Die Veranda

Das phantastische Leben in der alten Spinnerei

Fritz Leiber / Das Rauchgespenst

Fritz Leiber, bekannt durch seine Lankhmar-Geschichten, war einer der ersten Autoren, die das Horror-Genre aus seinem 19. Jahrhundert-Mief befreite und ihm neue, schwärzere Impulse gab. Viele seiner Geschichten haben ihr Zentrum in der modernen Welt und zeigen deren Gesicht in seiner ganzen Schäbigkeit, Abscheulichkeit und Ausbeutung. Themen wie Alkoholismus, Armut und Rassismus werden sachlich gehandhabt, während der Inhalt stets düster ist: Sand, Sediment, Schmutz sind als physikalische Substanzen vorherrschend.

Smoke Ghost erschien zunächst 1941 in einer Ausgabe von „Unknown Words“. Es ist die Geschichte von Catesby Wran und seinem obsessiven Bedürfnis, der Verdunkelung der Welt um ihn herum zu entkommen. Im Laufe der Geschichte erblickt der neurotische Städter das in der Eröffnungspassage beschriebene Gespenst und glaubt sich von ihm verfolgt. Wran beschreibt den Geist als „ein Gesicht aus dem Rauch der Schlote, ein Flickengesicht, zusammengesetzt aus der drängenden Existenzangst der Arbeitslosen, der neurotischen Ruhelosigkeit eines Menschen ohne Ziel, der nervösen Anspannung eines gestressten Arbeiters in der Großstadt, dem explosiven Hass eines Streikenden, dem abgestumpften Opportunismus der Streikbrecher …“ Es ist die Stadt, die er fürchtet, mitsamt ihrer rastlosen menschlichen Energie. In der Eröffnungsszene versucht er, den Schwarzen Mann rational zu verarbeiten, um seine Ängste zu mäßigen. Wran ist die Quintessenz des Vernunftmenschen, eripicht darauf, seine Visionen als „Halluzinationen“ abzutun, als „verdammte psychische Auffälligkeiten„. Leibers eindrucksvolle Sprache bezieht sich auf die Stadt: „Eine schmuddelige, melancholische kleine Welt aus Teer, Papier, Kies und rauchigem Backstein, rostigen Schloten mit vorspringenden konischen Hüten, die an aufgegebene Horchposten erinnern.“ Er bemerkte den Geist „stets in der Abenddämmerung, im rauchigen Halbdunkel, eingerahmt von geisterhaft verwehten Blättern oder in den schwärzlichen Schnee gepanscht.“ Die Stadt ist das allumfassende Universum dieser Geschichte – und es ist ein dreckiger Ort. Eine Welt der Eisenbahnen, Mühlen und vor allem: Umweltverschmutzung. Der Himmel ist grau und nur grau. Diese Welt gebiert das Rauchgespenst.

Michael Perkampus

1969 im Fichtelgebirge geboren, Schriftstseller, Musiker und Übersetzer, Studium der (Experimental)Psychologie in München. 2005-2010 Moderator der Literatursendung “Seitenwind” (Winterthur, CH). Herausgeber der „Miskatonic Avenue“. Von 2015 – 2018 Chefredakteur des „Phantastikon“.

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