Sandsteinburg #41

Pollenstaub, trügerisch wie alles, was den Menschen umgibt, schwebte durch die Luft, Schicht um Schicht. Spechte polterten schneller als ihr Echo. Kreischende Waldeslust. Roland rechnete jeden Augenblick damit, dass mehrere Leute wie in einem Hammer-Film auf die Lichtung stapfen würden, mit Mistgabeln bewehrt – aber es blieb still. Jetzt, da auch Lucki nicht mehr an seiner Seite war, und er allein den zerfetzten Überresten da am Baum gegenüberstand, wäre er am liebsten selbst schleunigst weggerannt. Was, wenn hier noch jemand lauerte? Mensch oder Tier – wer das hier angerichtet hatte, besaß keinen Respekt vor der Beschaulichkeit. Roland erbrach sich auf den Waldboden, während er auf Helmuts Kleiderhaufen zuging, der, eben weil fein säuberlich zusammengelegt, überhaupt nicht ins Bild passte, das satte chaotische Grün zu einer irritierenden Farbe werden ließ. Der kurz aufbegehrende Wind brachte eine Nachricht aus der Hölle vorbei und Roland atmete sie ein:

»Jetzt bin ich in dir und du bist in mir.«

»Hör auf zu reden!« Roland keuchte und ging auf die Knie, um zu seinem halbverdauten Frühstück noch etwas Gallensaft hinzuzufügen. »Okay.« Seine Augen tränten. Noch bevor er wieder auf die Beine kam, waren die Fliegen da. Sie bestanden aus Nacht, sie verkörperten das, was von der Nacht am Tage übrigbleibt und ihn zu zersetzten trachtet. Es half nichts. Er musste die Münze zurückholen, die sie seinem Vater gestohlen hatten. Erst dann würde er das Ereignis von einer anderen Seite betrachten können, dann würde er sich überlegen können, was Sterblichkeit bedeutete.

»Lass mich sie aufbewahren!« Helmut stand die Gier ins Gesicht geschrieben, Johann Caspar Lavater hätte das sofort erkannt. »Bei mir wird sie niemand suchen.« Für Roland aber schwebte die Verantwortung, die der Ältere mit dieser Aussage übernahm, wie ein abgedimmter Heiligenschein über dem Antlitz des Freundes. »Was glaubst du, wie viel sie Wert ist?«

Rolands Vater selbst kannte die Herkunft des 2-Louis-dʼOr-Stücks von 1789 zu keiner Zeit, und sie wäre ihm auch vollkommen uninteressant erschienen. Wichtig war ihm der Goldgehalt. »Die Münze ist so viel Wert, dass die Zahl nicht in meinen Mund passt«, tönte er, wenn das Gespräch einmal auf die Dublone kam, was sehr selten geschah. Woher er sie hatte, erwähnte er nicht ein einziges Mal. Auch nicht, was er damit anstellen wollte. Roland vermutete jedoch, dass seine Familie aus dieser dunklen Dachwohnung herausgekommen wäre, wenn sein Vater das gewollt hätte, wenn er dieses blinkende Goldstück nicht nur in einer Schublade vergraben würde, zusammen mit kaputten Taschenuhren, falschem Schmuck, abgebrochenen Bleistiften und Pfeifenkörpern. Und das lag nicht am Goldgehalt, der sich möglicherweise zu 180 Mark summiert hätte. Bei der Münze handelte es sich um eine Blutmünze, mit ihr hielt man den Lebenssaft einer vergangenen Zeit in den Händen. Was das aber bedeutete, wusste niemand.