Die Totenbraut / Jen Williams

Totenbraut Cover

Jen Williams ist vor allem für ihre Fantasy-Romane bekannt, für die sie auch auszeichnet wurde. Irgendwann hat sie sich wohl von dem allgemeinen Thriller-Fieber anstecken lassen und 2021 mit „Der Herzgräber“ ihren ersten geschrieben, der durchaus Beachtung fand. Da man bekanntlich auf einem Bein nicht stehen kann, hat sie mit „Die Totenbraut“ 2023 noch einmal nachgelegt. Den Ausschlag hierfür haben urbane Legenden gegeben, wie sie heute jeder kennt: Der Hakenmann, der Slender Man, oder jene, in der sich der Babysitter bei den Eltern am Telefon über die seltsame, lebensechte Clownsstatue in ihrem Wohnzimmer beschwert, und der Vater natürlich antwortet: ‚Wir haben gar keine Clownstatue …‘). Jen Williams Roman spielt mit diesen Elementen, während wir Charlie, die hier ihre Geschichte erzählt, durch die Vergangenheit und die Gegenwart begleiten, in den Urlaub mit ihrer Familie und schließlich in die verhängnisvolle Sommerfreundschaft mit der seltsamen Emily auf dem Campingplatz. Als Erwachsene kehrt sie dorthin zurück, um angeblich für ein Buch über lokale Gespenstergeschichten zu recherchieren.

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Dunkelheit der Seele

Als ich anfing, ist’s (dann doch) ein Köter geworden. Aber Mary hatte einen Zahn. Die Wiese ging nur bis zum Baum und verschwand in dem ein oder anderen Garten, schließlich waren wir alle nicht besonders rücksichtsvoll und wollten gemeinsam die Alte Mutter ausgraben, die hier irgendwo liegen sollte. Ich grub zuerst (und es ist – dann doch) ein Köter geworden, den ich fand. Knochig und gelöst von Würmern und Dingen, die so bizarre Namen trugen wie Triosephosphatisomerase.

Er kam mit mageren Lenden, magerem Beinwerk, gar keine Macken außer seinen zuckersaugenden Lippen (wenn er denn Zucker fand, zu einem Würfel zusammengehauft). Die Rippen eher die Adern eines Blattes, Spanten eines versunkenen Schiffes : so schritt er den Gurtbogen entlang des Tonnengewölbes, kratzte sich die Kehle frei und schmetterte wie ein Bügelhorn : Jetzt bin ich so weit gekommen, und wenn ich mich umdrehe, erkenne ich die Hand vor lauter Augen nicht mehr, so nebelicht scheint mir der Weg, versponnen mit der Dunkelheit der Seele!

Krempel

Ich komme mit dem Krempel der Weblogs nicht klar. Das heißt, dass ich seit Jahr und Tag an allem herumfummle, statt mich einfach auf den Content zu konzentrieren. Das hat etwas Exzessives. Ich bin mir nicht sicher, ob es daran liegt, quasi gar kein Publikum zu bedienen. Es gab eine Zeit – und die ist schon lange hinter der Couch verschwunden – da reimte ich mir die Zukunft schreibend aus. Immer nur schreibend, selbst (oder gerade), wenn es sich um Belanglosigkeiten wie gerade eben handelte. Da käme möglicherweise mehr Rätselhaftes zusammen als wenn ich einen Plan verfolgen würde. Ich dachte mir, dass es morgens, gleich nach dem Aufstehen geschehen könnte. Ohne nachzudenken erst einen Blogeintrag verfassen. Zum Zweck des Rituals. Die Tat ist ein mächtiges Instrument, hat sich aber immer mehr vom eigentlichen Erguss distanziert. Selbstverständlich arbeite ich noch genug an Übersetzungen und Artikeln für das Phantastikon, aber das ist eher Augenwischerei, gerade weil in diesen Artikeln versucht wird, einen Sachverhalt darzulegen. Nicht zu akademisch (am besten gar nicht), aber auch nicht zu unterhaltsam. Trotzdem. Es ist nicht das, was es herauszuholen gäbe. Es ist ziemlich verrückt, dass ich ein so großes Aufsehen um das Erscheinungsbild des Blogs (hier jetzt die Veranda) mache, aber aus irgendeinem Grund, muss ich den Text sehen und die Buchstaben schön finden; oder die Aufteilung; oder das Nichts um etwas herum. Ich habe mich zu sehr auf ein Magazin versteift. Die Veranda gibt es jetzt seit fast zwanzig Jahren, und was hätte das alles sein können. So ganz von vorne anfangen will ich nicht, weil einige Zeugnisse meiner tiefen Verwirrung durchaus Bestand haben müssen, um daran anknüpfen zu können. Der Reisegrund steckt im Geist, in der geistigen Zeit, in der Zeitlinie, die keine Grenzen kennt.

Die drei ??? und die silberne Spinne / Robert Arthur

Die silberne Spinne

Interessanterweise verlassen die drei Detektive in diesem Buch zum ersten Mal Amerika und reisen in das siebtkleinste Land der Welt namens Varania. Wer sich jetzt fragt, wovon ich spreche: Genau. Die ohnehin schon schlechte Übersetzung der ganzen Serie setzt hier noch einen drauf und ändert unsinnigerweise gleich den ganzen Schauplatz und nennt ihn Magnusstad, das in Texas liegt. Diese Änderung macht die ganze Geschichte zu einem völligen Blödsinn, denn hier gelten eigene Gesetze, die in Texas sicher nicht so ohne weiteres gelten würden. Natürlich sind beide Begriffe fiktiv, aber so in ein Werk einzugreifen, zeugt von einer tiefen Respektlosigkeit, oder besser gesagt, man hielt die deutschsprachigen Kinder der damaligen Zeit wohl für komplette Idioten.

Dabei ist die Geschichte ein wahres Vergnügen. Gleich auf der ersten Seite rammt Morton mit seinem vergoldeten Rolls Royce beinahe die Limousine von Lars Holmqvist, dem jugendlichen Erben der Magnus-Werke. Hier hat man aus dem jugendlichen Prinzen Djaro von Varania einfach einen Schweden gemacht. Und mit einem Prinzen aus Varanita macht die ganze Szenerie plötzlich mehr Sinn als mit einer schwedischen Enklave mitten in Texas!

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Die drei ??? und der Fluch des Rubins / Robert Arthur

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Der menschliche Geist ist besessen von Mustern. Sobald wir sie in der Natur erkennen, ergeben sie unweigerlich einen Sinn; sei es der Goldene Schnitt in den Keimspiralen im Kopf einer Sonnenblume, oder die Strömungsdynamik bei der Bildung von Sanddünen – Mustern kann man nur schwer widerstehen.

Bis dahin war Robert Arthurs Serie mit Justus Jonas, Peter Shaw und Bob Andrews unter dem Namen Die drei Detektive einem eigenen Muster gefolgt: Das Gespensterschloss (1964), Die flüsternde Mumie (1965) und Der verschwundene Schatz (1966) – bekannt als Die ungeraden Nummern – waren sehr gut; Der Super-Papagei (1964), Der grüne Geist (1965) und Die Geisterinsel (1966) – auch bekannt als Die geraden Nummern – waren, äh, weniger gut. Nicht unbedingt schlecht, aber definitiv der schwächere Arm der Serie. Der Fluch des Rubins (1967) ist das siebte Buch der Reihe, und jetzt stehen wir vor den Frage, ob sich das Muster in der Qualität der Nummern hier bestätigt? (Da sich die deutsche Erscheinungsweise vom Original unterscheidet, sollte man sich immer – wie wir hier – um die eigentliche Zählung kümmern. Okay, die deutsche Übersetzung ist ohnehin eher schlecht, aber wir haben nun einmal nichts anderes, und um ehrlich zu sein, gewöhnt man sich irgendwie daran).

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End of Story

Seit seinem fulminanten Debüt haben viele von uns gespannt darauf gewartet, was A. J. Finn in seinem zweiten Roman veröffentlichen würde. Finns erstes Buch –The Woman in the Window – war in jeder Hinsicht ein Erfolg. Es eroberte die literarische Welt im Sturm und erreichte schnell den Status von Gone Girl. Es führte viele Menschen, die sich selbst als Gelegenheitsleser bezeichneten, in die Liebe zu psychologischen Thrillern und mörderischen Wendungen ein. Sein zweiter Roman erschien Anfang 2024, und ich fand, dass End of Story eine andere, aber nicht weniger spannende Richtung für Finn war. Sein erstes Buch war in jeder Hinsicht ein psychologischer Thriller mit kommerzieller Anziehungskraft, sein zweites Buch ist ein literarischer Thriller mit professioneller Planung, der Finns schriftstellerisches Talent unter Beweis stellt.

Nach dem sensationellen Erfolg seines Debüts konnte es nicht ausbleiben, dass sich Schmarotzer an seine Versen hefteten, woraus eine regelrechte Schmutzkampagne gegen ihn Fahrt aufnahm, 2019 abgedruckt im New Yorker. Das soll uns aber hier nicht interessieren, weil es tatsächlich auch uninteressant ist. Konzentrieren wir uns lieber auf ein Buch, das beweist, dass Finn eines der größten literarischen Talente der heutigen Zeit ist. Wenn Sie sich jemals gefragt haben, welche Bücher zeitgenössischer Autoren in fünfzig bis hundert Jahren als Klassiker gelten werden, dann ist End of Story mit Sicherheit eines davon.

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