Ich bin die Nacht -1 –

In der Tiefe der Nacht kann einem alles begegnen. Welten türmen sich auf, entfalten ihre grandiosen weiten Ebenen des Zerfalls, mumifizierte Zeitzeugen murren aus trockenen Mündern von ihren Erlebnissen, ein Gesicht hängt in Fetzen in Höhe des Mondes – die Wangen aufgerissen wie zerschnittener Stoff in einer Bastelstube. Dann ist es vorbei, wie die Fahrt in einer Geisterbahn, die Kufen führen aus der stinkenden Nacht in eine noch tiefere hinein, ruckeln weiter zur nächsten Szene. Und nirgendwo hat das Licht eine sichtbare Qualität, schwarz in schwarz bestätigt es nur eine absolute Dunkelheit.

Was man zu sehen bekommt ist merkwürdigerweise unabhängig von einer Lichtquelle. Die Toten leuchten von Innen, die Geister tun es ihnen nach.

Eine chemische Reaktion, die sich über den Baumwipfeln zu einer Dunstglocke formiert, nur das war von ihm übriggeblieben. Sein Rest würde bald zum Staub fremder Sterngruppen gehören, zu Globulen und Dunkelwolken, unentdeckt von allen Teleskopen, die da noch kommen sollten. Die Sonne entdeckte den gemarterten Körper zuerst. Ihr tastendes Licht beendete die Nacht, die in vielen Seelen lauert. Nackt hing er an diesen Stamm gefesselt, übergossen mit flüssigen Exkrementen in der Pose eines Gottes am Weltenbaum.

Schon öffnet der Moloch sein Bronzemaul und röchelt in allen Farben des Feuers, verschlingt alles – und würde sich selbst verschlungen haben, aber vielleicht … aber vielleicht will er nur den süßen Saft des Lebens kosten – sich sättigen an den Rinnsalen der Leiden aller, dem herausgedrückten Seim, vielleicht will er auch nur die nie von einer Sonne beschienene Statue sein, der Hochofen elementarer Angst.

In den letzten Sekunden seiner rituellen Ekstase sah er die Nacht, die mit ihrer schneidenden Kälte bereits tief in ihn gedrungen war, Gestalt annehmen. Durchs Gebüsch fegte ländliche Agonie. Der Mangel an Eindeutigkeit ließ ihn schauderhaft Zittern, er erkannte nicht, was dort draußen seit Stunden um ihn herum kroch. Die Luft kündete von Maden, es war fürchterlich finster. Er zerrte an den Fesseln, aber das Hanfseil war unnachgiebig. Was die Erscheinung, die sich weder bewegte, noch an einem einzigen Ort verharrte, wirklich tat, war für ihn nicht zu erkennen. Der Schmerz nahm beständig zu, und die Angst hätte ihn verbrennen müssen, aber einige Minuten später war er ausgeschaltet, dieser zweigeteilte Baum zu seinem Martergrab geworden. Er sank in die Hanfseile und sickerte langsam in die Erde.