Watt

Dieser Artikel ist Teil 6 von 36 der Reihe Gespenstersuite

Es war nicht nötig, diesen Koffern in den Schrank zu stellen, wo er umgefallen wäre, weil das Möbel nicht im Lot steht. Es konnte niemand zu uns hinauf gelangen, nicht ohne von den Federn berührt zu werden, die unablässig aus den Wänden sprossen und sich auch von Gemeinheiten nicht in ihrem Wachstum gefährdet sahen. Es gab andere, die von den Wänden troffen als ein Schauspiel natürlicher Präsenz. Die Himmelsrichtung spielte dabei keine so große Rolle. Am Tag zuvor war das anders gewesen. Käme es darauf an, könnten wir uns zur Ruhe begeben, die erwartete Ankunft fände dann jedoch nicht statt. Sie übten den Katzengesang, aber die Wege waren samt und sonders verschüttet. Die Kreise veränderten sich und wurden blau. Was ist das für ein Material? Es hat diese Geräusche schon vorher gegeben.

Daraufhin folgten Schritte. Ich hätte sie gerne an den Haaren herbeigezogen, aber sie verschwand noch bevor die Turmuhr zu jaulen begann. Ein ungemütlicher Teil von mir sank plötzlich ab und verharrte in der Schräge. Schatullen von unermesslichem Wert standen dort, die Öffnungen auf ein Ziel fixiert, das gleich aus den Wolken stürzen musste.

Im Roastbeef-Center

Dieser Artikel ist Teil 5 von 36 der Reihe Gespenstersuite

Mit sehr geschmeidigen Rückschlägen in der Tasche fuhr es sich diesmal leichter. Niemand hatte etwas davon erwähnt und alle Kammern waren leer. Für einen Morgen wie diesen musste man nur zwei und zwei zusammenzählen, um hinter der Tür ein Stoppschild zu finden. Mit einfachen Bestandteilen lernt man seine Sinne zu kontrollieren. Es war diesmal so schwer wie nie gewesen, da aber alle Anwesenden schwiegen, glaubte ich zu wissen, wo ich war und würde schnell wieder auf die Hauptroute zurückfinden. Die Sonne stand ungünstig im Nebel herum, ein Auge wie aus einer Beutesammlung. Drei Stufen und ich war da, setzte mich und betrachtete die Wand, die ich schöner in Erinnerung hatte. Sollte das Ereignis spurlos an mir vorübergezogen sein? Ich konnte keinerlei Spuren entdecken, nahm zum Schluss aber dennoch eine Art Kuchen zu mir, um nicht aufzufallen, Wir hatten damals nicht geglaubt, uns jemals von vorne zu sehen, mit deiner Eitelkeit zogst du die Schmetterlinge an, und sie kamen, trugen aber nichts zu unserer Habhaftwerdung bei. Ein Schluck von dir war lauter als die vermeintliche Stille, ein Schuss fegte aus einer Dose und stob nur sehr selten am Ohr vorbei, das schon lange im Sand lag. Es mochte einst dir gehört haben, aber wer konnte das jetzt noch wissen? Einmal – ich erinnere mich – trafst du zu später Stunde einen Mann In einem Roastbeef-Center und fragtest ihn nach der Zeit, bis er genug davon hatte und über einen unbekannten Berg floh. Der ist nun das Wappen aller vergessenen Dünkel. Schick, wie man es anzieht, schick – schick, wie man davon spricht: wo man gewesen ist, warum man sich nie die Schuhe abputzt, bevor man nach draußen geht. Ein Wiehern verstört uns, aber wir wissen: es ist nicht der Tag. Kennst du Stellen leichten Regens?

Alles Geisterhafte war mir von Anfang an vertraut

Dieser Artikel ist Teil 4 von 36 der Reihe Gespenstersuite

Sobald man das Verschwinden zum ersten Mal beobachtet hat, weiß man einiges von der Welt. Doch wirklich reizvoll wird es erst dann, wenn die Erinnerung einsetzt und ihre Kapriolen dreht. Wenn man nicht einmal sicher sagen kann, was man eigentlich gesehen hat, ist es nahezu unmöglich, die Vergangenheit lückenlos und in richtiger Reihenfolge heraufzubeschwören. Das sind die wahren Gespenster, und die Vergangenheit ist das wirkliche Jenseits. Besessen von der Idee zurückzukehren, ging ich die Wege rückwärts. Sie wurden verbraucht und lange nicht mehr benutzt, denn eines muss man wissen: Alle Wege werden geteilt und nur die Anordnung aller Gassen, die man halbblind durchstieß, ergeben schließlich den eigenen Weg. Die meisten vergisst man und so lässt sich niemals auf das Ganze schließen.

Alles Geisterhafte ist mir von Anfang an vertraut. Kein Ort, an dem ich jemals war, der nicht von einem Spuk heimgesucht worden wäre, auch wenn ich längst und viele Jahre schon mein eigener Dämon bin. Doch es könnte sein, dass Geister auch mit der Jugend verschwinden; sie verschwinden vor allem dann, wenn man sie nicht mehr sucht, weil man ein Teil von ihnen geworden ist. Dadurch kehrt eine äußerliche Ruhe ein.

Im Gefüge herumkratzen. Es ist wie einen Körper betrachten. Es hat einen Grund, warum wir ausgerechnet diese Gestalt haben und keine andere. Wir sind immer und zu jeder Zeit, wer wir sein wollen. Und das Schöne ist: Nichts existiert wirklich, alles wird nur von Gedanken aufrecht erhalten, von unseren Beschreibungen und Erzählungen. Die aber wirken, weben also Welt.

Es ist schon wahr: ich wusste nie, wer ich war; vor allem deshalb nicht, weil jemand zu sein abhängst von einer Illusion, die man in anderen implementieren kann. Wir lernen also, jemand zu sein, indem wir jemand für andere sind. Doch das haben wir nicht in der Hand. Irgendwann konnte ich mir unter all den Modellen, die es von mir gab, das aussuchen, zu dem es mich am meisten hinzog. Doch es gab keines, mit dem ich mich identifizieren konnte. Mein eigenes Modell war dabei ebenso falsch wie das all jener, die sich große Mühe mit einem Abbild von mir gaben. Wir scheiterten alle.

Als ich noch zur Schule ging, wunderte ich mich bereits über die Welt, die daraus bestand, die Frage nach dem Alter zu beantworten. Wusste man das, war das Sternzeichen dran. Natürlich wäre es unsinnig anzunehmen, man bekäme als dreijähriger die Frage nach dem Jenseits gestellt. Kannst du dich daran erinnern, wie es war, bevor du geboren wurdest? Die Antwort wäre ohnehin nein gewesen, denke ich mir jetzt. Aber was wäre gewesen, wenn man sie mir damals gestellt hätte? Hätte ich etwas dazu sagen können? Weißt du, wo du dich befindest? Ich wusste nur, dass alles verschwimmt, wenn man es zu lange anstarrt. Ich wusste, dass ich wie in einem bierseligen Rausch umher lief, ohne wirklich besoffen zu sein. Ich träumte, wie ich lebte, da gab es keinen nennenswerten Unterschied. Ich lag im Bett, schloss die Augen und war immer noch draußen vor dem Haus. Die einzige Ausnahme war vielleicht, dass ich im Traum schwerelos war und herumfliegen konnte. Es war mir ein leichtes, über die Telefonleitungen zu hüpfen. Das ging soweit, dass ich bei Tag Angst bekam, wie ein Ballon aufzusteigen und nicht mehr nach unten zu kommen. Träumen oder Wachen waren tatsächlich dasselbe, aber wenigstens hatte ich bei Tag etwas Gewicht. Selbst wenn ich nur ein Kilo gewogen hätte, sagte ich mir, bliebe ich unten, denn ein Milchbeutel schwebt auch nicht einfach davon. Aber davon wollten die Leute nichts wissen, sie fragten mich nur, wie alt ich sei und warum mich meine Eltern nicht zum Friseur schleppten. Nun, es waren die 70er, da gab es keine Friseure.

Am stillen Klavier

Dieser Artikel ist Teil 22 von 36 der Reihe Gespenstersuite
Mir wäre nur eine Richtung gangbar, eine,
die davon führt, worüber wir jüngst sprachen.
Der Ausgangspunkt darf durchaus diese Kreuzung sein
mit ihren Irrtümern, ihrem Wagemut, sich
in ein Zentrum zu setzen, ihren falschen Wegweisern.

Es wird nicht alles von einer vagen Größe bestimmt,
nicht alles in eine dafür vorgesehene Kammer sortiert,
aber sollte es je so weit kommen, dürften die
Kadenzen auch an dieser Stelle messbar sein.
Der Ordnung halber rolle ich die Wege besser zusammen.

„Das nennt man den Ton studieren“, sagst du
und stehst an diesem stillen Klavier, das
stets auf deinen Fingern spielte, wenn nur genügend
Gäste gekommen waren, um mich etwas zu fragen,
das du dann beantworten musstest.

In all den Jahren ist mir die Zeit nicht so sehr
abhanden gekommen wie unter den Fittichen der tauben Frau.
Ihr prächtiges Kleid hatte sie sich nur geliehen,
aber die Reue in ihrem Gesicht gehörte ihr ganz.
Sie zog all ihre Schatten alleine groß.

Chac Mool

Dieser Artikel ist Teil 17 von 36 der Reihe Gespenstersuite

Aber ja, wir sind in die Köpfe eingedrungen, wir fanden die Klamotten Unserer Vorgänger unter den schwarzen Trauben, ihrer Kultur längst beraubt. Dennoch warten sie geduldig auf die Pflücker, die eines Tages fratzenhaft Aus dem Gebüsch schreiten, schief, aus Gründen eines Opfers für Chac Mool, Das erwartungsvoll in seiner besten Schale zu begaffen ist. Und sie harren dem Ende der Zeit. Und er Liegt und harrt dem Neubeginn. Die steinerne Finsternis verheißt ein Leben In Ewigkeit, in den Erinnerungen, in den unbedachten Gedanken, die Abschmieren wie ein Seifenkahn. Die gestiefelte Keramikschüssel, aller Dämpfe beraubt, allem Unglück ein Zeuge. Woher stammst du, Jungfernrebe? So wild schüttelst du deine Gifte und stolzierst rankend hinauf zu den Erschütterten Vulkanen, zu den Schakalen, die mich stolz bewachen.

Die so entstandenen Wyrmfelder erzeugen Räume, in die man Dinge stellen kann, die dann verschwinden, denn wo es 1 Ding gibt, muss es auch 1 Ding nicht geben, vorzugsweise dasselbe – Ding – die Taschen sind gepackt, von oben nach unten, unter dem Henkel die Adresse: Flatiron Building. Erstaunlich, wie sich die Wäsche in die Löcher faltet, aus denen Lorbeerstrünke (Kugeln Kegeln Säulen) ragen. Nun muss der Geist aus den Flaschen entlassen werden, auf Holzfasern verzichtet die Chronik an dieser Stelle, das Pochen wird substanzlos, der Takt aber bleibt. Ich selbst konnte nicht sehen, wo sich die Zeit verbarg (die erste Ernte wurde an Menschen verschenkt, die keine eigenen Felder besaßen). Gewitterwolken zogen vorbei und nahmen die Gäste mit, die in Reihe auf der Terrasse standen. Jetzt konnten die Gepäckstücke sich durchsetzen, ihre lange Nacht begann wie verabredet.

Aton

Dieser Artikel ist Teil 16 von 36 der Reihe Gespenstersuite

Ich muß durch alle dunklen Zeiten, meine Türen sind geschlossen und lassen den Wind nicht mehr herein. Die Türen sind geschlossen, ich verlasse mich durch das Fenster in den Hinterhof hinaus, darauf bedacht, dass niemand mir begegnet oder zumindest niemand mich jemals wiedererkennt. In den Gedichten steht der Grund, sich neue Masken zu schnitzen, steht der Grund, sie zu vernichten. Worte, die mehr mit mir gemeinsam haben als mein eigenes Fleisch. Ich koche daraus die Suppe einer Agonie und leite den Enthusiasmus von mir fort, von ihr und ihr fort, suche ein unbescholtenes Wesen, das mich trifft, ein magisches, wissendes Wesen, nur vergiftet durch eine Melancholie, der meinen ähnlich. Lass uns unser Gift zusammentun und im Todeskrampf erstarren. Ein ewiges Denkmal des letzten Ausdrucks.

Begegne mir in den streunenden Gassen. Wie der wilde Schatten geboren im Schwanenteich. Anrührend ein Lied, die Skulptur des Atempfahls. Ich bin das goldene Element strickaufwärts. Im Knoten verborgen. Im Rausch untertags. In der Nacht dandyblass, der Ermangelung des Lichts wegen blass, der Begierde, dem Stahl, dem steinweichen Kauen, dem Kauern und Balgen an sonnigen Ufern, geschehen in Zeiten des Sonnenbeweises: Du Aton, du Aton, du Aton, du Aton (reprise). Die Dächer der Höhlen schaust du an, sperrst auf wie ein küssender Mund aufsperrt Lächeln.

Mia Marple

Dieser Artikel ist Teil 15 von 36 der Reihe Gespenstersuite
1 Der Staub, nur die Uhr

Wenn im Fenster keine Katzen zu sehen sind, hat man
nichts als die falsche Zeit gewählt, hat man nichts
als einen umständlichen Weg zurückgelegt, die Bekanntheit
der Fassaden, kühl; die Gärten im Schlaf, die Dornen
ungefährlich bis zum nächsten Frühling. Da schleiche ich
mir hinterher und gehe mir auch vornweg. Ich kenne mich
nicht, aber ich habe mich schon einmal gesehen, als ich
in Farben taumelte, als Katzen in den Fenstern saßen,
als Lichter im Hintergrund einer Unendlichkeit schienen,
als noch Treppen in die Höhe führten; dort wähnte ich
mein Revier, meine Schritte ohne Echo. Dort wähnte ich
die Leinwand der Vergangenheit im Keller hängen, Nägel
verfinsterten die blanke Wand, in alten Schränken bleibt
nichts zurück; der Staub vielleicht, der nur die Uhr ersetzt. 

2 Stillstand, ich verlasse dich

Ich denke an die Traube, die du mir bist
dein Schatten kursiert hinter jedem meiner Lichter
dich will ich sehen in Gesichten, was geschieht hat einen Namen nicht
Stillstand, ich verlasse dich 
trunkene Stille, illusorische, mächtige, waghalsige, gefährdete 
was dich berührt, verdient dich
wieviel Zeit benötigt man, um einen Blick zu beschreiben?

3 Die Mälz

Dein glattes Kleid, sein Kleid so glatt,
unter dir die Wogen einer persönlichen Sintflut.
Dein Habitat verloren,
Reste einer imaginären Welt, einer mündlichen Keuschheit,
einer Restauration der Einsamkeit. In dir mag
tausendfach ein Sturm Getreide mälzen
und sich gegen Häute werfen, ein Abfluss fängt die Winde auf.

4 Wenn wir wollten

Wenn wir wollten, könnten wir ja noch einmal von diesem Flughafen trinken,
sagte sie. Ich sagte nichts. Sie nahm meine Hand, die eingeschlafen
in meinem Schritt verharrte, und führte mich auf das Gelände,
die Betonplatten im Gras. Nachdem wir ein Stück Erinnerung ausgepackt hatten,
teilten wir sie in zwei gleiche Teile. Wir sprachen.
Und dann tranken wir.

5 Mundtuch

Jetzt sind wir wieder beim Teich angelangt
und betrachten unsere Gesichter durch die Forellen schwimmen. Wenn du
hinein willst, gehst du hinein; wenn dir kalt wird,
schwimmst du zur Sonne. Deine Hülle ziert den Damm, eine starke Schnur
verbindet die Ufer - ich finde dich nicht mehr. Sag,
sind die Rosen angekommen? Ich nahm sie mit aus dem Garten,
dem sie Wächter waren, und nun - der Garten ohne sie -
verwandelt sich in Glas und Stein. Sag,
sind die Briefe angekommen? Schrieb sie auf Tische und Servietten
und hinterließ auch deinen Namen dort.

6 Die Zeiten falsch wählen

Die Nächte waren nicht wirklich Nächte, das Licht
hatte Lampen besetzt - nicht wirklich Lampen, aber Schattenwürfe
durch sie hervorgebracht, Silhouetten; und eine fing ich - deine war's.
Aber dann kamen die Zweifel, denn wie wärst du ohne Haken gewesen?
Ohne im Kummer zu verharren? Durchscheinend warst du nie. Wie
wärst du gewesen, wenn du mich nicht angesehen hättest? Wie
wärst du gewesen, wenn ich dich nicht entdeckt hätte? Die Bestürzung
wärt ewig, das heißt: bis heute. Und wenn heute alle Zeit ist,
dann ist das, was war, immerzu. Den Stoff, den du streichelst,
die Niederlage der Sinne. Meine Antwort an dich: ein Wimmern.
Die Handbewegung, der Kuchen, die Lippen, geöffnet, halb geöffnet,
die Zunge: ein Spiel um Welten. Ein Spiel aber nicht, was ich entdecke,
ein Spiel aber nicht, was vor uns lag. Im Kummer verharren, weil man ihn kennt.
Die Namen falsch sprechen, die Zeiten falsch wählen.

7 Weiter Winkel

Was geschieht, wenn ich dich kenne? Was, wenn ich überhaupt nicht weiß,
wer du bist? Deine Unruhe als Teil meiner Wahrnehmung. Ungezügelt 
das Laster der Empfindungslosigkeit. und ich sage dir: Das ist nicht die Welt,
die es kleinzureden gilt. Es war nicht viel, es waren kaum Stunden. Der
Donner brachte die Nacht, ich habe bewiesen, dass alles ohne Beweis ist.
Ich zersetze - eins, zwei - die Moleküle ihrer winkenden Hand, als gäbe
es mir das Recht, sie anzusehen, weiter Winkel; nichts wird sich je verändern, 
alles bleibt.

8 Verlässlich haben wir uns nie gekannt

Es ist nicht die Dauer, es ist der Sand. Und es ist nicht die Begegnung,
sondern ihr Ende. Es ist das, was bleibt, und sei es nichts. Es ist
das Angleichen der Tür, denn sie schließt gegenwärtig anders; es ist
die stehengelassene Tasse, die nie mehr benutzt werden kann. Setzt sie Staub an
ist es nicht die Dauer, es ist der Sand. Schafft man sie beiseite, bleibt sie dort,
nie wird sie wieder diese Tasse sein, unbedeutend, auf etwas verweisend,
das nie geschehen ist. Kein Tag geht je vorbei. Es stauen sich die Augenblicke,
stapeln sich, ohne sich je zu berühren. Es sieht nur so aus,
als wären sie aus Sand, angespültes Gelingen, Misslingen - kein Schiff
wird kommen, kein Tun wird Tatkraft werden, kein Vorhang hält uns davon ab,
die Gespräche zu vergessen, die nutzlosen Worte zu erinnern und zu vergessen.
Verlässlich haben wir uns nie gekannt.

Das kosmische Konzept der Aufzeichnung

Dieser Artikel ist Teil 11 von 36 der Reihe Gespenstersuite

Es gibt vermutlich nicht viele Dichter, die behaupten, bei ihrer Zeugung anwesend gewesen zu sein. Das ist keine Aussage, die man bewusst und ohne den Willen, das Publikum an der Nase herumzuführen, tätigen sollte. Es gibt aber einen Grund, warum man es dann eben doch tun sollte: den der Mystifikation. Mir vorzustellen, Ende August in einem Hotel in Düsseldorf in die Planungsphase des Lebens einzutreten, hatte stets etwas von einer Legendenbildung, obwohl es meiner gesicherten Wahrheit entspricht. Mir vorzustellen, wie meine Mutter aus dem Fichtelgebirge (sie muss in Selb in den Zug gestiegen sein) an einem Freitagabend hinauf zu meinem baldigen Vater fährt, der dort als Maschinenschlosser arbeitet, um ein romantisches Wochenende mit ihm zu verbringen, gelingt mir nur durch die Inanspruchnahme meines eigenen Verzehrens. Dieser Tag ist mir um vieles mehr wert als mein Geburtstag (insofern man sich selbst in Ehren hält), denn mein Schicksal zog seine Kreise und konnte (in meiner Vorstellung) noch gar nicht festgelegt sein. Wie viele Seelen mochten um den Körper meiner Mutter gerungen haben? Oder gab es gar kein Ringen und ich stand bereits als Sieger fest? Ich glaube, wir alle gestalten uns aus Träumen heraus, den guten und den schlechten. Objektiv gesehen gibt es keine Ewigkeit, sehr wohl aber spreche ich von Zuständen, die eine Art Stillstand erfahren. Es bedarf einer künftigen Wissenschaft, um zu erfahren, aus was sie bestehen. Wenn wir unsere Konserven nutzen, mit Film, Ton und Schrift, die wir zu archivieren suchen, dann bedienen wir uns im Kleinen eines kosmischen Konzepts der Aufzeichnung.

Auf der Stelle

Dieser Artikel ist Teil 10 von 36 der Reihe Gespenstersuite
Ich blättere in der Erinnerung wie in einem Bilderbuch,
Halte inne und gefriere ein, was gar nicht
Zittert. Wenn es ein gefallener Knopf ist, führt er
Mich zu einem Laden, den ich mir im Herbst eröffne.

Meist ist es jedoch ein Geruch. Den kann ich schwer nur
Über sämtliche Stufen schleppen, der hat so ein Gewicht.
Es sind finstere Wege, die Leinwand völlig unbeleuchtet,
Auf ein Signal bewegt sich alles weiter auf der Stelle.

Niemand weiß, wann er bereits so tief in der Falle sitzt,
Dass ihm der Raum aus diesem Schelmenstreich
Genommen wird. Ohne diese Bühne sind weitere
Bewegungen nicht möglich, sie können auch nicht in der

Dunkelheit ausgeführt werden, wo sie ohnehin niemand sieht.
Die Rettung offenbart sich in Form einer Tür. Eingebildet
Oder nicht, wird sie in jedem Vorhang sichtbar, der auch
Als extravagantes Kleidungsstück verwendet werden kann. Wie

Man ihn richtig bindet, spielt dabei keine Rolle, nur die Farbe
Irritiert gewöhnlich etwas, weil sie nicht eindeutig zu bestimmen ist.
Die Lippen festigen sich kaum um ein lose hängendes Wort der
Erlösung. Sehenden Auges öffnet sich die Welt oder ein Theater.

Castrum Montsegur

Dieser Artikel ist Teil 23 von 36 der Reihe Gespenstersuite

In dieser Nacht wird sie das Leben verlassen, es wird ihnen aus den Höhlen gerissen, die unter ihren Gärten lagen.

Der Teer des Harzbaumes, die Pechtröge der Hölle entsprangen hier. Aufgrund der wenigen Zeit, die den Verteidigern zur Verfügung stand, war es noch stark terpentinhaltig und somit dünnflüssig, auch ging das Brennholz zur Neige. Man schaffte bereits die Linnenkleidung heran, zunächst das, was man nicht am Leibe trug. Als aller Brennstoff verbraucht war, legte man schließlich Hand an sich und rieb, da man nun nackt zu kämpfen bereit war, die Muskeln aber in der Kälte nicht starr werden durften, den Körper mit dem nicht mehr wehrfähigen, bereits in den Gießpfannen angetrockneten Resten des Pechs ein. Auch deshalb ging das Gerücht durch die Jahrhunderte, die Mohren hätten den Heiligen Gral entführt. Wahr ist hingegen, dass er an diesem denkwürdigen Tag, dem 16. März 1244, das Castrum Montsegur verließ und nie mehr gefunden werden konnte. Sechs von pechschwarzer Gestalt wagten sich hinaus in die Mördergrube aus Piken, Schwertern, Rammböcken, den Katapulten der königlichen Armee, entkamen ungesehen, weil die Nacht sie als die ihren erkannte, ihnen anbot, von nun an Schatten zu sein, aber Schatten bleiben zu müssen. Tief ins Blut taucht ein Zahn, betrinkt sich, gerinnt Blut im Castrum Montsegur. Aus dem Burggraben kriecht ein schwarzes Reptil, nimmt die legendäre Schale für immer in seinen Magen, während die Katharer auf dem Feld des Vorgebirges brennen. Und die Sonne verdunkelt sich und auch die Nebel werden schwarz. Die Register der Orgelpfeifen werden später erfunden und später verstummen. Das Blut hat die Möglichkeit genutzt, sich mit dem edelsten der Metalle zu verbinden und ein neues Element sickert durchs Geröll, der Reptilienhain verschwindet geschützt vom Aschefall. Nur wenige Gewänder blähen sich auf und stoßen gegen den Wind. Kein Körper ziert die Nahten, die im Hitzewall zerschmelzen. Die Vortex-Reise hat begonnen.

Die Geschwindigkeit einer Kutsche

Dieser Artikel ist Teil 12 von 36 der Reihe Gespenstersuite

Was von uns bleibt, ist der Irrtum unserer Sinne. Wir können nur durch Sprache sehen, erkennen aber werden wir nie etwas über den Moment hinaus.

Es ist noch gar nicht so lange her, da zürnten Kutschenräder durch den Dreck und die Reisegeschwindigkeit bewegte sich mit dem Puls der Pferde. Sie genügte, um die Erscheinungen hinter den Bäumen erkennen zu können, die während eines flotten Marsches per pedes gar nicht wahrzunehmen sind, weil sie sich immer im toten Winkel des Läufers befinden. Bei unnatürlich schneller Fahrt ist hingegen jegliche Wahrnehmung gestört und es gibt schlicht keine aufzudeckenden Geister. Die Geschwindigkeit einer Kutsche aber deckt sie auf, sie ist das natürliche Tempo überland, und wir wissen, dass wir nicht da sind, wo wir sein sollten.

Zweifellos ruiniert uns die Vergangenheit mit ihren altmodischen Kleidern. Die Formen verabschieden sich und kehren in Symbolen wieder. Wer hätte nicht sein Augen ein zweites Mal gesehen, wenn die Sonne schläfrig in die Felder taucht und sich ein Gewölbe darüber spannt?

Erdmale

Dieser Artikel ist Teil 20 von 36 der Reihe Gespenstersuite

für Friederike Mayröcker

So bleibt die Himmelsrichtung sichtbar. Eine Straße, die sich einen Zenit leistet, oder schiebt Gondeln westwärts ins Tal, wo wir lange nicht waren. Sollte es je geschehen, dass wir darüber denken, gibt es nur den Zugang von unten. Haus, in dem wir nachtlagen, aufgesuchte Räume vergaßen, Erde betrachtend einschliefen; Haus, in dem wir Kinder glaubten und Sensationen postschickten. Klingelzeichen überlebten Stromausfall, standen – gepudertes Gesicht – da oder verlangten Einlass von uns allen. Wir warteten, zogen dann ein in den Motorraum, der Wärme vergänglich wegen der Reise ungewiss der Kolbenbewegung Unterhaltung auf dem schmierigen Grund. Niemand, der die verätzten Erdmale aufhob aber ich kann dir nur drei geben, Rest unbekannt.