Die Geschichte der Fantasy – Teil 1

Heute beginnen wir im Phantastikon-Podcast mit einer Sendereihe, die aus mehreren Teilen bestehen wird – und dazu begrüße ich euch natürlich herzlich, ob ihr nun aus Neugier zugeschaltet habt oder euch tatsächlich zu den Wanderern durch die phantastischen Welten zählt.

Wer war der Er­s‍te, der eine Geschichte in einer Welt ansiedelte, die nicht die unsre ist?

Wenn wir uns im Genre ein wenig umschauen, dann bemerken wir zuallererst, dass es nicht die eine Geschichte der Fantasy-Literatur gibt. Jeder leitet all das, was wir heute bewundern können, von einem anderen Stammvater ab, mit ein paar Ausnahmen, die sich immer gleichen.

Trotzdem gibt es Unterschiede in der Definition, denn die ungeheure Bandbreite der Fantasy enthält natürlich diverse Merkmale, die essentiell sind für die Bestimmung des Genres. “High Fantasy” lässt sich im Großen und Ganzen damit umreißen, dass sie in einer Welt angesiedelt ist, die nicht der unseren entspricht. Hier wurde eine Welt erschaffen, die eine eigene Geographie und Kulturgeschichte aufweist. Es handelt sich dabei also um eine andere Welt, in der die jeweilige Geschichte spielt. Viele Kritiker gehen davon aus, dass mit “High Fantasy” das Kerngehäuse umrissen wird, wenn wir von Fantasy sprechen. Dennoch ist dies noch ein wenig schwammig ausgedrückt. Eine Zweitwelt oder Anderswelt muss ja nicht notwendigerweise eine andere Welt sein.

Tolkien wollte mit seinem Entwurf von Arda eine Welt präsentieren, die in einer prähistorischen und mythenbehafteten Zeit unserer Erde angesiedelt ist. Gleichermaßen spielen sich Robert E. Howards Geschichten über Conan und Kull in einer Zeit vor aller historischen Geschichtsschreibung ab, die meisten (wenn auch nicht alle) Erzählungen von Clark Ashton Smith weisen ebenfalls einen präzisen Bezug zur sogenannten Realität auf. Smith findet seine Schauplätze überall im existierenden Universum: in der Vergangenheit (Hyperborea, Poseidonis), in ferner Zukunft (Zotique), auf anderen Planeten, darunter bekannte (Mars) und unbekannte (Xiccarph).

Die Wahl des Umfelds rechtfertigt die Idee der Fantasy und macht es den meisten Lesern leichter, das Unglaubliche zu akzeptieren, wenn es einen Bezugspunkt zur – wie gesagt: sogenannten – Realität gibt. Das Setting gibt der Fantasy dadurch einen Rahmen, der nachvollzogen werden kann. Das wirft eine Frage auf: Wer war der Erste, der diesen Rahmen gänzlich verworfen hat und den Schritt jenseits aller Realität wagte? Oder besser: Wer war der Er­s‍te, der eine Geschichte in einer Welt ansiedelte, die nicht die unsre ist?

Was ist eine erfundene Welt?

Es war Lin Carter, der zusammen mit L. Sprague de Camp den Nachdruck und das Sammeln älterer Fantasy-Werke übernahm, und der beantwortete die Frage so: Der Erste, der so eine Geschichte schrieb, war William Morris, der Autor von “Die Quelle am Ende der Welt” und “Die Zauberin jenseits der Welt”. (Und selbst die deutsche Übersetzung wirbt mit dem Etikett “Begründer der Fantasy”). Auf den ersten Blick wirken diese beiden Romane tatsächlich wie “High Fantasy”. Aber sind sie wirklich in einer anderen Welt angesiedelt?

Zunächst muss die Frage erlaubt sein, was denn überhaupt eine erfundene oder von uns unabhängige, zweite Welt ist. Natürlich eine mit einer eigenen Geographie und Geschichtsschreibung, die sich komplett von unserer unterscheidet. Aber wie viel Unterschiede sind notwendig?

Man mag denken, dass Bücher entweder aus dem Drang heraus geschrieben werden, die Welt zu imitieren, oder um etwas Neues zu erschaffen, und dass wir am Ende von Realismus oder von Phantastik sprechen. Das wäre jedoch unbefriedigend, da natürlich jede Literatur in erster Linie auf Erfindung beruht, ob sie sich jetzt realistisch nennt oder nicht.

Gehen wir also davon aus, dass jedes literarische Setting eine Art Ersatz- oder Zweitwelt ist, nämlich in dem Sinn, dass diese Welt der Fantasie und dem Können des Schriftstellers entstammt. Selbst in journalistischen Arbeiten und Sachtexten existiert das Dargestellte nur im Kopf des Verfassers (und des Lesers). Das bedeutet, dass sich jedes Umfeld dazu eignet, in einer Fantasywelt angesiedelt zu werden.

Nehmen wir einmal an, wir lesen ein Buch, das in Berlin spielt, und wir kennen Berlin gut genug, um den Schauplätzen Alexanderplatz oder Brandenburger Tor, und schließlich der ganzen Geographie soweit folgen zu können, dass wir sie als korrekt dargestellt erkennen.

Nehmen wir weiter an, die Geschichte offenbart uns, Berlin habe 15 Millionen Einwohner und der dortige Fußballverein Hertha hätte in den letzten Jahrzehnten regelmäßig die deutsche Meisterschaft errungen. Jeder Berliner oder Fußballfan weiß spätestens jetzt, dass dies nicht den Tatsachen entspricht. Sind das also Fehler oder lesen wir hier über eine Fantasywelt?

Andererseits, was wäre, wenn die Stadt „Beutel­s‍tadt“ hieße, eine Bevölkerungszahl von 3,5 Millionen aufweist, den Reichstag und einen nicht so erfolgreichen Fußballverein hat? Macht der Unterschied des Namens bereits eine andere Welt aus, wo doch so viele Dinge tatsächlich zutreffen?

Diese Fragen können so oder so beantwortet werden, je nach Text. Es gibt natürlich ein prominentes Beispiel: Thomas Hardy legte viele seiner Bücher im Südwesten Englands an, nannte die Gegend allerdings „Wessex“, und oft nutzt er tatsächlich existierende Orte unter fiktionalen Namen – die Stadt Dorset wird zum Beispiel zu „Casterbridge“. „Kein Detail ist sicher“, schrieb er. „Die Beschreibungen fiktiv benannter Städte und Dörfer wurden nur von wirklichen Ortschaften inspiriert und werden schamlos für eigene Zwecke genutzt.“

Betrachten wir noch einen anderen Schriftsteller, den man eigentlich nicht als Erfinder von Welten kennt: William Faulkner. Viele seiner Erzählungen sind in „Yoknapatawpha“ angesiedelt, einem erfundenen Landstrich, der auf dem real existierenden Lafayette County basiert. Faulkner erfand eine Geschichte für sein Land und gestaltete sogar eine Karte, die in seinem Buch “Absalom, Absalom!” abgedruckt wurde. (Hardy hatte übrigens ebenfalls eine Karte seines Wessex.)

Das sind aber nicht die Zweitwelten, nach denen wir suchen (oder was die meisten darunter verstehen würden), aber sie weisen in die richtige Richtung. Sie gehören aber nicht zu den unabhängigen phantastischen Welten. Der Punkt ist, dass sie Teil der real existierenden Welt sind. Ihre Geschichte gehört zu dem Land, in dem sie angesiedelt sind, ihre Gesellschaft ist jene der wirklichen Welt zu dieser Zeit. Das Ziel der Autoren war es, so nah wie möglich an der Realität zu bleiben, auch wenn sie sich ein paar Freiheiten nahmen, die zu ihrem kreativen Repertoire gehörten.

William Morris

Kommen wir zu William Morris zurück. Betrachten wir seine drei berühmten Fantasy-Werke, “Die Zauberin jenseits der Welt”, “Die Quelle am Ende der Welt”, und “Das Reich am Strom”. Sind sie völlig unabhängig von der realen Welt? All diese Bücher rühmen ihre erfundene Geographie (Das Reich am Strom besitzt sogar eine Karte). Die sozialen Komponenten sind ausgearbeitet und unverwechselbar, ähnlich dem europäischen Mittelalter, was Technologie, Klassenstände usw. betrifft. Es sieht alles so aus, als hätten wir es hier mit der gesuchten unabhängigen Zweitwelt zu tun.

“Das Reich am Strom” bezieht sich auf der ersten Seite auf Weihnachten und den Apostel Thomas von Indien. Auf der nächsten Seite erfahren wir, dass die Aufzeichnungen von einem Mönch aus Abington, England stammen. Auf wieder einer anderen Seite sagt der Mönch, dass er die Geschichten gesammelt habe; man könnte also geltend machen, dass seine Erzählung von einer anderen Welt von einem Mann aus dieser Welt geschrieben wurde.

Auf der Suche nach einer Welt, die nichts mit unserer zu tun hat, kommen wir hier also nicht weiter. Die Verwendung eines Mönchs ist ein Beispiel dafür, wie sich eine Fantasy-Welt mit der Realität zu verbinden sucht. Wir können Das Reich am Strom also beiseite legen.

“Die Zauberin jenseits der Welt” erwähnt eine Taufe und verwendet den Begriff “Söhne Adams”. Ebenso bezieht sich die Erzählung auf die “Perlen der Sarazenen” und erwähnt sowohl die Stadt Rom als auch Babylon; auch bezieht sich der Roman auf heidnische Götter wie Diana und Venus, sogar auf Details des christlichen Glaubens (wie die Dreifaltigkeit und die Messe). Das hört sich nicht nach einer unabhängigen Welt an.

Lin Carter dachte aber so. In seiner Einführung zu “Die Quelle am Ende der Welt” erklärte er:

“Obwohl der Text einige verstreute Hinweise auf Babylon, den Papst und verschiedene Heilige enthält, und obwohl die meisten Namen der handelnden Figuren in unserer Welt bekannt sind, handelt es sich bei der Quelle am Ende der Welt um eine jener reizvollen literarischen Landschaften, der es irgendwie gelungen ist, um den gewohnheitsmäßigen Verschleiß herumzukommen.”

Das hört sich gut an. Einige verstreute Hinweise auslegen, ist das, was man tut, wenn man eine literarische Welt erfindet. Aber wenn die Hinweise die reale Welt betreffen, kann man dann nicht davon ausgehen, dass es sich mehr oder weniger auch um unsere Welt handelt? Wo sind die Grenzen?

Man könnte argumentieren, dass jenes Rom der Quelle am Ende der Welt nichts mit dem Rom in unserer Welt zu tun hat. Tatsächlich geht niemand aus der Erzählung in diese Stadt. Die Geographie im Buch wird ziemlich eng gehalten. Da ist das Land Upmeads mit seinen umliegenden Ländereien, aber niemand sagt etwas über das, was darum herum liegt. Wir erfahren lediglich, dass sich Rom etwa 500 Meilen entfernt befindet.

Parallelwelten

Man kann sich Upmeads leicht als ein kleines Königreich vorstellen, etwa wie England oder Frankreich oder ein anderes Land in Europa, und natürlich kann man sich Upmeads auch als eigene Welt vorstellen, wenn man akzeptiert, dass es dort Städte wie Rom oder Babylon gibt. Aber wie sinnvoll ist das?

Ich denke, wir sollten ein wenig sparsamer sein, anstelle von “Begriffe nicht unnötig vervielfachen”, sollten wir sagen: “Realitäten nicht unnötig vervielfachen”. Wenn ein realer Ort in einer Geschichte verankert ist, sollten wir davon ausgehen, dass es sich hier auch um einen realen Ort handelt, es sei denn, die Geschichte belehrt uns eines besseren.

Selbstverständlich kann eine Geschichte, die in einer Parallelwelt spielt, reelle Namen für erfundene Orte enthalten, aber Parallelwelten kamen erst relativ spät ins Spiel, zumindest weit nach den Fantasywelten. Aber auch hier: Wo ist die Linie zu ziehen? Wenn wir eine Geschichte vor uns haben, in der Magie wirklich funktioniert, die Welt aber eindeutig die unsrige ist, sollten wir dann die Geschichte als eine in einer Fantasywelt lesen oder als eine der realen Welt?

Das hängt vermutlich davon ab, ob das Setting die reale Welt in uns heraufbeschwören möchte und nicht etwa eine Parallelwelt. Ist dem so, dann haben wir die Welt als die reale Welt zu akzeptieren, nämlich als die Beschreibung einer fiktionalen, aber realen Welt, in der Magie funktioniert. Der Unterschied zu einer Parallelwelt (wie auch zur Fantasywelt) liegt darin, dass beide eine ihrer Geschichte innewohnenden eigenen Logik folgen und ihre Protagonisten erkennbar unterschiedlich zu Personen unserer Welt agieren. Ist dort die Magie so weit entwickelt, dass sich durch sie die Kulturgeschichte oder der Lauf der Welt völlig anders entwickelt hat, dann haben wir es auf sehr effektive Weise mit einer phantastischen Parallelwelt zu tun.

Lesen wir eine Geschichte über König Artus, die in England spielt, in der Merlin seinen Zauber wirkt, dann lesen wir nicht notgedrungen von einer erfundenen Zweitwelt. Lesen wir Susanna Clarkes “Jonathan Strange & Mr Norell”, scheint die Handlung in Jane Austens England, mitsamt der Stadt London und den Napoleonischen Kriegen zu spielen. Allerdings merken wir schnell, dass hier nicht nur Magie funktioniert, hier scheint es sogar eigene historische Entwicklungen zu geben, die eine eigentümliche Interpretation der uns bekannten sind. Das ist eindeutig eine Parallelwelt, mit der wir es hier zu tun haben.

Bleibt erneut die Frage: Was ist eine unabhängige Welt?

Benötigt eine phantastische Anderswelt eine eigene Geographie? Strange & Norell nicht. Braucht sie eine nachvollziehbare Kulturgeschichte? Nun, von Alice im Wunderland kann man nicht behaupten, dass es dort so etwas gibt. Kann eine Fantasywelt also ohne eigene Geographie und Kulturgeschichte auskommen? Was ist mit den Menschen? Können die Menschen handeln wie jene in der wirklichen Welt, oder sollten sie ihre eigenen Sitten und Verhaltensweisen haben? Sollte dem so sein, wie sehr müssen sie sich von wirklichen Menschen unterscheiden?

Es sieht so aus, als gäbe es vier charakteristische Merkmale, unter deren Berücksichtigung man von einer unabhängigen Welt sprechen kann, vorausgesetzt, es wird nicht ausdrücklich darauf hingewiesen, dass es sich dabei um unsere Welt handeln soll, etwa in einer anderen Zeit oder einen unbekannten Teil unserer Welt betreffend. Auch sollte diese Welt nicht in einem Traum (oder in einer Illusion von dieser Welt) zu verorten sein. Mit anderen Worten: weist nichts darauf hin, dass es sich bei dieser Welt um unsere Welt handelt, wird eine Fantasywelt entweder alle oder die meisten der folgenden Merkmale aufweisen:

Erstens scheint es, dass eine unabhängige phantastische Welt stets einer eigenen Logik folgt. Das kann bedeuten, dass hier andere physikalische Gesetze gelten, oder dass Magie ein Äquivalent zur Physik oder zur Wissenschaft darstellt. Oder die Logik entspricht mehr einer Traum-Logik. Der Punkt ist, dass sich die Funktion dieser Welt, ihre Gesetzmäßigkeiten usw, von unserer Welt unterscheidet. In einem solchen Fall können wir davon sprechen, es mit einer unabhängigen Fantasywelt zu tun zu haben.

Zweitens: Geographie. Eine unabhängige phantastische Welt hat eigentlich immer ihre eigene Geographie. Da gibt es einen Ort – und dann gibt es den Ort da drüben usw., vorzugsweise sind all diese Orte benannt, obwohl das, was diese Namen ausmacht, eine eigene Diskussion erfordern würde.

Drittens: Die Welt hat ihre eigene Geschichte. Diese Geschichte kann akribisch und ausladend erarbeitet sein, oder sie kann beschaulich sein, der Punkt jedoch ist, dass sich das Geschehen dieser Welt in einem historischen Background abspielt. Es wurde Handel betrieben, manche Völker haben Krieg miteinander oder sind anderweitig verfeindet. Der Rahmen dieser Ereignisse hilft der Erzählung und dem Weltentwurf in seiner Gesamtheit.

Viertens: Menschen können sich anders verhalten, als wir das kennen. Sie haben vielleicht ihre eigenen Bräuche, denken anders als wir, haben einen anderen Stand der Technik oder haben die Dinge in einer anderen Reihenfolge erfunden als wir. Ihre Sprache ist vielleicht anders, archaischer, und spiegelt ihre anderen Denkgewohnheiten wider. Vielleicht ist aber auch nichts von alledem vorhanden. Was ich zu beschreiben versuche, sind Menschen, die wir uns als Teil ihrer eigenen fiktiven Welt vorstellen sollen und die sich eher auf diese Welt beziehen als auf die reale Welt. Hardys Figuren hingegen sind Engländer, und wir erkennen sie als solche; genauso wie Faulkners Figuren Amerikaner sind, und wir erkennen sie als solche; aber die Bewohner von Tolkiens Mittelerde sind keine Europäer, und wir sollen sie nicht als solche betrachten, auch wenn sie in vielerlei Hinsicht Europäern ähneln.

Jetzt haben wir unsere vier Merkmale, die hoffentlich festlegen, was es bedeutet, mit einer unabhängigen phantastischen zweiten Welt konfrontiert zu sein. Wie funktioniert das in der Praxis? Benötigt eine erfundene Welt alle dieser Eigenschaften?

Dazu kommen wir im nächsten Teil.

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M.E.P.
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