Über den Schnitter, den Schelm und Daniel Kehlmanns »Tyll«

Eine Frage stellt sich nicht mehr: Wo ist Carlos Montúfar? Jener historisch verbürgte Begleiter Humboldts fehlte einst in Daniel Kehlmanns Bestseller »Die Vermessung der Welt«. Gestrichen. Für die Geschichte. Für die Dramatik. Zwölf Jahre nach dem Erscheinen steht mit »Tyll« der nächste vermeintlich historische Roman des österreichischen Autors an. Die Frage lautet jetzt: Warum Till Eulenspiegel? Denn Kehlmann versetzt den Narren für seinen aktuellen Roman aus dem 14. Jahrhundert in die Zeit des Dreißigjährigen Kriegs.

Die Antwort lautet damals wie heute, »daß ein Erzähler niemand anderem verpflichtet ist als seiner Geschichte und daß auch diese ihm nicht gehört, selbst wenn er das glaubt. Daß die Kunst zwar zweitklassig ist gegenüber der Natur, daß sie ihr aber manchmal dennoch etwas hinzufügen muß, denn das Wirkliche ist nicht immer, nicht allen Fällen, das Wahre«. So schrieb es Kehlmann damals in einem Essay. Um das Wahre zu finden, braucht die Erzählung von »Tyll« seinen Schelm, seine Drachen, seine Anleihen an Märchen und an den klassischen historischen Roman. Denn es geht in diesem Buch vor allem darum: Entkomme dem Tod. Ein Glück ist hier der Schelm dem Schnitter stets einen Schritt voraus. »Sterben ist nichts, das begreift er.« Eine Erkenntnis, die Tyll bereits nach ein paar Seiten trifft. “Über den Schnitter, den Schelm und Daniel Kehlmanns »Tyll«” weiterlesen

John Crowley und das Geheimnis der Frauen

1. Und das Nachtragende …

“Mein Schreibmodell ist Shakespeare: nicht jeder Leser wird ein Buch von mir unmittelbar verstehen, aber es wird mit jedem Wiederlesen durchschaubarer.”1

Allein dieser Ausspruch dürfte ausreichen, eine Vielzahl von Lesern abzuschrecken. Das hört sich nach harter Arbeit und nicht gerade nach entspannender Lektüre an. Und doch liegt der entscheidende Vorteil dieses Schreibmodells auf der Hand: Ein Buch, das sich immer wieder lesen lässt, ist für die Ewigkeit gemacht. Was ist dagegen das kurze Vergnügen eines Reißers, den man kein zweites Mal lesen will?
John Crowley ist seit vielen Jahren so etwas wie eine graue Eminenz in der Literatur. Seine Bücher verleiten inzwischen insbesondere Schriftstellerkollegen zu euphorischen bis ehrfürchtigen Äußerungen. So ließ Peter Straub sich mit den Worten zitieren: “Crowley ist so gut, dass er jeden anderen im Staub zurückgelassen hat.”2
Hervorgegangen aus dem Science-Fiction-Umfeld, wird er heute auch vom Literatur-Adel akzeptiert. Inzwischen wird er als Mainstream-Autor, nicht mehr als Fantasy-Autor, promoted. Einen “Wechsel” von der Science-Fiction-Literatur zur Literatur-Literatur sieht Crowley lediglich nach verkaufstechnischen Gesichtspunkten:

“Es ist ja nicht so, dass du dein ursprüngliches Publikum verlassen willst. Du willst nur, dass so viele Leute wie möglich dein Buch lesen, und du willst, dass es so ernst wie nur möglich genommen wird.”3

Genau das ist inzwischen verstärkt der Fall. Sein bislang jüngster Roman Love & Sleep erzielte eine sehr gute Presse, und ein amerikanischer Rezensent sagte ihm eine ähnlich steile Karriere voraus wie Cormac McCarthy. Mit der Begründung, er sei “ein außergewöhnlicher Stilist und bezwingender Geschichtenerzähler”, wurde Crowley mit dem American Academy of Arts and Letters Award ausgezeichnet. Der prominente amerikanische Literaturwissenschaftler Harold Bloom listete Crowleys Romane Little, Big, Ægypt und Love & Sleep unter den Standardwerken der amerikanischen Moderne auf — Büchrücken an Buchrücken mit Namen wie Salinger und Hemingway. In seinem Essayband The Western Canon bezeichnet Bloom Crowley als einen “Meister in Sprache, Plot und Charakterisierung”. Irgend etwas muss an John Crowley dran sein. “John Crowley und das Geheimnis der Frauen” weiterlesen

Die Furcht, die unter dunklen Eisenbahnbrücken haust

Der Brückenbogen war lang und dunkel, und es führte kein anderer Weg drumherum. Eigentlich war es auch eher ein Tunnel als sonst was. Ein langer Schlauch mit niedrigem Deckengewölbe, geformt aus faustgroßen, grob behauenen Pflastersteinen und gekrönt von einem guten Meter Erdreich und Schotter. Obenauf saß ein Netzwerk aus Schienen, das direkt an den heimischen Zugbahnhof anschloss. Wenn auch nicht wirklich der einzige Weg, so war es doch zumindest der Einzige, der Sinn machte, wenn man von zuhause aus zu dem unweit gelegenen Supermarkt wollte.

Im Sommer war alles gut. Im Sommer waren die Tage lang genug, so dass ich abends noch schnell mit dem Fahrrad zu diesem Supermarkt rauschen konnte, wenn mich meine Mutter um die eine oder andere Kleinigkeit schickte, die ihr für das Abendmahl fehlte. Auf dem Weg dorthin zog ich so schnell als möglich durch diese dunkle Röhre, die in der Mitte immer verdächtig nach stechendem Urin und brackigem Sickerwasser roch, und hielt vorsichtshalber den Kopf dabei unten, damit ich nicht in die unzähligen, niedrig hängenden Spinnweben an der Decke geriet.

Aber im Herbst, wenn die Abende allmählich früher anbrachen, war es eine gänzlich andere Sache, den Tunnel zu durchqueren. Es gab keine einzige Laterne auf dem beengten, von dicht wachsendem Liguster begrenzten Weg, der zu dem Tunneleingang führte. Die umliegenden Schrebergärten waren zumeist schon verlassen und das Licht hinter den Scheiben der Gartenhäuschen für den Rest des Winters erloschen. Eher früher als später kam es im Oktober also soweit, dass diese abendliche Fahrt in den Supermarkt zum Wettlauf mit dem ersterbenden Licht des Tages wurde, und die Dämmerung zum erbitterten Kontrahenten, von dem es sich auf keinen Fall einzuholen lassen galt. Aber egal, wie schnell ich auch in die Pedale trat, irgendwann gelangte ich jedes Jahr an diesen Punkt, ab dem es keine Aussicht mehr gab, das Rennen noch für mich zu entscheiden. Spätestens Ende Oktober war der Tag bereits schon so kurz geworden, dass ich es nicht mehr schaffte, am Rückweg noch genügend Licht zu haben, um den Tunnel gefahrlos durchfahren zu können. Dies war dann stets die Zeit, zu der offiziell das Spiel begann. “Die Furcht, die unter dunklen Eisenbahnbrücken haust” weiterlesen

T. E. D. Klein – Botschafter des Grauens und der Romantik

1.

QUAL DES SCHREIBENS

Die gesammelten Widersprüche des T. E . D. Klein

 Wenn es in der zeitgenössischen Literatur einen Autor gibt, der sich dem Schreiben durch puren Masochismus verbunden fühlt und sich in seiner Qual trotzdem wegweisende Werke abringt, dann ist das wohl T. E. D. Klein, der Autor eines bemerkenswert schmalen aber wahrlich nicht unbedeutenden Œuvres.
„Ich bin einer dieser Leute, die alles tun würden, um dem Schreiben auszuweichen. Alles!”1,  sagt er. „Ich finde das Schreiben von Fiktion irrsinnig hart. Ich denke, ich bin ein extrem guter Lektor für anderer Leute Werke, […] aber es ist eine entsetzlich harte Arbeit für mich, irgendetwas Eigenes zu produzieren.“2
In einem Zeitraum (wir sprechen von mehr als 25 Jahren), in dem Stephen King ein ganzes Hochregallager mit seinen Büchern füllen kann, hat T. E. D. Klein einen Roman (The Ceremonies), fünf längere Erzählungen bzw. Novellen („The Events at Poroth Farm“, „Petey“, „Black Man With a Horn“, „Children of the Kingdom“ und „Nadelman’s God“) und etwas Kleinzeug (ein paar Kurzgeschichten, Essays und Rezensionen) zustande gebracht. Warum das so ist, erklärt er Carl T. Ford, dem Herausgeber des britischen Fanzines Dagon wie folgt:

Ich lese schnell, viel zu schnell und schreibe viel zu wenig und viel zu langsam. Ich bin ein Zeitschriften-Junkie, und ich kann Stunden glücklich damit verbringen, mich durch einen Berg von Zeitschriften zu lesen. Ich unterbreche nur mal kurz, um ein paar Artikel herauszuschnippeln, die es wert sind, sie zu behalten oder einem Freund zu schicken. Du würdest entsetzt sein, wenn du sehen würdest, was ich jede Woche über in der Post habe: Literatur-Magazine, Finanz-Magazine, regionale Magazine, politische Magazine jeglicher Färbung3, Reise, Humor, Wissenschaft, Film, sogar Magazine über Postkartensammeln und Fliegen (was ich beides nur in meiner Phantasie tue).4

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In geisterhafter Isolation

Ich schaute nach innen und sah nichts als Phantome, aufgewühlte Erscheinungen, die Verderbnis um meine Seele schnürten. Ich hatte nichts dagegen, denn ich war der ungeschickten Menschheit und ihrer ungehobelten Welt gegenüber müde geworden, wo sie in freudigem Wahn unter einer verlöschenden Sonne tanzten. Ich fühlte nichts als Verachtung für ihre geistlose Ausgelassenheit, mit der sie meine Unzufriedenheit schalten. Ich fühlte mich einzig mit meinen Phantomen verbunden, die um mein Herz herum kreisten und diesem Organ ein tödliches Klopfen beibrachten. Folglich ruhe ich hier, in dieser einsamen und flachen Vertiefung in der Erde, weit entfernt von den Langweilern und ihren Halluzinationen der Freude, ihrem Gekreische armseliger Euphorie, die leuchtenden Augen voller strahlender Dummheit. Ich sank tiefer in die verständige Erde und in ihre diskrete Umarmung, schloss meine Augen vor einem blassen irdischen Licht, um nach innen zu blicken, wo meine Phantome sich in Aufruhr befanden; und ich sah nicht weg, als sie mich mit ihren besorgten Pfoten berührten und mir dabei halfen, mit ihrem Tanz und seinem unirdischen Rhythmus zu verschmelzen, wobei mein sterbliches Herz eine weitere Verlangsamung erfuhr, ein älteres Klopfen, das hinter meinen Augen pulsierte und sie lehrte, sich ein verschleiertes Reich vorzustellen, in dem die Träume krank gewachsen sind. Diese Krankheit, die zum Tode führt, zersetzte mich, und als Phantomteilchen schwebte ich aufwärts in Richtung des nächtlichen Abgrunds; und dann setzte ich mich wieder zusammen und meine Füße fanden sicheren Halt auf der soliden Oberfläche der Friedhofsmauer, auf der ich durch die Nebel der kargen Dämmerung ging, und durch einen dünnen Nebelschleier erblickte ich einen Dämonenstern mit einem Namen, den ich einst kannte, der aber nun vergessen ist – deshalb konnte ich ihn nicht anrufen.

Dennoch gereichte mir seine gespenstische Illumination als Leuchtfeuer, das mich diesen Sims entlang führte, bis ich einen Ort erreichte, an dem sich ein träger Fluss seinen lethargischen Weg bahnte. Ich erblickte die Brücke unter mir, auf der ich den müden Fluss überqueren konnte, um auf der anderen Seite durch ein flackerndes Feld unter einem violetten Himmel zu einem riesenhaften Turm aus gebleichtem Stein zu gelangen; und ich war erstaunt darüber, wie die Oberfläche des Turms schimmerte, als ob er seine Nahrung aus dem Dämonenstern zöge, der seine steinerne Fassade beleuchtete. Ich wusste, dass diese teuflische Brechung von jener Art war, wie ich sie niemals in meiner dumpfen Wachheit erlebt hatte, mit Augen, die nur nach außen sahen; und aus diesem Grunde lächelte ich, weil ich ohne Zweifel wusste, dass ich von der abscheulichen Wirklichkeit befreit war, in der Narren ihre Dummheit feiern. Ich hatte dieses geisterhafte Allerheiligste gefunden, wo meine isolierte Seele in poetischer Dunkelheit träumen konnte. Und so zog ich in Richtung des fahlen Turms, und ich legte meine Schattenhand auf seinen bleichen Stein; und ich stürzte über seine gewölbte Schwelle und floss die gewundenen Stufen hinauf, die mich nach oben, dem violetten Himmel entgegen brachten, wo ein Dämonenstern mich rief. Und in den obersten Gefilden dieses gigantischen Turms fand ich ein gemeißeltes Quadrat, das als grob behauenes Fenster diente, durch das ich meine geisterhafte Essenz beugen konnte; und als ich mich beugte, hielten meine Phantome in ihrem Tosen inne und stürzten aus meinen gespenstischen Augen, trieben dahin und verwandelten sich in einen einzelnen Stern, von dem ein einziger Strahl fiel. Und so quetschte dieser Strahl meine luftige Substanz durch das steinerne Portal; und auf diesem Strahl kroch ich zum Dämonenstern, als er begann, die Züge meiner Phantome anzunehmen, wodurch ich die letzten Überreste meiner Sterblichkeit opferte, um mich der wirbelnden Konklave anzuschließen.

Logen Neunfinger: Der Blutige Neuner

Logen Neunfinger ist der Blutige Neuner, da muss man realistisch sein.

Mit diesem großen, oberflächlich derben Nordmann hat Joe Abercrombie den Archetypen des Barbaren um eine ganz besondere Figur bereichert: einen Krieger auf der Flucht vor sich selbst. Nun, das alleine würde Logen Neunfinger natürlich noch nicht außergewöhnlich machen, also die bloße Flucht vor der eigenen, schwarzen Vergangenheit. Große, grausame Krieger, die an einem bestimmten Punkt in ihren Leben Waffen zu Pflügen schmieden, um fortan den hehren Traum zu leben, den Boden, den sie bis dato nur mit Blut zu tränken wussten, fortan zu kultivieren und zu besäen, die gibt es im Genre wie Sand am Meer. Irgendwann wird jedoch immer irgendjemand vermeintlich unerwartet des Weges kommen, wird diesem bekehrten Krieger ein Tor in die Vergangenheit öffnen, ihn an seine blutige Schuld erinnern, eine Möglichkeit zur wahren Wiedergutmachung abseits des Daseins als Bauer im Gepäck haben, woraufhin dieser geläuterte Mann dann aufbrechen müsste, um endgültig mit sich selbst Frieden zu schließen. Aber so einer ist Logen Neunfinger nicht. Logen ist kein Träumer, er ist durch und durch Realist, immer schon gewesen. Leute, die die Geschichten bereits kennen, mögen jetzt Lamm ins Feld führen, aber lassen Sie uns über Lamm später sprechen. Die ersten Dinge zuerst, so werden wir das hier handhaben, um Logen Neunfingers Herangehensweise treu zu bleiben.

 

Logen ist ein großer, physisch überaus imposanter Mann, dessen Leib mit Narben aus vergangenen Schlachten übersät ist. Wie der Name schon verrät, ist die signifikanteste Wunde an seinem Körper der abwesende Mittelfinger seiner linken Hand. Seine Haare sind ein wirres, verfilztes, schwarzes Durcheinander, seine Augen tiefliegend und blau. Seine Gesichtszüge, eher platt, mit einer stark verbogenen Nase und einem eingekerbten Ohr, mögen auf den einen oder anderen vielleicht sogar einfältig wirken – aber lassen Sie sich da bloß nicht täuschen. Wenn dieser Mann eines nicht ist, dann ist es einfältig. Nein, man könnte ihn mitunter sogar als Philosophen bezeichnen, als jemanden, der stets danach trachtet, eine bessere Version seiner selbst zu sein, und wenn ihm das nicht möglich ist, so zumindest auf jeden Fall besser als all jene, die ihm nach dem Leben trachten; und davon gibt es einige. “Logen Neunfinger: Der Blutige Neuner” weiterlesen

Schreiben wie Lovecraft

Im Juni 2013 bekam ich per Post die neueste Ausgabe von Famous Monsters of Filmland, die ich mir bestellte, weil S.T. Joshi zwei Artikel dafür geschrieben hat. Ich war erstaunt darüber, dass kein einziger Artikel von einer Filmadaption eines Lovecraftschen Themas handelte. Zwei Artikel (“Lovecraft’s Acolytes,” von Robert M. Price und “The New Mythos Writers,” von S. T. Joshi) behandelten jene Schriftsteller, die von seiner Arbeit beeinflusst wurden und unter diesem Einfluss selbst schrieben, angefangen von der Zeit, als Lovecraft noch am Leben war, bis heute; und ein Artikel (“The Language of Lovecraft,” von Holly Interlandi) sah sich Lovecrafts Stil und Satzstruktur etwas näher an! Dass Lovecrafts Einfluss gegenwärtig reiche Blüten treibt, kann anhand solcher großartigen Anthologien wie Lovecraft Unbound (herausgegeben von Ellen Datlow), Black Wings (aka Black Wings of Cthulhu, herausgegeben von S. T. Joshi), New Cthulhu: The Recent Weird (herausgegeben von Paula Guran) und The Book of Cthulhu (herausgegeben von Ross E. Lockhart) abgelesen werden.

Wenn wir von Lovecraftschem Horror reden, oder vom Lovecraft-Mythos (wie er allein in Lovecrafts Werk existent ist), sollten wir diese Erzählungen von jenen unterscheiden, die unter dem Begriff „Cthulhu-Mythos“ bekannt wurden, ein Begriff, den August Derleth eingeführt hat. Lovecraftscher Horror beinhalten Aspekte des Cthulhu-Mythos (der sich von Lovecrafts Einfluss fort entwickelte), aber Lovecratfs Horror besteht aus mehr als kosmischen Entitäten, die auf unseren Planeten sickern, um unsere Träume und unsere geistige Gesundheit negativ zu beeinflussen. “Schreiben wie Lovecraft” weiterlesen

Die Bildsprache des Alfred Kubin

Auf der nördlichen Seite des Hauses liegt eine schattige Terrasse. Hierhin verirrt sich ab und an ein Vogel, der beim Überflug gegen eine Scheibe knallt und dann tot auf den Steinen liegt. Gerade gibt es Streit, wer ihn dort wegräumt.
Auf der Südseite scheint trotz Kälte und Schnee der Frühling ausgebrochen, denn eine Schaar von Spatzen zwitschert recht munter und macht fröhlich Beute auf dem Balkon mit dem Vogelfutter.

Beute machen…

Ich bin der Überzeugung, dass es in allen Dingen, Wesen und Erscheinungen noch eine andere Seite, als die der sichtbaren gibt. Hier und da kann man urplötzlich winzige Partikel von ihr erahnen, und, wie Michael Perkampus schreibt, sie bspw. „in den Augenwinkeln“, „hinter einer Pfütze oder einem Spiegel“ für den Bruchteil von Sekunden erhaschen (und daraus künstlerische Beute machen). Vielleicht braucht es aber auch nur etwas Übung, um mehr davon zu sehen… oder aber ein traumatisches Erlebnis, das unsere Scheinwirklichkeit entlarvt…

Anfang der 80er, als ich meine „erste Begegnung“ mit Alfred Kubin hatte, lebte ich auf der Seite Deutschlands, in der 1981 eine Linzensausgabe von Reclam in Leipzig erschien: Die andere Seite.
Im Kino zeigte man zudem eine Verfilmung dieses Romans – oder besser gesagt: einen vom Roman angeregten Film.
Es muss Traumstadt aus dem Jahr 1973 von Johannes Schaaf mit Rosemarie Fendel und Per Oscarsson gewesen sein… denn einen anderen Film darüber gibt es anscheinend (noch) nicht.
Staub, nichts als Staub und eine alptraumhaft-apokalyptische Stimmung mit dem ungeheuren Reiz des Fantastischen, hinter all den grauen Mauern mit den rußenden Schloten, die an jene der benachbarten Chemiefabrik in Bitterfeld-Wolfen und an den Braunkohleabbau in der Region erinnerten.. ein Gruselgefühl ist bis heute in tiefster Erinnerung…

Ich war vollkommen hin und weg…  gefesselt…
Der Film, so in meiner Erinnerung, schaffte es, im Gegensatz zu den meisten Romanverfilmungen, in vollkommener Weise, jene Atmosphäre von der im weiteren die Rede sein wird, wiederzugeben, die in vielen Werken Kubins zum Ausdruck kommt.
Den Künstler Alfred Kubin lernte ich zwar mit den zur Reclamausgabe gehörenden Illustrationen kennen, aber sein bildkünstlerisches Werk war damals im anderen Teil Deutschlands noch nicht zugänglich.

Eine ähnliche Stimmung, zwar nicht dieser komplexen Natur wie im Roman, der 1908 aus einer Schaffenskrise heraus entstand und 1909 mit 52 Illustrationen Kubins im Verlag G. Müller, München und Leipzig veröffentlicht wurde, entsteht bei der Betrachtung dieses Tuschebildes von 1902/03: „Der Verfolgte“.
„Perle“, die seltsame, im ewigen Dämmerlicht liegende Stadt, kann mit dieser düster staubigen Atmosphäre auf der Grafik verglichen werden.

Kubin zeigt hier mit seiner typisch reduzierten Bildsprache, aber mit betont psychologischer und archaischer Symbolik – einen Menschen auf der Flucht. Wohl kahlköpfig, mit Wanderstock – und Tasche, bekleidet in weitem, mit Gürtel zusammengehaltenem dunklen Gewand, ergreift er die Flucht aus dem linken Bildrand hinaus. Der ziemlich runde Kopf scheint sich noch kurz umzublicken, die linke Hand mit dem Stock emporgehoben und eine Ferse zeigend, flieht er eilenden Schritts, mit dem Rücken zum Betrachter. Es sind, wie für den Expressionismus typisch, kaum individuelle Merkmale des Menschen auszumachen. Das war ihm auch selten wichtig. Auch stärker symbolistisch gefärbte Bilder bleiben bei Kubin universell. Der Betrachter kann sich so besser mit ihnen identifizieren. In der schon von Caspar David bevorzugten Rückenansicht konnte sich der Betrachter besser auf die mit Symbolik aufgeladene Landschaft konzentrieren. War es bei Friedrich die von Gott geschaffene Natur mit dem Erlösungsgedanken, symbolisch dargestellt im göttlichen Licht, welches das Paradies verheißt, kommt auch ein romantischer Zug in Kubins Bild. Nur geht es hier nicht um Sehnsucht und Erlösung, denn die hier merkwürdig hölzern und übergroß erscheinenden Insekten mit starren Flügeln verkörpern wohl eher zutiefst endzeitlich apokalyptische Ängste. Jeder Mensch, der sich schon einmal in die Enge getrieben und verfolgt gefühlt hat, wird verstehen, was der Künstler bei der Erschaffung des Bildes im Sinn hatte. Zwischen Leben (zarte junge Birke am linken Bildrand) und Tod (dunkler astlos dargestellter großer Baum rechts) liegen übergroß werdende Ängste (mächtige Insekten). Jedes kleine Zeichen wächst sich aus zu einer nicht auszuhaltender Bedrohung, die Nerven liegen blank. So mag ein Schwarm Insekten in der Abenddämmerung monströs werden. Der psychisch geschwächte Körper empfindet riesige, laut rauschende Flügel, ein bedrohliches Summen, fühlt sich im nächsten Moment von den langen Fühlern betastet und obwohl er es besser wissen müsste, glaubt er sich sogleich gepiesackt und bald darauf erstochen oder verschlungen… so ähnlich stelle ich mir die Wirkung vor dem Original vor.

Die Flügelwesen erinnern in ihrer Form an Libellen oder Heuschrecken ohne Beine, aber auch an leichtmotorige Flugzeuge.
Heuschrecken (Orthoptera) stellen eine Ordnung der Insekten dar, welche mehr als 26.000 Arten umfasst. Ihr weltweites, in allen terrestrischen Lebensräumen Vorkommen, beinhaltet auch einige pflanzenfressende Arten, die zur Massenvermehrungen neigen. Vielleicht gab es auch einen darauf zurückzuführenden, lapidar erscheinenden äußeren Anlass für die Ideenfindung zu diesem Bild- die Flucht vor einem Insektenschwarm im Freien. Etwas mitunter sehr Lästiges, das die Menschen von jeher beschäftigte:

„Libellen haben es auf kleine Insekten abgesehen, die sie gerne in der Nähe von Tümpeln erbeuten“, Quelle
Nürnberger Chroniken – Heuschrecken (CCXXXv)

Man weiß von der Lebensweise der Libellen, dass ihre Beute im Wesentlichen aus anderen Insekten besteht, wobei beinahe wahllos alle Tiere attackiert werden, die sie überwältigen können. Zur Paarungszeit piesacken besonders die Männchen ihre Artgenossen, zeigen also Kannibalismus. Ihre Jagdflüge beobachtet man dabei nicht nur an Gewässern. Sie finden auch auf Wiesen, Waldlichtungen oder anderen freien Flächen statt- auch eine Beobachtung, die Kubin gemacht haben könnte.
Die Landschaft zwischen den beiden Baumpolen links und rechts in Kubins Grafik wird ebenfalls von einer kniehohen Wiese dominiert.

Kubin lebte zur Zeit der Bildentstehung wohl in München.

Nach dem Besuch eines Gymnasiums in Salzburg ab 1887 (abgebrochen aufgrund schulischen Versagens und vielleicht auch aus dem nicht bewältigtem Verlust seiner Mutter in seinem 10. Lebensjahr), hatte er ab 1892 seine fotografische Lehrzeit in Klagenfurt bei einem Verwandten absolviert (auch da nicht ohne Tiefs, denn ein Selbstmordversuch am Grab seiner Mutter hätte ihm fast das Leben gekostet- der Schuss aus der verrosteten Waffe ging nicht los) und lebte ab 1898 in München, wo er anfangs die private Malschule von Ludwig Schmid-Reutte besuchte.

Bereits in Klagenfurt in Berührung mit Schopenhauers “Parerga” gekommen, zeigte sich spätestens von ab Kubins pessimistische Weltanschauung. Das angeblich lange Zeit schlechte Verhältnis zu seinem Vater dürfte ein Übriges dazu beigetragen haben.

Am 2. Mai 1899 schrieb er sich zwar noch an der Königlichen Akademie für ein Studium im Fach Malerei bei Nikolaus Gysis ein, jedoch brach er auch hier schon bald wieder ab und begab sich auf mehrere Studienreisen, bis er schließlich 1906 bei Wernstein am Inn auf dem alten Herrensitz Schloss Zwickledt mit seiner Frau Hedwig ansässig wurde. Diese begüterte Witwe, eine Schwester des Schriftstellers Oscar A. H. Schmitz, hatte Kubin im Februar 1904 kennen gelernt. In Zwickledt entstand 1909 auch Kubins oben erwähnter Roman „Die andere Seite“. Doch dies ist schon nicht mehr die Zeit, in der unser Bild entstand.

Die wichtigsten künstlerischen Anregungen scheint Kubin nachweislich durch das Studium von Werken in der Münchner Pinakothek bekommen zu haben. Ihn begeisterten Künstler wie Klinger, Munch, Redon und Goya:

“Ich verfertigte ganze Reihen von Tuschzeichnungen, lernte das gesamte zeichnerische Werk von Klinger, Goya, de Groux, Rops, Munch, Ensor, Redon und ähnlicher Künstler kennen, die abwechselnd meine Lieblinge waren und mich hin und wieder, wenn auch unbewusst beeinflussten.”

Das ist auch ziemlich verständlich, liegen diese doch auf einer Wellenlänge mit Kubin, was das Aufgreifen existenzieller Probleme und das tiefe psychologische Verständnis der menschlichen Seele betrifft. Natürlich musste sich Kubin mit Minderwertigkeitsgefühlen abplagen, wenn er dieser künstlerischen Vorbilder als unerreichbar empfand. Aber seine Bilder jener Zeit zeigen, was er als nachahmenswert sah, z.B. kompositorische Lösungen.

Diesbezüglich kam mir sofort Goyas Bild in den Sinn: „Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer“ aus der Serie Capriccios, welches ein Inbegriff dieser düsteren Kehrseite „der lichten Welt“ der Vernunft und der Aufklärung ist.

„Eine Eule, im Spanien des 18. Jahrhunderts Sinnbild der Finsternis, Rückständigkeit und Ignoranz, reicht dem Schlafenden einen Pinsel hin, als wolle sie von ihm die Niederschrift seiner Träume erzwingen.“

Zeigt Kubin uns mit „Der Verfolgte“ einen ihn(?) verfolgenden Alptraum?

Der Traum allgemein hatte für Kubin symbolische Kraft, „die nicht erst einer psychologischen Analyse bedarf, da er die unmittelbare schöpferische Vision für stärker hielt als deren Analyse.“(Quelle)

So, wie Goyas Ungeheuer von rechts nach links in das Bild rauschen, so schwärmen auch die Insekten in Kubins Bild. Beide Künstler platzieren ihr Opfer an den linken Bildrand und reduzieren den Hintergrund auf das Notwendigste.

Der Traum der Vernunft gebiert Ungeheuer, Francisco Goya, 1797/98, Aquatinta und Ätzradierung; Quelle

Kubin neigte dazu, einmal herauskristallisierte Motive und Kompositionen wieder aufzunehmen und in veränderter Form wiederzugeben. So zeigt er uns bspw. auch in „Dolmen“, ebenfalls um 1902 entstanden, diese fliegende Invasion, als Symbol für (s)eine ziemlich gequälte Seele. Damit offenbart sich auch Kubins Nähe zum Symbolismus.

Dolmen*1, Alfred Kubin, 1902

*1 Dolmen, bretonisch für „Steintisch“, ist in der Regel ein Bauwerk aus großen, unbehauenen oder behauenen Steinblöcken, das in der Megalithkultur zumeist als Grabstätte diente

Nach Schopenhauer hatte Kubin Nietzsche gelesen und fühlte sich wohl grundsätzlich pessimistisch. Seine empfindsame Seele wurde später durch den Tod einer geliebten Freundin erneut verwundet.

Doch wir befinden uns mit diesem Bild ja noch in seinen jugendlichen Anfangsjahren (seinem Frühwerk von 1899 bis 1904). Kubins Hang zum Phantastischen, Dämonischen und Gespenstischen brachte eine Flut von unheimlichen Gestalten hervor. Sie drängten sich ihm auf und erzeugten wohl rauschhafte Gefühle. Viele Zeichnungen der frühen Schaffensperiode von 1899-1908 quellen über von phantastischen und grotesken Tierdarstellungen (Schlangen, Spinnen, Wölfe, Tiger). Unsere Flugwesen scheinen hingegen nicht aus solch gänzlich fremden Gefilden, sondern eher dem Alltag entnommen.

Hans Hofstätter zitiert eine Begebenheit, die davon zeugt, wie sich in Kubins Welt sichtbar Erlebtes auflädt und er in eine scheinbar ins Fantastische mündende Bewusstseinsebene eintritt, in dem sich die oben so als rar beschriebenen Wirklichkeiten plötzlich ganz klar zeigen, in dem seine Sinne geschärft sind (in: Die Bildwelt der symbolischen Malerei. In: Symbolismus in Europa. Ausstellungskatalog Staatliche Kunsthalle Baden-Baden 20. März – 9. Mai 1976. Baden-Baden 1976, S. 13):

“Mit noch übervollem Herzen schweifte ich in der Stadt umher und betrat abends ein Variété; denn ich suchte eine gleichgültige und doch geräuschvolle Umgebung, um einen inneren Druck, der immer heftiger wurde, auszugleichen. Es ereignete sich dort etwas seelisch sehr Merkwürdiges und für mich Entscheidendes, das ich heute noch nicht ganz verstehe, obwohl ich sehr viel darüber nachgedacht habe. Wie nämlich das kleine Orchester mit dem Spiel begann, erschien mir auf einmal meine ganze Umgebung klarer und schärfer, wie in einem anderen Licht. In den Gesichtern der Umhersitzenden sah ich auf einmal eigentümlich Tier-Menschliches, alle Geräusche waren sonderbar fremd, von ihrer Ursache gelöst; es klang mir wie eine hohnvolle, dröhnende Gesamtsprache, die ich nicht verstehen konnte, die aber doch deutlich einen ganz gespensterhaften inneren Sinn zu haben schien …”

Das Irrationale, das auch zum Menschen gehört, nicht immer einbezogen in den Vernunftbegriff, schied vieles aus, diffamierte es, verabsolutierte die Vernunft zum Machbaren, zu einem platten Fortschrittsbegriff, ungeachtet dessen, dass unsere Welt in ständiger Bewegung ist und auch jedweder Begriff einer ständigen Revision bedarf. Diese Erkenntnis wurde und wird nicht von allen Menschen geteilt. Bei Kubin hingegen durchzieht sie das gesamte Werk.

Tendenzen von Endzeitstimmung und psychischen Abnormitäten gründen hingegen oftmals in kollektiven Erfahrungen von Entbehrung, Verlust, Leid und Grauen. Dies auch bildhaft ausdrücken zu können, brachte Kunstwissenschaftler dazu, Kubin als Vater der modernen, psychologisierenden Zeichnung
zu beschreiben.

Während Goya seinen Protagonisten schlafend und sitzend zur Unbeweglichkeit, zur Ohnmacht verurteilt, glaubt man bei Kubin eine Chance für sein Entkommen zu sehen. Er ist schnell, er kann davonrennen. Wenn er aktiv wird, könnte er es schaffen.

Das passt denn auch zu Kubins Aussagen zum Thema Angst. Sie wäre ein Zustand, den man zu überwinden hat, um sein seelisches Gleichgewicht zu erlangen:

“Man muss hindurch, auch durch die Angst, um sich jenseits derselben nach einem infolge des Schwankens aller gewohnten Bewusstseinssicherungen qualvollen Übergangsstadium in einem neuen seelischen Gleichgewichtszustand wiederzufinden. Dem schwebenden.”

Wie so viele Künstler, wurde Kubin von seinen Zeitgenossen weniger wertgeschätzt als heute. Man hielt ihn für einen grafischen Dilettanten, feierte aber die Drastik seiner Bildthemen, von denen die erotischen hier noch nicht zur Sprache kamen.

*

Wer räumt nun diesen alptraumhaften Vogel, der noch durch kein Bild flog, von dieser Terrasse und überwindet diesen/dessen Zustand der Reglosigkeit?
Man könnte ihn über das Geländer nach unten werfen… müsste ihn dafür auch nicht allzu lange berühren, sein Lebensgewicht nicht zu lange spüren, wenn man ihn die unendlich vielen Treppen nach unten trägt. Ein letzter Flug …  wie ein Insekt zum Mond … so auch ein Mensch zum Vogel zu …

Insekt vom Mond, Alfred Kubin, 1910, Tuschpinselzeichnung

Der Wert der Zeichnung „Insekt vom Mond“ von Kubin wurde heutzutage auf 30.000 € geschätzt und für 41.650 € verkauft (Quelle).
Sie zeigt den mondförmigen Kopf des flüchtenden Menschen aus „Der Verfolgte“, zusammen mit den dort fehlenden Insektenbeinen der Flugmonster, die noch ein paar Blätter der Birke als Sporen mitgebracht haben. Und so bringt Kubin 8 Jahre später zusammen, was zusammen gehört.

Friedhofsmauer, Alfred Kubin um 1902; Tusche, laviert, auf Papier; 24,8 x 18,2 cm; Privatbesitz; Quelle

Der Kamikaze-Terrassenvogel wird vom Flughund des Goya-Kubin ausgesaugt und sich in Staub auflösen, welcher dann zur anderen Seite fliegt, um dort in die Beutemasse des Fantastischen einzugehen.

Das Fußvolk der Traumfabrik wird den Begriff des Vernünftigen neu definieren und die Macht der Bilder begreifen. Illusion ist einfache Realität, nicht chaotischer als das Leben selbst. Realitäten sind unendliche Kehrseiten einer Medaille, einer Münze, die der heutige Mensch dankbar für seinen Erkenntnisgewinn bezahlt… und seien es 41.650 € für die Illusion eines winzigen Mondfliegers.