Sandsteinbuzrg #43

Roland hatte sie Helmut schließlich ohne viel Federlesens überlassen. Er war froh, sie los zu sein. Jetzt fühlte er sich frei von Schuld. Das Gold verätzte nicht mehr seine Handflächen, zog nicht mehr wie ein schweres Gewicht an seiner Hose, wenn er es in der Tasche stecken hatte. Die Münze besaß ein merkwürdiges Eigenleben, das stand fest. Sie war nicht einfach nur aus Edelmetall, nicht nur alt, sondern mindestens genauso verräterisch.

»Wir werden herausfinden, was sie Wert ist. Wir gehen rüber in die Tschechei, da interessiert es niemanden, wer wir sind – und dort können wir die Kohle auch gleich ausgeben.« Helmut schielte den Louis d̟ʼOr mit wässrigen Augen an, dann steckte er ihn ein und trug ihn von diesem Zeitpunkt an auch immer bei sich. Manchmal holten sie ihn hervor, wenn sie im Gebüsch in Leuthenforst herumsaßen und Bier tranken.

»Wann gehen wir rüber?«, fragte Roland, denn er würde erst wirklich Ruhe finden, wenn das Ding ein für alle Mal verschwunden war. Er hatte merkwürdige Gefühle, wenn er die Münze berührte, Schlaglichter seiner Urängste, die seine Glieder unkontrolliert zittern ließen, Bilder von Leichenhänden, die ihm den Mund zuhielten, ihn unter Wasser zogen. Er sah hetzende, geifernde Wölfe, die aber aussahen wie … wie …

»Bald. Aber jetzt sollten wir erst Ida und Adam holen.« Er steckte den Daumen zwischen Zeige- und Mittelfinger. Als Roland nicht gleich verstand, erklärte er ihm, dass es ein Mords Spaß wäre, wenn sie Adam dazu bringen könnten, mit Ida … »Na, du verstehst schon!«

»Mit deiner Schwester?« Roland ließ sein Gesicht fallen.

»Klar. Und wir schauen zu. Wahrscheinlich müssen wir sie festhalten, und rumschreien wird sie auch, wie ich sie kenne.« Helmut sagte das mit einer Selbstverständlichkeit, als plane er ein gewöhnliches Picknick.

»Wird sie nicht petzen?«

»Wem denn?« Helmut grinste reptilienhaft. Dass Richard Finner die beiden Mädchen selbst eingeritten hatte, vermutete zwar jeder, aber so richtig wissen wollte es keiner. Außer Helmut. Aber der machte immer nur Witze darüber, so dass man sich nie sicher sein konnte, was stimmte und was nicht. »Außerdem ist Petzen gefährlich. Niemand findet die Zeit, ständig auf sie aufzupassen. Und du weißt ja, wie das mit der Rache ist.«

Roland schüttelte den Kopf. »Nö. Weiß ich nicht.«

»Komm schon!« Helmut schlug Roland so fest auf den Rücken, dass ihm fast die Speiseröhre aus der Brust brach. »Rache ist Blutwurst!«, brüllte er.

Die Münze, die Roland in der Hosentasche vermutete, war nicht da. Er nestelte in den vier Taschen der Jeans herum, begann wieder von vorne, riss sie in die Höhe und schüttelte sie. Eine andere Möglichkeit, danach zu suchen, gab es nicht. Da waren nur noch das blaue T-Shirt und die Lederstiefel, die nach Jauche rochen. Er drehte sie vorsichtshalber dennoch um. Nichts kam zum Vorschein außer ein paar Tannennadeln.

Und jetzt setzte die Panik ein. Sie breitete sich in seinen Adern aus und versorgte die Muskulatur mit Gift. Roland glaubte für einen Moment, ersticken zu müssen. Der Gestank fauchte wie eine mit Sauerstoff gefütterte Feuersbrunst über ihn hinweg, der Fliegenschwarm kam direkt aus seinem Kopf, seine Ohren bildeten die Tore des Abyssus, des Hades, der Unterwelt. Ein Stöhnen entrang sich seiner Brust, rollte über seine trockenen Lippen und wurde augenblicklich von den schwarzen Boten der Verwesung befallen. Ein zweites, tieferes Stöhnen versteckte sich in seinen Nebenhöhlen, blieb dort hängen wie ein Kaninchen in einem zu engen Bau. Ein Fuchs überquerte aufgeregt die Lichtung. Aber auch er schlug einen respektvollen Bogen um das entsetzlich tote Fleisch. Roland hörte Stimmen, aber er konnte sich erst wieder bewegen, als er den durchdringenden Schrei einer Frau vernahm.

Lucki hockte im Gebüsch und lutsche an seinem Daumen. Das hatte er sich eigentlich schon abgewöhnt, jetzt fing er wieder damit an. Marliese war weitergegangen wie eine Traumwandlerin, jammerte und schrie in einem Ton, der sich dazu eignete, die Vögel vom Himmel zu holen. Roland erwartete jeden Augenblick das Prasseln gefiederter Körper. Marliese blieb in gebührendem Abstand vor der Leiche ihres Sohnes stehen, biss sich in die Faust und wankte. Roland fragte sich, ob sie auf ihn losgehen würde, aber sie bemerkte ihn nicht einmal. Stattdessen bohrten sich ihre Blicke in den geöffneten Leib und verharrten dort anstelle der Organe. In ihren Träumen würde sie, solange sie lebte, dieses schimmernde schwarze Loch sehen, manchmal würde sie darin schlafen und Blut weinen.

Die Nacht kann auch der Retter sein, der es gut meint, wenn wir zu viel gesehen haben. Dann verbirgt sie, was wir an Schrecken nicht verkraften. Jetzt kam die Nacht über Marliese, der es weder gelang, ihre Töchter vor der männlichen Wucht zu bewahren noch ihrem Sohn dieses archaische Ereignis zu ersparen. Sie fiel vornüber wie eine Statue, mit dem Gesicht auf den weichen Waldboden, der ihr dennoch einige Prellungen beibrachte. Umständlich kam Lucki, mit beiden Armen rudernd, aus dem Gebüsch, warf sich zuerst neben sie und dann auf sie. Tränen spritzten weit aus seinem Gesicht. Die Ohnmacht seiner Mutter ließ ihn sich wie rasend gebärden. An seinem toten Bruder ängstigte ihn nur die Szenerie im blutigen Garten Getsemani.