Baumdaimon

Im Traum sah er alle toten Menschen aufgestapelt über den Horizont der Erdscheibe schwappen und wie ausgebeinte Rinderhälften in den abyssalen Rinnstein rutschen. Ihre Ausdünstungen verwesten die Luft, die sich in seine Lungen verirrte und seinen Körper lähmte. Sein Atem gerann und zerfiel in tausend Stücke, die sich von ihm fortbewegten. Die Bäume schwiegen. Er hörte keine Vögel und spürte keinen Wind. Dann aber betraten fünf Tänzer die Lichtung, auf der er stand, Engel in ihrer verkommenen Reinheit, die sich betrunken und wie von Sinnen bewegten. Ein schwarzgekleideter, dürrer Mann mit Borkengesicht näherte sich langsam von links. In seinen Augen waren ›Rote Kobolde‹ gefangen und taxierten die Umgebung. Er beugte sich nach vorne und spuckte aus, traf einen langgestreckten Käfer, der sich zum Trocknen auf den Rücken wälzte. Lange betrachtete (Richard) die ominösen Seraphim und dann die Gestalt, die ihren Zeigefinger in die Luft streckte. Sofort begann dieser, sich in einen Ast zu verwandeln, dessen knorriges Ende Zweige auffächern ließ, die sich mit einem nahegelegenen Baum verbanden.
»Du bist eine gespaltene Person und bereicherst dich an der Grauzone, deren Ausmaße du nicht erahnst!«, sagte der Mannbaum. Dann drehte er sich um und ging geradewegs auf die tanzenden Engel zu, deren Enstase sich ins Unermessliche gesteigert hatte. Der Schaum vor ihrem Mund verklebte ihre Münder und ihre Augen waren unkenntliche weiße Schemen, worin die Pupillen in Intervallen zuckten. Die männlichen Tänzer hatten eine Erektion, während die weiblichen Engel rhythmisch ihr Geschlecht massierten.
Die schwarze Gestalt blieb direkt vor ihnen stehen, wartete, bis ein weiblicher Engel grunzend herangestolpert kam, und griff mit dem freien Arm, der sich sofort in einen Ast verwandelte, zu. Augenblicklich verfing sich der anvisierte Engel darin. Der schwarze Mann zog den weiblichen Engel aus dem Kreis der Tänzer, woraufhin diese wie vom Blitz getroffen zu Boden gingen. Er präsentierte ihn mit den Worten: »Sie ist der Schlüssel zu einem Gedanken!«
Der nackte Engel lag benommen im Moos und gurgelte und rollte abgehackte Wörter, die sich in abgestandenen Wein verwandelten, in seinem Rachen, der Schaum verschwand, die Augen drehten sich nach innen, die Geisterstunde war vorbei.
»Ich kam hier her, um mit den Bäumen zu reden, stattdessen fand ich dich«, sagte (Richard) und verschwand hinter einem Vorhang, den er sich ebenfalls nur einbildete.

(Dieses Fragment  befand sich im Original in “Seelen am Ufer des Acheron”, wurde dann für die Sandsteinburg umgeschrieben und jetzt wieder herausgenommen. Das liegt hauptsächlich daran, dass trotz Umgestaltung immer merklich blieb, dass hier eine andere Zutat Gültigkeit hatte, die sich nicht einfügen wollte. Zudem glaube ich, dass es mir möglich ist, den “Acheron” eines Tages selbst in ein – für mich – ordentliches Maß zu bringen, was für ein Werk, das ich im Kindesalter schrieb, eine gehörige Willenskraft bedeutet.)