;chlichen Aufl&#246;sungen, die f&#252;r das Genre des Kriminalromans typisch ist, den er, wiederum mit Bioy Casares unter dem Pseudonym H. Buston Domecq parodiert.<br />
Im allgemeinen beruht seine Strategie auf einem intensiven Einsatz beglaubigter Faktoren, die das Erz&#228;hlte dem Leser als realistische Erz&#228;hlung und sogar als Zeugenaussage pr&#228;sentieren.<br />
Das wird klar an seiner signifikanten und ber&#252;hmten Erz&#228;hlung Tl&#246;n, Uqbar, Orbis Tetris.</p>
<p>Die beiden handelnden Personen Borges (Ich) und Bioy Casares, die sich auf ein real existierendes, Bioy geh&#246;rendes Landgut zur&#252;ckgezogen haben, begegnen dort in einem Raubdruck einer tats&#228;chlich exisierenden Enyklop&#228;die einem Artikel &#252;ber das Land Uqbar, von dem Borges nichts wusste. Zur&#252;ck in Buenos Aires, sieht er in einem anderen Exemplar derselben Enzyklop&#228;die nach – die vier Seiten zu Uqbar fehlen. Damit bricht das phantastische Element in die Erz&#228;hlung ein, das den rationellen Leser verunsichern m&#246;chte, der bislang anhand einer F&#252;lle verifizierbarer Details in dem Glauben sein musste, eine Tatsachengeschichte zu lesen.<br />
Aber selbst als Borges nun allm&#228;hlich eine fiktive Welt zeichnet, in der noch eine andere, ausschliesslich Uqbar, bzw. dem fiktiven Land Tl&#246;n gewidmete Enzyklop&#228;die auftaucht, werden die bekanntesten Namen der zeitgen&#246;ssischen Literaturszene als handelnde Figuren und damit als „Zeugen“ f&#252;r die Realit&#228;t der erz&#228;hlten Welt aufgeboten, um diese Verunsicherung noch zu st&#228;rken.<br />
Zugleich wird der Text selbst zum Artikel einer solchen Enyklop&#228;die, in dem Tl&#246;n is essayistischer Form beschrieben, aber nicht mehr erz&#228;hlt wird. Die Geschichte endet mit der Andeutung einer hinter dem ganzen Zauber stehenden Weltverschw&#246;rung, die daf&#252;r sorgen werde, da&#223; die Welt Tl&#246;n wird. An dieser Stelle w&#228;re auch eine allegorische Deutung m&#246;glich, aber Borges kehrt stattdessen zur Erz&#228;hlung zur&#252;ck und berichtet in einem Postskriptum zwei „tats&#228;chliche „ Erlebnisse mit unheimlichen Objekten, die die Existenz Tl&#246;ns zu best&#228;tigen scheinen, um sich hierauf als Erz&#228;hler zur&#252;ckzuziehen, weil ihn die Tl&#246;n gewordene Welt nicht mehr interessiere.<br />
Die phantastische Kurzerz&#228;hlung auf philosophischer Grundlage beherrscht auch den wohl bekanntesten Band „Das Aleph“.<br />
Die fortschreitende Erblindung zwingt Borges ab den 50iger Jahren, in denen er, durch eine „erhabene Ironie“ des Schicksals gleichzeitig das Augenlicht verliert und zum Direktor der Nationalbibliothek (also zum Herrn &#252;ber viele B&#252;cher, die er nicht mehr lesen kann) ernannt wird, zu immer k&#252;rzeren Texten, die sich in den letzen Jahren zur m&#252;ndlichen Improvisation und den meist hochironischen Interviews verschieben.</p><p class="postmetadata">Im Rückspiegel:&nbsp;<a title="bora, mistral, kalmen (28. 03. 2009)" rel="bookmark" href="http://veranda.michaelperkampus.net/20090328/bora-mistral-kalmen/">bora, mistral, kalmen</a> (28. 03. 2009)<!-- wprvm cached --></p>]]></content:encoded>
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		<title>Das Unendlichkeitsprinzip</title>
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		<pubDate>Fri, 19 Feb 2010 12:16:38 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Perkampus</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Mallarmé hat das Lesen immer wieder in ganz pr&#228;gnanter Weise zum Thema gemacht. Er hat f&#252;r die Poesie demonstrativ ein Geheimnis reklamiert und ihre Rezeption einer Extensivierung und Beschleunigung der Lekt&#252;re gegen&#252;bergestellt. Mallarmé k&#228;mpfte als Dichter auf verlorenem Posten um &#8230; <a href="http://veranda.michaelperkampus.net/20100219/das-unendlichkeitsprinzip/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Mallarmé hat das Lesen immer wieder in ganz pr&#228;gnanter Weise zum Thema gemacht. Er hat f&#252;r die Poesie demonstrativ ein Geheimnis reklamiert und ihre Rezeption einer Extensivierung und Beschleunigung der Lekt&#252;re gegen&#252;bergestellt. Mallarmé k&#228;mpfte als Dichter auf verlorenem Posten um Resonanz bei einem b&#252;rgerlichen Publikum, das er bereits zu einem gro&#223;en Teil an die Massenpresse und die wohlfeile Feuilletonliteratur verloren hatte. Er wies darauf hin, da&#223; die Zweckorientiertheit eine ganz spezifische Lesehaltung ein&#252;be: die Sprache wird nur mehr als Instrument wahrgenommen und die Texte auf ihren Informationsgehalt reduziert. Dadurch w&#252;rden Lesetechniken und Lesehaltungen verdr&#228;ngt, die poetische Texte eigentlich fordern: ein Lesen, das den Zeitaufwand der Lekt&#252;re und ihren Nutzwert nicht gegeneinander aufrechnet, das das Geschriebene nicht auf einen konkreten Sinn hin festzunageln sucht und das einen gewissen Respekt der Sprache und dem eigenwilligen oder abseitigen sprachlichen Ausdruck gegen&#252;ber voraussetzt. Wer die Poesie liebt, k&#246;nnte man folgern, hat Zeit.</p>
<p>Von hier aus gel&#228;ngen wir schnell zu Borges, der einmal sagte, da&#223; man sich ein Buch wie die <em>Ilias</em><em> </em>oder die <em>Kom&#246;die</em> hernehmen k&#246;nnte und allein ein Leben mit der Lekt&#252;re dieses Buches zubringen k&#246;nnte, weil darin alles enthalten sei. Das gilt nat&#252;rlich insbesondere f&#252;r die Lyrik Mallarmés.</p>
<p>In diesem kurzen Vorspiel zeigt sich die Romantik von ihrer st&#228;rksten Seite. Mallarmés hermetischer Symbolismus als auch Borges‘ „Unendlichkeitsprinzip“ tragen die aufgegangene Saat ins 20te Jahrhundert hinein, ausgehend davon n&#228;mlich, da&#223; bereits Schlegel und Novalis einen Entwurf des Lesers einer romantischen, d.h. „unverst&#228;ndlichen“ Literatur durchaus auf Langsamkeit und Wiederholung anlegten. Freilich reagierte man hier mit einer Abgrenzung gegen&#252;ber der un&#252;berschaubar gewordenen Buchproduktion mit der Forderung einer statarischen anstelle einer cursorischen Lekt&#252;re, in dem man diese zur Voraussetzung der erfolgreichen Entzifferung ihrer Texte erkl&#228;rte. Bis zum heutigen Tage ist die im 18ten Jahrhundert beginnende Massenschwemme nicht zum Stillstand gekommen. Daher ist es keineswegs verwunderlich, da&#223; diese Abgrenzung heute von einem zwar noch kleineren Kreis, daf&#252;r aber vehementer denn je – nicht wieder, sondern immernoch – ihr Recht einfordert.</p>
<p>Aber diese „Abgrenzung“, also der romantische Versuch, die Rationalisierungssch&#252;be des ausgehenden 18ten Jahrhunderts – die Mechanik naturwissenschaftlicher Weltbilder sowie den analytischen Rationalismus der Philosophie – mit ganzheitlichen Vorstellungen zu &#252;berwinden, k&#246;nnen vor diesem Hintergrund als Kompensationen verstanden werden. Trotz des bis heute nicht verklungenen Beharrens auf einem substantiellen Zusammenhang von Ich und Welt, Mikro- und Makrokosmos, Natur und Geschichte, darf man jedoch nicht vergessen, da&#223; sich diese &#228;sthetische Einheitsvision allenfalls mit der Kunst als Medium verwirklichen l&#228;&#223;t. Man mu&#223; kaum erw&#228;hnen, da&#223;, wenn diese „Einheit“ einer &#228;sthetischen Differenz untersteht, dadurch bereits ein neuer Bruch auf den Fu&#223; folgt – n&#228;mlich zwischen literarischer Differenz und erstrebter, aber immer nur momentan zu erreichender Identit&#228;t.</p>
<p>&#220;ber 200 Jahre tobt bereits der Zweck gegen das Ganze. Der Grund, warum der Zweck so stark ist, liegt an seiner Massenorientierung und seiner v&#246;llig ausgereizten Effizienz. Dabei spielt es gar keine Rolle, ob dabei alles in die Katastrophe steuert, weil die L&#252;gen- und Manipulationsmaschinerie der Materialisten reibungslos funktioniert, die uns zu Land, Wasser und in der Luft – und mittlerweile auch im &#196;ther „unterhaltsame Durchhalteparolen“ rund um die Uhr liefern.</p><p class="postmetadata">Im Rückspiegel:&nbsp;<a title="Antiochia (24. 02. 2009)" rel="bookmark" href="http://veranda.michaelperkampus.net/20090224/antiochia/">Antiochia</a> (24. 02. 2009)<!-- wprvm cached --></p>]]></content:encoded>
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		<title>Ulalume</title>
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		<pubDate>Fri, 12 Feb 2010 12:56:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Perkampus</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Anmerkung: Dieser Essay ist meinen &#8220;Schriften zur Literatur&#8221; entnommen. Wenn er heute hier wieder neu erscheint (ich schrieb &#8220;Ulalume&#8221; w&#228;hrend meiner intensiven Poe-Studien 2006), dann deshalb, weil Susanna das Thema aufgreift. Ihr Gedicht ist allerdings schlecht &#252;bersetzt, das sei erw&#228;hnt. &#8230; <a href="http://veranda.michaelperkampus.net/20100212/ulalume/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span style="color: #993300;"><em>Anmerkung: Dieser Essay ist meinen &#8220;Schriften zur Literatur&#8221; entnommen. Wenn er heute hier wieder neu erscheint (ich schrieb &#8220;Ulalume&#8221; w&#228;hrend meiner intensiven Poe-Studien 2006), dann deshalb, weil<a title="Ulalume" href="http://veranda.michaelperkampus.net/20100211/ula-lume-lie/" target="_blank"> <span style="color: #008080;">Susanna das Thema aufgreift</span></a>. Ihr Gedicht ist allerdings schlecht &#252;bersetzt, das sei erw&#228;hnt. Das liegt jedoch vornehmlich daran, weil es nicht zu &#252;bersetzen ist.</em></span></p>
<p>Es ist ja unbestritten, da&#223; Poe zu den gr&#246;ssten Lyrikern der englischen Sprache geh&#246;rt; ein Drittel seiner ca. 50 Gedichte geh&#246;ren zur Krone seines Schaffens, allen voran <em>Ulalume, Die Glocken</em> sowie <em>Der Rabe</em>.<br />
Das Genre der Short-Story begr&#252;ndete er doch eher aus einer Notlage heraus. Viele Literaturwissenschaftler bedauern zutiefst, da&#223; er nicht mehr Gedichte schreiben konnte, sein unstetes Leben hinderte ihn daran.<br />
Poes Tante nahm Frau Nichols, die mit dem Verleger Colton zu Besuch war, als <em>Ulalume</em> gerade geschrieben war, beiseite und bat sie, diesen zu bewegen, dieses neue Gedicht Poes zu kaufen, damit sich dieser neue Schuhe beschaffen k&#246;nne. Frau Nichols berichtet: „Wir hatten das Gedicht jedoch bereits gelesen, und, der Himmel m&#246;ge uns vergeben, wir hatten keinen Sinn darin entdecken k&#246;nnen. Aus einigen melodischen Stellen h&#228;tte man allenfalls schliessen k&#246;nnen, es sei in einer l&#228;ngst verlorenen Sprache abgefasst. Ich erinnere mich, die Vermutung ge&#228;ussert zu haben, da&#223; Poe uns nur an der Nase herumf&#252;hren wolle, um zu erfahren, wie weit er mit seinem imponierenden Ruf gehen k&#246;nne.“<br />
Man mu&#223; kaum erw&#228;hnen, da&#223; besagtes Ulalume heute als der Gipfel von Poe’s Lyrik angesehen wird, jedoch bezeugt die Aussage von Frau Nichols, wie fremdartig und schockierend zu dieser Zeit solche Gedichte wirkten.<br />
Die erste Strophe dieses wahrlich grossartigen Gedichts lautet:</p>
<p>The skies they were ashed and sober;<br />
The leaves they were crispéd and sere –<br />
The leaves they were withering and sere:<br />
It was night, in the lonesome October<br />
Of my most immemorial year:<br />
It was heard by the dim lake of Auber,<br />
In the misty mid region of Weir –<br />
It was down by the dank tarn of Auber,<br />
in the ghoul-haunted woodland of Weir.</p>
<p>Nach Aussage von Watts-Duncan dr&#252;ckt sich Poe auf die gleiche Weise aus wie ein Musiker, durch monotone Wiederholungen. Richtig intoniert w&#252;rde Ulalume auf einen H&#246;rer, der kein Wort Englisch versteht, die gleiche Wirkung haben, wie auf jene, die diese Sprache kennen.<br />
Die &#252;bliche, nicht ganz befriedigende etymologische Erkl&#228;rung: lat.ululare (= weh-klagen) + loom (= drohend aufragen) oder gloom (= D&#252;sternis).<br />
Wir k&#246;nnen heute sagen, da&#223; ohne Baudelaire, dem 1847 die Erz&#228;hlung „Die schwarze Katze“ unter die Augen kam, Poe vermutlich vergessen w&#228;re. Just in jenem Moment, als der Dichter voller Tr&#252;bsinn und Angst am Sterbebett seiner jungen Frau wachte, setzte er die ganze literarische Welt Frankreichs in Aufruhr, doch davon bekam er nichts mit.<br />
Durch eine bis heute un&#252;bertroffene &#220;bersetzung von 36 Prosast&#252;cken und die damalige Weltgeltung der franz&#246;sischen Sprache, wurde das Prosawerk Poes schnell in Europa und S&#252;damerika bekannt. Dazu gesellte sich im Jahre 1875 Stéphane Mallarmé, ein gl&#252;hender Verehrer Poe’scher Lyrik, mit der &#220;bertragung der Gedichte in rhythmischer Prosa. Vorher schon, 1873, hatten Verlaine und der junge Rimbaud Englisch zu lernen begonnen, um Poe im Original lesen zu k&#246;nnen.<br />
In Frankreich steht die ganze Reihe der Lyriker, Baudelaire, Rimbaud, Verlaine, Mallarmé und Valery in der Nachfolge Poe’s, von seinem Prosawerk beeinflu&#223;t wurden unter anderem Huysmans und Maeterlinck. Selbst Conan Doyle sagte:<br />
„Wenn jeder Autor, der ein Honorar f&#252;r eine Geschichte erh&#228;lt, die ihrer Entstehung Poe verdankt, den Zehnten f&#252;r ein Monument des Meisters abgeben m&#252;&#223;te, dann erg&#228;be das eine Pyramide so hoch wie die Cheops.“<br />
Und so ist es. Ich habe an anderer Stelle bereits darauf hingewiesen, da&#223; Poe faktisch alle modernen und heute bekannten Genres im Alleingang begr&#252;ndete, doch auch die Tiefenpsychologie nahm er vorweg, f&#252;hrte die wissenschaftliche Kriminalistik ein und war ein unbeugsamer und beinahe hellsichtiger Kritiker. In einem Jahr verfa&#223;te er &#252;ber 90 Rezensionen, die derart bissig waren, da&#223; er praktisch das ganze literarische Establishment br&#252;skierte. Seine Kritik war ebenso r&#252;cksichtslos wie lustig, man konnte ihm danach unm&#246;glich vergeben.<br />
Die ganze amerikanische Literatur war 1835, als sie von Poe gemustert wurde, zun&#228;chst seine Erfindung. Die Nachfolger, die diese Behauptung erst eigentlich legitimierten, wie Hawthorne, Melville und Whitman – jeder von ihnen war von Poe beim Erstlingswerk, sozusagen auf Anhieb erkannt, und zwar richtig erkannt worden.<br />
Wenn ich so viel und so gerne (siehe auch meinen Essay „Der Rabe von Baltimore“) &#252;ber Poe parliere, dann nicht zuletzt deshalb, weil er die wohl einzigartigste Erscheinung der ganzen Literaturgeschichte darstellt, weil, wie auch Ernst J&#252;nger meint, weder vor, noch nach Poe jemals jemand so geschrieben hat wie er, und vielleicht wird das auch niemals wieder jemand zu Wege bringen, denn es war eine Verkn&#252;pfung au&#223;ergew&#246;hnlicher Umst&#228;nde erforderlich, um einen derart genialen literarischen Psychopathen wie Poe hervorzubringen.</p>
<p>In manchen Essays, gerade „&#220;ber die Wollust“, wetterte ich gegen jene Literaten, die nicht eine Zeile diesem Urtrieb, diesem Lebenstrieb widmeten. Leicht ist zu erkennen, da&#223; ich selbst ein l&#252;sterner Dichter bin. Aber in Poe bewundere ich einen Meister, dessen Frauen stets &#228;therische Wesen voller r&#228;tselhafter Sch&#246;nheit, meist in Todesn&#228;he oder von Krankheit gezeichnet sind.<br />
War es Elizabeth Poe, die in ihrem fr&#252;hen Tode mit 24 Jahren aussah wie blanker Marmor, im flackernden Kerzenschein, sch&#246;ner als je zuvor, deren Bild der 3-J&#228;hrige Poe in Erinnerung behielt und deren Sinnbild zu einer schauerlich-gef&#228;hrlichen, aber auch zur unverzichtbar romantischen Begleiterin der Liebe wurde, die ihn die 13 J&#228;hrige und blasse Virginia, die ihm nie Gef&#228;hrtin sein konnte, weil selbst schon bald vom Tode umkrallt, heiraten lie&#223;?<br />
Oder r&#252;hrt die Nekrophilie, die in Poes Erz&#228;hlungen immer wieder auftaucht von der Mutter eines Freundes, zu der er in seiner Jugend leidenschaftliche Zuneigung fa&#223;te und die er einmal „die Ideale Liebe meiner Seele“ nannte. Als sie starb besuchte er Nacht f&#252;r Nacht ihr Grab.<br />
Ausnahmslos sind alle Frauen seines Werkes entweder Statuen oder Engel.<br />
Virginia starb, drei Tage nachdem der in Frankreich noch unbekannte Baudelaire zu Poes Apostel wurde und die Lekt&#252;re der „schwarzen Katze“ in seinem Tagebuch vermerkte.<br />
M&#252;&#223;te ich zwei Dichter erw&#228;hnen, die in meinem Leben nicht fortzudenken sind, ohne da&#223; sie mich je beeinflu&#223;t h&#228;tten, dann g&#228;be ich Edgar Poe und Borges an. Es w&#228;ren zwei, auf die ich unm&#246;glich verzichten k&#246;nnte. Von diesen beiden begleitet mich Poe bereits seit ich lesen kann und ich bin sicher, da&#223; ich ihn niemals los werde.<br />
Von allen Gedichten, die ich jemals gelesen habe, ist Ulalume das Sch&#246;nste. Ich habe es wieder und wieder gelesen, ich mag nicht zu sagen wie oft und ich bin sicher, es wird nicht das letzte Mal gewesen sein.</p><p class="postmetadata">Im Rückspiegel:&nbsp;<a title="Brunchen mit der Feder (20. 02. 2009)" rel="bookmark" href="http://veranda.michaelperkampus.net/20090220/brunchen-mit-der-feder/">Brunchen mit der Feder</a> (20. 02. 2009)<!-- wprvm cached --></p>]]></content:encoded>
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		<title>Der Magische Realismus</title>
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		<pubDate>Wed, 29 Apr 2009 09:20:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Michael Perkampus</dc:creator>
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		<description><![CDATA[(Aus: Michael Perkampus &#8211; Schriften zur Literatur) Wenn Massimo Bontempelli, der die italienische Literatur in den 20iger Jahren gepr&#228;gt hat, seine ersten magisch-realistischen Werke vorlegt, wird er einer jener Pioniere sein, die einen bisher nicht fest umrissenen Begriff in die &#8230; <a href="http://veranda.michaelperkampus.net/20090429/der-magische-realismus/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-size: 85%;">(Aus: Michael Perkampus &#8211; Schriften zur Literatur)</span></p>
<p>Wenn <span style="font-style: italic;">Massimo Bontempelli</span>, der die italienische Literatur in den 20iger Jahren gepr&#228;gt hat, seine ersten magisch-realistischen Werke vorlegt, wird er einer jener Pioniere sein, die einen bisher nicht fest umrissenen Begriff in die Literaturwelt einf&#252;hren, der sich irgendwo zwischen phantastischer Literatur, Surrealismus und Neuer Sachlichkeit bewegt.<br />
Bontempelli tat das, indem er gegen den Realismus und Naturalismus des etablierten 19. Jahrhunderts und dessen b&#252;rgerlichen Geschmacks, die Literatur thematisch und technisch zu erneuern versuchte – durch einen magischen Realismus, der &#252;bernat&#252;rliche, phantastische Ingredienzien und Begebenheiten, die an sich der Gattung des M&#228;rchens und der Mythologie angeh&#246;ren, wie selbstverst&#228;ndlich und so, da&#223; sie den Anschein des Wirklichen und Wahrscheinlichen haben, in eine realistisch geschilderte Alltagswelt integriert.</p>
<blockquote><p>„Das Magische, Surreale im t&#228;glichen Leben der Menschen und Dinge zu entdecken, den Sinn des Geheimnisvollen und das Gleichgewicht zwischen Himmel und Erde wieder neu zu finden &#8230;“</p></blockquote>
<p>- dieses Programm f&#252;r den <span style="font-style: italic;">„realismo magico“</span> hat Bontempelli in dem eigenwillig komponierten okkulten Roman <span style="font-style: italic;">Sohn zweier M&#252;tter</span> auf &#252;berraschende Weise in Szene gesetzt.<br />
In den folgenden Jahrzehnten treten – anfangs haupts&#228;chlich in Deutschland und Flandern – Autoren auf, die sich als magisch-realistisch bezeichnen oder dieser Richtung zugerechnet werden. Auffallend ist jedoch das beinahe g&#228;nzliche Fehlen von entsprechenden Gruppierungen oder programmatischen Texten, wodurch Auffassungen, es handle sich weniger um eine Periode als um ein zeitunabh&#228;ngiges Ph&#228;nomen, bekr&#228;ftigt werden. Typisches Merkmal magisch-realistischer Literatur ist das Integrieren unwahrscheinlicher, beinahe phantastischer Elemente in einen n&#252;chtern realistischen Kontext, sodass der Anschein des Wirklichen und Wahrscheinlichen entsteht. Dem liegt oft ein das rein kausale und logische Geordnetsein der Welt bezweifelnder Kerngedanke zugrunde.</p>
<p>Die Literaturgeschichten, die den Begriff erw&#228;hnen, betrachten den Magischen Realismus als Reaktion auf den Expressionismus – im Brockhaus ist von einer „Stilrichtung des Nachexpressionismus“ die Rede –, die in der selben Zeit wie der Surrealismus und die Neue Sachlichkeit entstanden ist. Ernst J&#252;ngers magisch-realistische Theorie, wie er sie in der Studie <span style="font-style: italic;">Sizilischer Brief an den Mann im Mond</span> formulierte, kann durchaus als repr&#228;sentativ f&#252;r den deutschen Magischen Realismus gelten. J&#252;nger versucht in seiner Schrift die Dualit&#228;t Phantasie-Wissenschaft, Traum-Ratio zu &#252;berbr&#252;cken, indem er beide Komponenten ineinander flie&#223;en l&#228;sst wie zwei miteinander verbundene Facetten einer einzigen Wirklichkeit. Mit dem Magischen Realismus werden auch Autoren wie Gustav Meyrink, Franz Kafka, Hermann Hesse und Hermann Kassack (Die Stadt hinter dem Strom, 1946), dann noch E.T.A. Hoffmann, Poe und sogar Oscar Wilde in Verbindung gebracht. Hierbei ist leicht zu erkennen, dass man es doch mit einer sehr gro&#223;en Schwammigkeit in der Definitionskette zu tun hat.</p>
<p>Der magische Realismus, der diesen Namen unverwechselbar tr&#228;gt und die Literatur, die damit unmissverst&#228;ndlich zusammenh&#228;ngt, ist die lateinamerikanische.<br />
Alejo Carpentier, der 1927 wegen einer politischen Protestaktion gegen die Machado-Diktatur sieben Monate inhaftiert war, und der im darauf folgenden Jahr nach Paris emigrierte, kam dort mit den Surrealisten André Breton, Tristan Tzara, Louis Aragon, Paul Eluard und dem Kubisten Pablo Picasso in Kontakt, (sp&#228;ter wird es zum Bruch mit dieser Bewegung kommen, denn sie w&#252;rde nichts Neues mehr schaffen), pr&#228;gte in seinem Vorwort <span style="font-style: italic;">Das Reich von dieser Welt</span> den Begriff der <span style="font-style: italic;">Wunderbaren Wirklichkeit</span> und wen sollte es wundern, dass dieser Begriff eng mit dem so sehr ber&#252;hmten Magischen Realismus zusammenh&#228;ngt.<br />
Carpentier verstand das „wunderbar Wirkliche“ als Gegenbegriff zum Surrealismus, gegen dessen k&#252;nstliche Sterilit&#228;t und mangelnde Authentizit&#228;t er das Konzept eines „barocken“ und zugleich gewachsenen Kulturbegriffs setzt. Das Wunderbare existiere erst dann, wenn es aus einer unerwarteten Ver&#228;nderung der Wirklichkeit (dem Wunder), einer privilegierten Enth&#252;llung der Wirklichkeit, einer ungew&#246;hnlichen oder einzigartig beg&#252;nstigten Erleuchtung unentdeckter Reicht&#252;mer der Wirklichkeit entsteht, die so intensiv wahrgenommen werden, dass der Geist dadurch erregt in eine Art Grenzzustand versetzt wird.</p>
<p>Die gro&#223;artigste Literatur, die seit den fr&#252;hen 20iger Jahren des letzten Jahrhunderts auf diesem Globus zu finden ist, stammt beinahe ausnahmslos aus lateinamerikanischen L&#228;ndern, da &#228;ndern auch einige hervorragende Franzosen nichts daran.</p>
<p>Ich m&#246;chte diese n&#252;chterne Aussage anhand von zwei Beispielen erl&#228;utern, in denen jeweils Frankreich der N&#228;hrboden f&#252;r eine rasende Entwicklung war: Da w&#228;re zum einen die einflussreichste Kunstrichtung, die vielmehr eine Weltanschauung ist: der Surrealismus, der zwar von der Pariser Gruppe initiiert, zu seiner eigentlichen, eigenen und wahrlich willkommensten Bl&#252;te durch Octavio Paz, Boris Vallejo und Pablo Neruda gelangte; und zum anderen der <span style="font-style: italic;">Nouveau Roman</span>, der als <span style="font-style: italic;">Nueva Novella</span> von so illustren Namen wie Gabriel García Márquez und Vargas Llosa in einem facettenreichen Feuerwerk gipfelte und sogar Namen wie Michel Butor und Claude Simon auf die Pl&#228;tze verweist.<br />
Die Frage, wann und wie man in Hispanoamerika von den europ&#228;ischen Avantgardebewegungen Kenntnis erhielt, l&#228;sst sich nicht genau beantworten. Dabei ist daran zu erinnern, dass Lateinamerika sich bei aller Eigenart einer gemeinsamen abendl&#228;ndischen Kultur zugeh&#246;rig f&#252;hlte, als deren unbestrittenes Zentrum Paris galt.<br />
Zumal lebten in der hispanoamerikanischen Avantgarde engagierte Autoren wie Jorge Luis Borges, Miguel Angel Asturias oder Jose Carlos Mariategui (auch Cortazàr) zeitweise in Europa und vor allem in Paris, w&#228;hrend namhafte europ&#228;ische Avantgardisten und Surrealisten wie Robert Desnos und Benjamin Peret zu Vortragsreisen nach Lateinamerika geladen wurden.<br />
Doch es geht hier nicht darum, die &#220;berlegenheit der lateinamerikanischen Dichter zu beweisen, diese halte ich f&#252;r selbstverst&#228;ndlich. Ich m&#246;chte nun Gr&#252;nde nennen.</p>
<p>Die gro&#223;en <span style="font-style: italic;">H&#246;henkamm</span> bildenden Romane der fr&#252;hen Nueva Novella haben ausnahmslos das gemein, dass sie offene Formeln sind, Werke, die nicht den geschlossenen Weg einer erz&#228;hlend sich aufbauenden Einheit darstellen, sondern sich aus mehr oder weniger selbstst&#228;ndigen, nur locker zusammengef&#252;gten Teilen zusammensetzen. Diese offene Form wirkt sich auf die ganz konkrete Darstellung aus. An die Stelle des kausal verketteten Erz&#228;hlfadens tritt das mehr oder weniger verbundene Nacheinander von gestauten Augenblicken und Julio Cotàzar wird es sp&#228;ter in seinem epochalen Meisterwerk „Rayuela“ so formulieren:</p>
<blockquote><p>„Das Leben der anderen, so wie es uns in der sogenannten Realit&#228;t begegnet, sei nicht Kino, sondern Fotografie“</p></blockquote>
<p>Daher sei es nicht seltsam, wenn er von seinen Personen in der denkbar sprunghaftesten Form spreche; der Fotoserie einen Zusammenhang verleihen, damit sie Kino werde, hei&#223;e, den Hiatus zwischen dem einen und dem anderen Foto mit Literatur, Vermutungen, Hypothesen, und Erfindungen auszuf&#252;llen.<br />
Der lateinamerikanische Roman stellte allerdings eine andere L&#246;sung dar als das chaotische Aufbrechen der Totalit&#228;t bei Joyce oder dem technisch perfekten und klug abgewogenen, Kalk&#252;l und europ&#228;ische Werk&#228;sthetik verratenden Formeln bei Faulkner, Virginia Woolf und DosPassos.<br />
Dabei stechen die drei Grundkomponenten lateinamerikanischen Denkens in den Vordergrund: Die monumentale indianische Seite, die im Insichruhen des Jeweiligen zum Ausdruck kommt, seiner „synthetischen“ Natur, die sich in Pluralit&#228;t und Nebeneinander niederschl&#228;gt, und seiner das Heterogene bindenden romanisch-konstruktiven Komponente, der sie gerecht wird durch letztliches Festhalten an einer wenn auch verschleierten, &#252;ber alle diskontinuierlichen Techniken hinweg aufbauenden Werkstruktur.</p>
<p>Diese Formel bietet den Vorteil, das &#228;sthetische Problem aus der grunds&#228;tzlichen Entscheidung zwischen Kontinuit&#228;t und Diskontinuit&#228;t herauszunehmen und zu einer Frage des Ausgleichs zu machen. Der Literatur Lateinamerikas &#246;ffnet sich so ein weites Feld von M&#246;glichkeiten. Der Dichter kann gewisserma&#223;en schon &#252;ber die Form seine Botschaft dosieren. So macht es Asturias in den Maism&#228;nnern, indem er die Offenheit zum beherrschenden Strukturprinzip macht.<br />
All diese Romane k&#246;nnen als Weg gelesen werden ohne formaliter zu sein.<br />
Ein zweites Kennzeichen der gro&#223;en Romane dieses Zeitraums bemerkt man eine gro&#223;e metaphysische Spannung, ob es nun Asturias <span style="font-style: italic;">Die Maism&#228;nner</span>, Alejo Carpentiers <span style="font-style: italic;">Das Reich von dieser Welt</span> oder <span style="font-style: italic;">Welkes Blattwerk </span>von Gabriel Garcia Marquez ist.</p>
<p>Ein weiteres, was mit der mataphysischen &#214;ffnung des offenen Romans zusammenh&#228;ngt, ist der zirkul&#228;re, sicher im Grunde einheimische Zeitbegriff, dem wir hier begegnen, das Empfinden f&#252;r die Wiederholbarkeit der Geschichte, ja sogar des Menschen. Letztere Erscheinung wird in Márquez Roman <span style="font-style: italic;">Hundert Jahre Einsamkeit</span> zum dominierenden Thema. Carlos Fuentes und Vargas Llosa sind neben Garcia Márquez die Wortf&#252;hrer dieser ehrgeizigen Gruppe.<br />
Dieser zirkul&#228;re, „ungerichtete“ Zeitbegriff, der dem christlich-abendl&#228;ndischen Denken zuwiderl&#228;uft, aber auch im Nouveau Roman einen Adepten hat, in Claude Simon n&#228;mlich, h&#228;ngt mit dem magischen Denken und der Abneigung gegen ein formales, rationalisierendes Prinzip und jegliche Abstraktion zusammen, wie sie dem Lateinamerikaner eignet und wie sie in Europa erst die Surrealisten aufbrechen konnten.</p>
<p>Klar ist demnach auch, dass die Verwandtschaft zu den alten Griechen, vor allem zu Heraklit, ihre klaren Grenzen hat. Grenzen, zu denen auch eine griechische Logos- und Erosdenken zuwiderlaufende, f&#252;r europ&#228;isches Denken schwer nachvollziehbare Art magischer Transzendenz des Fleischlich-Erotischen zu z&#228;hlen ist. Es handelt sich hierbei um eine in der Liebe unmittelbar aus dem Biologischen aufspringende Dimension, die bisweilen in den Bereich der Ausschweifung hineinreicht, aber in ihrer besonderen Form dort anzutreffen ist, wo das ausschlie&#223;liche Interesse im reinen, wechselseitigen Erlebnis des K&#246;rpers liegt, der K&#246;rpers jedoch als eine Art Ewigkeitserfahrung.</p>
<p>Die Werke des magischen Realismus schildern eine magisch bestimmte und wahrgenommene Welt, in der zwischen Legenden, Mythen, Tr&#228;umen und Wirklichkeit keine wesentliche Trennung besteht. Im Falle Asturias&#8217; erh&#228;lt auch die Sprache eine besondere Bedeutung: Sprunghaft, assoziativ, ist sie h&#228;ufig durch klangliche oder rhythmische Aspekte bestimmt als durch „Sinnzusammenh&#228;nge“. Bilder und Metaphern entstammen einem vorlogischen Denken, indem Dinge und Wesen magisch miteinander verbunden sind.<br />
Alle an der „Wirklichkeit“ orientierte Literatur, die eine „wahrscheinliche“ Intrige oder „glaubw&#252;rdige“ Charaktere in Szene setzt, lenkt nur von den tats&#228;chlichen Lebensumst&#228;nden des Lesers ab.</p>]]></content:encoded>
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