[…] Vielleicht ist es schon der letzte Atemzug der ›Pirkerin‹, die in Hohenasperg ihre Kerkerrunde dreht, begleitet von den Ratten und ihrem Gesang, der sich den Lüften offenbart und von ihnen davongetragen wird, einst lieblich, jetzt schmerzvoll und ohne Takt, sinnlos; wie im Hildebrandslied: ›sunufatarungo!‹ Wie wohl hätte sie sich jetzt hier umgesehen, die Gedanken geschnürter Wind, der in ihrer Kehle Klänge schuf? Vor allem hätte ihr die mütterliche Freundin wohl angeraten, nicht so unbekleidet vor den Zinnen herumzugeistern. Ihr hatte sie die Wahrheit über ihren Gemahl Karl Eugen zu verdanken, der sich nicht überschätzte, denn seine Macht schüttelte ihm die Unansehnlichkeit und das Fett aus den Poren. All das Trübe, das der Zeiten Lauf verspricht, wäscht sich hinfort durch unkontrollierte Sekrete, die dem Felsenquell der Backenwülster entspringen. Was abwärts in den Hals geschlagen wird, beruhigt die Mitte des Leibes nicht – diese Ruhe wird bald und heimlich das Berufsweib auslösen, damit aber das Drama der zwitschernden Anna Maria Pyrker vorskizzieren, die dem Ohr Friederikes singt, und vielleicht warʼs anders als in ihren Liedern, und vielleicht kannte sie nur die falschen, oder aber ihr Anstand sträubte sich, was sie sah, als Lied aufzufassen: Auguste Agatha, die Tochter des Gondoliere Gardela tropfte herein (das sage ich dir), und wusste sich so zu verrenken, dass Karl Eugen eine neue Optik seines Augenpaares erfuhr; diese Dinger nahmen nun nichts mehr von der Wirklichkeit wahr und platzierten sich mitsamt dem Inhalt seines Gehirns auf dem Leib der Tänzerin, die dieses zusätzliche Gewicht für noch kühnere Hüpfer zu nutzen verstand. Mit allen Gliedern Weltgesang, zauberte sie ihre vielen Nachbilder in den großen Saal. Mit Honigflöten spielten nun die Köche um dampfende Terrinen herum, die Nebelschlangen feixten zitternd aus dem Porzellan, setzten sich unter den blumichten Plafond und bejubelten gemeinsam mit dem Gesicht des Herzogs das stürmende Fleisch. Also schüttelte Eugens Macht auch die ›Pirkerin‹ in den Kerker, in dem sie erst ihr Stimmchen und dann den Verstand verlor, nicht weil sie zu viel über Liebschaften wusste, sondern weil sie zu viel davon in falsche Ohren hinein sang. […]

Sandsteinburg; Der Geburtstag der Friederike; Überarb., Passage der Pirkerin.