Die Furcht, die hinter den Bäumen haust

Wenn an einem lauen, sonnigen Tag der Wind die Blätter des Waldes leise zum Rauschen brachte, dann war man an einem heiligen Ort. Auch, wenn man das als Kind noch nicht so genau benennen konnte. Die ersten Bäume, die ersten Säulen dieser Kathedrale aus Holz und Laub und Träumen, schlossen direkt an den Kartoffelacker an, der hinter dem Hof meiner Großmutter lag. Und in den wirklich schönen Sommerwochen ging es oft genug bereits kurz nach Sonnenaufgang durch das große, überdachte Tor des Hinterhofs hinaus, in dessen Schatten der klobige, alte Traktor stand und so auf mich immer den Eindruck eines schlafenden Dinosauriers machte. Von dort aus liefen wir weiter über das Feld, auf den angrenzenden Trampelpfad, an dem entlang man sich bald schon zwischen den ersten Ausläufern des Dunkelsteinerwaldes verlor.

Der große, geliebte Wald, das war auch ein Stückchen Heimat für mich. Wenn wir über die wurzelbewachsenen Hänge kraxelten, den fliehenden Hasen im Unterholz nachstellten und uns mit Holzschwertern und Pfitschipfeilen, aus selbstgebrochenen, jungen Ästen, gegenseitig den Krieg erklärten, dann waren wir zuhause. Die Spiele waren rau und wir waren, trotz unserer jungen Jahre, uralt in unserem Wissen um die Grundlage der Dinge, die man nirgendwo anders so gut lernen konnte, wie zwischen den blätterbehangenen Pfeilern unserer endlosen Sommerresidenz. Ein Verständnis, das wir aber niemals sehr lange mit uns aus dem Wald hinaus zu nehmen vermochten. Denn meistens floss es, bereits bei der ersten Berührung mit Seife und Wasser, gemeinsam mit dem Schmutz und der Erde in den Abfluss der Dusche, in die wir nach unseren Spielen zwangsläufig von den Erwachsenen gesteckt wurden. Die Erkenntnisse aus dem Wald wurden uns dort vor dem Abendessen gewissenhaft von den Körpern gewaschen und kamen uns, außerhalb der baumbewachsenen Zone, höchstens noch in den Träumen besuchen. “Die Furcht, die hinter den Bäumen haust” weiterlesen

TF Episode #6: Das Spukhaus: Dauerbrenner der Schauerliteratur

In dieser Episode sehe ich mir anhand von einigen Klassikern des Genres, wie Shirley Jacksons “Spuk in Hill House”, Richard Mathesons “Das Höllenhaus”, Clive Barkers “Coldheart Canyon”, Chuck Palahniuks “Die Kolonie” und Diane Setterfields “Die dreizehnte Geschichte” das Phänomen des verfluchten Hauses etwas genauer an. Unterschiedlicher könnten die hier genannten Autoren nicht sein, aber jedes dieser genannten und durchaus miteinander verbundenen Werke hat etwas Besonderes in die Spukhaus-Geschichte eingebracht.

H.P. Lovecraft: Die Pilze von Yuggoth – VIII. Der Hafen

Anmerkung des Übersetzers: Fungi from Yuggoth besteht aus 36 Sonetten, die Lovecraft zwischen dem 27. Dezember 1929 und dem 4. Januar 1930 verfasste. Ausgewählte Sonette wurden im Weird Tales Magazine veröffentlicht. Erstmals komplett erschien der Zyklus in Lovecrafts Sammlung “Beyond the Wall of Sleep”, die von August Darleth 1943 herausgegeben wurde, sowie 2001 in “The Ancient Track: The Complete Poetical Works of H. P. Lovecraft”. Die erste Publikation, die den Zyklus in der richtigen Reihenfolge brachte,  war “Fungi From Yuggoth & Other Poems”. Herausgegeben von Random House 1971.
Lovecraft wählte für seinen Zyklus eine Mischform aus Sonetten-Stilen. Bei genauerem Hinsehen ist es schwierig, wirklich von Sonetten zu sprechen. Als Übersetzer habe ich mich dafür entschieden, auf die Endreime zu verzichten, um die von Lovecraft intendierte Erzählform beibehalten zu können. Wie immer bei Gedichten kann es sich nur um eine Nachdichtung handeln.

VIII: Der Hafen

Zehn Meilen entfernt von Arkham traf ich auf den Weg,
Der an den Klippen entlang über Boynton Beach führte,
Und hoffte, mit dem Sonnenuntergang den Bergkamm zu erreichen,
Der ins Tal und auf Innsmouth hinunter blickt.
Weit draußen auf dem Meer wurde ein Segel eingeholt,
Weiß gebleicht, wie es nur die harten Jahre uralter Winde vermögen,
Aber mit einem Vorzeichen des Bösen jenseits der Sprache versehen,
So dass ich davon absah, einen Gruß und ein Zeichen zu entsenden.

Segel aus Innsmouth! erschallte es in Anlehnung an das alte Renomee
Schon lange toter Zeiten. Doch schon senkte sich
Eine zu schnelle Nacht herab, und ich hatte den Gipfel erreicht,
Von wo aus ich mir so oft die weit entfernte Stadt besah,
Die Türme und Dächer sah ich – aber dort! Das Dämmerlicht
Senkte sich auf dunkle Gassen, so lichtlos wie das Grab!

Neu in der Sammlung (11)

Bildrechte der Cover von links nach rechts: Unionsverlag; Diogenes; Diogenes; Propyläen. Hinten: Anaconda.

Trotz meines Unmuts über ihren Werkstattbericht bleibe ich an Patricia Highsmith dran, weil die Geschichten im Schneckenforscher doch so außerordentlich waren. Der Podcast ist schon produziert, wird aber noch etwas auf sich warten lassen, die Schleife ist doch etwas länger. “Nixen auf dem Golfplatz” bietet also weitere 10 Geschichten, “Das Zittern des Fälschers” ist ein Roman, und es wird sich nach und nach auch der Rest einfinden, weil es in einer Bibliothek immer möglichst um Komplettierung geht. Pablo de Santis gehört einerseits zur Kriminalliteratur, andererseits zu meiner Lateinamerika-Abteilung. Da man in Argentinien die Kriminalliteratur seit Borges ohnehin anders betrachtet – und damit wieder einmal seine Überlegenheit demonstriert, ist das kaum einer Erwähnung wert, denn dieser Sachverhalt dürfte hinlänglich bekannt sein, auch wenn man – und das ist typisch für unseren Sprachraum, auf den einschlägigen Plattformen nichts davon mitbekommt und nur müde über den Listen brütet, die dort gepflegt werden. Was Poe betrifft, spricht rein alles für meine älteste Liebe, die entfacht wurde, als ich im Alter von acht Jahren den “Goldkäfer” las. Im Hintergrund ist eine Edition, die ich bisher noch nicht hatte und ich frage mich immer wieder, ob es denn wirklich notwendig ist, ein Sammelsurium schlechter Übersetzungen aneinanderzureihen, vor allem, weil man kaum etwas besseres finden wird als die zehnbändige Ausgabe, übersetzt von Arno Schmidt und Hans Wollschläger. Doch darum geht es im Grunde nicht, auch wenn Anaconda ein Schmarotzerverlag ist, der keinesfalls Unterstützung verdient. Was mich also – neben dem Fetischgedanken – dazu veranlasste, diese billigen Hardcover zu kaufen, waren die Übersetzungen von Wolf Durian, Gisela Etzel, Marie Ewers, Emmy Keller und Karl Lerbs. Die älteste Ausgabe, die ich habe, ist der dreibändige Heyne-Schuber von 1969 in rosa und schwarz, mit Zeichnungen von Alfred Kubin, im Grunde ein Nachdruck der bei Nymphenburg 1965 erschienenen Hardcover, übersetzt von Hedda Eulenberg (was aus den Büchern allerdings nicht hervorgeht). Bleibt noch, vom “Schwarzen Duft der Schwermut” zu sprechen, das erst meine vierte Poe-Biographie ist. Da liegt noch viel Arbeit voraus.

Tontafelkalender vom 23ten Hartung xx20, einem Durnstag

Ich befinde mich in einem Alter, in dem ich so wohlgeformt durch die Jahrzehnte des ausschließlich-schreibens und ausschließlich-anders-seins sehr weit weg bin von jedem literarischen Diskurs, und das vor allem, weil ich in meiner Abgeschiedenheit viel mehr internationale Impulse aufgenommen habe als die meines direkten Kulturkreises, natürlich immer nur selektiv. Die Führung, die im alltäglichen Zufall genannt wird, das waren mir die literarischen Abenteuer von oben nach unten und bald wollte ich das Gedicht, bald wollte ich Prosa, bis ich bemerkte, dass es keine Rolle spielt, dass jede Genrezuweisung nur ein Kunstprodukt für sich selbst ist, man das aber nur begreift, wenn man nicht ununterbrochen darauf aufmerksam gemacht wird. Erst dann liegen einem auch die Sprachepochen zu Füßen und man bindet seinen Geist an den rundgefüllten Eimer wie ein Ohr, das man abnehmen und überall hinlegen kann.

Ich stünd’ nicht gern an finstren Lauben
Ohn’ an die wilde Pflicht zu glauben
Es käm’ auf die Sekunde an
Das Tor könnt’ sich zum Nichtse biegen
Und alte Trauer dort versiegen
Wo ich einst meinen Wahn begann

In Großgaloschen trampelt hier
Das eine um das andre Tier
Und will mich aus dem Loch vetreiben
In dem ich warte, sitze, speie
Mit aller Freude dem verzeihe
Der’s schafft mich durch das Holz zu reiben

Denn bin ich drin will ich gleich wähnen
Die Tür zu öffnen mit den Zähnen
Damit man mich besuchen kann
Ich tischte Kuchenklänge auf
Und andren Schmaus für einen Bauch
Der Luft ablässt so dann und wann

Alte Fotografien sind mir oft mehr als zweidimensionale Übrigkeiten einer vergangenen Spanne. Ich achte oft hinter einer Lupe, die mich etwas spöttisch näher kommen heißt, auf eine flüchtige Geste, die möglicherweise im dort festgehaltenen Faltenwurf oder einem Sonnenstrahl, der eine Schulter etwas mehr aus dem Grau hebt, ein Spiel des Lesens von Augenblicken mit mir beginnen will. Ich verstehe nur halb, wie es kommt, dass es alles, was zu erkennen bleibt, nicht mehr gibt, verstehe es also als finstere Vertrautheit mit meinen eigenen Gedanken, die schon nachher verschwunden sein werden, wenn ich sie nicht irgendwohin notiere. Ich verstehe als nur halb, denn die andere Hälfte wehrt sich entschieden gegen eine Aufklärung, aus der Gewissheit heraus, dass es sich um eine Täuschung handelt, sobald man erklärt.


Nach dem Gequassel aus P. Highsmiths Werkstattbericht, mit dem ich sehr wenig anfangen konnte, weil ich eine gänzlich andere Arbeitsauffassung habe, bin ich schnell in die 20er Jahre verschwunden und vom “Josty ins Romanische Cafè” gegangen. Es ist die Kunst solcher Bücher, eine Lebendigkeit quasi aus der Retorte entstehen zu lassen, was dann, obwohl es sich m eine Illusion handelt, jene Gehirnhälfte temperiert, die bereits schlafen will – es ist halbzwei – und deshalb leichtes Spiel hat, denn der Schlaf und die eingefangene Vergänglichkeit verstehen sich recht gut.

Irgendetwas scheint komisch zu sein an meinen Zeitreisen. Man weiß ja erst, was uns an Geist verloren gegangen ist, wenn man sich in die Ferne nach hinten begibt.

H.P. Lovecraft: Die Pilze von Yuggoth – VII. Zamanns Hügel

Anmerkung des Übersetzers: Fungi from Yuggoth besteht aus 36 Sonetten, die Lovecraft zwischen dem 27. Dezember 1929 und dem 4. Januar 1930 verfasste. Ausgewählte Sonette wurden im Weird Tales Magazine veröffentlicht. Erstmals komplett erschien der Zyklus in Lovecrafts Sammlung “Beyond the Wall of Sleep”, die von August Darleth 1943 herausgegeben wurde, sowie 2001 in “The Ancient Track: The Complete Poetical Works of H. P. Lovecraft”. Die erste Publikation, die den Zyklus in der richtigen Reihenfolge brachte,  war “Fungi From Yuggoth & Other Poems”. Herausgegeben von Random House 1971.
Lovecraft wählte für seinen Zyklus eine Mischform aus Sonetten-Stilen. Bei genauerem Hinsehen ist es schwierig, wirklich von Sonetten zu sprechen. Als Übersetzer habe ich mich dafür entschieden, auf die Endreime zu verzichten, um die von Lovecraft intendierte Erzählform beibehalten zu können. Wie immer bei Gedichten kann es sich nur um eine Nachdichtung handeln.

VII. Zamanns Hügel

Drohend hing der große Hügel über der alten Stadt,
Ein Abgrund, der sich über das Ende der Hauptstraße bog;
Grün, hoch, und bewaldet blickte er düster auf den
Kirchturm hinab, der an der Straßenkreuzung stand.
Seit zweihundert Jahren hörte man nur Geflüster über das,
Was einst auf dem menschgemiedenen Hang geschehen –
Geschichten über auf grausame Weise verstümmelte Tiere,
Einen Hirsch oder einen Vogel, oder über verschwundene Burschen,
Deren Familien längst die Hoffnung aufgegeben hatten.

Eines Tages fand der Postbote das Dorf an dieser Stelle nicht mehr,
Noch wurden die Bewohner oder Häuser jemals wiedergesehen;
Leute kamen aus Aylesbury, um zu gaffen – doch sie sagten,
Dass der Briefträger verrückt geworden sein müsse, wenn er behauptete,
Die gefräßigen Augen des Hügels und seinen weit aufgerissenen Kiefer gesehen zu haben.

Neu in der Sammlung (10)

Bildrechte der Cover von links nach rechts: Diogenes; Heyne; Insel; Dreoemer

Jaques Bonnet plaudert in seinen “vielseitigen Geliebten” über das Büchersammeln, wie man 20 000 Bücher sortiert und was es bedeutet, biblioman zu sein. Patricia Highsmith ist mit ihrem Werkstattbericht “Suspense” eingetroffen, Diane Setterfield bereichert die New Gothic Novel-Abteilung und  Jürgen Scheberas “Vom Josty ins Romanische Café” ist gerade erst erschienen und bietet Streifzüge durch die Berliner Künstlerlokale der Goldenen Zwanziger.

Über den Schnitter, den Schelm und Daniel Kehlmanns »Tyll«

Eine Frage stellt sich nicht mehr: Wo ist Carlos Montúfar? Jener historisch verbürgte Begleiter Humboldts fehlte einst in Daniel Kehlmanns Bestseller »Die Vermessung der Welt«. Gestrichen. Für die Geschichte. Für die Dramatik. Zwölf Jahre nach dem Erscheinen steht mit »Tyll« der nächste vermeintlich historische Roman des österreichischen Autors an. Die Frage lautet jetzt: Warum Till Eulenspiegel? Denn Kehlmann versetzt den Narren für seinen aktuellen Roman aus dem 14. Jahrhundert in die Zeit des Dreißigjährigen Kriegs.

Die Antwort lautet damals wie heute, »daß ein Erzähler niemand anderem verpflichtet ist als seiner Geschichte und daß auch diese ihm nicht gehört, selbst wenn er das glaubt. Daß die Kunst zwar zweitklassig ist gegenüber der Natur, daß sie ihr aber manchmal dennoch etwas hinzufügen muß, denn das Wirkliche ist nicht immer, nicht allen Fällen, das Wahre«. So schrieb es Kehlmann damals in einem Essay. Um das Wahre zu finden, braucht die Erzählung von »Tyll« seinen Schelm, seine Drachen, seine Anleihen an Märchen und an den klassischen historischen Roman. Denn es geht in diesem Buch vor allem darum: Entkomme dem Tod. Ein Glück ist hier der Schelm dem Schnitter stets einen Schritt voraus. »Sterben ist nichts, das begreift er.« Eine Erkenntnis, die Tyll bereits nach ein paar Seiten trifft. “Über den Schnitter, den Schelm und Daniel Kehlmanns »Tyll«” weiterlesen

H.P. Lovecraft: Die Pilze von Yuggoth – VI. Die Lampe

Anmerkung des Übersetzers: Fungi from Yuggoth besteht aus 36 Sonetten, die Lovecraft zwischen dem 27. Dezember 1929 und dem 4. Januar 1930 verfasste. Ausgewählte Sonette wurden im Weird Tales Magazine veröffentlicht. Erstmals komplett erschien der Zyklus in Lovecrafts Sammlung “Beyond the Wall of Sleep”, die von August Darleth 1943 herausgegeben wurde, sowie 2001 in “The Ancient Track: The Complete Poetical Works of H. P. Lovecraft”. Die erste Publikation, die den Zyklus in der richtigen Reihenfolge brachte,  war “Fungi From Yuggoth & Other Poems”. Herausgegeben von Random House 1971.
Lovecraft wählte für seinen Zyklus eine Mischform aus Sonetten-Stilen. Bei genauerem Hinsehen ist es schwierig, wirklich von Sonetten zu sprechen. Als Übersetzer habe ich mich dafür entschieden, auf die Endreime zu verzichten, um die von Lovecraft intendierte Erzählform beibehalten zu können. Wie immer bei Gedichten kann es sich nur um eine Nachdichtung handeln.

VI. Die Lampe

Wir fanden die Lampe in diesen zerschossenen Felsen, kein Priester
Thebens hätte die eingravierten Zeichen zu lesen vermocht,
Und diese beängstigenden Hieroglyphen warnten
Jede lebendige Kreatur der Erde vor diesen Kavernen.
Mehr war da nicht – nur dieses eine eherne Schälchen,
In dem sich Reste eines seltsamen Öls befanden;
Mit einer obskur gemusterten Schriftrolle beschwert und
Voller Symbole, die vage von einer sonderbaren Sünde sprachen.

Wenig interessierten uns die Ängste vor vierzig Jahrhunderten
Als wir unsere schmale Beute davontrugen; und als wir sie
In unserem dunklen Zelt untersuchten, rissen wir ein Streichholz an,
Um das antike Öl zu entfachen. Es loderte auf – großer Gott! …
Aber die gewaltigen Gebilde, die wir in diesem wahnsinnigen
Leuchten erkannten, erfüllten unsere Existenz mit Ehrfurcht.

H.P. Lovecraft: Die Pilze von Yuggoth – V. Heimkehr

Anmerkung des Übersetzers: Fungi from Yuggoth besteht aus 36 Sonetten, die Lovecraft zwischen dem 27. Dezember 1929 und dem 4. Januar 1930 verfasste. Ausgewählte Sonette wurden im Weird Tales Magazine veröffentlicht. Erstmals komplett erschien der Zyklus in Lovecrafts Sammlung “Beyond the Wall of Sleep”, die von August Darleth 1943 herausgegeben wurde, sowie 2001 in “The Ancient Track: The Complete Poetical Works of H. P. Lovecraft”. Die erste Publikation, die den Zyklus in der richtigen Reihenfolge brachte,  war “Fungi From Yuggoth & Other Poems”. Herausgegeben von Random House 1971.
Lovecraft wählte für seinen Zyklus eine Mischform aus Sonetten-Stilen. Bei genauerem Hinsehen ist es schwierig, wirklich von Sonetten zu sprechen. Als Übersetzer habe ich mich dafür entschieden, auf die Endreime zu verzichten, um die von Lovecraft intendierte Erzählform beibehalten zu können. Wie immer bei Gedichten kann es sich nur um eine Nachdichtung handeln.

V. Heimkehr

Der Dämon sagte mir zu, mich heim zu nehmen
In das fahle schattige Land, das ich nur vage erinnerte
Als einen hochgelegenen Ort der Treppen und Terrassen,
Umgeben von Marmorbalustraden, die an Himmelswinden nagten,
Während weit unterhalb ein Wirrwarr aus Kuppeln über Kuppeln
Und Turm an Turm sich neben dem Meer erstreckten.
Noch einmal, so sagte er mir, würde ich verzaubert auf
Diesen alten Höhen stehen, um der weit entfernten Gischt zu lauschen.

All das versprach er, und fegte mich durch das Sonnentor,
Hinter die leckenden, flammenden Seen und die rotgoldenen
Throne der namenlosen Götter, die aufschreien werden vor Angst
Wenn das Schicksal sich nähert. Dann erblickte ich
Einen schwarzen Abgrund, gefüllt mit in der Nacht tobenden Wassern:
„Hier lag dein Zuhause”, spottete er, ” als du noch fähig warst zu sehen!”