Sandsteinburg #46

Thamyris, dem die Musen in einem Wettstreit, den er verlor, die Leier zerbrachen und das Augenlicht nahmen : das ist mehr als Influenca, weil man früher an den Einfluss der Sternkonstallation auf den Ausbruch der Epidemie glaubte, und jetzt ist die Katastrophe (unsere Welt) ein Ergebnis des Wissens, das expansiv ist, und nicht konservierend wie der Mythos.

Etwa eine Stunde später hatten sie Helmuts Leiche in kleine Stücke zersägt und mit der Karre zur Jauchegrube gebracht. Richard durchtrennte alle großen Knochen, bis sie ein handliches Format besaßen, und zerkleinerte auch den Schädel, bevor er alles in das Loch warf. Die Augen hatte Dr. Hohenner fachmännisch aus den Höhlen gepult und in einem Weckglas aus Marlieses Bestand in seine Praxis nach Hebanz mitgenommen.

»Und es waren doch die Wölfe!«, beharrte Finner, als sich die Männer der Umgebung in der Scheune hinter Richard Langers Lager, randvoll mit Schiffskörpern aus Polyester, am Abend versammelt hatten. »Es geht schon wieder los.«

Der Boden war übersät mit Teppichflicken, die verschüttetes Bier ausdünsteten. Abgebrochene Geweihe klagten, an die Wand geschraubt, gegen die Jagd nach Trophäen. Darunter, auf einem halbhohen Wandschrank mit teilweise abgelöstem Furnier, stand ein mittelgroßer Hamsterkäfig, in dem die weiße Ratte Fridolin hin und her raste, die Ludwig in seiner Küche hinter dem Spülstein gefangen hatte. Sie war groß wie eine Katze, ihre glühenden blassroten Augen, die eher orangefarben in die Scheune blickten, zeugten von einer bestialischen Intelligenz. Fridolin schien geeignet, das Wappentier eines Mörders zu werden, wenn es irgendwo einen gegeben hätte. Oder waren sie jetzt alle Mörder?

Schaler Hopfensaft tropfte unablässig durch angetrockneten grauen Schaum aus einem Holzhahn, der in einem Aluminiumfass steckte, auf dem in roter Schrift EKU stand. Die Hütte war eingerichtet worden, um Freitagabends den Schafkopf, ein Kartenspiel, zu beherbergen, und um dreckige Zoten über die von unzähligen Hintern abgeriebenen Bierbänke kriechen zu lassen. Manchmal fütterte Adam Fridolin, der ihn anstierte wie eine verhexte Gottheit das wohl auch getan hätte.

»Hier ist es still«, flüsterte Adam der Ratte zu und hielt ihr ein Wiener Würstchen hin. »Ich habe von Sachen geträumt, die dir sicherlich gefallen hätten.«

Fridolin nickte: »Ich weiß. Ich war in diesen Träumen dabei. In einer anderen Gestalt zwar, aber ich war da. «

»Du würdest mir den Finger abbeißen, wenn es mir einfiele, dich zu berühren, richtig?«

»Ja, das würde ich. Es tut mir Leid, dass ich dir nichts anderes sagen kann.«

»Du beißt die Hand, die dich füttert, könnte man sagen.«

»Könnte man sagen. Das ist ganz einfach. Du kannst mich am Leben halten oder nicht. Deine Entscheidung. Aber du solltest dir im Klaren sein, dass ich ein Killer bleibe, was immer auch geschieht. Das bedeutet auch, dass ich meinen eigenen Tod in Kauf nehmen muss.«

»Weißt du, wer Helmut umgebracht hat?«

Fridolin warf ihm noch einen bedauernden Blick zu und verzog sich dann majestätisch in einen Berg aus Sägespänen, in den er sich eingrub.

Richard Finners Kopf glänzte wie eine geölte Melone, und nicht sein Mund sprach die Worte aus, sondern sein Schnurrbart.

»Wie kommst du darauf, dass es Wölfe waren? Ich glaube, mittlerweile dürfte jedem klar sein, dass dein Sohn abgeschlachtet wurde.« Ludwig war die ganze Sache unangenehm. Er hasste Finner regelrecht und wäre froh darüber gewesen, wenn er von hier für immer verschwunden wäre, mitsamt seinem Stall. Jeder wusste, dass die auf der Rückseite des Wohnklotzes lebten wie die Schweine. Die Gelegenheit war nie besser gewesen als jetzt. Nur hingen sie, was diese Sache betraf, gemeinsam drin.

»Hier gibt’s keine Wölfe«, sagte Bergmann. »Und dass dein Sohn jetzt in seine Einzelteile zerlegt in der Scheiße schwimmt, wirst du sowieso nicht mit Wölfen erklären können. Das war eine saudumme Idee. Was will Hohenner eigentlich mit den Augen?«

»Woher soll ich das wissen!«

Die Nacht kicherte, denn die Nacht kichert immer.

»Jemand hat ihn umgebracht. Das war nicht zu übersehen«, sagte Ludwig. »Das Problem dabei ist, dass wir alle nicht nachgedacht haben. Ihr glaubt doch nicht, dass wir das einfach so vertuschen können!«

»Es war schon nicht richtig, ihn dort festzubinden. Wegen so einer Kleinigkeit, meine ich …« Ludwig wirkte beschämt.

»Kleinigkeit?!« Finners Kopf sah aus wie ein Feuerball mit Augen. »Er wollte, dass Adam sein Ding in Idas Arsch steckt!«

Ludwig wollte gerade sagen, dass darin schon ganz andere Dinge gesteckt hatten, aber er hielt den Mund. Das letzte, das sie jetzt gebrauchen konnten, war ein Streit, der aus den Fugen geriet. Er dachte an das letzte Maifeuer zurück.