Carlos Fuentes: Unheimliche Gesellschaft

Als einer der grundlegenden Autoren des “Booms” hat der Mexikaner Carlos Fuentes in seinen wichtigsten Romanen – “Nichts als das Leben” (1962), “Terra Nostra” (1975), “Die Jahre mit Laura Diaz” (1999) u.a. – eine interessante Reflexion über die kulturelle Vielfalt und Geschichte seines Landes angestellt. Gleichzeitig hat Fuentes, wie jeder Autor von Rang, mit Erzählungen wie jenen, die in seinem ersten Buch “Verhüllte Tage” (1954) dargeboten werden, den Kurzromanen “Aura” (1962) und “Das gläserne Siegel” (2001), die Phantastik in seine Erzählungen einfließen lassen.

Fischer verlag

In diesem Sinne ist “Unheimliche Gesellschaft” (2004) eine Sammlung von Rätsel- und Horrorgeschichten, ein Band mit sechs Geschichten und einer Schlüsselfrage: “Ist Leben diese kurze Spanne, dieses Nichts zwischen Wiege und Grab?”

Das Ergebnis spaltete die Kritiker in jene, die sagen, die Sammlung sei nicht mehr als “ein Haufen mittelmäßiger Geschichten” (vornehmlich aus dem Schubladenlager des bürgerlichen Realismus), und jene, die sie als Beispiel für technisches Können, poetisches Staunen und nicht immer gelinden Horror sehen, und das – mit Verlaub – sollten alle sein, die zumindest ein kleines bisschen im Bilde sind.

Die sechs Geschichten in diesem Buch gehen von alltäglichen Situationen aus, um ins Unwirkliche zu führen, aber nicht in der Art der Phantastik von Jorge Luis Borges und Julio Cortázar, sondern durch die Aktualisierung der alten Tradition der Schauergeschichte mit seinen Villen, Gespenstern und düsteren Geheimnissen.

Hier kehrt Alejandro de la Guardia – ein in Europa lebender Mexikaner – in seine Heimat zurück, um das alte und große Familienhaus seiner Tanten María Serena und María Zenaida zu erben. Es sind so seltsame alte Frauen, so weit entfernt von der heutigen Welt, dass Alejandro sie für zwei Gespenster hält. Sehr spät entdeckt er, dass die alten Frauen echt sind, dass aber etwas anderes ganz und gar nicht stimmt.

Diese Geschichte – die den Erzählungen von Poe und Lovecraft nahe kommt – wird von Fuentes unter Beachtung der Regeln des Genres erzählt (in einem dunklen Ton, wobei er Elemente in der Zweideutigkeit belässt und das Innere des Hauses detailliert beschreibt), aber er fügt ihnen einige der Themen seiner “anderen” Erzählungen hinzu: die Übel der mexikanischen Bourgeoisie (Besitzer großer Villen), die Mischung aus Katholizismus und vorspanischem Glauben in der Volksreligiosität seines Landes, die rassistischen und sexuellen Vorurteile.

In der Geschichte “Die Katze meiner Mutter“, dreht sich das Spiel um die Verachtung einer alten Dame für ihre Haushälterin (die in Mexiko abfällig “gatas” – also Katzen – genannt werden, die indigene Guadalupe). Die Geschichte endet mit der Rache der Reinkarnation einer Hexe, die Jahrhunderte zuvor geopfert wurde.

Fuentes geht über das Altbackene und Immergleiche hinaus, indem er der klassischen angelsächsischen Gotik seine zeitgenössische und lateinamerikanische Version und einen didaktischen Hintergrund verpasst.

In der Geschichte “Calixta Brand” vollzieht ein Mann, der die intellektuelle Überlegenheit seiner Frau nicht ertragen kann, sobald sie im Rollstuhl sitzt und sich nicht mehr bewegen kann, einige erniedrigende sexuelle Praktiken. Sie wird schließlich von einem jungen Mann arabischer Herkunft gerettet, der sich als Engel entpuppt.

Das Herzstück dieser Sammlung ist jedoch “Vlad“, das zwar Teil dieser Sammlung ist, aber noch einmal als eigenständige Veröffentlichung kurz vor Fuentes Tod erschienen ist (2010). Wie unschwer am Titel zu erkennen ist, handelt es sich hierbei um eine Neuerzählung der Geschichte des Grafen Dracula, die in Mexiko-Stadt spielt. Die Metafiktionalisierung ist durch viele Details klar umrissen (Knoblauch, zugemauerte Fenster usw.) und beinhaltet auch die unschuldigen Figuren, die der Graf schließlich beherrscht. Sogar das Zitat “Ich trinke niemals … Wein” fehlt nicht.

Stephen King Re-Read: Carrie

Willkommen zu Stephen Kings Carrie, der Nachbesprechung des Romans von 1974, der allerdings erst 1977 in deutscher Übersetzung bei Schneekluth erschien. Das ist gleichzeitig der erste Teil einer Beschäftigung mit dem Stephen-King-Multiversum. Im Laufe der Zeit werden so die tragenden Teile eines einzigartigen und gigantischen Lebenswerks offenbar werden.

Der Archetpy

Vielleicht mag man sich fragen, was an Stephen Kings Erstlingswerk Carrie so besonders sein könnte, dass es überhaupt zu seinem Erstling werden konnte. Der Großteil der Legende liegt in der Tatsache begründet, dass dieser Roman bereits Kings vierter war, den er an Verlage geschickt hatte. (Bei den ersten drei Büchern handelt es sich um Amok, Todesmarsch und Qual, die alle in späteren Jahren unter dem Pseudonym Richard Bachmann veröffentlicht wurden). Gerne wird auch die Geschichte erzählt, dass King den einzigen Entwurf in die Mülltonne warf, bis ihn seine Frau davon überzeugen konnte, ihn doch bitte wieder herauszuholen und ihn fertigzustellen. Tatsächlich hatte er nicht nur das Manuskript in den Papierkorb geworfen, er wollte das Schreiben überhaupt an den Nagel hängen. King konnte einfach nicht glauben, dass eine Geschichte über ein dünnes blasses Mädchen mit Menstruationsproblemen die Leute interessieren könnte. Das wäre auch sicherlich die richtige Einschätzung gewesen, aber Carrie passte völlig zum damaligen Zeitgeist. Der Roman erschien etwa zur gleichen Zeit wie Rosemary’s Baby und Der Exorzist, und in den Kinos lief Wenn die Gondeln Trauer tragen und The Wicker Man. Es war die Zeit, in der sich die Leute mehr für die seltsame, paranormale Seite der menschlichen Existenz zu interessieren begannen und nichts mehr mit Gespenstern und Spuk anfangen konnten.

Was sie wohl nicht wussten, ist die Tatsache, dass es sich hier um ein archetypisches Motiv handelt, das uns durch Märchen transportiert wird. Unsere Romane wimmeln davon, ob sie nun als Horror empfunden werden oder nicht. Carrie erinnert an Elemente aus Aschenputtel und Rapunzel. Darauf wies zuerst der Professor für Orientalistik und klassische Studien Alex E. Alexander im Jahre 1979 in seinem Essay “Stephen King’s Carrie – A Universal Fairy Tale hin”. Er zitiert dort Schiller mit den Worten:

Tiefere Bedeutung liegt in den Märchen meiner Kinderjahre als in der Wahrheit, die das Leben lehrt.

Das Stephen-King-Phänomen

Wohin hätte es den arbeitslosen Englischlehrer gebracht, der Nachts in einer Industriewäscherei arbeitete und zusammen mit seiner Frau und zwei Kleinkindern in einem Wohnwagen hauste, wenn nicht so etwas wie ein Wunder geschehen wäre? Diese Frage wird er uns in Shining beantworten, aber noch war es nicht so weit. Dass King quasi im Alleingang ein völlig neues Marktsegment schuf, das in dieser Zeit mit Bloch, Matheson und Bradbury vor sich hin dümpelte, konnte zu diesem Zeitpunkt niemand ahnen. Es klingt noch heute regelrecht absurd.

Manchmal jedoch reihen sich die Dinge so aneinander, dass man gemeinhin vom Zufall spricht. Dem jungen Bill Thompson, Redakteur bei Doubleday, gefiel das, was er da las und er setzte sich massiv dafür ein, das Buch zu verlegen. Vorher lag bereits Amok auf seinem Schreibtisch, das er mit sanften Worten ablehnte. Aber auch für Menschenjagd und Sprengstoff sah Thompson zu diesem Zeitpunkt bei Doubleday keine Möglichkeit der Veröffentlichung. Für Carrie aber kämpfte er innerhalb des Verlagshauses, die für einen Anfänger nicht mehr als 5000 verkaufte Exemplare erwarteten.

Carrie erschien am 5. April 1974 dann aber in einer Auflage von 30 000 Exemplaren. Davon wurden 13 000 verkauft, was dann doch recht beachtlich war. Das Buch gesellte sich schnell zu den verbotenen Büchern der Vereinigten Staaten. Gerade an den Schulen war man aufgrund von Carries Gewalt, den Flüchen, dem Sex unter Minderjährigen und der negativen Sicht auf die Religion in eine Art Schockstarre verfallen. Viel Werbung machte Doubleday nicht, sie schämten sich wohl insgeheim für das, was sie da angerichtet hatten, aber die Mund-zu-Mund-Propaganda machte die mangelnde Werbung mehr als wett. Dadurch wurde die New American Library hellhörig und sicherte sich die Taschenbuch-Rechte für 400 000 Dollar, belächelt von Doubleday, die Stephen King nie so richtig ernst nahmen. Das war damals ein Rekordbetrag und wird auch heute kaum erreicht. Irgendwas musste den Lektoren der NAL gesagt haben, dass sie auf einer Goldgrube saßen, und so kam es dann tatsächlich auch. Das Buch ging zu Beginn in mehreren Auflagen rund zweieinhalb Millionen Mal über den Ladentisch der USA und der Chicago Tribune brachte zum ersten Mal die Frage nach dem King-Phänomen zur Sprache. King bekam die Hälfte des Geldes und hatte seine finanziell gravierenden Nöte von da an tatsächlich ausgestanden.

Carrie

Das Buch erzählt die Geschichte der Carietta White aus der Carlin Street in der fiktiven Stadt Chamberlain, Maine. King hatte zu Beginn noch nicht zu seinem ikonischen Derry oder Castle Rock gefunden. Das Buch spielt in der damaligen Zukunft von 1979, die Veröffentlichung des Buches “Ich heiße Susan Snell” von Susam Snell, das in Auszügen in den Roman eingewebt wurde, ist sogar auf 1986 datiert.

“Sie war ein dickliches Mädchen mit Pickeln an Hals, Rücken und Gesäß; ihr nasses Haar war vollkommen farblos.”

Wie in den meisten Volkskulturen wird die Initiation durch den Erwerb besonderer Weisheit oder Kräfte gekennzeichnet. King setzt Carries sexuelle Blüte mit der Reifung ihrer telekinetischen Fähigkeiten gleich. Sowohl verflucht als auch mit rechtschaffenem Zorn ausgestattet, wird sie gleichzeitig Opfer und Monster, Hexe und Weißer Engel der Zerstörung. Wie King erklärt hat, ist Carrie “eine Frau, die zum ersten Mal ihre Kräfte spürt und, wie Samson, am Ende des Buches die Trümmer des Tempels auf alle, die in Sichtweite sind, herunterregnen lässt”.

Carrie ist eine Parabel auf die Adoleszenz. Die siebzehnjährige Carrie White ist ein einsames, hässliches Entlein, misshandelt zu Hause und gedemütigt in der Schule. Ihre Mutter, eine religiöse Fanatikerin, bringt Carrie mit ihrer eigenen “Sünde” in Verbindung; Carries Altersgenossen hassen sie geistlos und machen sie zur Zielscheibe ihres Spotts. Bei Carrie geht es um die Schrecken der High School, einem Ort des “bodenlosen Konservatismus und der Bigotterie”, wie King erklärt, wo es den Schülern “nicht mehr erlaubt ist, sich über ihren Stand zu erheben als einem Hindu” über die Kaste. Der Roman handelt auch von den Schrecken des Übergangs zur Weiblichkeit. In der Eröffnungsszene erlebt Carrie im Duschraum der Schule ihre erste Menstruation; ihre Altersgenossinnen reagieren mit Abscheu und Spott, bewerfen sie mit Damenbinden und schreien: “Stopf es zu!” Carrie wird zum Sündenbock der Angst vor der weiblichen Sexualität, die sich am Geruch und Anblick von Blut äußert. (Das Blutbad und die Opfersymbolik werden auf dem Höhepunkt des Romans wiederkehren). Als Sühne für ihre Teilnahme an Carries Demütigung in der Dusche überredet Susan Snell ihren beliebten Freund Tommy Ross, Carrie zum Abschlussball einzuladen. Carries Konflikt mit ihrer Mutter, die ihre aufstrebende Weiblichkeit mit Abscheu betrachtet, wird von einer neuen Verschwörung der Mädchen gegen sie begleitet, angeführt von der reichen und verwöhnten Chris Hargenson. Ihre Clique arrangiert, dass Tommy und Carrie zum König und zur Königin des Balls gewählt werden, nur um sie mit Eimern voller Schweineblut zu übergießen. Carrie rächt diese Taufe telekinetisch, zerstört die Schule und die Stadt und lässt Susan Snell als eine der wenigen Überlebende zurück.

Der Schwarze Mann

Es bietet sich an, bei jeder King-Lesung nach den gemeinsamen stilistischen Details und den wiederkehrenden Bildern in seinen Romanen zu suchen. Carrie ist natürlich interessant, weil es Kings erste Veröffentlichung war und ein paar Techniken enthält, die er im Laufe seiner Karriere ausbauen sollte. Da wäre zum Beispiel der innere Monolog. King hat die Angewohnheit, die Gedanken seiner Charaktere durch Klammer-Einschübe oder Kursiva in den Haupttext einzubringen (Sehen Sie, was ich getan habe?). Das ist eine effektive und elegante Methode, um das platte “Sie dachte” zu umgehen. Bis zum Ende des Romans dominiert das Stilmittel des inneren Monologs sogar über den Erzähltext, auch wenn King diese Technik erst in den folgenden Arbeiten verfeinern und eleganter präsentieren sollte.

Carrie enthält bereits deutlich jene kingspezifischen Themen, die er später noch einmal durchdenken und dann mit noch größerer Wirkung aufbieten wird. Zum Beispiel Carries Gespräche mit ihrer Mutter – es sind die gleichen Stimmen, die in späteren Romanen wie Misery, Dolores oder Der dunkle Turm wieder auftauchen werden.

Die Inspiration

Während die meisten von uns mit der Geschichte nur allzu vertraut sind, wissen nicht viele, welche Inspiration tatsächlich dahinter steckt. King, der das Manuskript 1973 schrieb (an einem provisorischen Schreibtisch in der Wäscherei), modellierte Carrie White nach zwei Mädchen, an die er sich aus der Grundschule erinnerte.

Jahre später sagte Stephen King:

“Eine war besonders auffällig, weil sie jeden Tag die gleiche Kleidung in der Schule trug und von Klassenkameraden verspottet wurde. Ich erinnere mich noch gut an den Tag, an dem sie unerwartet mit einem neuen Outfit in die Schule kam, das sie sich selbst gekauft hatte… sie hatte den schwarzen Rock und die weiße Bluse – also alles, womit man sie je gesehen hatte – gegen eine knallbunte karierte Bluse mit Puffärmeln und einen damals modischen Rock getauscht. Und alle machten sich noch schlimmer über sie lustig, weil sie niemand sehen wollten, der sein Aussehen veränderte”.

Das andere Mädchen, eine introvertierte Epileptikerin, hatte eine fundamentalistische Mutter, die ein riesiges Kruzifix an der Wohnzimmerwand hängen hatte, ein Bild, das direkt in den Roman wanderte.

Der Rest der Handlung ergab sich, als King sich an einen Artikel erinnerte, den er in der Zeitschrift Life gelesen hatte und der andeutete, dass einige junge Leute, insbesondere heranwachsende Mädchen, telekinetische Kräfte besitzen könnten.

Als King anfing, die Seiten zu schreiben, waren beide Mädchen nicht mehr da: die eine von einem Anfall hingerafft, die andere hatte sich nach einer Wochenbettdepression erschossen. Die tragischen Schicksale seiner ehemaligen Klassenkameraden und die skrupellose Art, wie sie behandelt wurden, machten das Schreiben von Carrie gelinde gesagt schwierig. “Sehr selten in meiner Karriere habe ich ein geschmackloseres Gebiet erkundet”, sagte King über die Konfrontation mit den Geistern seiner Vergangenheit.

Links:

“Mein Name ist Susan Snell”

Die 5 seltsamsten Bücher der Welt

Bücher sind heute hauptsächlich reine Nutzgegenstände. Bibliophile Menschen gibt es nur noch wenige, vor allem, weil man sich “echte” Bücher kaum leisten kann. Zwar bezeichnen sich viele Sammler nach wie vor als bibliophil, sie sind es aber nicht, sie horten im Grunde eben nur “Nutzgegenstände”. Die Kunst, Bücher herzustellen ist dennoch nicht ganz verschwunden, aber hier geht es eben nicht um das, was den modernen Leser ausmacht. Unweigerlich kommt neben der Seltenheit eines kostbaren Exemplars irgendwann die Frage auf – so man sie denn stellen mag – was denn die merkwürdigsten Bücher sind, die jemals hergestellt wurden. Und erst dann befinden wir uns im Gefilde der Bibliophilie. Selbstverständlich gibt es eine Menge bizarrer Bücher, gerade im Bereich des Okkulten. Die aber sind nicht wirklich rätselhaft, auch wenn sich vieles darin dem Verständnis entzieht. Ich habe einmal 5 Bücher aufgelistet, über die man sich tatsächlich den Kopf zerbricht.

Das Voynich-Manuskript

Von diesem Buch hat jeder Buchliebhaber schon einmal gehört. Es lässt sich auf das 15. Jahrhundert datieren und hat – den Bildern nach zu urteilen – einen botanischen Hintergrund. Allerdings sind die Tuschezeichnungen und abgebildeten Pflanzen völlig unbekannter Herkunft. Begleitet werden die Bildtafeln von einem nicht entzifferbaren Text. Es gibt viele astronomische und astrologische Karten sowie zahlreiche weibliche Akte, die mit geschwollenen Bäuchen und verbunden mit Röhren und Kapseln möglicherweise auf einen seltsamen Fortpflanzungsritus anspielen. Ebenfalls vertreten sind viele Zeichnungen einer großen Vielfalt an Pflanzen, Kräutern und Wurzeln in verschiedenen Gefäßen.  Aber nichts davon entspricht einer irdischen Pflanze.

Es bleibt nicht aus, dass die Spekulationen über dieses unbegreifliche Buch ins Bodenlose sprießen. Manche behaupten, es sei ein Medizinbuch aus einer weit entfernten Galaxie. Oder das Notizbuch einer Hexe. Eine ganze Heeraschar an Sprachforschern beschäftigen sich mit diesem Phänomen, konnten aber die Sprache bis heute nicht entziffern.

Benannt ist das Buch nach dem Antiquar Wilfrid M. Voynich, der es 1912 kaufte. Zuvor hatte das Manuskript einen recht illustren Kreis an Besitzern, zu dem auch Alchemisten und der deutsche Kaiser Rudolf II. aus dem 16. Jahrhundert gehörten, der es für das Werk des englischen Philosophen Roger Bacon hielt.

Codex Seraphinianus

Die Ursprünge des 360 Seiten umfassenden Codex Seraphinianus sind nicht allzu mysteriös, sein Inhalt hingegen schon. Das Buch wurde ursprünglich 1981 veröffentlicht und ist im Wesentlichen die illustrierte Enzyklopädie einer imaginären Welt. Es wurde von dem italienischen Künstler und Designer Luigi Serafini geschaffen, der sagte, er wolle das Gefühl nachempfinden, das er als kleines Kind hatte, bevor er überhaupt lesen konnte, und wie es für ihn war, das erste Mal eine Enzyklopädie zu öffnen. Alle Bilder und Diagramme sahen für den kleinen Jungen sehr geheimnisvoll aus.

In einem Vortrag an der Universität Oxford im Jahr 2009 behauptete Serafini, dass der Text des Buches, den er in einer Art “automatischem Schreiben” verfasst hatte, keine wirkliche Bedeutung habe. Natürlich könnte man denken, dass das Universum (oder ja nach Wahl eine Gottheit) durch Serafini sprach, auch wenn das gar nicht seine Absicht war.

Der Codex zeigt surreale Pflanzen, Tiere, Nahrungsmittel, Maschinen und menschliche Praktiken, aber alles ist merkwürdig verfremdet und dem Traum näher als der Welt, die wir glauben zu kennen.

Codex Rohonczi

Wir wissen nicht viel über den 448-seitigen Codex Rohonczi. Dieses illustrierte Manuskript tauchte im 19. Jahrhundert in Ungarn auf und hat die Menschen seitdem verblüfft. Wir wissen nicht, wer ihn verfasst hat, wo er entstanden ist oder was darin steht, da der Text in einem mysteriösen Alphabet mit fast 200 Symbolen geschrieben ist.

Die Illustrationen in dem Buch reichen von militärischen Schlachten bis hin zu religiöser Symbolik, die an das Christentum, den Islam und möglicherweise sogar an den Hinduismus erinnern.

Die möglichen Ursprünge des Manuskripts wurden in Indien, Sumerien oder dem alten Ungarn gesucht. Aber bevor nicht jemand den Code geknackt hat, werden wir es nicht wirklich wissen. Wer möchte, kann sich gerne selbst daran versuchen, denn er ist in seiner Gesamtheit online einzusehen.

Die Smithfield-Dekrete

Diese vom Papst Gregor IX. im 13. Jahrhundert in Auftrag gegebene Sammlung des kanonischen Rechts könnte für die damalige Zeit ziemlich verbreitet und wahrscheinlich ziemlich langweilig gewesen sein. Stattdessen brachten die bizarren Illustrationen, die es in diesem Buch zu finden gibt, dieser Handschrift einen mystischen Status ein.

Das Buch enthält viele Szenen mit mörderischen Riesenkaninchen, einem mittelalterlichen Yoda, Bären, die gegen Einhörner kämpfen, sowie seltsame menschliche und tierische Praktiken. Vielleicht hatten die Mönche, die diese Bilder zeichneten, etwas in ihrem Wasser, denn viele dieser Zeichnungen erinnern an den schwarzen Humor von Monty Python.

Das Buch der Soyga

Entdeckt wurde das Buch zunächst von dem elisabethanischen Mathematiker und Okkultisten John Dee. Tatsächlich ist es das einzige Buch auf unserer Liste, das zu den sogenannten Zauberbüchern des 16. Jahrhunderts gehört. Jahrhundertelang war es verschollen, bis es 1994 von einem Gelehrten in den Archiven der British Library wiederentdeckt wurde.

Die fast 200 Seiten dieses Buches enthalten Beschwörungsformeln und Anweisungen zur Beschwörung von Dämonen, zur Ausübung von Magie, zu astrologischen Ideen und anderen Dingen, die niemand wirklich versteht. Es geht die Legende, dass John Dee, als er das Buch im Jahre 1551 fand, ein Medium benutzte, um mit dem Erzengel Uriel über die Bedeutung dieses Buches sprechen zu können. Ein Teil des Buches ist in Latein verfasst, aber demgegenüber stehen über 40.000 Buchstaben, die in 36 Tabellen angeordnet sind und deren Herkunft völlig rätselhaft bleibt.

In Anbetracht des okkulten Charakters des Buches verspricht die Lösung dieses Rätsels eine Offenbarung, auf der angeblich ein Fluch lastet, der besagt, dass jeder, der den Code lösen kann, innerhalb von zwei Jahren stirbt. Das ist immer etwas witzig, denn man kennt den Inhalt des Buches nicht, weiß aber scheinbar immer, was geschehen wird, wenn man es herausfindet. Zwar hat der Gelehrte Jim Reeds den Konstruktionsalgorithmus und die bei der Herstellung der Tabellen verwendeten Codewörter entschlüsselt, der tatsächliche Inhalt und die Bedeutung der Tabellen bleiben jedoch weiterhin rätselhaft.

Steve Erickson: Das Meer kam um Mitternacht

Obwohl wir die Zeit als linearen Fluss nach vorne erleben, in dem eine unerbittliche Sekunde nach der anderen von der Uhr läuft, kennt unser Gedächtnis keine derartigen Einschränkungen. Die Literatur von Steve Erickson auch nicht. Vielleicht dringen seine Bücher deshalb derart in die Psyche ein, als ob sie sich von unten nach oben graben würden, anstatt vom Leser aus der Vogelperspektive gesehen zu werden. Das Lesen selbst ist ein Akt, der der Erfahrung des Erinnerns sehr nahe kommt, und wenn man einen Roman von Erickson liest, wird die Unterscheidung zwischen beidem vernachlässigbar. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verschmelzen und führen durch eine Art Prosa-Wurmlöcher zueinander. Charaktere gleiten vor dem Leser her, verfolgen ihn, werden gar zu ihm selbst. Identität ist eine Sache des Augenblicks, und in der Erinnerung können Geschehnisse kunstvoll neu arrangiert werden. Und selten wurden sie so kunstvoll arrangiert wie in Steve Ericksons Das Meer kam um Mitternacht. Ericksons Labyrinth einer Geschichte ist zugleich schwungvoll, bewegend, und extrem suggestiv. Die eleganten Schleifen und Spiralen fesseln den Leser durch Erinnerungen, die so klar sind, dass sie aus einen unbelebten Teils des Lebens des Lesers selbst zu kommen scheinen.

Wie im Leben, so wird auch dieser Roman weniger gelesen als miterlebt. Kristin, die zuerst aus einem kleinen Inselstädtchen im Sacramento River Delta geflohen ist, begegnet auf ihrer Flucht einem Kult, der nur noch eine weitere Frau braucht, um am 31. Dezember 1999 um Mitternacht mit ganzen 2000 Personen von einer Klippe in den Tod zu springen. Sie entkommt jedoch und löst damit eine Kettenbreaktion aus, die den Roman über vierzig Jahre hinweg in der Zeit hin- und herbewegen lässt. In der muschalartigen Architektur des Romans findet der Leser Kristin versklavt von einem von der Apokalypse besessenen, aber ansonsten anonym bleibenden Mann, der sich in einem Vorort in Südkalifornien aufhält, einem Traum-Kartographen, einem Porno-Filmemacher und einem Arbeiter in einem rotierenden Erinnerungshotel in Tokio … wer nicht weiß, was das ist, wird Überraschendes hierüber und auch über Traumkapseln in Erfahrung bringen.

Erickson zieht den Leser gekonnt mit einer trotz der Komplexität des Themas verständlichen, transparenter Prosa in das Geschehen hinein, indem er mühelos Figuren erschafft, die lebendig sind: Kristin, Der Bewohner, Lulu Blue, Carl der Kartograph, um nur einige zu nennen – multiplizieren sich, verwischen die Grenzen, verschmelzen und dämmern aus einer rekursiven Chronologie herauf. Kristins Geschichte entfaltet sich Seite für Seite, überlagert und verzahnt sich mit anderen Figuren und anderen Geschichten. Ericksons mehrschichtige Herangehensweise an die Charakterbildung stellt sicher, dass der Leser eindrückliche Offenbarungen erlebt, während sich die komplexen Beziehungen langsam entfalten, um in einem Moment klar aufzuleuchten. Hat man den Roman beendet, bleiben diese Figuren mit ihren Details genauso in der Erinnerung haften wie jene Menschen, die man einst kannte. Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass Ericksons komplexe Handlung selbst eine Figur in diesem Roman ist. Er verbindet die intensiven und persönlichen Momente mit gewaltigen Bewegungen, die aus einer Leinwand aus Raum und Zeit besteht.

Von Paris bis Japan, von den 1960er Jahren bis ins Kalifornien nach der Jahrtausendwende springt die Handlung großartig und mühelos von einem Höhepunkt zum anderen. Die wahre Freude an diesem Roman besteht dann auch darin, jedem einzelnen dieser Gipfel zu folgen, um herauszufinden, wo und wann Erickson seinen Fokus verlagern wird. Erickson operiert mit seinen Bruchstücken und Sprüngen auf der unangreifbaren Basis der Intuition, wodurch der Roman zwar einen improvisatorischen Charakter bekommt, aber eben von jener Art, die das Ergebnis zu einer perfekten Kunstform machen.

Bei aller Intensität und Improvisation, seiner Handlung und seiner eigenwilligen Chronologie ist Ericksons eigentliche Prosa trotzdem leichtfüßig und angenehm zu lesen. Er zeigt einen schön zurückhaltenden Sinn für Humor und eine Liebe zur Sprache, die sich in denkwürdigen Witzen und Phrasen äußert. Wenn der Leser sich dem Chaos hingibt und auf der Welle der Worte reitet, dann ist “Das Meer kam um Mitternacht”, das bei uns schon seit 2002 vorliegt, ein wilder und eindrucksvoller Ritt, ein Rausch von der ersten Seite an. Das Buch verdient es, in einem einzigen Zug gelesen zu werden.

Eduardo Halfon – Der polnische Boxer

“Der polnische Boxer” ist eine kleine Sammlung miteinander verbundener Geschichten des guatemaltekischen Schriftstellers Eduardo Halfon. Diese Offenbarung erschien im Jahre 2014 fast unbemerkt im Hanser Verlag. Überraschend daran mag vor allem sein, dass es bereits Halfons zehntes Buch ist, aber das erste, das übersetzt wurde. Das Original erschien bereits 2008 und im September 2019 erscheint – nach “Signor Hoffman” von 2016 – sein lang erwartetes “Duell”.

In dem vorliegenden kleinen Puzzle bewegen sich Halfons Fragmente mühelos von Antigua, Guatemala, einem kulturellen Transitpunkt Mittelamerikas, nach Durham, North Carolina, Belgrad und Póvoa do Varzim, Portugal. Erzählt wird das alles von dem Protagonisten “Eduardo Halfon”, einem jüdisch-guatemaltekischen Schriftsteller und Literaturprofessor (ein Zufall, diese Ähnlichkeit mit dem Autor). Die Geschichten kreisen unter anderem um Themen wie Kunst und Schrift, Identität, Auschwitz, sexuelle Ekstase und Zigeunermusik. Und sie trumpfen mit dieser ganz bestimmten Art erdiger lateinamerikanischer Intelligenz; beschäftigen sich mit der Suche nach Antworten und geheimen Schlüsseln zu den Rätseln von Leben und Familie, Geschichte und Heimat, Wahrheit und Leidenschaft.

Halfons Neugier auf die Erfahrungen seines Großvaters in einem Konzentrationslager zieht sich durch jedes Kapitel, von der subtilsten Ebene bis zur tiefsten Erkundung. Halfon weiß nur, dass es ein polnischer Boxer war, der seinen Großvater Oitze in Auschwitz gerettet hat, aber die Details bleiben ein Rätsel. Oitze zeigt Halfon selbst nur die grausigsten, aber verschwommensten mentalen Dias von Auschwitz. Dieses klaustrophobische Bild der dunklen, feuchten, mit Flüstereien gefüllten Zelle gibt den Ton für den Großteil des Romans vor. Für Halfon (den Protagonisten) ist die Idee eines Boxers, der Oitze rettet, ein Symbol, an dem er festhält, die Hoffnung, dass etwas oder jemand ihn retten wird.

Im dritten Teil “Epistrophy”, in dem der Erzähler Milan Rakic einem Halbzigeuner und serbischen Pianisten, der auf einem Kunstfestival in Antigua auftritt, begegnet, beginnt das Buch wirklich zu schweben. Es ist Rakic, “ein moderner Nomade, ein allegorischer Nomade”, der dieses Buch in zwei atemberaubende Kapitel führen wird. Das erste, “Postkarten”, ist eine Serie von rätselhaften Schnappschüssen über Jazz und obskure Zigeunerkünstler, die Rakic von seinen Tourneen rund um den Globus zu Halfon schickt, während der klassisch ausgebildete Musiker als wandernder Akkordeonist immer tiefer in das Geheimnis der Wurzeln seines Vaters hineingezogen wird. Und das zweite, “Die Pirouette”, beinhaltet Halfons außergewöhnliche Suche nach dem verlorenen Rakic, der in “seinem eigenen verdammten Mythos” irgendwo in der rauchigen Zigeunerunterwelt des postkommunistischen Belgrads verschwunden ist.

Indem er sich selbst als Protagonisten darstellt, vermischt Halfon die Fiktion mit der Realität. Er spielt explizit allwissender Erzähler und den im Dunkel Tastenden. Er vermischt auffallend diese beiden Ebenen und sagt uns: “Literatur ist nicht mehr als ein guter Trick, den ein Magier oder eine Hexe ausführen kann, um die Realität als Ganzes erscheinen zu lassen und die Illusion zu schaffen, dass die Realität eine ganze Einheit ist”. Er wird selbst zu diesem Zauberer, wenn er nach Milan sucht und sich bemüht, eine Postkarte zu rekonstruieren, die er von ihm bekommen hat: “Es gibt immer mehr als eine Wahrheit in allem”.

Die Geschichten sind geschickt und kunstvoll miteinander verbunden – eine amerikanische akademische Konferenz über Mark Twain (der zufällig 1866 durch Nicaragua reiste); ein literarisches Symposium in Portugal, wo Halfon über die leidige Beziehung zwischen Literatur und Realität nachdenkt; Nächte am Strand mit seiner Freundin Lía verbringt, die danach versucht, Ebbe und Flut ihrer Orgasmen auf Papier festzuhalten, als ob sie Wellen oder Träume skizzieren würde. Die Geschichte von Halfons Großvater, der von seinem Zellengenossen, einem Boxer aus der polnischen Stadt Lodz, vor Auschwitz gerettet wurde, weil er  ihn in einer lange Nacht auf eine Befragung durch die Nazis vorbereitet.

Im weiteren Verlauf des Romans wird der metafiktionale Farbton stärker und heller. Sein unergründlicher Wunsch, Milan zu finden und Oitzes Vergangenheit aufzudecken, wird als surreales Verlangen dargestellt. Seine Fantasie überschlägt sich, und in dem Versuch, ihre Geheimnisse zu lösen, umarmt er deren Geschichten als seine eigenen. Er vergleicht seine Besessenheit, mehr über ihr Leben zu erfahren, mit der Art und Weise, wie ein neugieriges, krankhaftes, leicht ängstliches Kind unter dem Bett nach Geistern sucht.

Tatsächlich ist es die begrabene Vergangenheit des Großvaters, die schließlich enthüllt wird, die das kraftvolle zentrale Bild des Buches liefert: die “fünf mysteriösen grünen Ziffern, die mir viel mehr auf einen Teil seiner Seele als auf seinen Unterarm tätowiert zu sein schienen”. Als Kind wurde Halfon gesagt, das Tattoo sei gemacht worden, damit sein Großvater seine Telefonnummer nicht vergessen würde. Nach dem Tod seines Großvaters im letzten Akt des Buches “Sonnenuntergänge” schwingt sich Halfon von den in sein Fleisch eingebrannten Figuren über Lias Zeichnungen und Visionen zu Maya-Tempeln in der Abenddämmerung und sucht atemlos nach einem verbindenden Faden im Gewirr der Elemente des Buches: “Ich dachte an die fünf  blassgrünen Zahlen, die jetzt auf dem Unterarm meines Großvaters, unter der dicken schwarz und dunkelviolett karierten Decke, dabei waren, zu sterben. Ich dachte an Auschwitz. Ich dachte an Tätowierungen, Nummern, Zeichnungen, Tempel, Sonnenuntergänge.”

“Der polnische Boxer” ist ein Buch der kleinen Wunder. Dabei erinnert Halfons Werk in gewisser Weise an andere Autoren, etwa an die Würzigkeit des Kubaners Pedro Juan Gutierrez oder auch an Henry Miller (von dem ein Zitat das Buch eröffnet) bis zu den eindringlichen Stimmen von John Berger und dem Argentinier Edgardo Cozarinsky. Auch die schiere erzählerische Dynamik und Faszination der Mischung aus Leben und Büchern, Sex und Kunst scheinen Echos des chilenischen Meisters Roberto Bolaño zu sein.