Von Leonora Carrington bis Haruki Murakami : unterschiedlichsten Autoren erschließen das Universelle, das sie im Bizarren finden.

von Jeff Vandermeer / übersetzt von Michael Perkampus

In Clive Barkers Geschichte Im Bergland: Agonie der Städte von 1984, die im ersten Band des Buch des Blutes nachzulesen ist,  wird beschrieben, wie sich die Bürger von konkurrierenden Dörfern zu riesigen menschlichen Figuren verbinden, groß wie Hochhäuser, um so aufeinander getürmt einen blutigen Krieg in abgelegenen Tälern zu führen.

In Georg Heyms Geschichte Die Sektion, “zittert der Tote leise vor Seligkeit”. Diese Geschichte enthüllt eine Form verborgenen Lebens.

Die zeitgenössische finnische Schriftstellerin Leena Krohn erzählt in ihrem Briefroman Tainaron von einem Besuch in einer Stadt, die vom Licht ihrer Bewohner beleuchtet wird: intelligenten Insekten.

Der Titelheld von Haruki Murakamis Wilde Schafsjagd, ein Mann, selbst förmlich aus Eis, verändert sich auf subtile aber kraftvolle Art und Weise während einer Reise durch ein gefrorenes Land.

Dies ist das Reich des Unheimlichen, manchmal Schauerliteratur genannt, oder einfach Phantastische Literatur. (Anm. des Übersetzers: Im angelsächsichen Sprachraum gibt es den Begriff der Phantastischen Literatur genauso wenig wie sich “Weird Fiction” adäquat ins Deutsche übersetzen lässt). Ein Land ohne Grenze, das sich in einem Zwischenraum befindet. Es schimmert und glitzert in so unterschiedlichen Quellen wie in den Arbeiten von Helen Oyeyemi, in Teilen in Deborah Levys Roman Beautiful Mutants, den Geschichten von Jamiaca Kincaid, die mit dem Etikett “New Gothic” versehen sind, und, nachvollziehbarer, in den dunklen Minen von Moria und den Todessümpfen in J.R.R. Tolkiens Herr der Ringe.

Es gibt da eine gewichtige Kraft innerhalb dieser Art von Erzählung, die uns durch die Präsentation eines dunklen Mysteriums fern unseres Verstehens fasziniert, und dadurch unser Unterbewusstsein fesselt. Genau wie im richtigen Leben, wo die Dinge nicht immer einen Sinn ergeben, liefern diese Erzählungen nicht immer das, was wir erwarten. In diesem dadurch entstehenden Freiraum entdecken wir einige der mächtigsten Aussagen über das, was es bedeutet, menschlich oder unmenschlich zu sein.

Ich dachte, ich würde die Welt des Unheimlichen, der surrealen Erzählung verstehen. Das war lange bevor ich mit meiner Frau Ann zusammen 2010 die Anthologie “The Weird” herausgab. Ich glaubte zu wissen, weil die Arbeit an diesem 1000-Seiten-Wälzer, der hundert Jahre abdeckt, mehr als vier Millionen Wörter der Lektüre erforderte. Aber ich wusste eben nichts.

Diese Erfahrung hat mich grundlegend verändert. In einer Weise, die ich jetzt erst beginne, zu verstehen.

Für einen Schriftsteller hält die Zusammenstellung einer Anthologie mehrere Lektionen bereit. Er lernt von den Geschichten selbst, aber auch aus dem Leben derer, die sie geschrieben haben, sowie aus dem Prozess, wie diese Geschichten zustande kamen. Die Informationen, die man sammelt, scheinen mehr mit einer Intelligenzleistung zu tun zu haben, weil man ähnlich wie ein Detektiv versucht, einen unerklärbaren Fall zu lösen. Nachlassberge abbauen; obskure Geschichten sind schwer aufzufinden; Autoren, durch das Leben, die Vergangenheit verletzt, sind gute Täuscher. Zu erfahren, dass ein Nachlassverwalter im Koma liegt und erst sterben oder gesunden muss, bevor die Rechte für einen Nachdruck gewährt werden können, bedeutet, das Kafkaeske in dem zu entdecken, was man eigentlich als langweiliges Vertragsgeschäft erwartet. In Erwägung zu ziehen, einen Freund aus einem mexikanischen Zirkus auf dem Rücken eines Pferdes entlang der Küste zu Leonora Carringtons1 Haus reiten zu lassen, um sich die Rechte an ihren Geschichten zu sichern – man fragt sich hierbei unweigerlich, ob das Weltbild des Autors, dessen Arbeit man begehrt, den Redaktionsprozess zu bestimmen begonnen hat.

Das Geheimnis beginnt eine Leuchtkraft aus versteckten Verknüpfungen und Anspielungen, verwoben mit literarischer Resonanz, zu entwickeln, um einen größeren, tieferen Sinn der Komplexität unserer Welt aufzuzeigen. Falsche Ansichten über einen Schriftstellers und seiner Arbeit sind unvermeidbar und können sogar klärend sein. Abgelenkt von Angela Carters Aufsätzen fand ich die gleiche wütende Intelligenz und den Sinn für Humor, der auch den Texten und Phrasen ihres erzählerischen Werks innewohnt. Aus diesem Grund kann ich die eine Sache nicht von der anderen trennen; ich will es auch gar nicht. Manchmal muss man das Leben in seiner Gesamtheit betrachten, man braucht das Ganze.

Falsche Ansichten über einen Schriftstellers und seiner Arbeit sind unvermeidbar und können sogar klärend sein.

Viele Dichter des Unheimlichen, vor allem jene vor unserer modernen, ultra-professionellen Zeit, waren in der Tat sehr seltsame Zeitgenossen, und manchmal sogar richtiggehende künstlerische Außenseiter. Die Geschichten, die man sich über sie erzählt, sind voller Exzentrizität, Verrufenheit oder Tragödien. Der große belgische Schriftsteller Jean Ray, wegen Veruntreuung verurteilt, nutzte seinen Aufenthalt im Gefängnis Stint gleich zu zwei seiner großen Geschichten. Die Gasse der Finsternis und Der Mainzer Psalter. Der Österreichische Schriftsteller und Maler Alfred Kubin, dessen 1909 erschienener Roman Die andere Seite von einer Stadt in Zentralasien handelt, die sich an der Grenze zwischen Realem und Nicht-Realem auflöst, war zeit eines Lebens geprägt vom Hass gegen seinen Vater und auch von den Nachwirkungen einer frühen Verführung durch eine ältere Frau. Sogar Franz Kafka wurde, um diesen biederen Vergleich anzubringen, von seinem Freund Max Brod als “schüchterne mondblaue Maus mit Menschenaugen” beschrieben.

Zu viele einzigartige, an den Rand gedrängte Schriftsteller begingen Selbstmord, starben verarmt, starben allein, starben besessen oder waren einfach nur am falschen Ort zur falschen Zeit. Der große polnische Dichter Bruno Schulz wurde während des II. Weltkriegs auf der Straße erschossen, nicht ohne uns zwei dünne Ausgaben bemerkenswerter, traumartiger Geschichten über eine mythologisierte Kindheit zu hinterlassen. Eine davon – Das Sanatorium zur Sanduhr – handelt von einem Leben nach dem Tod, das die Vergangenheit zurückzugewinnen versucht. So schließt sich der Kreis. Bodensatz, der sich irgendwo in der eigenen Geschichte manifestiert. Biografische Hintergründe sind von der Fiktion nicht mehr zu trennen … und doch ist die rote Linie klar erkennbar: sie markiert den wahren Spuk der Geister.

Es gibt freundlichere Geschichten, klar. Wie kann ich, zum Beispiel den phantasmagorischen Roman Der Palmweintrinker des Nigerianischen Schriftstellers Amos Tutuola (erschienen 1952) im Angesicht des eMail-Verkehrs mit seinem Sohn Yinka Tutuola wiederlesen, ohne diese Arbeit etwas differenzierter zu betrachten? Der Sohn berichtet in Anekdoten von der Zufriedenheit des Geschichtenerzählers, so dass die Arbeit seines Vaters fast in etwas Fröhliches verwandelt wird … selbst als man vierhundert toten Babies auf der Straße begegnet, die sich hinauf in den Wanst eines Ungeheuers winden, oder dem Skelett, das sich in einen “vollständigen Gentleman” verwandelt, indem es sich einen Körper aus zusammengeklaubten Teilen zusammenbaut.

Manchmal fühlt es sich an, als ob jemand – oder etwas aus dem Text heraus den Leser anstarrt.

Das Makabere hängt oft mit dunklem Humor zusammen, eine Tatsache, die umso einleuchtender wird, desto mehr Zeit man mit dem Lesen von unheimlichen Erzählungen verbringt. Man gewöhnt sich an die Dunkelheit dort, findet in ihr eine Art Freund, und sogar (zumindest für eine gewisse Zeit) eine gewisse Geborgenheit. Sobald man diesen Punkt erreicht hat, findet sich eine Steigerung von Lust und Schauder in der gruseligen Erkundung des Unbekannten. Die Legionen von fleischfressenden “Hasenartigen” in Leonora Carringtons surrealer Erzählung von 1942 Weiße Kaninchen sind nicht nur zutiefst beunruhigend, sondern auch völlig absurd. Mit der fixierenden Genauigkeit eines Juweliers verfährt Julio Cortázar in der Geschichte um den Axolotl (1956), den ein Mann in einem Pariser Aquarium beobachtet. Das ist ein Genuß für alle, die daran interessiert sind, wie sich das Spirituelle anhand von spezifischen Details in einer Erzählung offenbart. Und auch das Ende, das die Rolle des Beobachters und des Beobachteten invertiert, ist tiefgründig und beunruhigend.

Robert Aickmans mustergültige Erzählung von 1975, Das Hospiz, ist entsetzlich in seiner übergreifenden Absicht, aber auch frech in der Beschreibung eines absurden Abendessens, bei dem die Gäste an ihren Tischen festgekettet sind; und später wird eine Peinlichkeit geschildert, die aus Missverständnissen über Schlafangelegenheiten besteht – und die uns selbst nicht unbekannt vorkommen.

Manchmal fühlt es sich an, als ob jemand oder etwas aus dem Text heraus den Leser anstarrt. In Ryunosuke Akutagawas Meisterwerk von 1918, Die Qualen der Hölle, ist es das einfache Verschütten von Flüssigkeit, die sich am Boden die Form einer Schlange sucht, die nach ihrer unheimlichen Bedeutung befragt werden muss.

Mehr als einmal wurde ich an die Aussage des Naturforschers Richard Jeffries aus dem 19. Jahrhundert erinnert: “Für mich ist alles Übernatürlich.” Auch Thomas Ligottis Erzählung The Town Manager aus dem Jahr 2003, mit den kryptischen Nachrichten des Stadtmanagers, der nie gesehen wird, ruft nicht nur die verschrobene Anerkennung einer absurden Bürokratie hervor, sondern auch den mehr modernen Schrecken des Ausspioniertwerdens, das innerhalb eines banalen Kontextes am besten funktioniert.

Wir mögen es, zu glauben, wir verstünden das Universum.

Einfluss steigt sehr leicht aus Buchseiten heraus, zusammen mit dem Gefühl, beobachtet zu werden. Keine entdeckerischen Kunststücke oder Vertiefung in die Materie sind notwendig, um festzustellen, dass sich Elemente aus Kafkas In der Strafkolonie jahrzehnte später in Geschichten wie The Winding Sheet von William Sansom oder The Brotherhood of Mutilation 2 manifestierten.

Ich bekam also das Gefühl, teilweise begünstigt durch die wechselseitige Ansteckung durch die Suche nach dem Unbekannten, dass überall in der Welt Enklaven existieren, die nie etwas voneinander gehört hatten – Autoren, die sich gegenseitig nie gelesen haben können – und die dennoch über Jahrzehnte und eine beträchtliche Entfernung hinweg miteinander kommuniziert hatten, im Nachthimmel die gleichen fremdartigen Konstellationen sahen, die gleiche überirdische Musik hörten: einen wunderbaren Chor, bestehend aus einzigartigen und doch miteinander verflochtenen Vorstellungen, Visionen und Gespenstern.

In solchen Momenten fragt man sich als Schriftsteller und Redakteur wohl, ob man selbst Erzählungen erfindet oder sich lediglich wie durch einen Kanal bei dem bedient, was längst schon da ist.

Wir mögen es, zu glauben, wir verstünden unser Universum. Ich kam weg von dieser Lesart durch mein Gespür für unheimliche Literatur als kraftvollen Weg, auf dem sich die Entfernung und die Allgemeingültigkeit mit der Negation dieser Idee auseinandersetzt.

Es gibt so viele Widersprüche, in denen wir uns als Menschen befinden – versunken in einer Kultur moderner Technologie, des “Fortschritts”, der doch als primitiv anzusehen ist, im Angesicht dessen, wie zum Beispiel Pflanzen Quantenmechanik während der Photosynthese nutzen.

Eine solches Leseerlebnis ist demütigend; als Mensch, aber auch als Schriftsteller.

In unserer Zeit, in der wir glauben, wir seien älter als wir sind, ist es reinigend, auf die Suche zu gehen und Geschichten zu erzählen, die nicht versuchen, das Unlogische, das Widersprüchliche, und auch das Instinktive, mit dem in Einklang zu bringen, wie wir Menschen die Welt wahrnehmen, sondern diese Elemente als einen Weg herausstellen, der uns zeigt, wer wir wirklich sind. Widerborstig. Unbeherrscht. Abergläubisch. Absurd. In Abhängigkeit mit tausend destabilisierenden Ängsten und Hoffnungen.

In Michael Bernanos kaum gewürdigten Meisterwerk von 1960, The Other Side of the Mountain, sind die Figuren schiffbrüchig an der Küste eines fremden Landes mit feindlichen Pflanzen und Artefakten, die sie zu zerstören drohen. Trotzdem versuchen sie, im Angesicht eines immerwährenden Unbekannten, immer weiter zu machen. Sie senken ihren Blick nicht, und ihre Bizarrerien sind Launen einer rohen Menschheit. Pathos, der ihnen nichts hilft, aber sie aufwühlt und mit seltsamen Stolz erfüllt.

Ein solches Leseerlebnis ist demütigend; es demütigt nicht nur den Menschen sondern auch den Schriftsteller. Es neigt dazu, dir jeglichen Impuls zu nehmen, der nicht zum Wesentlichen führt. Er setzt nicht den Wunsch in dich, gut zu sein oder groß, wohl aber ein kleines bisschen wahrhaftig, wahrhaftig gegenüber den Grundlagen der Welt und der Anstrengung, diese Welt zu verstehen. Dieser Impuls wird durch die Erkenntnis, dass wir nie alles über unsere Welt wissen können, oder sogar nicht einmal das meiste von ihr, vergütet – und dieser scheinbare Mangel ist in Wirklichkeit eine Stärke.

 

Anmerkungen des Übersetzers:

1 Leonora Carrington war eine Surrealistin, die einst mit Max Ernst zusammen in einem Bauernhof lebte. Sie floh von Paris nach New York und lebte bis zu ihrem Tod in Mexiko. Ihre Geschichten sind ganz im surrealistischen Stil traumhaft, wundersam, bizarr, sowie eindringlich.

2 von den beiden genannten Autoren wurde nichts ins Deutsche übersetzt