Das kosmische Konzept der Aufzeichnung

Dieser Artikel ist Teil 11 von 36 der Reihe Gespenstersuite

Es gibt vermutlich nicht viele Dichter, die behaupten, bei ihrer Zeugung anwesend gewesen zu sein. Das ist keine Aussage, die man bewusst und ohne den Willen, das Publikum an der Nase herumzuführen, tätigen sollte. Es gibt aber einen Grund, warum man es dann eben doch tun sollte: den der Mystifikation. Mir vorzustellen, Ende August in einem Hotel in Düsseldorf in die Planungsphase des Lebens einzutreten, hatte stets etwas von einer Legendenbildung, obwohl es meiner gesicherten Wahrheit entspricht. Mir vorzustellen, wie meine Mutter aus dem Fichtelgebirge (sie muss in Selb in den Zug gestiegen sein) an einem Freitagabend hinauf zu meinem baldigen Vater fährt, der dort als Maschinenschlosser arbeitet, um ein romantisches Wochenende mit ihm zu verbringen, gelingt mir nur durch die Inanspruchnahme meines eigenen Verzehrens. Dieser Tag ist mir um vieles mehr wert als mein Geburtstag (insofern man sich selbst in Ehren hält), denn mein Schicksal zog seine Kreise und konnte (in meiner Vorstellung) noch gar nicht festgelegt sein. Wie viele Seelen mochten um den Körper meiner Mutter gerungen haben? Oder gab es gar kein Ringen und ich stand bereits als Sieger fest? Ich glaube, wir alle gestalten uns aus Träumen heraus, den guten und den schlechten. Objektiv gesehen gibt es keine Ewigkeit, sehr wohl aber spreche ich von Zuständen, die eine Art Stillstand erfahren. Es bedarf einer künftigen Wissenschaft, um zu erfahren, aus was sie bestehen. Wenn wir unsere Konserven nutzen, mit Film, Ton und Schrift, die wir zu archivieren suchen, dann bedienen wir uns im Kleinen eines kosmischen Konzepts der Aufzeichnung.

Veröffentlicht von

M.E.P.

Wenn es kein Buch ist, dann ist es ein Hörbuch. Und wenn es kein Wort ist, dann ist es der Jazz.

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