Edgar Allan Poe: Das Manuskript in der Flasche

Ein namenloser Erzähler bemüht sich zu Beginn, seine Leser von seiner rationalistischen Geisthaltung zu überzeugen. Er gibt zu, eine starre, fantasielose Denkweise zu haben, die der Wahrheit gewidmet und dem Aberglauben gegenüber unempfänglich ist, um dann aber sofort in eine frühe Phase der psychologischen Verfahrensweise zu treten, die erst für die Figuren der späteren Prosa Poes typisch ist:

“Viele Menschen haben ich verrückt geheißen, aber noch ist die Frage nicht gelöst, ob Wahnsinn nicht der höchste Grad von Intelligenz ist…”

Dann erzählt er von einer Reise mit einem Schiff voller Baumwolle, Kakaonüssen und ein paar Kisten Opium. Bald nach der Abreise bemerkt er eine große, bedrohliche Wolke in der Ferne und fürchtet die Zeichen eines herannahenden Unheils. Der Kapitän des Schiffes weist jedoch die Befürchtungen des Erzählers zurück. Als er sich unter Deck zurückzieht, hört er ein lautes Geräusch und merkt, wie das Schiff von einer mächtigen Sturmwelle erfasst wird, der die gesamte Besatzung zum Opfer fällt, bis auf ihn und einen alten schwedischen Seemann. Fünf Tage lang dümpeln die beiden Männer auf dem zerbrochenen Schiff steuerlos dahin. Sie bemerken, dass ihre Umgebung kalt geworden ist, und bald überwältigt sie die völlige Dunkelheit.

Ein weiterer Hurrikan bricht in diese Dunkelheit hinein, und die Männer beobachten ein riesiges schwarzes Schiff, das unter vollen Segeln auf dem Kamm einer haushohen Welle reitet und dann in die Tiefe stürzt. Die folgende Kollision schleudert den Erzähler mit unwiderstehlicher Gewalt in das Tauwerk des fremden Schiffes. Bis dahin waren seine Erlebnisse noch rational erklärbar, aber nun ist er in einen Bereich eingedrungen, der außerhalb von Raum und Zeit liegt. Er versteckt sich im Laderaum, wo er die greisen Seefahrer des Schiffes beobachtet, die eine unbekannte Sprache sprechen. Er ist sich über den Zweck des Schiffes unsicher, dessen Holz seltsam porös ist. Außerdem scheinen die Besatzungsmitglieder nicht in der Lage zu sein, den Erzähler zu sehen. Selbst der alte Kapitän schenkt ihm keine Beachtung. Mutiger werdend erkundet er die private Kabine des Kapitäns, in der er Papier findet, auf das er vorliegende Geschichte schreibt. Er packt das Manuskript in eine Flasche und wirft sie ins Meer.

Das Geheimnis offenbart sich zuletzt – im Sturz in den Strudel, und nur das Manuskript in der Flasche gelangt zurück in den Bereich des Irdischen, um eine Ahnung zu vermitteln, was nicht in Worte zu fassen ist.

Das Manuskript in der Flasche (MS. Found in a Bottle) erschien zunächst in der Ausgabe vom 19. Oktober 1833 einer Zeitung aus Baltimore, dem Saturday Visiter, und war der Siegertext eines Literaturwettbewerbs für die beste Kurzgeschichte. Poe hatte dem Visitor sechs Geschichten vorgelegt, und die Zeitung erhielt insgesamt über hundert Einreichungen. Obwohl der Visitor alle Beiträge von Poe lobte, hob er “MS. Found in a Bottle” für seine große Fantasie und seine einzigartige Demonstration stupenden Wissens hervor. Der Visitor ermutigte Poe, einen Band mit Erzählungen zu veröffentlichen. Diesem Rat folgend, stellte Poe in den nächsten Jahren seine “Tales of the Grotesque and Arabesque” zusammen und veröffentlichte die Sammlung dann 1840.

Das Manuskript in der Flasche war ein frühes Highlight in Poes literarischer Karriere und trug zu seinem Ruf, besonders in Baltimore, bei. Poe fügte es ursprünglich einem größeren Band hinzu, den er “Eleven Tales of the Arabesque” nannte, und dem er später erst die Kategorie der “Grotesque” verlieh. Diese Klassifizierung deutet auf eine Unterscheidung in Poes Schriften zwischen einer arabesken Geschichte und eine groteske Geschichte hin, deren Unterscheidung Poe selbst nie auflöste, auch wenn klar ist, dass er mit Arabesken die düster-phantastischen Schilderungen von Geschehnissen meint, die ein Prosa-Äquivalent zu seinen Dichtungen darstellen, während unter Grotesken Geschichten satirischen, burlesken  und komischen Inhalts zu verstehen sind.

Das Manuskript in der Flasche ist auch eine von Poes berühmtesten Science-Fiction-Geschichten. Poe war fasziniert vom Südpol, und er las wie besessen in den Tagebüchern Alexander von Humboldts, der ein Zeitgenosse Poes war, und der im Rahmen seiner weltumspannenden Forschung überall hin reiste. Poe interessierte sich für die fantastische Vorstellung eines Lochs im Südpol, das sich bis auf die andere Seite des Globus ausdehnte. Das Bild des Strudels kennzeichnet den Südpol als eine bedrohliche Region jenseits von menschlicher Rationalität und Wissen. Poe genoss diese erzählerische Richtung so sehr, dass er sie in den folgenden Geschichten wieder aufgriff. Er erweiterte sein Thema über den Südpol in seinem 1838 erschienenen Roman Der Bericht des Arthur Gordon Pym, einer Abenteuergeschichte über Spionage, Meuterei und Forschung, die auf irrationale Weise in einem Strudel in der Nähe des Südpols gipfelt.

Der Horror von Das Manuskript in der Flasche entstammt seinen wissenschaftlichen Imaginationen und der Beschreibung einer physischen Welt jenseits der Grenzen der menschlichen Erfahrung. Er betont diese Ideen und ruft uns an den Anfang der Geschichte zurück, wo der Erzähler seine Treue zum Realismus verkündet. Dieser Realismus geht mit dem Abstieg in den Strudel verloren, wie vermutlich auch das Leben des Erzählers.

Der britische Romantiker Samuel Taylor Coleridge beschrieb in seinem Gedicht “The Rime of the Ancient Mariner” eine ähnliche Reise ins Unbekannte. Durch das Betreten des Schiffes älterer Seeleute nimmt Poes Erzähler an einer ähnlichen Reise teil. Coleridges Seemann reiste nach Süden ins Unbekannte und kehrte vernarbt und verändert durch die Erfahrung zurück, mit größerer Kenntnis des inneren Selbst. Poes Erzähler blickt während der Erzählung tiefer in sich hinein und schämt sich für sein früheres Ich. Wir erfahren jedoch nichts von einer Rückkehr, sondern erhalten nur das Manuskript in der Flasche.

Fantômas (Der Herr des Schreckens)

(Hierzu bieten wir einen Podcast an)

(c) Sotheby’s

Wenn es um Bösewichte geht, ist Fantômas selbst in diesem Zirkel noch der Böse. Er wurde 1911 eingeführt und ist das, was man einen Gentleman-Ganoven nennen könnte, der grausame, aufwendig geplante Verbrechen ohne klare Motivation begeht. Er hängt sein Opfer schon mal in eine Kirchenglocke hinein, so dass, wenn sie läutet, das Blut auf die Gemeinde darunter spritzt. Er versucht Jove, den Detektiv, der ihm auf der Spur ist, zu töten, indem er den Mann in einem Raum gefangen hält, der sich langsam mit Sand füllt. Er häutet ein Opfer und macht Handschuhe aus den Händen des Toten, um die Fingerabdrücke der Leiche am Tatort zu hinterlassen.

Seine Schöpfer nannten ihn das “Genie des Bösen” und den “Herrn des Schreckens”, aber er blieb ein Rätsel mit so vielen Identitäten, dass ihn oft nur Jove erkennen hätte können. Das Buch, das ihn vorstellt, beginnt mit einer Stimme, die fragt: Wer ist Fantômas?

Und es gibt keine echte Antwort:

“Niemand… Und dennoch, natürlich, ist er jemand.”
“Und was tut dieser Jemand?”
“Er verbreitet Angst und Schrecken!”

Von Fantômas über Hitchcock zu den X-Men

Fantômas war zu seiner Zeit unglaublich populär. Inzwischen ist er ein vergessener fiktiver Schurke, der allerdings dazu beitrug, das 20. Jahrhundert zu definieren. Sein Einfluss ist überall sichtbar, von surrealistischen Gemälden über Hitchcock-Filme bis hin zu den X-Men-Comics. Fantômas war so geheimnisvoll, dass er viele Male neu erfunden werden konnte. Aber in all diesen Iterationen gelang es niemandem, den reinen, chaotisch-bösen und ursprünglichen Charakter einzufangen, der er im Original war.

Ersonnen wurde Fantômas von den beiden Pariser Schriftstellern Pierre Souvestre und Marcel Allain, die zunächst als Journalisten zusammenarbeiteten. Den übriggebliebenen Raum, den sie bei ihren Artikeln noch zur Verfügung hatten, füllten sie manchmal mit fragmentarischen Detektivgeschichten, die die Aufmerksamkeit eines Verlegers auf sich zogen. Er beauftragte Souvestre und Allain, eine Reihe packender Romane zu schreiben; ihr Vertrag verlangte von ihnen, einen pro Monat zu produzieren. Sie erfanden Fantômas auf dem Weg zu ihrem Treffen mit dem Verleger und verbrachten die nächsten drei Jahre damit, fantastische Geschichten über ihren Erzbösewicht zu erzählen.

Fantômas war am leichtesten durch seine Verbrechen zu erkennen, die aggressiv und asozial waren. Er hat gestohlen; er hat betrogen; er hat häufig und fast wahllos getötet. In einer Geschichte beginnt eine zerbröckelnde Wand das Blut von den vielen Opfern zu spucken, die dahinter versteckt sind. Seine Motivation scheint die Freude am Verbrechen selbst zu sein.

Als Charakter hat er nur wenige Erkennungsmerkmale. Schon in den Originalbüchern ist die Identität von Fantômas formbar. Er wechselt mehrmals die Aliase und oft erkennt ihn nur Jove, der von ihm besessene Detektiv, in seiner neuen Gestalt. Er ist so geheimnisvoll, dass es manchmal den Anschein hat, dass Jove ihn selbst erfunden haben könnte und die Verbrechen vieler Männer einem von ihm ausgedachten Phantom zuschreibt. Wenn Fantômas “als er selbst” erscheint, ist er in Schwarz gehüllt und eine Maske verdeckt sein Gesicht. “Am Ende eines 32-teiligen Buchzyklus’ bleibt Fantômas genauso ein Geheimnis wie zu Beginn”, schrieb der Filmwissenschaftler David Kalat.

Fantômas ist überall

Dieser schattenhafte Bösewicht eroberte in den frühen 1910er Jahren die Herzen und Köpfe der französischen Öffentlichkeit. Die Buchreihe war ein sofortiger Erfolg, denn das Publikum verschlang die Krimis vielleicht gerade, weil sie so übertrieben waren. Filmgesellschaften kämpften um die Produktionsrechte, und innerhalb weniger Jahre war Fantômas der Gegenstand einer Stummfilmreihe. Die Bücher wurden mit großem Erfolg in Italien und Spanien veröffentlicht, wo der Schurke 1915 sogar Gegenstand eines Musicals wurde. In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg gab es ihn überall.

Von Anfang an zog Fantômas Fans in ihren Bann, die ihn für ihre eigenen Zwecke benutzten. Guillaume Apollinaire, der große Dichter, liebte die Serie: Er nannte sie “eines der reichsten Werke, die es gibt”. Er und der Dichter Max Jacob gründeten einen Fanclub, La Société des Amis de Fantômas, die Gesellschaft der Freunde Fantômas’. Die surrealistische Bewegung, die etwas späte aufkam, war von Fantômas besessen, und René Magritte stellte einmal das Cover des ersten Romans als Gemälde nach.

Die Surrealisten fühlten sich von Fantômas auch deshalb so angezogen, weil seine Welt derjenigen entsprach, die sie in ihrer Kunst erschufen. Diese folgte ihrer eigenen Logik und hatte nichts mit den rationalen und zugeknöpften Regeln der gemeinen Gesellschaft zu tun. In einem Film verhaftet Jove Fantômas in einem Restaurant, nur um ein paar gefälschte Arme in den Händen zu halten – der Schurke war entkommen!

“Aber wie kommt es, dass Fantômas ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt gefälschte Arme bei sich hatte? Wenn Sie sich Fragen wie diese stellen müssen, wird Ihnen die Magie des Fantômas entgehen”,

schrieb Kalat. Die Surrealisten liebten das.

Weil die ursprüngliche Fantômas-Serie so beliebt war, verbreitete sie sich schnell in ganz Europa, nach Italien, Spanien, England, Deutschland und Russland, wie der Filmwissenschaftler Federico Pagello dokumentierte. Er war einer der ersten Erzschurken, die es zum Film brachten, und die Reihe wurde von Louis Feuillade geleitet, dem Pionier des Thriller-Genre. Die Fantômas-Serie war eines seiner ersten großen Projekte, und darin experimentierte er mit Erzähltechniken, die er später dann in seinem berühmten Klassiker “Die Vampire” anwenden würde. Hier wurde eine ganze Reihe Fantômasähnlicher Schurken in schwarzer Kleidung gezeigt. Die von Feuillade erfundenen Techniken beeinflussten wiederum Fritz Lang und Alfred Hitchcock.

Szene aus “Les Vampires” (c) Gaumont DVD

Der bereinigte Charakter

Mit dem Aufkommen des Thrillers als Genre verbreiteten sich Fantômas und seine Nachahmer auf der ganzen Welt. Nach den wirklichen Übeln des Zweiten Weltkriegs war Fantômas’ extravagante Schurkerei jedoch nicht mehr attraktiv und er verschwand bis in die 60er Jahre, als er in einer französischen Filmreihe, einem türkischen Film und einem italienischen Comic als Diabolik seine Rennaissance erfuhr. 1975 befasste sich sogar der grandiose phantastische Schriftstseller Julio Córtazar in “Fantômas gegen die multinationalen Vampire” mit dem Stoff, der auch verfilmt wurde.

Jedoch weichte man den Charakter schon vor seiner ersten Neuinterpretation an auf.

“Auf dem Filmplakat war die kindliche rechte Hand des Bösewichts nur eine geballte Faust, während sie auf dem Cover des Romans einen tödlichen Dolch hielt”,

schrieb eine Filmkritikerin. Auch die Handlung änderte sich: In der ursprünglichen Geschichte entkommt Fantômas der Hinrichtung, indem er sich von einem Schauspieler spielen lässt; der Schauspieler wird enthauptet, bevor jemand den Fehler bemerkt. Im Film findet Jove die Charade heraus, bevor der Schauspieler getötet wird und rettet sein Leben.

Noch häufiger wird Fantômas jedoch als tapfer dargestellt. Man wollte ihn als eine Robin-Hood-Figur mit edlen Motiven sehen. Als Fantômas die USA erreichte, wurde er eher als Gentleman-Dieb denn als schwarzherziger Nihilist dargestellt. Als er in den 1970er Jahren als Star einer Reihe mexikanischer Comics wiederbelebt wurde, war Fantômas mehr ein Held als ein Bösewicht; in den X-Men-Comics, in denen eine Figur namens Fantomex 2002 zum ersten Mal auftauchte, versucht er, als gutherziger Dieb zu fungieren. Es wird aber schnell enthüllt, dass er als Teil eines staatlichen Waffenprogramms geschaffen wurde.

Obwohl Fantômas Anfang des 20. Jahrhunderts ein legendärer Schurke war, war er zu dunkel, um in seiner ursprünglichen Form überleben zu können. Schriftsteller zogen es vor, ihre Schurken ein wenig besser erkennbar zu machen, ein wenig rationeller und letztendlich weniger dunkel.

Tatsächlich ist der Mythos um Fantômas in der heutigen Popkultur überall spürbar, aber die reine Essenz des Bösen wurde eben auf mehrere Figuren verteilt und erheblich abgeschwächt. Es scheint, als hätte jeder Angst vor – Fantômas.

Julio Cortázar (Studien zur Phantastik)

“Was nützt ein Schriftsteller, wenn er die Literatur nicht zerstören kann?”

Die Frage stammt aus Julio Cortázars Roman Rayuela aus dem Jahr 1963, dem dichten, schwer faßbaren und raffinierten Meisterwerk, das gleichzeitig ein hochmodernes Spiel  um das eigene Abenteuer ist. Es enthält eine einführende Anweisungstabelle: “Dieses Buch besteht aus vielen Büchern”, schreibt Cortázar, “aber vor allem aus zwei Büchern.” Die erste Version wird traditionell von Kapitel eins an durchgelesen, die zweite Version beginnt bei Kapitel dreiundsiebzig und schlängelt sich durch eine nichtlineare Sequenz. Beide Lesemodi folgen dem weltmüden Antihelden Horacio Oliveira, Cortázars Protagonist, der von den lauen Gewißheiten des bürgerlichen Lebens enttäuscht ist und dessen metaphysische Erkundungen das Gerüst einer wogenden, höchst komischen Existenzkapriole bilden. Cortázar sagte lakonisch: “Ich bin auf der Seite der Fragen geblieben.” Aber es war der formale Wagemut des Romans – seine verzweigten Wege -, der auf die hartnäckigste und persönlichste Anfrage des argentinischen Autors hinwies: Warum sollte es nur eine Realität geben?

Die verbindende Durchgangslinie im Werk Cortázars ist das Beharren  auf der Elastizität der literarischen Kunst, um damit das einzufangen, was er als flüchtige, umstrittene und immer fließende Realität sah. Irgendwann sagte Cortázar:

“Ich hatte ein Gefühl der Vertrautheit gegenüber dem Phantastischen, weil es mir so akzeptabel und echt erschien, wie die Tatsache, um acht Uhr abends Suppe zu essen”.

Das Phantastische ist also ein Mittel, um die Flachheit des weithin Akzeptierten oder nur Prosaischen zu verlassen. Das Gefühl wird so zu einem Refrain. Für Cortázar, wie für seine Schöpfung Horacio, war die freudlose Verengung der gelebten Möglichkeit eine Verschwörung der großeren Falschheit, die er “die vorgefertigte, vorfabrizierte Welt” nannte.

Während Cortázar nicht explizit erklärte, was er damit meinte, suggeriert seine Arbeit ein tiefes Mißtrauen gegenüber der Alltäglichkeit des Lebens, einen Verdacht, daß es sich um eine Lähmung handelt, die sich als beruhigende Routine ausgibt. “Es kam mir vor wie eine Art mentaler Rülpser”, sagt Horacio in einem der langen inneren Monologe von Rayuela, “daß dieses ganze A B C meines Lebens ein schmerzhaftes Stück Dummheit war, weil es allein auf der Wahl dessen basierte, was man Nicht-Verhalten nennen könnte, anstatt Verhalten”. Anderswo schreibt Cortázar mit ähnlichen Bedenken: “Wie es weh tut, einen Löffel abzulehnen, nein zu einer Tür zu sagen, alles zu leugnen, was die Gewohnheit zu einer angemessenen Geschmeidigkeit geschleckt hat”.

Für den Ableger der literarischen Moderne, den so genannten lateinamerikanischen Boom, in dem Cortázar in seiner Blütezeit der 1960er Jahre eine entscheidende Rolle spielte, kam eine radikale Neubewertung der Wirklichkeit auf. Der Boom, der unter anderem die überragenden Werke von Gabriel García Márquez, Carlos Fuentes und José Lezama Lima umfaßte, half, die Grenzen zwischen dem Alltäglichen und dem Phantastischen zu durchbrechen. Cortázar selbst brachte eine Art kosmopolitischen Kubismus in den Roman, in dem Zeit, Ort, Sprache, ja sogar der wörtliche Text selbst zu Orten der Auseinandersetzung, Teilnahme und des Spiels wurden. Die Read-as-you-like-Anweisungen von Rayuela (“Der Leser darf das, was folgt, mit reinem Gewissen ignorieren”) sollten nicht als bloße Spielkunst oder avantgardistische Haltung verstanden werden, sondern sie stellten sich aktiv gegen einen literarischen Realismus, der nicht mehr den fragmentierten Texturen des modernen Lebens entsprach.

“Wenn man an die Grenzen des Ausdrucks stößt”, sagt er in einem Vortrag, “beginnt ein Gebiet, in dem alles möglich und alles ungewiß ist.” In Cortázars Worten haben wir dann Eden erreicht: den ultimativen Zustand der Gnade.

Notizen zur Sandsteinburg

Eine Kulisse ist mir oft alleiniger Beweggrund; das stimmt insofern, als dass colëiz das Flüssige meint. Anfangs dachte ich mir ein Kaleidoskop, doch das wiederum bezeichnet in seinem griechischen Urgrund eine schöne Gestalt. Auch Jigsaw Puzzle wäre eine trächtige Bezeichnung, denn Rätselhaftes und Wunderliches sind präsent, allerdings nicht im Sinne eines Ratespiels. Nein, es ist die Kulisse, die eben auch die Atmosphäre mitbetont. Meine Urgroßmutter Johanna Specht lebte und starb in diesem Schloss (das nur noch einen Flügel besitzt); dieses Gebäude illuminiert den ganzen Roman, wie ebenfalls die Eger, Schwarzenhammer/Kaiserhammer.

Bereits in der Entropia – im Grunde eine Fingerübung zur Sandsteinburg – machte ich den Ort zum Akteur. Außer Friederike Mayröcker hatte sich damals niemand für das schmale Büchlein interessiert, aber das ist nicht wesentlich, oder besser gesagt: es ist insofern wesentlich, als dass Friederike Mayröcker tausend Leser aufwiegt, denn es ist durchaus von Bedeutung, wer liest und wer versteht. Eine Masse hat keine Bedeutung für den Geist. Damit will ich jedoch nicht herunterreden, dass ich aufgrund meines solitären literarischen Geweses fremd in Zeit und Raum bin. Und anders wird es mir mit der Sandsteinburg, die neben GrammaTau mein Hauptwerk bildet, nicht ergehen. Doch hat auch das nur insofern eine Bedeutung, als dass ich eine Essenz in einem Flakon fange wie ein Körper seinen Lebensgeist beinhält.

Es sind jene Romane, die dem Gedicht gleichen, stets fragmentierte Romane. Es sind also jene Romane die höchsten Romane, die dem Gedicht gleichen. Kein unsinniges Einfangen der Welt, sondern das Einfangen der fraktalen Momente. (Das mit dem “Unsinn” ist eine lässliche rhetorische Floskel – ich bin ein großer Verfechter des “Unsinns”, weil er so sehr (und so wichtig) dem poetischen Geist entspricht, man könnte sogar so weit gehen und behaupten, er sei der poetische Geist in seiner Quintessenz.

Jedes echte Gedicht ist per se unsinnig. Bei dieser Beschäftigung entsteht ein Sub-Sinn, ein wirklicher Sinn in der Wahrnehmung, die ja seit der Industrialisierung verkümmert und auf einen angeblichen Zweck reduziert ist. In einem (modernen) Gedicht entdecken wir das, was wahr ist.). Und in einem Roman ist “Wahrheit” ebenfalls nur dann aufzuspüren, wenn er ein absichtsvolles Fragment darstellt. Alle Erfindung, die ich mache, geht von einem Impuls aus, der vielleicht selbst schon Erfindung ist. Mir erscheint wahr, was nicht zu erkennen ist, denn es muss mehr erahnt als gesehen werden. Die Irrungen sind selbstverständlich künstlerische Voraussetzung.

Wenn da nicht die Sprache wäre, selbst ein irrationales System. Tatsächlich wird unsere Unzulänglichkeit gut in der Sprache sichtbar, in jeder Sprache, die wir wählen; natürlich ist Sprache nicht zur Kommunikation gedacht, dafür eignet sie sich nicht; sie eignet sich ausschließlich für den künstlerischen Ausdruck.

Ludwig Tieck: Der blonde Eckbert

Verlag Hofenberg, Berlin 2016

Wir sollten sie kennen, die erste deutsche Horrorgeschichte, sollten verstehen, warum sie es ist, und weshalb sie viele andere Autoren und ihre Geschichten, die folgten, beeinflusste. Wir sollten wissen, was an diesem urdeutschen Horror das Eigene und Unheimliche ist, um was für ein Gespür es sich handelt, das sich im Laufe der Jahrhunderte hierzulande innerhalb der schreibenden Zunft weitestgehend verflüchtigt hat. Es ist ein Bewusstsein, das die Denk- und Arbeitsweise von C. G. Jung und Sigmund Freud wesentlich mitbestimmte, ein Bewusstsein, das wieder erwachen will, im Gedenken einer vergangenen Kultur, die ihre mystische Natur lobpreiste, die, anstelle von Verstand und Logik, das Gefühl, die Sehnsucht und die Liebe des Menschen in den Vordergrund stellte.

Bereits 1796 in “Märchen aus dem Phantasus” zum ersten Mal veröffentlicht, erschien Der blonde Eckbert nur ein Jahr später in der von Ludwig Tieck selbst herausgegebenen Sammlung “Volksmährchen” erneut. Wie viele der Geschichten, die bereits im “Phantasus” erschienen waren und von ihm überarbeitet wurden. Tieck, der sich, neben dem Berliner und Heidelberger Kreis, auch dem Jenaer Kreis der Frühromantiker anschloss, agierte damals noch unter dem Pseudonym Peter Leberecht. Als Kunstmärchen wird es uns vorgestellt und nicht selten sogar als das Werk gehandelt, das den Beginn der Romantik einläutete.

Der blonde Eckbert

Wir lesen von einem kinderlosen Paar, das zurückgezogen im Harz lebt. Wir lesen vom Ritter Eckbert und seiner Frau Bertha. Von Zweien, die nur gelegentlich Besuch von Walther erhalten, seinerseits ein Ritter, mit dem Eckbert eng befreundet ist. Eines Abends, als dieser wieder einmal in ihrem kleinen Schloss zu Gast ist, fordert Eckbert seine Frau auf, ihm die Geschichte ihrer Jugend zu erzählen. Eckbert vermutet, es würde eine Freundschaft noch mehr festigen, lege man sich offen, enthülle man all seine Geheimnisse. Bertha folgt dieser Aufforderung und beginnt am Feuer des Kamins ihre Geschichte mit den Worten:

… haltet meine Erzählung für kein Märchen, so sonderbar sie auch klingen mag.

Es folgt eine Binnenerzählung, die Schilderung von Berthas Jugend. Sie erzählt, wie sie ihren Eltern zu nichts nutze war, da sie über keinerlei Fertigkeiten verfügte, die ihrer bettelarmen Familie Geld ins Haus gebracht hätten. Wie ihr Vater, ein Hirte, sie dafür tadelte und bestrafte. Weshalb sie es eines Tages nicht mehr aushielt und im Alter von acht Jahren in die Welt floh, durch Wälder, felsige Landschaften und Dörfer, bis sie in einen Wald gelangte, in dem sie einer alten Frau mit Krückstock begegnet, die sie mit in ihre Hütte nimmt, in der sie mit einem Hund und einem Vogel zusammenlebt. Die Alte unterweist sie im Führen des Haushalts, der Versorgung der Tiere und im Spinnen. Auch lehrt sie Bertha das Lesen. Zwar kommt sie Bertha immer wieder sonderbar vor, doch es geht ihr gut bei ihr. Und auch ihr wunderschöner Vogel ist ein seltener, da er Eier legen, in denen sich Perlen oder Edelsteine befinden, und ein Lied singen kann, das wie folgt lautet:

Waldeinsamkeit,
Die mich erfreut,
So morgen wie heut
In ewger Zeit,
O wie mich freut
Waldeinsamkeit.

Tag um Tag, Jahr um Jahr vergeht in dieser trauten Einsamkeit des kleinen Familienzirkels. Die Alte, die immer häufiger tagelang unterwegs ist, nennt sie mittlerweile Tochter oder Kind. Von der Fremde in den Büchern angestachelt, keimt in dem Mädchen der Wunsch, sich die Perlen und Edelsteine zu nehmen und in die Welt zu ziehen, obgleich sie sich glücklich unter diesem Dach vorfindet. Auch phantasiert sie von einem schönen Ritter, den sie sich als den ihren erträumt. Ihre Quasimutter warnte sie noch mit den Worten: “Du bist brav, mein Kind! … wenn du so fortfährst, wird es dir auch immer gut gehn: aber nie gedeiht es, wenn man von der rechten Bahn abweicht, die Strafe folgt nach, wenn auch noch so spät.” Doch es hilft nichts, Bertha bindet den Hund fest, nimmt sich ein paar der Edelsteine, wie auch den Käfig samt Vogel und verlässt, sechs Jahre später, das Haus. Sie irrt durch Wälder, lässt Berge hinter sich, leidet Hunger und reut, gelangt jedoch nach einiger Zeit in ihr altes Dorf. Freudig will sie ihren einstigen Eltern nun den Reichtum bringen, den sie erbeutet hat, jedoch wird ihr mitgeteilt, dass diese bereits gestorben sind. Traurig darüber kauft sie sich in einer Stadt ein kleines Haus mit Garten und eine Bedienstete. Mehr und mehr vergisst sie die Alte und auch der Name des Hundes, den sie so oft gerufen hatte, will ihr überhaupt nicht mehr einfallen. Als der Vogel jedoch eines Tages wieder anhebt zu singen, ist es das Lied von einst, allerdings verändert:

Waldeinsamkeit
Wie liegst du weit!
O dich gereut
Einst mit der Zeit. –
Ach einzge Freud
Waldeinsamkeit!

Bertha reut ihre Entscheidung, weggegangen zu sein, endgültig. Die Gegenwart des Vogels ängstigt sie nun, da er auch sein Köpfchen immer zu ihr dreht, und so drückt sie ihm kurzerhand die Kehle zu und begräbt ihn im Garten. Aber auch die Aufwärterin wird ihr nun verdächtig, sie fürchtet, sie könne sie irgendwann ausrauben und ermorden. Bertha heiratet einen Ritter, den sie schon einige Zeit kennt. Es ist Eckbert.

„Pool in the Woods“ von Jasper Francis Cropsey (1823-1900)

Walther bedankt sich für diese Geschichte und merkt an, dass er sich Bertha mit dem seltsamen Vogel gut vorstellen könne und wie sie den kleinen Strohmian füttert. Beide gehen zu Bett. Nur Eckbert geht in seinem Zimmer auf und ab, und fragt sich, ob sein Freund sie nun verachtet. Jede Handlung, jeder Ausdruck Walthers, der am nächsten Tag das Schloss verlässt, ist ihm von diesem Zeitpunkt an suspekt. Bertha, die seit der Nacht krank im Bett liegt, bestätigt ihren Mann in seinen Zweifeln, indem sie ihn darauf hinweist, dass Walther den Namen des Hundes wusste, der ihr längst nicht mehr einfiel. Woraufhin Eckbert, von seinem Wahn geplagt, seinem Freund einige Zeit später im Wald beim Sammeln von Moos begegnet und ihn mit einer Armbrust erschießt. Als er zum Schloss zurückkehrt, ist seine Frau bereits verstorben. Vor lauter Einsamkeit, die ihn erwartet, bereut Eckbert seine Tat und versucht sich durch Besuche von Festen ein wenig abzulenken. So lernt er den Ritter Hugo kennen, mit dem er bald eine enge Freundschaft pflegt, wie er sie auch mit Walther hatte. Wieder verspürt er das Gefühl, sich seinem Freund öffnen zu müssen. Und er tut es, obwohl ihm unwohl dabei ist. Er erzählt ihm die ganze Geschichte, von Bertha und von Walther, und dass er ihn getötet hat. Hugo spricht ihm zu, doch Eckbert fühlt sich an Walther erinnert, erkennt von da ab auch in Hugos Verhalten das ablehnende und hämische seines ehemaligen Freundes. Wut und Entsetzen packen ihn, weshalb er flieht und nach vielen Irrwegen wieder nach Hause findet. Halb wahnsinnig und von entsetzlichen Gedanken geplagt, die ihm das Rätsel der Geschehnisse nicht enthüllen, beschließt er zu Pferd eine Reise zu machen, um sich wieder ordnen zu können. Ziellos irrt er durch die Lande, findet sich in einem Gewinde von Felsen wieder, bis er endlich einen alten Bauern trifft, der ihm einen Weg hinaus zeigt. Und auch bei diesem bildet sich Eckbert ein, es könne Walther gewesen sein, da er seine Münzen, die er ihm zum Dank geben wollte, ausschlug. Durch Wiesen und Wälder reitet er sein Pferd zugrunde, setzt seinen Weg zu Fuß fort, bis er träumend einen Hügel hinaufsteigt, von dem aus er ein Bellen vernimmt, wie auch ein Säuseln der Birken. Ein Lied mit wunderlichen Tönen dringt an sein Ohr:

Waldeinsamkeit
Mich wieder freut,
Mir geschieht kein Leid,
Hier wohnt kein Neid,
Von neuem mich freut
Waldeinsamkeit.

Eckbert glaubt sich nun endgültig wahnsinnig. Er weiß nicht ob er träumt oder wacht, kann das Rätsel nicht lösen. Gibt es Bertha überhaupt? Seine Erinnerungen sind keine zuverlässige Quelle mehr. Hustend schleicht die Alte mit ihrer Krücke dem Hügel entgegen. “Bringst du mir meinen Vogel? Meine Perlen? Meinen Hund?”, schreit sie Eckbert entgegen. “Siehe, das Unrecht bestraft sich selbst: Niemand als ich war dein Freund Walther, dein Hugo.” Der Ritter erkennt seine entsetzliche Einsamkeit. Die alte Hexe fügt hinzu: “Und Bertha war deine Schwester. Warum verließ sie mich tückisch? Sonst hätte sich alles gut und schön geendet, ihre Probezeit war ja schon vorüber. Sie war die Tochter eines Ritters, die er bei einem Hirten erziehn ließ, die Tochter deines Vaters.” Eckbert liegt am Boden, ruft: “Warum hab ich diesen schrecklichen Gedanken immer geahndet?” “Weil du in früher Jugend deinen Vater einst davon erzählen hörtest; er durfte seiner Frau wegen diese Tochter nicht bei sich erziehn lassen, denn sie war von einem andern Weibe”, gibt sie ihm zur Antwort. Eckbert stirbt unter den Worten der Alten, dem Bellen des Hundes, während der Vogel sein Lied wiederholt.

Tieck, der Wald und die Waldeinsamkeit

Ludwig Tieck, nach einem Gemälde von Joseph Karl Stieler aus dem Jahr 1838

Tieck, der als junger Mann noch unter den Fahnen der Aufklärung schrieb, versuchte bald, als Ergebnis eines inneren Aufbruchs, sein Werk unter dem Anspruch eines neuen hohen Ideals keimen und entstehen zu lassen. Und wie wir wissen, gelang es ihm. Von allen gelesen, beeinflusste er vehement das Denken und Schreiben, ganz allgemein die Kunst seiner Kollegen. Durch seine Bearbeitung der alten deutschen Volksbücher und -märchen (etwas, das den Aufklärern nicht im geringsten einfiel, da sie diese dem irrationalen Aberglauben zuordneten) versuchte er nicht nur Gedächtnisse von Jahrhunderten zu bewahren, sondern mehrte auch sein Wissen über die Lebensweisen der damaligen Zeiten. Mit Der blonde Eckbert präsentiert er typische Motive der Romantik. Die Sehnsucht, das Geheimnisvolle, der Abgrund und das Grauen sind allgegenwärtig in diesem Kunstmärchen. Der Wald, der in seinen Werken den wichtigstigsten Akteur stellt, dient ihm hier, wie auch in vielen anderen Märchen und Novellen, als subjektive Seelenlandschaft, die – anders in seiner Lyrik – häufig dunkel und dämonisch durchtränkt ist. Dennoch erfahren wir hier die Protagonisten des Waldes (die Bäume) auch als schwärmerische, säuselnde und verzaubernde. Und so ist der Wald bei Tieck nicht einfach dem städtischen Leben gegenüberzustellen, obgleich er doch, wie in dieser Geschichte, eine sehr eigene und individuelle Existenz nachzuzeichnen vermag. Was nicht verwundert, bedenkt man, dass Tieck selbst das Stadtleben sehr genossen hat, konnte er doch, vor allem in den Großstädten, mit Gleich- und Andersgesinnten über die Künste diskutieren. Pantheistisch und traumkonnotiert sind Tiecks Wälder. Denkt man bei Klopstock vor allem an Eichen, sind es hier die Birken, die verführen. Und so tritt Bertha mit dem Verlassen ihres Elternhauses in eine Sphäre des Magischen und Schicksalhaften ein (das typisch romantische Wanderschaftsmotiv wird hierbei vom Hänsel-und-Gretel-Motiv eingeleitet). Doch was lernt sie, und später auch Eckbert, kennen? Ist es die Natur ihres Wesens, oder ist es das Wesen der Natur, zu dem auch sie zu zählen sind? Klar ist: Die Emphase des in ihr Wandelnden wird ihr, der Natur, auszudrücken zugedacht. Daher sind es auch keine Naturlandschaften, die wir da draußen so vorfinden würden, würden wir sie mit den vorkommenden abzugleichen versuchen.

Die wilden Felsen traten immer weiter hinter uns zurück, wir gingen über eine angenehme Wiese, und dann durch einen ziemlich langen Wald. Als wir heraustraten, ging die Sonne gerade unter, und ich werde den Anblick und die Empfindung dieses Abends nie vergessen. In das sanfteste Rot und Gold war alles verschmolzen, die Bäume standen mit ihren Wipfeln in der Abendröte, und über den Feldern lag der entzückende Schein, die Wälder und die Blätter der Bäume standen still, der reine Himmel sah aus wie ein aufgeschlossenes Paradies, und das Rieseln der Quellen und von Zeit zu Zeit das Flüstern der Bäume tönte durch die heitre Stille wie in wehmütiger Freude. Meine junge Seele bekam jetzt zuerst eine Ahndung von der Welt und ihren Begebenheiten.

Die Idealisierung des Waldes, die den, im Zuge der Modernisierung, damalig häufig gepflanzten Nadelholzmonokulturen entgegensteht, erschafft dem Menschen einen sog. locus amoenus (hier das Birkental mit der Hütte der Alten), der ihm zum Idyll, zu einer Sehnsuchtslandschaft sondergleichen wird. Der von Tieck geprägte Begriff der “Waldeinsamkeit” erfährt mit diesem Naturmärchen an großer Bekanntheit. Weitere mit der Natur verschränkte Wortschöpfungen folgen, wie z.B. die “Bergeinsamkeit”.

Schicksal und Inzest

#13 © Igor Morski

Der umherirrende Mensch, der durch den locus terribilis (hier besonders die Felsenlandschaften) flieht, der bald nicht mehr weiß, wie ihm geschieht, der nicht weiß, ob er träumt oder längst dem Wahnsinn anheimgefallen ist, dient vielleicht sogar der Natur als Projektionsfläche, die ihn träumt, die sich an ihm und durch ihn vollzieht. Denkbar, nehme ich das Inzestmotiv in Augenschein, das mir am Ende den frühen erzählerischen Sog dieser Geschichte erklärt, die wir selbst als Geschichte in einer Geschichte erfahren. Denn beide, Bertha wie auch Eckbert, sind fortwährend damit beschäftigt, ihre Geschichte einem Nächsten zu erzählen, in der Hoffnung, Verständnis für ihr Handeln zu erfahren, das ihnen selbst weitestgehend unerklärlich und schicksalhaft bleibt. Gehuldigt wird damit dem sog. Freundschaftskult, der ganz besonders den Romantikern ein Begriff war. Naiv und unschuldig sind die beiden gezeichnet, trotz ihrer moralisch verwerflichen Handlungen. An das Gute glaubend, auf Erfüllung hoffend, öffnen sie sich der Welt und ihren Gästen. Doch sogleich sie dies tun, gewinnt der Zweifel die dunkle Oberhand. Ihr einsames Glück scheint sofort bedroht. Schuldgefühle, wie die von Bertha, da sie die Alte beraubt und verlassen hatte, werden an die Oberfläche gespült. Auch scheinen beide seit je her ihr dunkles Schicksal zu ahnen. Bertha, die mit Beendigung ihrer Jugendgeschichte und dem Wiedereinsetzen der Rahmenhandlung erkrankt, stirbt sogar an ihren Schuldgefühlen, die sie zuvor lange verdrängt hatte. Walther wird zum Verhängnis, dass er Bertha gegenüber äußert, er könne sich gut vorstellen, wie sie den kleinen Strohmian füttert. Die Nennung des Namen des Hundes (der Hund als Treuemotiv), den sie lange vergessen hatte, erschüttert sie in ihrer Sicherheit. Woher konnte Walther ihn wissen? Eckbert, der daraufhin seinen Freund im Wald mit einer Armbrust tötet, will ihn bald in jeder ihm begegnenden Person wiedererkennen, so auch in Hugo und dem alten Bauern. Ähnlich wie Bertha einst, verlässt er sein Heim und irrt durch die Lande und Wälder. Bis er, sich seiner Wahrnehmung nicht mehr sicher, zu dem Hügel gelangt, auf dem Bertha einst stand und auf ihr neues Zuhause herabblickte. Schreiend kommt ihm die Alte entgegen, die nach ihren Tieren und Edelsteinen ruft, nach Bertha und warum sie sie so tückisch verlassen hat. Ein die Seele terrorisierender Horror, bedenkt man, dass, während sie auf ihn einspricht und ihm die Wahrheit über Berthas Herkunft verkündet, der Hund bellt und der Vogel (der Vogel als Seelenmotiv) sein Lied singt. Eine klangliche Zuspitzung, die der malerischen dramaturgisch in die Hände spielt. Was seiner Frau einst eine Idylle war, ist Eckbert düster und todbringend. Als müsse das Unheil ihrer Liebe gesühnt werden. Als hätte es niemals unter einem guten Stern stehen können, obwohl sich beide tief verbunden zueinander fühlten, ihr eigenes Idyll, seit ihrer Begegnung und Heirat, leben konnten. Als wären sie Adam und Eva in ihrem Paradies gewesen, das ihnen, aufgrund dessen, dass sie Halbgeschwister waren, nicht zugedacht war. Und doch bleibt zu fragen, ob es nicht genau deshalb eines auf Zeit sein konnte, da die Liebe, die Natur ihren Willen forderte, beide zueinanderfinden ließ. Die Alte, die Eckbert gegen Ende wie eine Rachegöttin entgegentritt, erinnert stark an eine Erd- und Totengöttin wie Hel eine ist. Sesshaftigkeit verlangte sie von dem Mädchen, nicht vom Wege abzukommen riet sie ihr, statt vom Fernweh getrieben neugierig in die Welt zu treten, da sich sonst ein Unheil vollziehen würde. Prophetisch wurde das Heim als heiler Ort von ihr verkündet, als eine Idylle, in der der Mensch keinen Versehr erfährt, solange er sich der Neugier verweigert, passiv bleibt, die Dinge geschehen lässt, ohne sie selbst aktiv in die Hand zu nehmen.

Verstörend und enorm sehnsuchtsvoll ist dieses Horrormärchen, das die Grenze zwischen Wahn und Realität, Traum und Wirklichkeit auf eine dunkle, tief schauerliche Weise verwischt. Hell und inniglich sind mir die beiden Hauptprotagonisten, Eckbert und Bertha (die sich auch namentlich ähneln), dennoch in ihrem Bestreben glücklich zu sein, die Welt im Kleinen an ihrer Geschichte teilhaben zu lassen, auch wenn dies nicht gelingt. Ein psychologisch herausragener Stoff, der dem Wahnsinn ganz eigene kraftvolle Landschaften wirkt, unter deren Oberflächen sich Dunkles verbirgt: eine blinde Natur, die sich im Menschen offenbart, der die Natur seines eigenen Willens entwickelt. Ein zeitlos mystischer Horror, der zeigt, wie unergründlich und unhintergehbar unser Dasein ist.

Die Familie des Vampirs

Die Familie des Vampirs;
Titania Medien

Die Familie des Wurdalak – Unveröffentlichtes Fragment eines Unbekannten ist eine Schauerromantische Erzählung des russischen Schriftstellers Alexei Konstantinowitsch Tolstoi, die von ihm 1840 in Französisch unter dem Titel La Famille du Vourdalak. Fragment inédit des mémoires d’un inconnu verfasst und erst 1884, nach seinem Tode, in der Zeitschrift Russki Westnik (Russischer Bote) in seiner Muttersprache veröffentlicht wurde. 1950 erschien sie dann in ihrer Originalversion.

Wieder haben wir es mit einem in unseren Breitengraden weniger bekannten Werk zu tun, das doch zu einem der stärksten und einflussreichsten unter den Vampirgeschichten zu zählen ist. Das Hörspiel erzählt die Geschichte, wie auch im Original, aus der Sicht der Hauptfigur, des jungen Franzosen Serge d’Urfé, der sich aus Liebeskummer auf eine Reise als Diplomat nach Moldawien begibt und durch den plötzlichen Einbruch des Winters in einem kleinen Dörfchen Halt machen muss. Hier trifft er auf Zdenka und ihre Familie, die ihn bei sich aufnimmt und ins schreckliche Familiengeschehen einweiht. Ein Geschehen, das sich später aufs ganze Dorf ausbreitet.

The Vampire
von Philip Burne-Jones (1896)

Einiges in diesem Hörspiel weicht vom Original ab. Zusätzlich wird der Erzählung eine Rahmenhandlung gegeben, die uns eine Abendgesellschaft vorstellt, die soeben vom Wiener Kongress geflohen ist, um sich, fernab der Politik, gegenseitig mit Schauergeschichten zu unterhalten. Auch Zdenka schafft es sich in diesem zu verewigen, wie wir am Ende hören können, und darüber hinaus …

für alle Zeit …

Wir können davon ausgehen, dass Alexei Tolstoi von der Vampirhysterie, die damals zu Beginn des 18. Jahrhunderts ausbrach, wusste. Bekannteste Beispiele sind Arnold Paole aus Medvedga und Peter Plogojowitz aus Kisolova. Auch mag er Goethes Die Braut von Korinth gekannt haben, oder Heinrich August Ossenfelders Der Vampir. Ebenso Gottfried August Bürgers Lenore, wie auch John William Polidoris Der Vampyr. Allesamt Werke, die von Protagonisten erzählen, die an das Wesen des Wurdalaks erinnern.

Wurdalak (oder: Wurdelak)

Nichts Normales verheißt diese Aneinanderreihung der 8 Buchstaben. Jedes Kind verstünde sofort, auch ohne dass ihm seine Eltern jemals erklärt haben, was das ist, ein Wurdalak. Es wüsste, solch einem Wesen begegnet man besser nicht. Diese Bezeichnung, dieses Wort, das, spricht man es aus, es in seiner Physiognomie und Erscheinung sogleich entäußert: Ein Wesen wie aus einem Alptraum geboren, an dessen Existenz man keinen Zweifel zu haben braucht. Und dass es dich aufsucht. Auch daran nicht! Ein Wesen, das dir selbst in der Nacht, der Dunkelheit noch die Pupille aufzureißen vermag, erblickst du es im Mondenschein am Horizont. Das dich vor Angst riesige Wurzeln in den Boden schlagen lässt. Weil du es lange, lang geahnt hast, dass es irgendwann kommen wird. Zu dir. Ganz nah. So nah, dass du fast aufhörst zu atmen, dass du dir wünschst, nicht in der eigenen verfluchten Haut zu stecken. Weil es kein Entkommen gibt. Keine Verwünschungen wie in Märchen, die sie dir vielleicht doch retten könnten. Kein Versteck. Keine Ruhe. Auf dem ganzen Erdball nicht. Das Unvermeidliche, dass sich vollzieht: weil Blut dicker als Wasser ist und auch die Liebe nicht entbinden kann. Im Gegenteil. Sie bindet erst:

Das Blut. Die Familie. Die Bande. Das Mehrgenerationenhaus. Der Stamm. Die Sippe. Das Dorf. Und das, was sich darin niederlässt …

… und die Nacht: in der es passiert, in der alle im Haus voll Furcht beisammen sind. Unter ihnen der Fremde: ein Städter, der längst durch seine Aufmerksamkeit für eine der beiden Töchter des Hausherrn in das Haus, die Familie einverleibt wurde, der dem Geschehen nun ebenso ausgesetzt ist, obwohl er zunächst mit der Ratio eines modernen Städters reagiert, das ‘Böse’ zu verharmlosen versucht, indem er es dem Aberglauben zuordnet. Den Gespinsten also, die nichts weiter sind als nichts. Aber das, was hier seinen Weg Heim sucht, was einen wirklich heimsucht, ist nicht nichts.

Heilige Maria, Mutter Gottes!

flehen die beiden Frauen immer wieder, sprechen sie vom Wurdalak. Und stellen somit dem ‘Fluch’ den Segen gegenüber. Eine Heilige-Mutter-Hilf-Anrufung inmitten der unabwendbaren Verdammnis, so scheint mir. Eine sich vielleicht schon seit der Vertreibung aus dem Paradies immer wieder vollführende? Das zumindest frage ich mich. Denn ich kenne diese Urangst, vermag sofort zu begreifen, was das ist: ein Wurdalak, obgleich ich doch nicht aus dem Balkan stamme. Woher weiß ich das? Und so bin ich, nur was den Titel dieses Hörspiels betrifft, ein wenig enttäuscht, dass man sich entschieden hat, den Wurdalak der allgemein bekannten Überordnung Vampir weichen zu lassen. Sicher wird er darunter subsumiert, jedoch zu stark empfinde ich ihn in seiner Existenz, in seiner Art, die sich schon im Namen, in seiner Benennung offenbart. Der Wurdalak: ein blasses kaltes Wesen, das sich von Blut ernährt, das Nachts am aktivsten ist, mit dem Tag jedoch auch hinkommt (wie auch Carmilla), ein Wesen, das friert, das seine Bande, seine Familie aufsucht, die Menschen, die es liebte, von denen es gewärmt und über die Türschwelle des eigenen Hauses gebeten werden will, da es dieses sonst nicht mehr betreten kann. Das imstande ist, seine Opfer zu paralysieren. Der Wurdalak: der sowohl männlich als auch weiblich sein kann. Der nichts Betörendes hat. Zumindest nicht, was sein sein Erscheinungsbild betrifft. Aber doch in seinen Worten (die weiblichen Wurdalaks umgibt eine erotische Aura), die den geliebten Menschen aus Liebe handeln lassen, die ihn locken, sich seiner anzunehmen. Ihn wieder aufzunehmen innerhalb der Familie. Damit er sie zu seiner machen kann. Was auch immer das bedeuten mag. Das überlasse ich Ihnen, liebe Hörer, liebe Leser, denn ich werde Ihnen keine Psychokomplettanalyse liefern, die es im Allgemeinen und auch Im Einzelfall nicht gibt, Sie sollten diese Erzählung unbedingt lesen oder dieses Hörspiel hören, um mit irgendeinem Ihrer Sinne zu erfahren: Ja,

die Toten reiten schnell. 

Lenore von Frank Kirchbach (1895)

Das hat schon Bürgers Lenore herausfinden müssen, als ihr ersehnter Wilhelm doch noch aus dem Siebenjährigen Krieg zurückkehrte und sie, zu Ross durch den Wind galoppierend, mit ins Hochzeitsbett, ins Grab nahm. In ihr gemeinsames. Bram Stoker wusste das auch und verwendete dieses Zitat in seinem Roman Dracula, wie auch in seiner postum veröffentlichten Geschichte Draculas Gast. So schnell wie wir Leben ausgelöscht sehen, sei es durch Kriege oder unsere Umwelt. Oder gar dem Terror in der eigenen Familie begegnen. Das, was uns passiert, zu passieren droht, sobald wir geboren werden. Als einer unserer Art. Der Spezies Mensch zugehörig. Und so erinnert mich, neben allen oben genannten Werken, die mit diesem korrespondieren, die Szene, in der Gortscha der Wurdalak mit seinem Enkel Sascha in die Nacht davon reitet, an Goethes Erlkönig oder an Theodor Storms Novelle Der Schimmelreiter.

Wie ist einem Wurdalak nun beizukommen? Ich würde ja sagen: Überhaupt nicht. Doch aber erfahren wir, dass er, wie wir es von Vampiren wissen, Knoblauch und alles Sakrale verabscheut. Auch kann er ebenso gepfählt bzw. gepflöckt werden. Jedoch nicht durch einen xbeliebigen Pfahl, der ihm ins Herz getrieben wird, sondern nur durch einen der aus dem Holz des Hagedorns gefertigt wurde.

Janus

Der Hagedorn: auch Weißdorn genannt, ist eine Heckenpflanze, die zur Abgrenzung von Grundstücken genutzt wurde und wird, um ‘böse’ Geister und Dämonen fernzuhalten. Eine Pflanze, die dem Janus heilig war. Dem Gott mit den zwei Gesichtern. Wen wundert’s, denke ich an den Wurdalak, der einst das Familienoberhaupt Gortscha war, und auch an alle, die folgten. Des Weiteren half der Hagedorn vor den sog. Strigen, stellte man einen Zweig nächtlich ins Fenster des Kinderzimmers. Ebenso sollten Wiegen, die aus diesem Holz gefertigt sind, ‘böse’ Feen abhalten die Kinder auszutauschen.

Die Strigae, die Ähnlichkeit mit den Lamien und der Gello haben, oder mit den Lillim (den Kindern der Lilith), die als blutsaugende, vogelartige Dämonen verschrien sind. Harpyen: Wesen mit Flügeln, wie wir wissen. Und da wundert es doch nicht, dass eine der etymologischen Bedeutungen des Wortes Vampir oder auch Vampyr geflügeltes Wesen sein könnte, da die Herkunft dieses Begriffs strittig ist. In Teilen Serbiens jedoch spricht man von einem “wukodalak”, “vurkulaka” oder “vrykolaka”, was aus dem Griechischen abgeleitet “wolfhaarig” bedeutet. Passt! Denn Eingangs begleiten den Erzähler heulende Wölfe in das Dorf, vor denen er in diesem Zuflucht sucht. Kinder der Nacht, nennt sie eine Dorfbewohnerin, die dem Neuling den Zutritt zu ihrem Hause verwehrt und ihn zur Familie des Gortschas schickt. Wo er Einlass findet, weil es Zdenka ist, die ihm die Tür öffnet. Eine wunderschöne junge Frau, in die er sich verliebt. Liebe, die bindet. Wie also einem Wurdalak beikommen? Ein Wesen pfählen, dass Sie immer noch an den Menschen erinnert, den sie lieben? Würden Sie, ohne mit der Wimper zu zucken, Ihre Frau, Ihren Mann, Ihren Vater, Ihre Mutter oder Ihr Kind pfählen? Schaffen Sie das? Ich vermute: Sie schaffen es nicht. Vielleicht würden Sie sich sogar beißen lassen, nur um weiterhin mit ihren Lieben sein zu können. Das ist menschlich. Und Fluch zugleich. Vielleicht aber auch ein Segen, manchmal, wenn es gut ist, dass Blut dicker als Wasser ist. Denn was wären wir ohne Bande, Familie, Weggefährten, wenn wir niemals so etwas wie Bindung erfahren hätten?

Crataegus oxyacantha L.

Wahrscheinlich das, was ein Vampir nicht sein will, was ihm über die vielen Jahrhunderte, die er durchwandelt, zum Fluch, zur ewigen Hölle wird, das er selbst ist und seit jeher schon war: ein Vampir. Abhängig vom Blut derer, die es noch nicht sind, jedoch stets Gefahr laufen es zu werden. Nur mit dem Unterschied, dass wir dann von vornherein so geartet wären. Wir würden uns auf unser Dasein als Vampir verstehen, weil wir nichts anderes kennengelernt hätten. Erbsünde, oder die Sünde als solches, unser Nächster, so etwas interessierte uns dann nicht. Und so sind und bleiben wir auch in der Dunkelheit, in welcher Erscheinungsform auch immer wir nach dem Anderen rufen:

Sirenen.

Titania Medien ist hier ein Hörspiel gelungen, das mir die Geschichte dieser Familie leibhaftig vor Augen führt. Die Sprecher sind grandios gewählt. Sie entfalten keine Figuren, sie lassen mich mit den Ohren sehen. Innerhalb einer Atmosphäre, die atem(be)raubend ist. Mit diesem Werk von Alexei Konstantinowitsch Tolstoi hat man sich ein weit Herausragendes vorgenommen, dem ebenso herausragend nachgespürt wurde. Jedes Wort, jeder Ton sitzt dermaßen, dass ich mich beim Hören tatsächlich mit einer Gänsehaut in einem Dorf, einem Haus wiederfand, das weder durch seine räumliche Entfernung, noch durch die vergangene Zeit für mich erreichbar sein dürfte. Eigentlich.

H. P. Lovecrafts “Die Gruft”

“The Tomb, nighttime” von mcrassusart

“Die Gruft” ist eine frühe Erzählung Lovecrafts, die sich von seinen folgenden stark unterscheidet. Im Juni 1917 soll er sie geschrieben haben, wie auch kurz darauf “Dagon”, eine seiner heute berühmtesten. Zu verdanken ist das William Paul Cook, einem Amateurjournalisten (Mitglied der UAPA und NAPA), der zudem ein großer Connaisseur unheimlicher und phantastischer Literatur war. Cook, der eine Freundschaft mit Lovecraft pflegte, druckte zunächst dessen Magazin “The Conservative”, in der Amateurpressezeitschrift “The Vagrant” ließ er mehrere Erzählungen von ihm erscheinen, darunter auch “Die Gruft”. Ermutigt hat er ihn, unheimlich-phantastische Erzählungen zu schreiben, etwas, das Lovecraft schon fast aufgegeben hatte. Hatte er doch, wie er selbst einmal Clark Ashton Smith gegenüber bekannte, als Achtzehnjähriger sämtliche seiner Geschichten verbrannt und den Entschluss gefasst, von nun an nur noch Verse verfassen zu wollen, da er zu dieser Zeit überzeugt war, dass ihm das Handwerk fehle.

Die Gruft

Wir sind in Neuengland. Die Erzählung beginnt mit einer Leseransprache, in der sich der Ich-Erzähler auch vorstellt:

“Mein Name ist Jervas Dudley und ich bin schon als Kind ein Träumer und Visionär gewesen. Reichtum enthob mich von der Notwendigkeit einer Erwerbstätigkeit und weil ich mich für die üblichen Studien und gesellschaftlichen Zerstreuungen meiner Bekannten nicht eigne, habe ich schon immer in Bereichen geweilt, die nicht so recht zur sichtbaren Welt gehören.”

Jervas gibt an in einer Irrenanstalt zu sein, in die man ihn – die Geschichte, die er dem Leser erzählen will, wird es erklären – gesteckt hat. In seiner Ansprache gibt er dem Leser Gedanken wie diese an die Hand:

“Es ist eine unglückliche Tatsache, dass ein Großteil der Menschheit in seiner geistigen Sichtweise zu eingeschränkt ist, um mit Geduld und Intelligenz jene vereinzelten Phänomene zu erforschen, die nur von einigen wenigen psychologisch Feinfühligen gesehen und gefühlt werden und die außerhalb der alltäglichen Erfahrungen liegen. Menschen mit höherer Intelligenz wissen, dass zwischen dem Realen und dem Irrealen keine scharfe Grenze verläuft und dass wir nur durch feine, individuelle, körperliche und geistige Sinne alle Dinge um uns herum so erfassen können, wie wir es tun. […] Aber allzu viel darf ich nicht darüber erzählen, da ein ausführlicher Bericht die grausamen Verleumdungen über meinen Geisteszustand bestätigen würde, die ich manchmal belausche, wenn die durchs Haus schleichenden Pfleger miteinander tuscheln.”

Jervas erzählt, wie er sich als Kind in alte Bücher vergraben hatte und sich oft in einer bewaldeten Talsenke aufhielt, die hinter seinem Familienhaus lag, in der er las, träumte und grübelte statt mit anderen Kindern zu spielen. Er erzählt von einem einsamen Grab, das er eines Tages im dunklen Unterholz in einem der Hänge entdeckte. Es ist die Gruft der Hydes, einer alten ehrwürdigen Familie, deren letztes direktes Mitglied schon viele Jahre vor der Geburt Jervas zur Ruhe gebettet worden war. Und auch der Wohnsitz des Geschlechts stand einst auf dem Abhang des Hanges. Er ist jedoch schon vor langer Zeit durch einen Blitzschlag den Flammen zum Opfer gefallen. Ein Mann der Familie war dabei ums Leben gekommen. Die Bauern der Gegend sprechen hierbei vom “Zorn Gottes”. Kurze Zeit nach der Auswanderung der gesamten Familie in ihr ursprüngliches Land, wurde der leere Sarg des umgekommenen, letzten Familienmitgliedes zurückgeschickt, um ihn in der Gruft beizusetzen.

Die Grabstätte zieht von nun an die volle Aufmerksamkeit Jervas auf sich, der sie Tag für Tag besucht und versucht in ihr Innerstes zu dringen, doch sie ist verschlossen. Alles was ihm bleibt, ist ein kleiner Spalt. Er schwört, eines Tages hineinzugelangen. Im darauffolgenden Jahr stößt Jervas im Speicher seines Elternhauses auf eine Übersetzung von Plutarchs “Parallelbiografien”, in der ihn besonders der Abschnitt anspricht, in dem von Theseus und dem großen Stein berichtet wird, unter dem der Jüngling seine Bestimmung finden sollte, sobald er alt genug ist, dessen enormes Gewicht anzuheben. Jervas glaubt daher, dass die rechte Zeit demnach noch nicht ist. Vorsichtig holt er in der Gegend Erkundungen über die Gruft in die Familie ein, ohne etwas von seinem Fund und seinem Vorhaben zu verraten. Er spürt, dass diese Grabstätte die Familie repräsentiert, weiß, ohne dass ihn seine Eltern jemals mit auf einen Friedhof genommen hätten, den kalten Lehmboden auf unbestimmte Weise mit dem atmenden Körper in Zusammenhang zu bringen. Er fühlt sich mit diesem Ort körperlich und seelisch verbunden, verbringt seine Nächte nun immer häufiger auf Kirch- und Friedhöfen und verändert sich in seinem Wesen, weiß von Dingen, mit denen er die Menschen seiner Umgebung erschreckt, ohne dass er sie gelesen oder erzählt bekommen hätte. Auch findet er heraus, dass er mütterlicherseits eine zumindest schwache Verbindung zur als ausgestorben geltenden Familie Hyde aufwies. Er sieht sich nun als den letzten Nachkommen dieser Familie.

Eines Nachts, als Jervas in seiner Laube vor dem Grab Wache liegt, vernimmt er Stimmen durch den offenen Spalt der Gruft:

“Über ihre Eigenschaften will ich mich nicht äußern, doch ich kann zumindest sagen, dass sie in der Wortwahl, der Betonung und der Aussprache beklemmend abweichend klangen. Jede Färbung des neu-englischen Dialekts schien in diesem schattenhaften Zwiegespräch vernehmbar zu sein, von den groben Silben der puritanischen Kolonisten bis hin zur klaren Rhetorik, wie sie vor fünfzig Jahren gesprochen wurde […].”

Jervas bemerkt zudem, als er erwacht, dass ein Licht in der Gruft gelöscht wurde. Von dieser Nacht an verändert er sich stark. Zuhause angekommen, findet er flugs in einer verrotteten Truhe auf dem Speicher den Schlüssel für die Gruft und öffnet sie auch Tags darauf. Zwischen den Särgen und Marmorplatten fühlt er sich zu Hause und legt sich sogar in einen leeren Sarg. Jervas hat sich nun so stark verändert, dass es alle Dorfbewohner sogleich wahrnehmen. Er führt sich auf wie ein “Mann von Welt”, verhält sich kühn und übermütig, verfügt nun über eine eigentümliche Bildung und gibt fröhlich weinselig eine georgianische Ballade des 18. Jahrhunderts zum Besten, die in keinem Buche steht:

Kommt her, meine Freunde, den Krug voll mit Bier, 
Und trinkt auf das Jetzt, solang’ wir noch hier; 
Häuft auf dem Teller den Braten zum Genuss, 
Denn Speis und Trank vertreiben jeden Verdruss: 
So füllt euch das Glas, 
Denn das Leben ist Spaß; 
Wenn ihr tot seid, bleibt auf ewig geschlossen das Fass!
Anakreons Nase war rot, so heißt es manchmal; 
Doch wenn man feiert ist das völlig egal. 
Gott verdamm’ mich, ich bin lieber hier und rot, 
Als weiß wie ‘ne Lilie und seit Tagen schon tot! 
Ach, Betty, mein Schatz, 
Gib mir ‘nen Schmatz; 
In der Hölle ist für Wirtstöchter wie dich doch kein Platz!
[…] usw.

Zu dieser Zeit entwickelt sich bei Jervas auch eine Angst vor Feuer und Gewitter. Häufig versteckt er sich am Tage im verfallenen Keller des niedergebrannten Hauses der Hydes. Besorgt über die Veränderungen ihres Sohnes beauftragen die Eltern einen Spion, der den Jungen verfolgen und beobachten soll. Was ihm auch gelingt, da Jervas ihn eines Morgens in einem Dickicht entdeckt, als er gerade die Gruft wieder verschließen will. Der Späher aber gibt dem Vater nur an, Jervas hätte die Nacht in seiner Laube vor der Familiengrab verbracht, mit offenen Augen auf den Spalt starrend, der ins Innere der Gruft führt. Der Sohn ist zunächst erleichtert, fühlt sich durch eine übernatürliche Macht beschützt und gibt sich daraufhin sogar ungeniert der Leichenfledderei hin.

Doch in einer Nacht ist es nicht der Ruf der Gruft, die Jervas nach draußen treibt, es ist der Ruf des verkohlten Kellers, der ihn, als wäre ein Dämon zugegen, zu sich lockt. Die Talsenke phosphoresziert. Vor seinen Augen steht das Herrenhaus der Hydes, so prachtvoll wie einst, als wäre es niemals abgebrannt. Scharen des Bostoner Großbürgertums fahren mit Kutschen heran, Edelleute der Gegend gesellen sich hinzu, um der Feier beizuwohnen, die im Herrenhaus gegeben wird. Jervas mischt sich unter die illustre Gesellschaft als hätte er nie etwas anderes getan als zu feiern:

“Die grässlichen Blasphemien strömten mir fröhlich über die Lippen und bei meinen schockierenden Ausbrüchen würdigte ich weder ein Gesetz Gottes oder der Natur.”

Mit einem Mal fährt ein Blitz in das Haus ein, die Gesellschaft flieht in alle Richtungen, nur Jervas bleibt erstarrt auf einem der Stühle sitzen. Der Gedanke, er könne verbrennen und seine Asche in alle Himmelsrichtungen verweht werden, ist für ihn dabei ein erschreckender:

“Stand mein Sarg denn nicht schon für mich bereit? Hatte ich denn nicht das Recht, in aller Ewigkeit unter den Nachfahren von Sir Geoffrey Hyde zu ruhen? Oh doch! Ich würde mein Totenerbe einfordern, selbst wenn meine Seele dafür durch die Jahrhunderte streifen müsste, auf der Suche nach einer neuen körperlichen Hülle, um meinen Platz dort in der leeren Nische des Grabgewölbes einzunehmen. Jervas Hyde wird niemals das traurige Los des Palinuros teilen!”

Jüngling mit
Dreispitz,
Gerold Porzellan
Bavaria

Jervas findet sich schreiend und um sich schlagend in den Armen zweier Männer wieder, einer von ihnen ist der Späher. Auch sein Vater ist zugegen, doch sein Sohn fordert, man solle ihn in gefälligst in sein Grab legen. Ein Blitz hat sichtlich in die Kellerruine eingeschlagen, die herannahenden Dorfbewohner entdecken eine altmodische Kiste, die dadurch zum Vorschein kam. Sie enthält neben Dokumenten und wertvollen Gegenständen auch eine kleine Porzellanminiatur, eines jungen Mannes mit gelockter Zopfperücke, die versehen ist mit den Initialen >J. H.<. Die Miniatur sieht Jervas zum verwechseln ähnlich.

Nunmehr in einer Irrenanstalt inhaftiert, wendet sich Jervas an einen alten Dienstboten namens Hiram, den er als Kind sehr mochte, der ihn weiterhin bezüglich der Gruft informieren soll. Jervas wird regelmäßig von seinem Vater besucht. Dieser aber erklärt ihm, er hätte das Portal zur Gruft niemals passiert. Er selbst habe es sogar untersucht und keinerlei Einbruchsspuren an dem Schloss finden können. Das ganze Dorf soll darüber Bescheid gewusst haben, man habe Jervas immer nur in der Laube schlafen gesehen, mit halb offenen Augen, auf den Spalt starrend, der ins Innere des Familiengrabes führt. Jervas kann seine Erlebnisse nicht beweisen, da er den Schlüssel in der Nacht des Blitzeinschlages verloren hat. Hiram aber berichtet ihm, dass er die Kette, die die Gruft verschließt, gesprengt hat und ins Innere gestiegen ist. Er fand dort auf einem Sockel in einer Nische einen leeren Sarg, auf dessen Tafel der Name Jervas stand. Noch immer glaubt Jervas, dass er einst in diesem Grab bestattet werden würde, da man es ihm versprochen hat.

Der Einfluss Poes

Edgar Allan Poe und H. P. Lovecraft

“Die Gruft” präsentiert sich, im Gegensatz zu seinen auf sie folgenden Erzählungen, in einem völlig anderen Gewand. Lovecrafts Bewunderung für das Oeuvre Edgar Allan Poes ist hier nicht nur durch die Konstruktion der Erzählung wahrnehmbar, sie ist auch atmosphärisch eingefangen. Was den verwandten Stil betrifft, so schrieb Lovecraft in einem Brief an Richard F. Searight, dem nachgesagt wurde, er habe eine seiner Geschichten im Stile Lovecrafts verfasst:

“Ich kann dies nicht in irgendeinem erwähnenswerten Maße feststellen. Eher würde ich sagen, dass Sie schlicht dieselben allgemeinen sprachlichen Ausdrucksmittel gewählt haben, die auch ich bevorzuge – die jedoch bereits, lange bvor ich geboren wurde, Hunderte andere bevorzugt verwendet haben. Viele meinen, dass ich diesen Stil ausschließlich von Poe übernommen habe – was (ungeachtet des starken Einflusses, den Poe auf mich ausgeübt hat) ein weiterer typischer Denkfehler eines kurzsichtigen Modernismus ist. Besagter Stil ist keine spezielle Eigenart Poes, sondern schlicht die traditionell vorherrschende Art, erzählende Prosa auf Englisch zu verfassen. Wenn ich durch irgendeinen speziellen Einfluss zu diesem Stil gekommen bin, dann vielleicht eher durch die Literatur des 18. Jahrhunderts als durch Poe.”

S. T. Joshi jedoch schreibt im ersten Teil seiner Biografie “Lovecraft – Leben und Werk”:

“[…] dass hier ein guter Teil Selbstinszenierung mit im Spiel ist. Es trifft durchaus zu, dass Lovecraft in seinen Erzählungen gewissermaßen den Stil der Essayisten des 18. Jahrhunderts mit demjenigen Poes verbindet, und zu dem Zeitpunkt, als er die obigen Zeilen schrieb (1935), hatte er sich in der Tat von jeder direkten Imitation des Poe’schen Stils längst gelöst. Doch es ist nicht zu leugnen, dass die Sprache, die Lovecraft in seinen frühen Erzählungen entwickelt – dicht, etwas überhitzt, durchsetzt mit archaischen und dunklen Begriffen -, ebenso wie sein Erzählstil, mit seiner beinahe vollständigen Abwesenheit realistischer Charakterzeichnung und dem starken Gewicht, das er auf Exposition und Narration legt, während Dialoge fast vollständig fehlen, offensichtlich auf Poe zurückgehen und nicht die “traditionell vorherrschende Art, erzählende Prosa auf Englisch zu verfassen”, repräsentieren – wovon man sich schnell überzeugen kann, wenn man diesem Stil die Prosa Hawthornes, Thackerays oder Joseph Conrads gegenüberstellt.”

Des Weiteren schreibt er: “An anderer Stelle schätzt Lovecraft den stilistischen Einfluss Poes auf seine Arbeit etwas aufrichtiger ein” und übergibt ihm das geschriebene Wort, das er einst an Clark Ashton Smith richtete (1930):

“Da Poe von allen Horror-Schriftstellern den größten Einfluss auf mich ausübte, beginnt für mich eine Geschichte nicht richtig, wenn sie nicht etwas von seiner Manier hat. Ich könnte mich nie abrupt in eine Sache hineinstürzen, wie es die populären Schriftsteller tun. Für mein Dafürhalten muss man zunächst eine Szenerie & einen Weg, über den man sich der Sache nähert, etablieren, bevor die eigentliche Vorstellung beginnen kann.”

Der zu erzählenden Geschichte des Ich-Erzählers ist, wie bereits erwähnt, eine einleitende Leseransprache vorangestellt, in der er dem Leser Informationen gibt, auf welche Weise er mit den nun folgenden Informationen umgehen soll. Womit sie, die “eigentliche” Geschichte, zu einem Tatsachenbericht mutiert, der vom Ich-Erzähler vorwegnehmend in einen Kontext seiner Weltanschauung gebettet wird, in dem er bereits Partei für sich ergreift, es aber doch dem Leser überlässt, was er von der nun folgenden Geschichte hält. Etwas, das auch bei Poe häufig Anwendung fand.

Joshi geht auch auf die häufige Verwendung von Ajektiven ein, die der Poes entspricht, hält den Kritikern, die Lovecraft “Adjektivitis” vorwerfen, aber dagegen, dass sie vergessen:

“[…] dass die Technik der Adjektivhäufung, insbesondere wenn es sich um eine in der ersten Person verfasste Erzählung handelt, oft zur Beschreibung des Geisteszustandes des Protagonisten dient und damit zu einem Element der Charakterzeichnung wird.”

Wir können festhalten, dass Lovecraft grundsätzlich von Poes Werk beeinflusst war, besonders seine frühen Arbeiten lassen das erkennen, wir halten aber auch fest, dass Lovecraft sich dadurch sehr schnell eigene Prinzipien zur Komposition seiner Erzählungen geschaffen hat, die ihrerseits das Schreiben vieler Autoren beeinflussten und bis heute beeinflussen. Und schaut man sich die Biographie und Interessen der beiden an, wird man besonders auf diesen Feldern feststellen, sie sind sich gar nicht so unähnlich.

Der Träumer und Visionär Jervas Dudley

Wir wissen, dass Jervas Dudley in einer Irrenanstalt sitzt, wir wissen, dass er ein Träumer und Visionär ist, der wenig übrig hat für das Treiben seiner Zeit. Wir wissen, dass er sich gerne in Bücher vergräbt und darüber hinaus über ein erstaunliches Wissen verfügt, das ihm auf andere Weise zukommt als durchs Lesen. Wir wissen, dass die Familiengruft der Hydes ihn magisch anzieht, dass er sich mit ihnen mehr und mehr verbunden fühlt. Wir wissen aber auch durch seinen Vater und den Spion, wie auch durch die Aussagen der Dorfbewohner, dass Jervas Dudley die Gruft niemals betreten hat. Was also hat es mit seinem Erleben auf sich? Woher weiß er die vielen Dinge, die er weiß. Woher seine zunehmende Wesensveränderung?

Eines ist klar, schon die Selbstbeschreibung Dudleys verrät, dass er ein Sonderling ist, anders als alle anderen. Er träumt, hängt seinen Gedanken nach, lässt sich auf das ihn Umgebende ein:

“Auf diesen moosbedeckten Hängen habe ich als kleines Kind meine ersten Schritte getan und um ihre grotesken, gichtigen Eichenbäume die ersten fantastischen Einfälle meiner Kindheit gewoben. Die Dryaden, die über diese Bäume wachten, kannte ich sehr gut und oft habe ich ihre wilden Tänze in den schwankenden Strahlen des abnehmenden Mondes beobachtet […].”

Richard Mansfield in seiner
Doppelrolle. Die Bühnenfassung von
Thomas Russell Sullivan wurde
1887 uraufgeführt, ein Jahr nach der
Buchveröffentlichung. Foto von 1895.

Wir können davon ausgehen, dass Jervas über eine sensiblere Wahrnehmung verfügt als andere, eine, die es ihm ermöglicht in seinem Alltag in Bereiche vorzudringen, die dem Auge und dem Geist ansonsten verborgen sind. So verborgen, wie es die Gruft der Hydes selbst ist. Der Familienname Hyde lässt uns unwillkürlich an die Novelle “Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde” des schottischen Schriftstellers Robert Louis Stevenson denken. Kein Zufall, würde ich meinen, vollzieht Jervas doch eine Wandlung, die die Geschichte der Familie Hyde für ihn zu Tage fördert, eine Geschichte, die sonst, viele Jahre nach der Feuerkatastrophe verborgen geblieben wäre. Es scheint, als nehme Jervas die Wesenszüge eines Familienmitglieds der Hydes an. Und sein unbedingtes Beharren, in “seinen” Sarg in der Hydegruft gelegt zu werden, verrät uns, dass sich hierbei um den bei dem Brand Umgekommenen handeln muss, der Besitz von ihm nimmt. Es ist, als wollte der Geist der Hydes dafür sorgen, dass das leerstehende Grab nicht leer bleibt, dass es einen Körper bekommt. Der Umgekommene trug offenbar den selben Vornamen. Ein Seelenwanderungsmotiv wie es auch Poe oft verwendete. Zudem wissen wir, dass auch Jervas herausgefunden hat, dass er mütterlicherseits mit den Hydes verwandt ist. Etwas, das seine Empfänglichkeit für diese Familie und ihre Geschichte noch verstärkt. Da es Jervas gelingt in die Gruft zu gelangen ohne körperlich anwesend zu sein, und er sogar mit dem Besuch des Festes im Herrenhaus der Hydes, gewissermaßen in der Zeit zurückreist, können wir ihn als eine Art Psychonauten verstehen. Das Auffinden der Porzellanminiatur verstärkt das Doppelgängermotiv.

Doch vergessen wir bei all diesen geschilderten übernatürlichen Phänomenen nicht, dass nur Jervas Dudley all das erfahren hat. Es könnte sich dabei also auch um einen rein psychischen Vorgang handeln. Diese Möglichkeit besteht zumindest, auch wenn wir geneigt sind, uns auf die Seite Dudleys zu stellen. Was wiederum an Lovecrafts Zeichnung der Figur liegt, die anders ausstaffiert ist als seine vom Leser gewohnteren Protagonisten. Vor allem die psychologische Tiefe, die er ihm verleiht, trägt zur Identifikation des Lesers bei. Er gibt häufig Auskunft über seinen seelischen Zustand, der Leser leidet mit ihm. Ein wenig erinnert er in seinen Zügen auch an seinen Erfinder selbst. Und lesen wir diese von Lovecraft an Alfred Galpin verfassten Zeilen (April 1920), verstehen wir, wieso es Jervas Dudley brauchte:

“An einem Junitag im Jahre 1917 spazierte ich mit meiner Tante über den Swan Point Cemetery und bemerkte einen zerbröselnden Grabstein, auf dessen Schieferoberfläche sich schwach ein Schädel und gekreuzte Knochen abzeichneten. Die Jahreszahl 1711 war noch gut erkennbar. Das Ensemble brachte mich zum Grübeln. Hier stand ich vor einem Bindeglied zu meinem über alles geliebten Zeitalter der gepuderten Perücken – dem Leichnam eines Mannes, der eine Allongeperücke getragen und vielleicht die Originalblätter des Spectator gelesen hatte. Hier lag ein Mann, der zur selben Zeit wie Mr. Addison gelebt hatte und der ohne weiteres Mr. Dryden hätte begegnen können, wenn er im richtigen Moment im richtigen Teil von London gewesen wäre! Warum konnte ich nicht mit ihm sprechen und tiefer in das Leben meines auserwählten Zeitalters eindringen? Was fehlte seinem Körper, dass er nicht mehr in der Lage war, sich mit mir zu unterhalten? Lange betrachtete ich dieses Grab, und am Abend, nachdem ich nach Hause zurückgekehrt war, begann ich meine Erzählung “The Tomb”.”

Das Trinklied

Auch beim Trinklied spekuliert S. T. Joshi, Lovecraft hätte sich hier an Poe gehalten, der in “The Fall of the House of Usher” und “Ligeia” jeweils gekonnt ein eigenes herausragendes Gedichte implementierte. Zwei Gedichte, die wie dieses mit der jeweiligen Erzählung stark verwoben sind. 1963 wurde das Trinklied in Lovecrafts “Collected Poems” aufgenommen. Dass das Trinklied sogar schon vor der Entstehung der Erzählung ersonnen wurde, belegt ein Manuskript in der John Hay Library, es gehört zu einem Brief, dessen erste zwei Seiten fehlen und der abrupt auf der fünften endet. Vielleicht, so Joshi, hat Lovecraft nur diese Seiten aufgehoben, weil ihm das Lied gefiel und er davon ausging, es irgendwann einmal zu verwenden. Als Quelle der Inspiration gilt unter anderem ein Lied aus Thomas Mortons “New English Canaan or New Canaan” von 1637. Aber auch ein Lied, das in Sheridans Komödie “School for Scandal” von 1777 gesungen wird, wird in Betracht gezogen, denn in seinem Brief soll Lovecraft selbst angedeutet haben, er habe versucht, ein georgianisches Trinklied nachzuahmen und kein jakobitisches.

Ein gelungenes Stück Prosa, das Lovecraft, ganz im Gegensatz zu den meisten seiner frühen Erzählungen, selbst sehr mochte. Ein sehr erstaunliches gar, bedenkt man, dass er es nach neunjähriger Prosaabstinenz verfasste. Schrecklich und komisch zugleich zeigt sich das Übernatürliche in “Die Gruft”, manifestiert sich im Innen wie im Außen des Protagonisten, der bis zum Schluss verlangt, was nach ihm verlangt. Ein großer früher Anstoß Lovecrafts über Wahrnehmung und Realität nachzudenken.

Die Unschuldsengel

Die Unschuldsengel;
Titania Medien

The Turn of the Screw. Zu Deutsch: Das Durchdrehen der Schraube. Oder: Die Drehung der Schraube, Bis zum Äußersten, Das Geheimnis von Bly ist eine vielrezipierte Novelle von Henry James, die 1898 von Januar bis April als Fortsetzungsgeschichte in der Wochenzeitschrift Collier’s zum ersten Mal erschienen ist. Illustriert wurde die Geschichte von Eric Pape. 1908 erschien die erste Buchveröffentlichung.

Im Original ist der Erzählung eine Rahmenhandlung vorangestellt, die sich am Ende jedoch nicht fortsetzt. Es bleibt also der Phantasie des Lesers ausgesetzt, was er mit den Aufzeichnungen der Gouvernante anfängt. Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht eines namenlosen Ich-Erzählers (ob männlich oder weiblich, ist unklar), der dem Leser wiederum erzählt wie ein Mann namens Douglas am Kamin in geselliger Runde, in einem englischen Landhaus den Anwesenden die Geschichte dieses Kindermädchens eröffnet, die sie ihm wiederum vertrauend offenbart hatte und sie nun aus ihrer Sicht wiedergibt.

Im Hörspiel ist auf diese Rahmenhandlung verzichtet worden. Warum eigentlich? Bietet dieser Rahmen doch den zusätzlich verstärkenden Effekt, es dem Empfänger dieser Geschichte zu überlassen, ob es sich dabei um eine wahre Begebenheit handelt, ob er die Existenz von Geistern annimmt, oder: ob er alles in Zweifel zieht, weil er die Geschichte dieser Frau als eine rein psychologische Studie in einem viktorianischen England begreift.

Ich kenne da jemanden … es hat sich begeben.
Wir kennen das: Alle. 

Das Durchdrehen der Schraube
von Henry James,
dtv Ausgabe (2012)

Es ist wichtig zu wissen, dass zu jener Zeit Geistergeschichten recht en vogue waren. Womit ich vor allem jene meine, die sich mit Geistererscheinungen als solches befassen. Seien es wissenschaftliche oder journalistische Texte, oder auch einfach nur Zeugenberichte. Es darf vermutet werden, dass Henry James, der an Tagungen der Society for Psychical Research teilgenommen haben soll, sich für diese Novelle von solchen Zeugenberichten mindestens inspirieren ließ. Henry James, der als distanzierter Beobachter des Menschen gilt, der uns an den Bewusstseinsströmen (stream of consciousness), dem Innenleben seiner vor allem weiblichen Figuren teilhaben lässt, löst mit dieser Novelle beim Leser einen Bewusstseinsstrom aus, in dem er sich selbst überlassen ist, da sich die Geschichte, aufgrund ihrer gesamten Erzählweise, einer eindeutigen Lesart und Interpretation verweigert. In Fachkreisen nennt man das Horror. Und was mich in dieser Annahme bestärkt, ist vor allem die Tatsache, dass diese Novelle so stark rezipiert, beforscht und besprochen wurde. In alle erdenklichen Richtungen. Zig Interpretationen, die man, je nach hausgemachter Lesemotivation bzw. Prämisse, die sich aus ihr ergibt, zu untermauern versuchte. Sei es aus dem Blickwinkel der Gender Studies, einer freudianischen oder marxistischen Sichtweise usw.. Viele Augäpfel unterschiedlichster Couleur haben also gelesen und ihre Sicht der Dinge zum Besten gegeben. Das passiert wohl, wenn man sich eines sog. Unzuverlässigen Erzählers bedient. Wobei ich hier anbringen möchte, dass dieser Begriff: ‘Unzuverlässigkeit’, ein wertender ist, abhängig vom Leser und seinen Wahrnehmungen. Etwas, das jedoch auch außerhalb des Buches seine Entsprechung findet. Übersetzt auf unsere Welt, in der differente Wahrnehmungen Einzelner, die vom allgemeinen Konsens stark abweichen, noch immer pathologisiert werden, trifft das leider zu. Heißt: Wer ernsthaft versucht, anderen von Geistern und anderen Wesen zu erzählen, der läuft Gefahr stante pede zum Arzt geschickt oder mindestens schief angeschaut zu werden. Meistens jedenfalls. Doch Mensch sei Dank, nicht immer! Wir zweifeln offenbar lieber, finden dies und das fragwürdig, anstatt zu Staunen, den Anderen zu bitten: Erzähl’ mir mehr! Daher würde ich sagen, Henry James hat mit dieser Novelle zugleich auch eine interessante Leserstudie mit Langlaufzeit vorgelegt. Und so kann ich diesem >>>Einordnungsversuch, der zu bedenken gibt, dass es sich hier um eine Erzählung handelt, die alle Kriterien der American Gothic erfüllt und des Weiteren schreibt:

“”Die Drehung der Schraube” ist beinahe ein Konzentrat aller archetypischen Motive, die es in der englischen Geistergeschichte gibt, wobei ihr Geltungsbereich mehr ein amerikanischer ist …”

dies noch hinzugeben.

Mit der Wahl des Titels bin ich überhaupt nicht einverstanden. Tut es wirklich Not, ihn zu ändern, wenn man sich weitestgehend an den Urtext hält? Zu stark ist der originale, der viele Möglichkeiten an Übersetzungen zulässt: The Turn of the Screw:

“Flora hatte ein flaches Holzstückchen aufgeklaubt, das zufällig ein kleines Loch besaß, was sie offensichtlich auf den Gedanken gebracht hatte, ein anderes Hölzchen hineinzustecken, das einen Mast darstellen und das kleine Holzstück zu einem Schiffchen machen sollte. … – ich sah, was ich sehen musste.”

Eben. Nur was? Das ist dem Leser vorbehalten … 

Ja was haben wir denn da?
Aus: Ein Satansbraten kommt
selten allein; (c) UIP

Zumal der Begriff ‘Unschuldsengel’ heute anders gebraucht wird als ihn die Erzählerin, das Kindermädchen, verwendet, die in ihnen tatsächlich, benutzt sie dieses Wort, unschuldige Englein sieht / sehen will, auch wenn sie deren Unschuld im Laufe der Zeit mehr und mehr in Zweifel zieht. Denn tatsächlich, folgt man ihrer Geschichte, sind Flora und Miles so etwas wie Unschuldsengel, allerdings in einem eigentlich annähernd ursprünglichen Sinne, da sie nicht nur behütet, ja gar isoliert aufgewachsen sind, nichts als sich selbst und die Bediensteten hatten, im Rahmen einer Idylle, die eine eigene kleine Welt bedeutet, in der sie ihre Fähigkeiten, die Welt und ihre Dinge und Wesen vielleicht ganz anders wahrzunehmen, ausprägen und entwickeln konnten als jene, die sie nicht in jener isolierten Weise erfahren haben. Zu irreführend ist dieser von Titania Medien gewählte Titel, der einen, durch diese Wandlung des Begriffs, sofort an kleine Satansbraten denken lässt. Und so hören sie sich auch leider an, Flora und Miles, wie kleine Quälgeister. Prototypische, die zuhauf schon über die Leinwände flimmerten.

Ähnlich geht es mir mit den restlichen Sprechern, die immer wieder Gefahr laufen ins Overacting zu fallen. Dass das passiert ist, mag daran liegen, dass man hier auf einen Erzähler verzichtet, sich besonders auf die Dialoge gestützt und dann in der Regieanweisung show, don’t tell gerufen hat.

Eines jedoch aber kann ich festhalten, kennt man das Original nicht, kann man hier von einem mehr oder weniger passablen Hörspiel sprechen, das den Hörer durchaus gruselt, es sogar schafft, ihm eine Ahnung zu vermitteln, dass er sich am Ende selbst ein Bild machen muss, folgt er dem Impuls, die Geschehnisse und Handlungen der Figuren einordnen zu wollen. Jedoch ist es kein besonders herausragendes. Eher gesellt es sich hinzu. Ganz der Redewendung folgend: Kennst du eines, kennst du sie alle.

Ich bin mir durchaus bewusst, dass eine Adaption des geschriebenen Wortes in ein anderes Medium kein Leichtes ist, dass es bedeutet, dass man der Sprache anders Tribut zollt, weil jeder der uns gegebenen Sinne eine eigene verlangt … Das aber ist die große Herausforderung:

“Noch habe ich seine letztendliche Preisgabe des Namens und seinen Tribut für meine Hingabe im Ohr. “Welche Bedeutung hat er denn jetzt noch, mein Einziger? – welche Bedeutung wird er jemals haben? Ich habe dich, aber der”, schleuderte ich der Bestie entgegen, “hat dich auf ewig verloren!” Dann, um mein geleistetes Werk zu demonstrieren, sagte ich zu Miles: “Dort, dort!” Doch er hatte sich bereits mit einem Ruck schnurstracks umgedreht, wieder starren Blickes durchdringend umhergeschaut und nichts gesehen als den stillen Tag. Unter dem Schlag des von mir mit solchem Stolz aufgenommenen Verlustes stieß er den Schrei einer Kreatur aus, die kopfüber in einen Abgrund geschleudert wird, und der Griff, mit dem ich ihn wiedererlangte, könnte ihn vielleicht in seinem Sturz aufgefangen haben. Ich fing ihn auf, ja, ich hielt ihn – man kann sich vorstellen, mit welcher Leidenschaft; doch nach Ablauf einer Minute begann ich zu begreifen, was ich tatsächlich hielt. Wir waren allein mit dem stillen Tag, und sein kleines Herz, nunmehr frei, war stehengeblieben.”

Der große Gott Pan

Arthur Machen veröffentlichte eine erste Version von Der große Gott Pan im Jahre 1890 im Magazin The Whirlwind; später schrieb er die Geschichte um und erweiterte sie, bis sie 1894 dann, zusammen mit der thematisch sehr ähnlich gelagerten Geschichte, Das innerste Licht,  als Buch erschien. Es ist eine faszinierende Arbeit, die ihre beängstigende Stimmung hauptsächlich durch indirekte Hinweise speist. Von heute aus gesehen, entdeckt man eine sehr “viktorianische” Einstellung gegenüber Frauen. Zur Zeit ihres Erscheinens löste die Geschichte durch die angedeutete Sexualität einen regelrechten Skandal aus.

Machen wurde 1863 in Wales als Arthur Llwellyn Jones-Machen geboren; ‘Machen’ war der Mädchenname seiner Mutter, den er später zu seinem Künstlernamen machte. Weil die Familie zu arm war, um Machen auf eine Universität zu schicken, entzündete sich sein Interesse für das Verborgene und Unheimliche, das ein Leben lang anhalten sollte, durch seinen schon früh vorhandenen Lesehunger, den er in der Bibliothek seines Vaters, der ein Geistlicher war, befriedigte. Später lebte Machen dann in London als Übersetzer und Journalist. Er heiratete 1887 und lernte durch seine Frau den Okkultisten A.E. Waite kennen (den Urheber eines der berühmtesten Tarotdecks). Seine Frau starb 1897; im Jahre 1900 trat Machen Waites Order of the Golden Dawn bei. 1901 wurde er Schauspieler und heiratete 1903 noch einmal. Aber er schrieb auch weiter, und 1914 erschien eine seiner Kurzgeschichten, “The Bowmen”, die die urbane Legende der Engel von Mons verbreitete. Er starb 1947.

Machens literarischer Ruf schwankte während seiner Lebenszeit erheblich. Die Kontroversen um Der große Gott Pan hatten seinem Namen nicht gerade gut getan, allerdings änderte sich das in den 20er Jahren des 19. Jahrhunderts. H.P. Lovecraft bezeichnete ihn als Meister der Übernatürlichen in der Literatur, nicht zuletzt, weil Lovecraft erheblich von Machens Arbeiten beeinflusst wurde.

Die Geschichte beginnt in Wales, im Haus des Wissenschaftlers Dr. Raymond, der seinem nervösen Freund Clarke sein nächstes Experiment erklärt. Raymond ist ein Hirnspezialist, ein Student der “transzendentalen Medizin”, der eine Operation an der an einem sieben Jahre alten Mädchen namens Mary vornehmen will; seine Absicht ist es, einige Teile des Hirngewebes zu durchtrennen, so dass sich für sie “der Schleier hebt” und sie eine tiefgreifendere, spirituelle Welt wahrzunehmen vermag. Möglicherweise gibt es Risiken, aber Raymond sagt: “Ich rettete Mary aus der Gosse und vor dem sicheren Hungertod, als sie ein Kind war; ich denke, ihr Leben gehört mir, und ich kann damit verfahren, wie es mir beliebt.” Er vollzieht die Operation, Mary jedoch bleibt dadurch geistig erheblich geschädigt.

Einige Jahre später, Clarke lebt, mitgenommen von Raymonds Experiment, in London; er meidet das Übernatürliche und alles, was nicht alltäglich ist – außer das, was ihm dabei behilflich ist, ein Buch aus Erinnerungen zusammenzustellen, um die “Existenz des Teufels” zu beweisen. Und so trägt er Daten über ein Mädchen namens Helen V. zusammen.  Im Laufe einiger Jahre wurde sie dabei beobachtet, merkwürdigen Kontakt mit seltsamen kleinen Menschen in einem Waldstück an der Grenze zu Wales zu unterhalten. Später nahm sie auch ein anderes Mädchen dorthin mit, eines Tages verschwand sie auf mysteriöse Weise. Die Erzählung wechselt zu einem Mann namens Villiers, der einen alten Freund namens Charles Herbert besucht. Herbert ist gewissermaßen ruiniert oder von seiner Frau halb in den Wahnsinn getrieben worden, bevor sie ihn verließ. Villiers untersucht Herberts Fall, findet einiges über dessen eigentümliche Frau heraus und bespricht die Ergebnisse mit Clarke; der erkennt auf einem Bild von Herberts noch-Ehefrau eine starke Ähnlichkeit mit Raymonds Mary.  Im nächsten Kapitel diskutiert Villiers die äußerst seltsame Geschichte mit seinem Freund Austin, und entdeckt, dass Mrs. Herbert in irgendeiner Weise an dem mysteriösen Tod eines talentierten Malers in Südamerika beteiligt war.

Das nächste Kapitel beginnt mit einem allwissenden Erzähler, der von einer sonderbaren Selbstmordserie unter reichen Männern der modischen Londoner Gesellschaft berichtet. Über die nächsten Kapitel gelangen Villiers und Austin zu der Erkenntnis, dass hierfür die Gastgeberin von Gesellschaften, Mrs. Beaumont verantwortlich ist – und dass Mrs. Beaumont niemand anderes ist als die ehemalige Mrs. Herbert. Villiers verkündet Austin seine Entscheidung, der Dame einen Besuch abzustatten, und sie vor die Wahl zu stellen: Selbstmord oder eine Erklärung.

Der Abschluss der Geschichte präsentiert Fragmente von Texten unterschiedlicher Prägung: da wären erstens die persönlichen Erinnerungen eines Arztes, der eine eigentümliche Leiche untersucht. Es folgen Auszüge aus zwei Briefen. Der erste ist von Clarke an Raymond und spielt auf die Endgültige Begegnung mit Mrs. Beaumont an, Helen, beschreibt seinen Besuch in Wales, wo er eine römische Ruine sah, in der eine Inschrift, dem Gott Nodens gewidmet, auffiel: “dem Gott der Gr0ßen Tiefe, des Abgrunds”. Der zweite Brief ist von Raymond an Clarke, der ihm erzählt, dass Mary Helens Mutter war, und andeutet, dass Pan ihr Vater war.

Alles in allem ist das eine wirklich absonderliche Geschichte. Die zusammenfassende Wiedergabe hebt die wacklige Struktur der Handlung hervor. Die einzelnen Figuren heben sich nicht groß voneinander ab; wir bekommen nur einige Fakten über den ein oder anderen an die Hand (Clarkes Abkehr vom Übernatürlichen, als Beispiel), aber diese scheinen nur selten ihre Taten zu beeinflussen. Außerdem scheinen sich alle untereinander zu kennen, so als wäre London nur ein kleines Nest. Die schließliche Konfrontation bleibt nebulös. Helen begeht ohne ersichtlichen Grund Selbstmord – was hat sie von einer “Erklärung” zu befürchten? Und wie kann ihr Tod unangezeigt bleiben?

Die Konstruktion der Erzählung ist ebenfalls ungewohnt. In ihrer Mitte befindet sich eine Art Vakuum: Helen sagt nicht ein einziges Wort, sie scheint ohne Motivation zu agieren, ihr fehlt sämtliche Persönlichkeit. Hier haben wir eine Horrorstory ohne Horror in seinem Kern. Nur Tod, Selbstmord und den grundlosen Ruin. Es gibt auch keine wirkliche Aktivität, die aus der Handlung hervorgeht; nach der ersten Szene, reihen sich nur die Zwischenfälle aneinander, die eine (männliche) Figur der anderen (männlichen) Figur erzählt. Wie kommt es, dass dennoch alles zusammenläuft?

Und zusammenhalten tut es. So merkwürdig alles ist, es ist effektiv. Der erste Grund ist die Sachlichkeit, die in Machens Prosa grundsätzlich vorhanden ist. Die Figuren sprechen direkt und einfach, normale Menschen versuchen, die abnormalen Vorgänge um sie herum zu verstehen. Es steckt eine gewisse Klarheit in der Ausdrucksweise, die sich modern anhört, was im Widerspruch zum altertümlichen Horror der Geschichte steht. Und diese Klarheit hat die Fähigkeit, unmerklich Schatten in die kraftvolle Anrufung der Emotionen zu entlassen.

Der größte Teil der Darbietung von Der große Gott Pan, hat viel von einer Club-Story: einer erzählt seine Erlebnisse oder Erinnerungen einer anderen Person oder einer Gruppe. Der Schrecken der Geschichte dient dazu, den traditionell geschützten Raum (für eine Erzählung) in einem Club zu untergraben. Trotz dieses Form finden wir hier eine dialoglastige Struktur vor; die Art wie einige der Figuren den anderen Informationen vorenthalten – Erzählpassagen, Texte, überlappende Sequenzen: all das wirkt wie ein Puzzle, das bis zum Ende hin nicht klar sichtbar ist.

Machen nutzt diese Struktur geschickt, um einige wirksame und gelegentlich widersprüchliche Effekte zu erzeugen. Bemerkenswert ist, dass trotzdem die Geschichte durch das gegenseitige Berichten vorangetrieben wird, die Schlüsselpunkte des eigentlichen Horrors ausgespart bleiben. Es fehlen Puzzleteile. Das Bild als Ganzes ist nur zu erraten. Inmitten der geradlinigen, nüchtern erzählten Geschichte, klaffen Lücken.

Da wir ins späte viktorianische Zeitalter blicken, und da einer der Männer, die Helen zerstörte, ihr Ehemann war, dem sie in der Hochzeitsnacht schreckliche Geheimnisse offenbarte, ist die herkömmliche Annahme, zu erklären, dass all das, was nicht gesagt wurde, mit Sexualität zusammenhängt. Der Gebrauch des Pan, dem Gott des Sexus und der Fruchtbarkeit als Sinnbild für Marys spirituelle Erfahrung, stützt diese Annahme. Von einem bestimmten Punkt aus gesehen, könnte man sagen, die Geschichte handelt davon, was geschieht, wenn Sex zu Horror wird, oder Pan zur Panik. Nicht über Sex zu sprechen, den Trieb sozusagen zu verdrängen, weckt destruktive Kräfte. Von diesem Punkt aus, ergibt das Ende einen symbolischen Sinn: das Wagnis, den Schrecken bloßzustellen, offen darüber zu sprechen, vertreibt ihn.

Innerhalb der Phantastischen Literatur belegt Der große Gott Pan einen interessanten Platz. Selbst vielleicht inspiriert von Mary Shellys Frankenstein – Raymond kommt der modernen Vorstellung eines verrückten Wissenschaftlers vielleicht sogar näher als Frankenstein – hat die Erzählung einen enormen Eindruck auf künftige Schriftsteller gemacht. Lovecraft und Stephen King haben lautstark für sie geworben – und das PHANTASTIKON tut es auch.

Machens Erzählung hat nie den Ruhm von Frankenstein oder Dracula erreicht, weil ihr vermutlich ein repräsentatives Monster fehlte. Wo die anderen beiden Erzählungen eine echte und charismatische Bedrohung darstellen, ist Helen weniger eindeutig, distanzierter. Schwieriger auch zu verstehen. Obwohl das nicht notwendigerweise eine Schwäche bedeutet. Es ist das Testament von Machens Kunstferigkeit. Er verstand sich auf das Indirekte und Subtile. Er wusste, was er tat, wenn er den direkten Horror vermied und wenn er uns ein Spiegelbild unserer eigenen Abgründe vor Augen führte. Der große Gott Pan ist eine faszinierende, beunruhigende Geschichte mit großen Einfluss. Mehr kann man sich nicht vorstellen. Sie ist effektiv und in ihrer Wirkungsweise nicht einfach zu erklären.

H. P. Lovecrafts “Die Ratten im Gemäuer”

“The Rats in the Walls” von M. Fresner

Zwischen Ende August und Anfang September 1923 soll Lovecraft diese Erzählung geschrieben haben, denn schon am vierten September vermerkt er, laut Joshi, in einem Brief die Fertigstellung dieser. Die Erzählung selbst beginnt mit einem ähnlichen Datum, nämlich dem 16. Juli des Jahres 1923. Der Gegenwartsbezug, ein, wie sich später herausstellte, Markenzeichen des Autors. Es sei “[…] das historisch komplexeste und zugleich aktuellste erzählerische Werk […]; das Lovecraft zu diesem Zeitpunkt zu Papier gebracht hatte.”, schreibt sein treuester Experte in “H. P. Lovecraft – Leben und Werk” des Weiteren, sie sei eine seiner “[…] Erzählungen, in der er am erfolgreichsten an die überlieferten Muster des Schauerromans anknüpft, wobei er allerdings dessen Standardmotive – das alte Schloss mit der verborgenen Kammer, die Spuklegende, die sich als wahr erweist – weiterentwickelt und modernisiert. Auf die grundlegende Prämisse der Erzählung – dass es möglich ist, den Gang der Evolution rückwärts zu durchschreiten – konnte letztlich nur jemand verfallen, dem die darwinsche Theorie in Fleisch und Blut übergegangen war.”

Exham Priory

Delapore lautet der Familienname des Ich-Erzählers, dessen Vornamen wir nicht erfahren. Ein in die Jahre gekommener Amerikaner britischer Abstammung, der sich zu genanntem Datum entschließt, das alte Anwesen seiner Vorfahren, eine Ruine namens Exham Priory, das er viele Jahre hatte aufwendig restaurieren lassen, zu beziehen, um dort seinen Lebensabend zu verbringen.

Architekten und Altertumsforscher waren vernarrt in dieses sonderbare Relikt vergessener Jahrhunderte, doch die Bauern der Gegend verabscheuten es. Sie hatten es vor vielen Hundert Jahren verabscheut, […], und sie verabscheuten es noch heute, da das Moos und der Moder der Einsamkeit es bedeckten.

Im Süden Englands ist dieses an einem Abgrund stehende Relikt gelegen, in der Nähe der (fiktiven) Stadt Anchester. Die mit dem Hause verbundene Familiengeschichte reicht bis in die Zeit vor der römischen Eroberung Britanniens zurück. Die Sagen um seine Vorfahren und das Anwesen sind ihm durchaus bekannt. Als verflucht gilt es, Mord und Hexerei und anderes wird seinen Ahnen vorgeworfen. Explizite Geschichten und Legenden werden von den lokalen Einwohnern zum Besten gegeben und am Leben erhalten, wie die der Ratten, die, nach einer Tragödie, die sich einst im Hause Exham Priory abgespielt hatte, aus dem Gemäuer wie Ungeziefer hervorgequollen sein sollen, mager und gierig soll diese Armee alles, was ihr in den Weg kam, gefressen haben: Schweine, Schafe, Hunde, Katzen, Hühner und sogar zwei Menschen. Trotz all dieser düsteren Legenden, die sich um seine Vorfahren ranken, nimmt Delapore die Schreibweise seines alten Familiennamens de la Poer wieder an. Er selbst, der sich durchaus für die Geschichte seiner Familie interessiert und dem einige Anekdoten über einzelne Verwandte, die sich schuldig gemacht haben sollen, bekannt sind, schenkt der schaurigen Folklore keine größere Beachtung. So gab es zwar die in die Zeit vor dem Sezessionskrieg zurückreichende Tradition, bei der der Gutsherr dem Sohn bei seinem Tode einen versiegelten Umschlag hinterließ, um ihn mit den näheren Vorgängen innerhalb der Familie vetraut zu machen, jedoch kam de la Poers Großvater bei einem Feuer um, bei dem auch der Umschlag verschwand. Familiengeheimnisse wurden nicht einfach offen von Generation zu Generation weitergegeben. Lange unbewohnt, gelangte das Anwesen in den Besitz der Familie Norrys. De la Poers Sohn, der sich 1917 im Krieg als Offizier der Luftstreitkräfte in England aufhielt, berichtet seinem Vater von den Legenden um Exham Priory, da er einen Sprössling der Familie Norrys, Captain Edward Norrys, von der Königlichen Luftwaffe kennengelernt hatte, der ihm die abergläubischen Geschichten der Bauern erzählte. Woraufhin die Eigentümer Delapore anbieten das Anwesen zurückkaufen zu können, Pläne und Anekdoten über das Bauwerk inklusive.

[…] seine Architektur bestand aus gotischen Türmen, die auf einem Unterbau aus angelsächsischer oder romanischer Zeit errichtet waren. Das Fundament des Unterbaus wiederum ließ sich einem noch älteren Stil oder Stilvermischungen zuordnen – römisch und sogar druidisch oder kymrisch, so die Legenden denn wahr sind.

“The Rats in the Walls” von ridureyu1

Die ersten Tage verbringt de la Poer in seinem neuen Zuhause mit der Recherche über seine Ahnen. Er lebt dort mit neun Katzen, unter ihnen “Nigger-Man”, sein ältestes Tier, und sieben Bediensteten. Doch schon bald ereignen sich sonderbare Dinge, die vor allem die Katzen in Aufruhr versetzen, die wild im Haus umherlaufen und an den Wänden und Vorhängen kratzen und schnuppern. Und auch del la Poer bemerkt, dass sich in den Wänden etwas tut. Es scharrt in ihnen, Teppiche heben sich von den Wänden ab als würden sie durch die sich dahinter tummelnden Scharen lebendig. Aufgeschreckt von diesem Umstand beschließt er gemeinsam mit seinem Nachbarn Norrys eine Nacht im Keller des Hauses zu verbringen, da er dort den Ursprung der Plage vermutet. Schon Im Keller finden sie alte Inschriften wie diese: DIV … OPS … MAGNAMAT … P. GETAE. PROP … TEMP … DONA … […] … ATYS. Anders als de la Poer und sein Kater aber, vernimmt Norrys keinerlei Geräusche, wie auch schon die Bediensteten nicht. Unter einem Altar entdecken die beiden jedoch eine Pforte bzw. einen Abstieg in ein tieferes, unter dem Keller liegendes Gefilde. Beide beraten sich und vereinbaren für diese Expedition ein Team aus Experten hinzuzuziehen, das sie bei ihrer Erkundung unterstützen soll. Zwischenzeitlich wird de la Poer immer wieder von einem Albtraum geplagt:

Ich schien von einer immensen Höhe auf eine Grotte im Dämmerlicht hinabzublicken, die kniehoch mit Dreck gefüllt war und wo ein dämonischer Schweinehirt mit weißem Bart mit seinem Stock eine Herde schimmelüberwucherter, aufgedunsener Biester um sich scharte, deren Erscheinung mich mit unaussprechlichem Ekel erfüllte. Dann, als der Schweinehirt innehielt und über seiner Aufgabe einnickte, ergoss sich ein gewaltiger Schwarm Ratten in den stinkenden Abgrund und machte sich über die Schweine und den Mann her.

Bereits die stark abgenutzten Treppen, die ins Ungewisse hinabführen, sind mit menschlichen oder halb menschlichen Knochen übersät. Erhaltene Skelette zeigen sich in ihrer Haltung vor entsetzlicher Furcht erstarrt. Primitiv und affenmenschähnlich erscheinen sie del la Poer. Alle Knochen weisen Abschabungen von Nagetierzähnen auf. Auf dem Weg weiter hinab, stellt einer der Forscher fest, dass der Durchgang, durch den sie gehen, gemäß der Richtung der Meißelschläge von unten nach oben gehauen worden war. Gefiltertes Tagesslicht dringt durch die Felsspalten zu ihnen hindurch. Was sie finden, ist eine enorm weite und hohe Grotte, die sich wie eine eigene Welt vor ihnen erstreckt:

[…] eine unterirdische Welt grenzenloser Rätsel und entsetzlicher Andeutungen. Da standen Gebäude und andere architektonische Überreste – mit einem entsetzten Blick sah ich eine sonderbare Reihe von Hügelgräbern, einenwilden Kreis von Monolithen, eine römische Ruine mit niedrigem Kuppeldach, einen großen angelsächsischen Bauernhof und eine frühenglische Holzhütte -, doch all das verblasste neben der ghoulischen Szene, die uns die Oberfläche des Bodens darbot. Vor den Stufen erstreckte sich Meter um Meter hinweg ein wahnsinniges Gewirr menschlicher Knochen – oder besser gesagt, Knochen, die zumindest so weit menschlich waren wie jene auf der Treppe. Wie ein schäumendes Meer dehnte sich diese Knochenhalde vor uns aus, manche Gebeine zerfallen, andere ganz oder teilweise als Skelette erhalten; Letztere lagen meist in Verrenkungen höllischer Panik, als hätten sie etwas abgewehrt, manche grapschten in kannibalischer Absicht nach den anderen.

Die gestandenen Männer straucheln, halten den Anblick, der sich ihnen darbietet, kaum aus. Einer der Forscher, ein Anthropologe, datiert einige der Schädel noch vor dem Piltdown-Menschen, eine entartete Mischung seien sie, andere wiederum stammten von hoch und vernünftig entwickelten Arten. Des Weiteren gibt der Menschenforscher an, dass sich einige von ihnen wohl auf allen Vieren fortbewegt haben müssen. Zwischen all diesen Gebeinen Rattengerippe.

Ein Entsetzen löste das nächste ab, als wir anfingen, die architektonischen Überreste zu erforschen. Die vierbeinigen Wesen waren – gelegentlich fanden wir auch Zweibeiner – in steinernen Pferchen gehalten worden, aus denen sie in ihrem letzten Hungerwahn oder aus Furcht vor den Ratten ausgebrochen sein mussten. Es hatte große Horden von ihnen gegeben, die man offenbar mit dem derben Gemüse gemästet hatte, dessen Überreste man als giftige Silage am Boden der gewaltigen Steinsilos finden konnte, die älter als Rom waren. Nun wusste ich, warum meine Ahnen so ausgedehnte Gärten angelegt hatten – ich bete, ich könnte es vergessen – und nach dem Sinn und Zweck der Horden will ich lieber nicht fragen.

Nyarlathotep in “The Dweller in Darkness” von August Derleth

Sie erforschen die verschiedenen Hütten, Gräber und Ruinen. Finden eine Fleischerei, Geschirr und Gekritzel an den Wänden, das bis ins Jahr 1610 zurückreicht, ebenso Gebeine, die in verschiedenen Sprachen bekritzelt worden waren: Latein, Griechisch und der Sprache Phrygiens. Auch de la Poer wagt es in eines der Häuser zu gehen und entdeckt dort in einer der steinernen Zellen ein Skelett der höher entwickelten Klasse, an dessen Zeigefinger ein Siegelring mit seinem Familienwappen blinkt. Einer der Forscher übersetzt den anderen Anwesenden ein altes Ritual und berichtet über den vorsintflutlichen Kult, den die Priester der Kybele mit dem ihren vermengt hatten, und über die Art ihrer Ernährung.

De la Poer beobachtet wie sein Kater “Nigger-Man” durch all das Grauen unbeirrt hindurchschleicht, er wundert sich über seine Seelenruhe, sieht ihn einmal auf einem Berg von Knochen thronen, und fragt sich, welches Geheimnis sich hinter seinen gelben Augen verbirgt. Beinahe in einen Abgrund gestürzt, verfällt er dem Wahnsinn, er sieht seinen alten schwarzen Kater wie einen geflügelten ägyptischen Gott an sich vorbeischießen, geradewegs in den unendlichen Abgrund hinab ins Unbekannte. Er vermeint, die Ratten kommen, um ihn in einen der Schächte zu stoßen: wo der verrückte, gesichtslose Gott Nyarlathotep blind in der Finsternis zur Musik von zwei idiotischen Flötenspielern vor sich hinheult. Seine Lampe erlischt, de la Poer fällt dem Wahnsinn anheim:

Ich hörte Stimmen … Gejohle … hörte Echos … doch vor allem dieses gottlose, heimtückische Trippeln, es erhob sich langsam, langsam, wie eine steife, aufgeblähte Leiche aus einem öligen Fluss, der unter endlosen Onyxbrücken hindurch in ein schwarzes, fauliges Meer strömt. Etwas berührte mich – etwas Weiches und Fleischiges. Es müssen die Ratten gewesen sein; dieses bösartige, schwabbelige, gierige Heer, das die Toten und die Lebenden frisst … Weshalb sollten Ratten nicht einen de la Poer fressen, so wie ein de la Poer Verbotenes frisst? […] Nein, nein, ich schwöre euch, ich bin nicht der dämonische Schweinehirt aus der Zwielichtgrotte! Es war nicht Edward Norrys’ fettes Gesicht auf jenem pilzigen, schwammigen Ding! Wer sagt, ich sei ein de la Poer? Er hat überlebt, aber mein armer Junge ist tot! … Soll denn ein Norrys die Ländereien eines de la Poer bekommen? … Es ist Voodoo, sage ich euch … die gestreifte Schlange … Sei verflucht, Thornton, ich werde dich lehren, in Ohnmacht zu fallen, bei dem, was meine Familie tut! … Beim Blut, du Stinktier, ich will dir zeigen, dass es dir schmeckt … […] Magna Mater! Magna Mater! … Atys … Dia ad aghaids ‘s ad aodaun … agus bas dunach ort! Dhonas’s dholas ort, agus leat-sa! … Ungl … ungl … rrlh … chchch …

Drei Stunden später finden sie de la Poer kauernd in der Dunkelheit über dem halb aufgefressenen Körper von Captain Norrys. Er wird in eine Zelle in Hanwell gesperrt, Exham Priory wird gesprengt, seine Katzen werden ihm genommen. Man tuschelt über seine Erbanlagen, will, seiner Meinung nach, die Wahrheit über die Geschichte dieses Anwesens vertuschen.

Sie müssen erfahren, dass es die Ratten waren, diese wuselnden, scharrenden Ratten, deren Huschen mich nie wieder schlafen lassen wird; diese dämonischen Ratten, sie flitzen hinter den gepolsterten Wänden dieses Raumes hin und her, sie rufen mich hinab ins größte Grauen, die Ratten, die sie einfach nicht hören, die Ratten, die Ratten im Gemäuer.

Bezüge zu anderen Werken

Weder Hoffmann noch Huysmans hätten eine solch unglaubliche, abstoßende Szenerie ersinnen können oder eine schaurigere Groteske als die, durch die wir sieben taumelten […], schreibt Lovecraft selbst in seine Geschichte hinein, lässt de la Poer als belesenen Kenner der Horrorliteratur erscheinen und lobt zugleich sich selbst, eine solche entworfen zu haben. Insbesondere mit Huysmans nimmt er Bezug auf dessen Roman “Tief unten”, in dem ein dekadenter und lebensmüder Literat zur Zeit des Fin de Siècle sich mit dem Satanismus beschäft, um dem vorherrschenden Zeitgeist, den er ablehnt, zu entfliehen.

Aber auch von anderen Werken, schreibt Joshi, ist diese Erzählung möglicherweise befruchtet. So könnte die “Legende von den Ratten” wohl aus S. Baring-Goulds “Curious Myths of the Middle Ages” (1869) entsprungen sein, ein Buch, das Lovecraft in seinem Werk “Das übernatürliche Grauen in der Literatur” erwähnt und würdigt. Sicher ist sich Joshi allerdings hierbei: “Die gälischen Satzfetzen, die de la Poer am Ende der Erzählung ausstößt, sind wörtlich aus Fiona Macleods “The Sin-Eater” entnommen, einer Erzählung, die Lovecraft in der von Joseph Lewis French herausgegebenen Anthologie “Best Psychic Stories” gelesen hatte.” Jedoch auch Irvin S. Cobbs Erzählung “The Unbroken Chain”, die in COSMOPOLITAN im September 1923 erschien, lässt er nicht außer Acht, da er sie ebenso in seinem Großessay erwähnt und auch in einem Brief berichtet, sie gelesen zu haben. Sie erzählt von einem Franzosen, der sich einem seiner Ahnen erinnert, ein Negersklave, der 1819 aus Afrika in die USA gebracht worden ist und von einem Zug überfahren wird. Der Franzose durchlebt seine durchschlagenden Ängste, irgendein Atavismus, ein Trieb, ein Primitivismus: wie z.B. die afrikanische Sprache, könne bei ihm durchbrechen und seine Blutlinie verraten. Eine durchaus rassistische Erzählung, geprägt von Angst, Abscheu und Ignoranz.

Darüber hinaus soll Lovecraft in einem seiner Briefe aus dem Jahre 1936 erwähnt haben, dass er zu “The Rats in the Walls” von “einem äußerst alltäglichen Ereignis angeregt wurde – dem nächtlichen Rascheln einer Tapete und der daraus resultierenden Kette von Phantasiebildern”. Und auch ein Eintrag im  “Commonplace Book” lässt an Exham Priory denken: “Schreckliches Geheimnis in der Gruft eines alten Schlosses – entdeckt von Bewohner.” Vielleicht beeinflusst von seiner Lektüre “The Lair of the White Worm” von Bram Stoker.

Alte, noch ältere und äußere Götter

Kybele, römisch, um 50 n. Chr., J. Paul Getty Museum, Malibu

Neben Nyarlathotep werden hier mit dem Kybele- und Attiskult auch irdische Gottheiten von Lovecraft mit ins Boot genommen. Kybele, die Göttermutter vom Berg (kurz: Magna Mater), die bis in die Spätantike im gesamten Römischen Reich gemeinsam mit Attis verehrt wurde, dient hier mit ihrem Geliebten einem geheimen und besonders pervertierten Kult, der mit der Ausübung des ursprünglichen kaum mehr etwas zu tun haben dürfte. Interessant, dass Lovecraft sich gerade für diesen entschieden hat, ihn funktionalisert, um einem Zirkel, dessen Blutlinie Jahrhunderte überdauerte, ein religiöses Motiv zu geben. Inwiefern mit diesem Kult die Mitglieder ihr Handeln jedoch als legitimiert betrachten, bleibt unklar. Fraglich ist auch, wie weit dieser von de la Poer vorgefundene Kult in die Zeit zurückreicht, wann er seinen Ursprung hat, denn es werden auch Schädel von Menschen gefunden, die aufgrund ihres Aussehens noch vor den Piltdown-Menschen von einem der Forscher datiert werden. Wie wir aber seit 1953 wissen, ist der Schädel des sog. Piltdown-Menschen als Fälschung entlarvt worden. Eine Tatsache, von der Lovecraft nichts wissen konnte, starb er doch etliche Jahre zuvor. All das kulminiert für de la Poer in Nyarlathotep, auch bekannt als das “kriechende Chaos” oder das “personifizierte Böse” (da er auch physische Gestalten annehmen kann). Älter als die Zeit selbst sei er, hungrig unter den Menschen Wissen zu verbreiten (häufig als Gelehrter). Unseren alten Göttern noch ältere und mächtigere voranzustellen, ist ein allgemein bekannter aber sehr interessanter Kniff Lovecrafts, bei dem er zeigt, wie verderbt und entartet die unsrigen durch sie sind. Wie zwischengeschaltete Medien erscheinen sie, durch die die älteren Gottheiten wirken. “Nigger-Man”, der wie eine geflügelte ägyptische Gottheit in den Abgrund schießt, scheint Zugang zu dieser dem Menschen fremden Welt zu haben. Dafür spricht zum einen, dass er und die anderen Katzen, zuerst auf die Ratten reagierten, wie auch de la Poer recht bald (aufgrund seiner Blutlinie), während die Bediensteten nichts hörten und ausmachen konnten. Und zum anderen, das Verhalten des Katers während der Expedition der Forscher: seelenruhig thront er auf den Knochen, unberührt von all dem Grauen. Katzen wurden im alten Ägypten verehrt, als Haus- und Nutztier gehalten, mumifiziert, und als Gottheit (Bastet) angebetet. Und auch heute noch spricht man ihnen zu, Verbindung mit jenseitigen Welten zu haben. Lovecraft, der tatsächlich mit einem Kater namens “Nigger-Man” zusammenlebte, wird um diese Sensibilität seines Samtpfoters gewusst haben und widmet ihm und seiner Art, nebst einem Essay, die Kurzgeschichte “Die Katzen von Ulthar”.

Die anthropologische Geschichte einer epochenüberdauernden Enklave und der Fluch eines genetischen Codes

Nyarlathotep als “Black Man” in H. P. Lovecrafts Story “The Dreams in the Witch House”

Mit dem Fund des Forschersteams um de la Poer gelingt es Lovecraft seine Protagonisten enorm weit in die vergangene Zeit blicken zu lassen. Doch auch schon die Legenden der Bauern, wie auch der weit zurückreichende Stammbaum der Familie de la Poer und die teilweise bekannten Details ihrer Geschichte, reichern die Atmosphäre derartig an, dass wir früh spüren, wie es unter den Geschichten und der vermeintlichen Bauernfolklore schwelt. Die Architektur und Anatomie Exham Priorys trägt zudem wesentlich dazu bei, handelt es sich bei diesem Anwesen doch selbst um ein Relikt diverser, längst vergangener Zeiten. Die Geschichte dieser geheimgehaltenen Enklave wird an der Blutlinie der de la Poers und ihrem grausigen Erbe nachvollzogen. Entartung und Primitivismus sind die Schreckensbilder, mit denen Lovecraft arbeit. Er beschreibt nicht nur einfach die Angst des Ich-Erzählers: durch seine genetischen Anlagen zu diesen Vorfahren zu gehören, die diesen brutalen Kult zelebriert haben, er lässt ihn dieses Erbe antreten, da de la Poer am Ende kauernd vor dem halb aufgressenen Körper Captain Norrys’ gefunden wird. Er räumt damit, neben den Großen Alten, auch dem genetischen “Programm” des Menschen eine große Wirkmacht ein, er versteht es in diesem erzählerischen Kontext gar erst als ein – sobald es durch etwas aktiviert wurde – unwillkürlich ablaufendes. Ein absolut fataler Gedanke, denn das heißt nichts anderes, als dass Moral, Ethik und Vernunft nichts als Seifenblasen in einem solchen Kosmos sind. Als Fluch wird dieses Erbe von den Bauern gesehen. Ein Fluch, der auf die solche Gottheiten wie Nyarlathotep zurückgehen mag. Der Fluch des genetischen Codes wird stark von Bildern des Ekels begleitet, wofür zunächst einmal die Ratten und ihre Darstellungsweise sprechen, die seit Menschengedenken als Plagegeister und Todbringer (fälschlicherweise hielt man sie im Mittelalter für die Überträger der Pest) gelten. Ihre Kulturgeschichte ist eine lange und grausame. Und so dienen sie auch Lovecraft als symbolkräftige Tiere, die sich dort aufhalten, wo Grausames passiert, oder: sie fungieren selbst als Boten des Grauens, angelockt von Nyarlathotep und seinen zwei Flötenspielern. Wer denkt da nicht auch an den “Rattenfänger von Hameln”. Jedoch besonders das Bild vom Schweinehirt in der Grotte, das de la Poer als immer wiederkehrender Albtraum plagt, birgt den Ekel par excellence in sich. Schimmelüberwuchert und aufgedunsen sind die Schweine, die samt ihrem Hirten von einem Rattenheer gefressen werden. Der Hirte und seine Schweine stehen dabei für die de la Poers und alle, ebenso die Opfer, an dem Kult Beteiligten. Das Motiv des “Guten Hirten” als nicht minder pervertiertes, das zeigt, zu was für einem Pfuhl diese Kultstätte verkommen ist. Lovecraft misst dem Traum damit eine große Bedeutung bei, versteht ihn als einen weissagenden Translator, und belegt damit die Existenz der Großen Alten.