Sandsteinburg #42

1813 empfing August Wilhelm Schlegel, der ruhmreiche Übersetzer Dantes und Shakespeares, eine Münze von Germaine, der Madame von Staël, als er sie von Göteborg nach London begleitete, weil er sich, zunächst ohne Erfolg, einige Hoffnungen auf den rustikalen Leib der Baronesse gemacht hatte. Es hätte ja durchaus sein können, dass Germaine, die nicht wenige ihrer Kinder im Lotterbett empfangen hatte, mit ihm, der sonst wohl kaum je eine Gelegenheit bekommen würde, etwas anderes als schattige Zeichnungen eines Boudoir zu betrachten, ein Schäferstündchen abzuhalten.

Die Herrin des Jahrhunderts, wie sie von ihren Bewunderern genannt wurde, hätte ihm doch ganz gut für eine Liaison gestanden. Er wusste nicht, dass Madame de Staël ihn tatsächlich gerne in ihrer Nähe hatte, allerdings weil sie ihn für ihr Buch brauchte, das sie über Deutschland schreiben wollte. Sie hielt Schlegel für einen typischen deutschen Professor, als Liebhaber eher für unattraktiv, pedantisch, empfindlich, aber für bieder und treu. Er durfte ihren Roman ›Corinne ou l’italie‹ rezensieren und mit ihren Freunden und ihrer Familie in einem rosaroten Schlösschen im schweizerischen Coppet ihren Sekretär geben. Zu seiner Ausstattung gehörte ein großzügiges Salär, mit dem er seine frühromantischen Freunde unterstützte. Die kleinen Luftküsse, die der etwas schwerfällige August hier und da parat hielt, wurden von der Baronesse jedoch geflissentlich ignoriert. Dann aber geschah etwas bis dahin Unverhofftes. Obwohl Madame de Staël ihrer Libertinage ausgiebig frönte und gleichzeitig Augusts Avancen stets freundlich, aber nicht ohne kleinste Schmähungen, zurückwies, bekam sie eines Abends einen Korb von einem ihrer Liebhaber. Außer sich vor Zorn rauschte sie durch sämtliche ihrer üppig bestückten Schlafzimmer und brachte die Betten, die von den Mägden hübsch zugerichtet waren, voller Wut in Unordnung. Ob nun die Kränkung ihr an sich robustes Wesen oder ihre Libido betraf, spielte dabei keine wirkliche Rolle. Ihr fehlte schlicht die Anerkennung und Bewunderung für einen Tag, nämlich für den gegenwärtigen. Freilich hatte sie solche Tage schon erlebt und nicht selten aus Mangel den Pferdeknecht ins Heu gezwungen, der dann – selbstverständlich in lyrischer Sprache – ihre Brüste zu besingen hatte. Allerdings lag das Problem auf der Hand: Pferdeknechte und Lyrik waren selten befreundet, vielmehr hätte diesem Berufsbild angestanden, ein Gedicht zu fluchen statt zu singen. Trotzdem hatte besagter Knecht die Stirn besessen, ihr ins Gesicht zu sagen, sie gäbe die Milch der Heilgen Johanna. Und mit religiöser Kopulation wollte sie nichts zu tun haben. Sie kannte des Teufels Küche nur zu genau.

Als sie mit dem Schnauben ihrer Wut plötzlich in Augusts Kammer stand und ihn anstarrte, als hätte sie ihn noch nie gesehen, war der Schriftsteller wohl derart beeindruckt von ihrer Erscheinung, dass er durch Zufall das richtige Gesicht aufsetzte. Wie das nämlich mit Gesichtern so ist, erblicken wir sie zuerst. Die Madame war heißblütig genug (sie wollte ja eigentlich nur das Bett auch in diesem Zimmer zerwühlen), um das erstarrte Staunen fälschlich für Ehrfurcht zu halten, genau das, wonach sie sich jetzt sehnte. Schon einige Tage später befanden sie sich auf Hoher See.

»Denk dir, mein lieber August, diese Münze beherbergt nicht nur das feinste Gold, darin schwelgt auch noch das Blut des Prägers, der sich bei der Fertigung an der Rändelmaschine verletzte, unachtsam, weil ihm sein Liebchen davongelaufen war, um sich in die Arme eines weniger angesehenen Bürgers – eines Bänkelsängers mit einer riesigen Laute – zu werfen. Ein romantischer Stoff wie dieser steht keinem anderen so zu Gesicht wie dir. Und weil du mich in dieser unschicklichen Situation so schicklich behandelt hast, sei dir dein Salär, das du so stattlich von mir empfängst, mit diesem Louis dʼOr noch einmal aufgewertet. Allerdings unter der Bedingung, dass du diese Geschichte im Trüben lässt!«

»Blut?«

»Nun, es ist ein Gerücht. Aber auch wenn es keines wäre: solange die Geschichte erzählt wird, existiert auch deren Wahrheit. In unseren Salinen von Salins-les-Bains fließt übrigens mehr Blut in die Sole als irgendwo in eine Münze, falls dich das beruhigt. Aber ich meinte keineswegs das Blut in der Dublone, das du für immer verschweigen sollst, sondern unsere Bettgeschichte!«

In Schlegels sofort einsatzbereiter Vision stand der Balancier, bei dem der Oberstempel durch einen Gewindespindel auf- und abgeführt wurde, mit seinem doppelarmigen Hebeln, mitten im dampfigen Raum, gleich neben dem der Kesselflicker und den Goldschmieden, ein stinkendes Allerlei aus Metall ringsherum. Als ob der Teufel gleich sichtbar werden würde, verschanzte sich ein mickriges Männlein, das offenbar keine Pause haben wollte. Es hielt den Unterstempel in der Spindelpresse fest und das Gold nagte an seinem Finger, zog ihm die Rillen ab.

»Vielleicht istʼs aber deshalb geschehen, weil die Toten und deshalb tote Dinge sich mit dem Blute stärken wollen«, sagte August zu sich. »Was hat denn so ein Flan davon, sich das Blut eines Knechtes zu erstanzen? Die Münze wirkt als spiritus antiepilepticus, viel wichtiger aber bei ihm als antipodacricus, und wenn erʼs versuchen will, dann reibe er sich die entflammten Stellen!

Was verwandelt sich in einer rechten Alchimistenküche nicht alles in Gold: Getreide, Spreu, Hobelspäne, Pferdemist, grünes Laub, Flachs, Lilien, Steine, Scherben, Kirschensteine, Eierschalen, Klicker, Schnaken, Schafmistkügelchen …«

Die Münze, die Germaine ihm gab, geriet kurz danach in die Hände von August Wilhelms nicht minder berühmten Bruder Friedrich, der sie unbedingt für einen Katalog, den er herausgab, zeichnen wollte. Statt sie jedoch seinem Bruder zurückzugeben, gelangte sie zu Ludwig Tieck – die Gründe sind mehr als verschleiert – dem genialen Übersetzer des Don Quixote und Verfasser des erschreckenden blonden Eckbert, einer der ersten Horrorgeschichten überhaupt. Ob das bereits mit dem eingesperrten Blut in der Dublone zusammenhing?

Kurz vor seinem Tod reiste Tieck zum letzten Mal nach Schwarzenhammer, wollte das Leuchtmoos und das berühmte Felsenlabyrinth bei Alexandersbad wiedersehen, wo er in seinen jungen Jahren gemeinsam mit Wilhelm Heinrich Wackenroder die ›Mondbeglänzte Zaubernacht‹ und andere Merkwürdigkeiten erlebt hatte und die geheimnisvolle Landschaft bestaunte. Er nächtigte erneut im Küchenflügel des ehemaligen Jagdschlosses, das der Familie Hardenberg gehörte und das sein Freund Novalis nur ein einziges Mal besucht hatte, bevor er seiner jungen Braut in den Tod folgte. Diese wertvolle Dublone blieb, als Tieck abreiste, auf dem Nachttisch liegen. Ob sie dort vergessen oder absichtlich zurückgelassen wurde, wird für immer im dichten Nebel der Geschichte verbleiben müssen. Wir sehen sie nicht, die Person, die sich aus eben diesem Nebel schält, sie erscheint uns wie ein Schatten, und auch unsere Phantasie wird kaum ausreichen, ihr ein Antlitz zu verpassen. Wir erkennen lediglich an ihrer Kleidung die zu dieser Zeit übliche Tracht eines Hausmädchens.