Charlie Brown – der ewige Melancholiker

Er gilt als die Hauptfigur der Peanuts. Kein Name der anderen Protagonisten kommt schneller aus der Pistole geschossen, bis auf der seines härtesten Konkurrenten: Snoopy. Er ist das Kind eines Friseurs und einer Hausfrau. Er ist der große Bruder von Sally. Und obwohl er noch zur Schule geht, trägt er bereits, bis auf ein gelocktes Haar, dicht über seinen Augenbrauen und drei Härchen am Hinterkopf, eine Glatze. Er ist ein großer Fan des fiktiven Baseballspielers Joe Shlabotnik und Chef seiner eigenen Baseballmannschaft, die nur ein einziges Mal gewonnen hat. Ein Sieg, den sein Hund Snoopy verbucht und der deshalb anstelle von Charlie auch vom Team gefeiert wurde. Snoopy, sein Hund mit eigener Hütte, der sich wie alles verhält aber nicht wie ein Hund. Auf den wir noch gesondert eingehen werden, denn nicht umsonst gilt er als der Star der kultig amerikanischen Bande, die uns beim Lachen zu Tränen rührt. “Charlie Brown – der ewige Melancholiker” weiterlesen

Jean Paul-Sammlung

Er ist ja neben den Grimms, Luther, Arno Schmidt und Erika Fuchs nicht nur dafür verantwortlich, dass wir einen fulminanten Wortschatz haben, sondern darüberhinaus auch noch mein Landsmann. Ich stand als Kind nicht selten vor den Toren seines Geburtshauses in Wunsiedel, und dachte mir, dass ich ebenfalls versuchen wolle, Notizbuch um Notizbuch zu füllen. Er ging nicht so weit fort wie ich und blieb in seinem Kulturkreis, während ich im Allgäu landete. Da er einer meiner Meister ist, beforsche ich neben seinem Werk auch die unterschiedlichen Biografien, allein schon, weil die Zeit, in der sich sein Leben entfaltete, meine Wahl-Zeit ist. Darüber lässt sich ein andermal mehr räsonieren. Wenn man sammelt, ist man nie auch nur annähernd komplett (ich könnte jetzt noch auf die Pappbände von J.G. Cotta gehen), aber inhaltlich ausgewogen. So wie Arno Schmidts Schreibmaschine hätte ich natürlich noch gern sein Tintenfass. Aber es reicht vielleicht, wenn ich eines Tages dieses Rezept nachbaue, um es in einen Flakon zu tun.

Von den unterschiedlichen Biographien sei vermeldet, dass sie tatsächlich sehr unterschiedlich sind. Mein Lieblingsstück ist noch immer das Buch von Günther de Bruyn, während mir Beatrix Langner die schlechteste Figur zu machen scheint. Das hat gar nichts mit den Fakten zu tun, denn da ist Langner wahrlich sensationell ausgerüstet, sondern mit dem Stil. Das ist zB. etwas, das ich an Safranski (Schopenhauer, Hoffmann, Romantik, Schiller, Hölderlin …) sehr schätze, der eine meiner Lieblingsepochen derart plastisch heraufbeschwören kann, dass man ein idealistisches Lesevergnügen verspürt. De Bruyn ist da ganz nah dran, dicht gefolgt von Helmut Pfotenhauer.

Interessanterweise erfährt man in keiner der mir vorliegenden Biographien etwas von der Bedeutung, die Jean Pauls Werk auf Robert Schumann ausübte, eine Tatsache, die in musikwissenschaftlichen Kreisen längst als selbstverständlich anerkannt wird. Schumann selbst spielte auf diesen Einfluss mehrfach an: Er verglich Jean Paul mit Schubert und Beethoven, zwei seiner musikalischen Helden, und bestand darauf, dass er von seinem Lieblingsautor mehr über den Kontrapunkt gelernt habe als von seinem Kompositionslehrer Heinrich Dorn. Es ist überraschend, dass dem Verhältnis zwischen Jean Paul und Schumann so wenig Aufmerksamkeit geschenkt wurde, vor allem wenn man das jüngste Interesse der Wissenschaftler an den Querströmungen zwischen Musik und Literatur des 19. Jahrhunderts betrachtet.

Jean Paul nimmt in der deutschen Literatur eine Sonderstellung ein, das hat er ungefähr mit Arno Schmidt gemeinsam, wenn auch in einem ganz anderen Kontext. Geschätzt von einigen, mit Desinteresse gestraft von anderen, nannte August Wilhelm Schlegel seine Romane “Selbstgespräche”, an denen er den Leser teilhaben ließ – in dieser Hinsicht sind sie sicher eine Übertreibung dessen, was Laurence Sterne im Tristram Shandy begonnen hatte. Jean Paul spielte ständig mit einer Vielzahl von witzigen und bizarren Ideen; seine Werke sind geprägt von wilden Metaphoriken sowie von abschweifenden, manchmal labyrinthischen Handlungssträngen. In ihnen vermischte er Reflexionen mit poetischen und philosophischen Kommentaren; neben witziger Ironie gibt es plötzlich bittere Satire und milden Humor, neben nüchternem Realismus kommt es zu verklärenden, oft ironisch gebrochene Idyllen.

Es gibt ein interessantes Tintenrezept von ihm, das ich noch gerne hier anführe (man kann es eh nicht nachbauen, wie es da steht):

“Weinessig – / Nach Abkühlung / Galläpfel nicht zu klar / Auch Gummi nicht / Auch Vitriol nicht / ZugußDinte.”

H. P. Lovecraft: Die Ratten im Gemäuer

Zwischen Ende August und Anfang September 1923 soll Lovecraft diese Erzählung geschrieben haben, denn schon am vierten September vermerkt er, laut Joshi, in einem Brief die Fertigstellung dieser. Die Erzählung selbst beginnt mit einem ähnlichen Datum, nämlich dem 16. Juli des Jahres 1923. Der Gegenwartsbezug, ein, wie sich später herausstellte, Markenzeichen des Autors. Es sei “[…] das historisch komplexeste und zugleich aktuellste erzählerische Werk […]; das Lovecraft zu diesem Zeitpunkt zu Papier gebracht hatte.”, schreibt sein treuester Experte in “H. P. Lovecraft – Leben und Werk” des Weiteren, sie sei eine seiner “[…] Erzählungen, in der er am erfolgreichsten an die überlieferten Muster des Schauerromans anknüpft, wobei er allerdings dessen Standardmotive – das alte Schloss mit der verborgenen Kammer, die Spuklegende, die sich als wahr erweist – weiterentwickelt und modernisiert. Auf die grundlegende Prämisse der Erzählung – dass es möglich ist, den Gang der Evolution rückwärts zu durchschreiten – konnte letztlich nur jemand verfallen, dem die darwinsche Theorie in Fleisch und Blut übergegangen war.”

Exham Priory

Delapore lautet der Familienname des Ich-Erzählers, dessen Vornamen wir nicht erfahren. Ein in die Jahre gekommener Amerikaner britischer Abstammung, der sich zu genanntem Datum entschließt, das alte Anwesen seiner Vorfahren, eine Ruine namens Exham Priory, das er viele Jahre hatte aufwendig restaurieren lassen, zu beziehen, um dort seinen Lebensabend zu verbringen.

Architekten und Altertumsforscher waren vernarrt in dieses sonderbare Relikt vergessener Jahrhunderte, doch die Bauern der Gegend verabscheuten es. Sie hatten es vor vielen Hundert Jahren verabscheut, […], und sie verabscheuten es noch heute, da das Moos und der Moder der Einsamkeit es bedeckten.

Im Süden Englands ist dieses an einem Abgrund stehende Relikt gelegen, in der Nähe der (fiktiven) Stadt Anchester. Die mit dem Hause verbundene Familiengeschichte reicht bis in die Zeit vor der römischen Eroberung Britanniens zurück. Die Sagen um seine Vorfahren und das Anwesen sind ihm durchaus bekannt. Als verflucht gilt es, Mord und Hexerei und anderes wird seinen Ahnen vorgeworfen. Explizite Geschichten und Legenden werden von den lokalen Einwohnern zum Besten gegeben und am Leben erhalten, wie die der Ratten, die, nach einer Tragödie, die sich einst im Hause Exham Priory abgespielt hatte, aus dem Gemäuer wie Ungeziefer hervorgequollen sein sollen, mager und gierig soll diese Armee alles, was ihr in den Weg kam, gefressen haben: Schweine, Schafe, Hunde, Katzen, Hühner und sogar zwei Menschen. Trotz all dieser düsteren Legenden, die sich um seine Vorfahren ranken, nimmt Delapore die Schreibweise seines alten Familiennamens de la Poer wieder an. Er selbst, der sich durchaus für die Geschichte seiner Familie interessiert und dem einige Anekdoten über einzelne Verwandte, die sich schuldig gemacht haben sollen, bekannt sind, schenkt der schaurigen Folklore keine größere Beachtung. So gab es zwar die in die Zeit vor dem Sezessionskrieg zurückreichende Tradition, bei der der Gutsherr dem Sohn bei seinem Tode einen versiegelten Umschlag hinterließ, um ihn mit den näheren Vorgängen innerhalb der Familie vetraut zu machen, jedoch kam de la Poers Großvater bei einem Feuer um, bei dem auch der Umschlag verschwand. Familiengeheimnisse wurden nicht einfach offen von Generation zu Generation weitergegeben. Lange unbewohnt, gelangte das Anwesen in den Besitz der Familie Norrys. De la Poers Sohn, der sich 1917 im Krieg als Offizier der Luftstreitkräfte in England aufhielt, berichtet seinem Vater von den Legenden um Exham Priory, da er einen Sprössling der Familie Norrys, Captain Edward Norrys, von der Königlichen Luftwaffe kennengelernt hatte, der ihm die abergläubischen Geschichten der Bauern erzählte. Woraufhin die Eigentümer Delapore anbieten das Anwesen zurückkaufen zu können, Pläne und Anekdoten über das Bauwerk inklusive.

[…] seine Architektur bestand aus gotischen Türmen, die auf einem Unterbau aus angelsächsischer oder romanischer Zeit errichtet waren. Das Fundament des Unterbaus wiederum ließ sich einem noch älteren Stil oder Stilvermischungen zuordnen – römisch und sogar druidisch oder kymrisch, so die Legenden denn wahr sind.

Die ersten Tage verbringt de la Poer in seinem neuen Zuhause mit der Recherche über seine Ahnen. Er lebt dort mit neun Katzen, unter ihnen “Nigger-Man”, sein ältestes Tier, und sieben Bediensteten. Doch schon bald ereignen sich sonderbare Dinge, die vor allem die Katzen in Aufruhr versetzen, die wild im Haus umherlaufen und an den Wänden und Vorhängen kratzen und schnuppern. Und auch del la Poer bemerkt, dass sich in den Wänden etwas tut. Es scharrt in ihnen, Teppiche heben sich von den Wänden ab als würden sie durch die sich dahinter tummelnden Scharen lebendig. Aufgeschreckt von diesem Umstand beschließt er gemeinsam mit seinem Nachbarn Norrys eine Nacht im Keller des Hauses zu verbringen, da er dort den Ursprung der Plage vermutet. Schon Im Keller finden sie alte Inschriften wie diese: DIV … OPS … MAGNAMAT … P. GETAE. PROP … TEMP … DONA … […] … ATYS. Anders als de la Poer und sein Kater aber, vernimmt Norrys keinerlei Geräusche, wie auch schon die Bediensteten nicht. Unter einem Altar entdecken die beiden jedoch eine Pforte bzw. einen Abstieg in ein tieferes, unter dem Keller liegendes Gefilde. Beide beraten sich und vereinbaren für diese Expedition ein Team aus Experten hinzuzuziehen, das sie bei ihrer Erkundung unterstützen soll. Zwischenzeitlich wird de la Poer immer wieder von einem Albtraum geplagt:

Ich schien von einer immensen Höhe auf eine Grotte im Dämmerlicht hinabzublicken, die kniehoch mit Dreck gefüllt war und wo ein dämonischer Schweinehirt mit weißem Bart mit seinem Stock eine Herde schimmelüberwucherter, aufgedunsener Biester um sich scharte, deren Erscheinung mich mit unaussprechlichem Ekel erfüllte. Dann, als der Schweinehirt innehielt und über seiner Aufgabe einnickte, ergoss sich ein gewaltiger Schwarm Ratten in den stinkenden Abgrund und machte sich über die Schweine und den Mann her.

Bereits die stark abgenutzten Treppen, die ins Ungewisse hinabführen, sind mit menschlichen oder halb menschlichen Knochen übersät. Erhaltene Skelette zeigen sich in ihrer Haltung vor entsetzlicher Furcht erstarrt. Primitiv und affenmenschähnlich erscheinen sie del la Poer. Alle Knochen weisen Abschabungen von Nagetierzähnen auf. Auf dem Weg weiter hinab, stellt einer der Forscher fest, dass der Durchgang, durch den sie gehen, gemäß der Richtung der Meißelschläge von unten nach oben gehauen worden war. Gefiltertes Tagesslicht dringt durch die Felsspalten zu ihnen hindurch. Was sie finden, ist eine enorm weite und hohe Grotte, die sich wie eine eigene Welt vor ihnen erstreckt:

[…] eine unterirdische Welt grenzenloser Rätsel und entsetzlicher Andeutungen. Da standen Gebäude und andere architektonische Überreste – mit einem entsetzten Blick sah ich eine sonderbare Reihe von Hügelgräbern, einenwilden Kreis von Monolithen, eine römische Ruine mit niedrigem Kuppeldach, einen großen angelsächsischen Bauernhof und eine frühenglische Holzhütte -, doch all das verblasste neben der ghoulischen Szene, die uns die Oberfläche des Bodens darbot. Vor den Stufen erstreckte sich Meter um Meter hinweg ein wahnsinniges Gewirr menschlicher Knochen – oder besser gesagt, Knochen, die zumindest so weit menschlich waren wie jene auf der Treppe. Wie ein schäumendes Meer dehnte sich diese Knochenhalde vor uns aus, manche Gebeine zerfallen, andere ganz oder teilweise als Skelette erhalten; Letztere lagen meist in Verrenkungen höllischer Panik, als hätten sie etwas abgewehrt, manche grapschten in kannibalischer Absicht nach den anderen.

Die gestandenen Männer straucheln, halten den Anblick, der sich ihnen darbietet, kaum aus. Einer der Forscher, ein Anthropologe, datiert einige der Schädel noch vor dem Piltdown-Menschen, eine entartete Mischung seien sie, andere wiederum stammten von hoch und vernünftig entwickelten Arten. Des Weiteren gibt der Menschenforscher an, dass sich einige von ihnen wohl auf allen Vieren fortbewegt haben müssen. Zwischen all diesen Gebeinen Rattengerippe.

Ein Entsetzen löste das nächste ab, als wir anfingen, die architektonischen Überreste zu erforschen. Die vierbeinigen Wesen waren – gelegentlich fanden wir auch Zweibeiner – in steinernen Pferchen gehalten worden, aus denen sie in ihrem letzten Hungerwahn oder aus Furcht vor den Ratten ausgebrochen sein mussten. Es hatte große Horden von ihnen gegeben, die man offenbar mit dem derben Gemüse gemästet hatte, dessen Überreste man als giftige Silage am Boden der gewaltigen Steinsilos finden konnte, die älter als Rom waren. Nun wusste ich, warum meine Ahnen so ausgedehnte Gärten angelegt hatten – ich bete, ich könnte es vergessen – und nach dem Sinn und Zweck der Horden will ich lieber nicht fragen.

Sie erforschen die verschiedenen Hütten, Gräber und Ruinen. Finden eine Fleischerei, Geschirr und Gekritzel an den Wänden, das bis ins Jahr 1610 zurückreicht, ebenso Gebeine, die in verschiedenen Sprachen bekritzelt worden waren: Latein, Griechisch und der Sprache Phrygiens. Auch de la Poer wagt es in eines der Häuser zu gehen und entdeckt dort in einer der steinernen Zellen ein Skelett der höher entwickelten Klasse, an dessen Zeigefinger ein Siegelring mit seinem Familienwappen blinkt. Einer der Forscher übersetzt den anderen Anwesenden ein altes Ritual und berichtet über den vorsintflutlichen Kult, den die Priester der Kybele mit dem ihren vermengt hatten, und über die Art ihrer Ernährung.

De la Poer beobachtet wie sein Kater “Nigger-Man” durch all das Grauen unbeirrt hindurchschleicht, er wundert sich über seine Seelenruhe, sieht ihn einmal auf einem Berg von Knochen thronen, und fragt sich, welches Geheimnis sich hinter seinen gelben Augen verbirgt. Beinahe in einen Abgrund gestürzt, verfällt er dem Wahnsinn, er sieht seinen alten schwarzen Kater wie einen geflügelten ägyptischen Gott an sich vorbeischießen, geradewegs in den unendlichen Abgrund hinab ins Unbekannte. Er vermeint, die Ratten kommen, um ihn in einen der Schächte zu stoßen: wo der verrückte, gesichtslose Gott Nyarlathotep blind in der Finsternis zur Musik von zwei idiotischen Flötenspielern vor sich hinheult. Seine Lampe erlischt, de la Poer fällt dem Wahnsinn anheim:

Ich hörte Stimmen … Gejohle … hörte Echos … doch vor allem dieses gottlose, heimtückische Trippeln, es erhob sich langsam, langsam, wie eine steife, aufgeblähte Leiche aus einem öligen Fluss, der unter endlosen Onyxbrücken hindurch in ein schwarzes, fauliges Meer strömt. Etwas berührte mich – etwas Weiches und Fleischiges. Es müssen die Ratten gewesen sein; dieses bösartige, schwabbelige, gierige Heer, das die Toten und die Lebenden frisst … Weshalb sollten Ratten nicht einen de la Poer fressen, so wie ein de la Poer Verbotenes frisst? […] Nein, nein, ich schwöre euch, ich bin nicht der dämonische Schweinehirt aus der Zwielichtgrotte! Es war nicht Edward Norrys’ fettes Gesicht auf jenem pilzigen, schwammigen Ding! Wer sagt, ich sei ein de la Poer? Er hat überlebt, aber mein armer Junge ist tot! … Soll denn ein Norrys die Ländereien eines de la Poer bekommen? … Es ist Voodoo, sage ich euch … die gestreifte Schlange … Sei verflucht, Thornton, ich werde dich lehren, in Ohnmacht zu fallen, bei dem, was meine Familie tut! … Beim Blut, du Stinktier, ich will dir zeigen, dass es dir schmeckt … […] Magna Mater! Magna Mater! … Atys … Dia ad aghaids ‘s ad aodaun … agus bas dunach ort! Dhonas’s dholas ort, agus leat-sa! … Ungl … ungl … rrlh … chchch …

Drei Stunden später finden sie de la Poer kauernd in der Dunkelheit über dem halb aufgefressenen Körper von Captain Norrys. Er wird in eine Zelle in Hanwell gesperrt, Exham Priory wird gesprengt, seine Katzen werden ihm genommen. Man tuschelt über seine Erbanlagen, will, seiner Meinung nach, die Wahrheit über die Geschichte dieses Anwesens vertuschen.

Sie müssen erfahren, dass es die Ratten waren, diese wuselnden, scharrenden Ratten, deren Huschen mich nie wieder schlafen lassen wird; diese dämonischen Ratten, sie flitzen hinter den gepolsterten Wänden dieses Raumes hin und her, sie rufen mich hinab ins größte Grauen, die Ratten, die sie einfach nicht hören, die Ratten, die Ratten im Gemäuer.

Bezüge zu anderen Werken

Weder Hoffmann noch Huysmans hätten eine solch unglaubliche, abstoßende Szenerie ersinnen können oder eine schaurigere Groteske als die, durch die wir sieben taumelten […], schreibt Lovecraft selbst in seine Geschichte hinein, lässt de la Poer als belesenen Kenner der Horrorliteratur erscheinen und lobt zugleich sich selbst, eine solche entworfen zu haben. Insbesondere mit Huysmans nimmt er Bezug auf dessen Roman “Tief unten”, in dem ein dekadenter und lebensmüder Literat zur Zeit des Fin de Siècle sich mit dem Satanismus beschäft, um dem vorherrschenden Zeitgeist, den er ablehnt, zu entfliehen.

Aber auch von anderen Werken, schreibt Joshi, ist diese Erzählung möglicherweise befruchtet. So könnte die “Legende von den Ratten” wohl aus S. Baring-Goulds “Curious Myths of the Middle Ages” (1869) entsprungen sein, ein Buch, das Lovecraft in seinem Werk “Das übernatürliche Grauen in der Literatur” erwähnt und würdigt. Sicher ist sich Joshi allerdings hierbei: “Die gälischen Satzfetzen, die de la Poer am Ende der Erzählung ausstößt, sind wörtlich aus Fiona Macleods “The Sin-Eater” entnommen, einer Erzählung, die Lovecraft in der von Joseph Lewis French herausgegebenen Anthologie “Best Psychic Stories” gelesen hatte.” Jedoch auch Irvin S. Cobbs Erzählung “The Unbroken Chain”, die in COSMOPOLITAN im September 1923 erschien, lässt er nicht außer Acht, da er sie ebenso in seinem Großessay erwähnt und auch in einem Brief berichtet, sie gelesen zu haben. Sie erzählt von einem Franzosen, der sich einem seiner Ahnen erinnert, ein Negersklave, der 1819 aus Afrika in die USA gebracht worden ist und von einem Zug überfahren wird. Der Franzose durchlebt seine durchschlagenden Ängste, irgendein Atavismus, ein Trieb, ein Primitivismus: wie z.B. die afrikanische Sprache, könne bei ihm durchbrechen und seine Blutlinie verraten. Eine durchaus rassistische Erzählung, geprägt von Angst, Abscheu und Ignoranz.

Darüber hinaus soll Lovecraft in einem seiner Briefe aus dem Jahre 1936 erwähnt haben, dass er zu “The Rats in the Walls” von “einem äußerst alltäglichen Ereignis angeregt wurde – dem nächtlichen Rascheln einer Tapete und der daraus resultierenden Kette von Phantasiebildern”. Und auch ein Eintrag im  “Commonplace Book” lässt an Exham Priory denken: “Schreckliches Geheimnis in der Gruft eines alten Schlosses – entdeckt von Bewohner.” Vielleicht beeinflusst von seiner Lektüre “The Lair of the White Worm” von Bram Stoker.

Alte, noch ältere und äußere Götter

Neben Nyarlathotep werden hier mit dem Kybele- und Attiskult auch irdische Gottheiten von Lovecraft mit ins Boot genommen. Kybele, die Göttermutter vom Berg (kurz: Magna Mater), die bis in die Spätantike im gesamten Römischen Reich gemeinsam mit Attis verehrt wurde, dient hier mit ihrem Geliebten einem geheimen und besonders pervertierten Kult, der mit der Ausübung des ursprünglichen kaum mehr etwas zu tun haben dürfte. Interessant, dass Lovecraft sich gerade für diesen entschieden hat, ihn funktionalisert, um einem Zirkel, dessen Blutlinie Jahrhunderte überdauerte, ein religiöses Motiv zu geben. Inwiefern mit diesem Kult die Mitglieder ihr Handeln jedoch als legitimiert betrachten, bleibt unklar. Fraglich ist auch, wie weit dieser von de la Poer vorgefundene Kult in die Zeit zurückreicht, wann er seinen Ursprung hat, denn es werden auch Schädel von Menschen gefunden, die aufgrund ihres Aussehens noch vor den Piltdown-Menschen von einem der Forscher datiert werden. Wie wir aber seit 1953 wissen, ist der Schädel des sog. Piltdown-Menschen als Fälschung entlarvt worden. Eine Tatsache, von der Lovecraft nichts wissen konnte, starb er doch etliche Jahre zuvor. All das kulminiert für de la Poer in Nyarlathotep, auch bekannt als das “kriechende Chaos” oder das “personifizierte Böse” (da er auch physische Gestalten annehmen kann). Älter als die Zeit selbst sei er, hungrig unter den Menschen Wissen zu verbreiten (häufig als Gelehrter). Unseren alten Göttern noch ältere und mächtigere voranzustellen, ist ein allgemein bekannter aber sehr interessanter Kniff Lovecrafts, bei dem er zeigt, wie verderbt und entartet die unsrigen durch sie sind. Wie zwischengeschaltete Medien erscheinen sie, durch die die älteren Gottheiten wirken. “Nigger-Man”, der wie eine geflügelte ägyptische Gottheit in den Abgrund schießt, scheint Zugang zu dieser dem Menschen fremden Welt zu haben. Dafür spricht zum einen, dass er und die anderen Katzen, zuerst auf die Ratten reagierten, wie auch de la Poer recht bald (aufgrund seiner Blutlinie), während die Bediensteten nichts hörten und ausmachen konnten. Und zum anderen, das Verhalten des Katers während der Expedition der Forscher: seelenruhig thront er auf den Knochen, unberührt von all dem Grauen. Katzen wurden im alten Ägypten verehrt, als Haus- und Nutztier gehalten, mumifiziert, und als Gottheit (Bastet) angebetet. Und auch heute noch spricht man ihnen zu, Verbindung mit jenseitigen Welten zu haben. Lovecraft, der tatsächlich mit einem Kater namens “Nigger-Man” zusammenlebte, wird um diese Sensibilität seines Samtpfoters gewusst haben und widmet ihm und seiner Art, nebst einem Essay, die Kurzgeschichte “Die Katzen von Ulthar”.

Die anthropologische Geschichte einer epochenüberdauernden Enklave und der Fluch eines genetischen Codes

Mit dem Fund des Forschersteams um de la Poer gelingt es Lovecraft seine Protagonisten enorm weit in die vergangene Zeit blicken zu lassen. Doch auch schon die Legenden der Bauern, wie auch der weit zurückreichende Stammbaum der Familie de la Poer und die teilweise bekannten Details ihrer Geschichte, reichern die Atmosphäre derartig an, dass wir früh spüren, wie es unter den Geschichten und der vermeintlichen Bauernfolklore schwelt. Die Architektur und Anatomie Exham Priorys trägt zudem wesentlich dazu bei, handelt es sich bei diesem Anwesen doch selbst um ein Relikt diverser, längst vergangener Zeiten. Die Geschichte dieser geheimgehaltenen Enklave wird an der Blutlinie der de la Poers und ihrem grausigen Erbe nachvollzogen. Entartung und Primitivismus sind die Schreckensbilder, mit denen Lovecraft arbeit. Er beschreibt nicht nur einfach die Angst des Ich-Erzählers: durch seine genetischen Anlagen zu diesen Vorfahren zu gehören, die diesen brutalen Kult zelebriert haben, er lässt ihn dieses Erbe antreten, da de la Poer am Ende kauernd vor dem halb aufgressenen Körper Captain Norrys’ gefunden wird. Er räumt damit, neben den Großen Alten, auch dem genetischen “Programm” des Menschen eine große Wirkmacht ein, er versteht es in diesem erzählerischen Kontext gar erst als ein – sobald es durch etwas aktiviert wurde – unwillkürlich ablaufendes. Ein absolut fataler Gedanke, denn das heißt nichts anderes, als dass Moral, Ethik und Vernunft nichts als Seifenblasen in einem solchen Kosmos sind. Als Fluch wird dieses Erbe von den Bauern gesehen. Ein Fluch, der auf die solche Gottheiten wie Nyarlathotep zurückgehen mag. Der Fluch des genetischen Codes wird stark von Bildern des Ekels begleitet, wofür zunächst einmal die Ratten und ihre Darstellungsweise sprechen, die seit Menschengedenken als Plagegeister und Todbringer (fälschlicherweise hielt man sie im Mittelalter für die Überträger der Pest) gelten. Ihre Kulturgeschichte ist eine lange und grausame. Und so dienen sie auch Lovecraft als symbolkräftige Tiere, die sich dort aufhalten, wo Grausames passiert, oder: sie fungieren selbst als Boten des Grauens, angelockt von Nyarlathotep und seinen zwei Flötenspielern. Wer denkt da nicht auch an den “Rattenfänger von Hameln”. Jedoch besonders das Bild vom Schweinehirt in der Grotte, das de la Poer als immer wiederkehrender Albtraum plagt, birgt den Ekel par excellence in sich. Schimmelüberwuchert und aufgedunsen sind die Schweine, die samt ihrem Hirten von einem Rattenheer gefressen werden. Der Hirte und seine Schweine stehen dabei für die de la Poers und alle, ebenso die Opfer, an dem Kult Beteiligten. Das Motiv des “Guten Hirten” als nicht minder pervertiertes, das zeigt, zu was für einem Pfuhl diese Kultstätte verkommen ist. Lovecraft misst dem Traum damit eine große Bedeutung bei, versteht ihn als einen weissagenden Translator, und belegt damit die Existenz der Großen Alten.

Das Kartenmaterial der Fantasy-Literatur

Karten sind dem Fantasyfan genauso wichtig wie die phantastischen Elemente einer Geschichte selbst. Auch das Artwork spielt eine entscheidende Rolle, so dass man durchaus behaupten kann, Fantasy-Leser tendieren zu einer nahezu ganzheitlichen Erfahrung. Viele folgen ihren Helden sozusagen parallel zu dem, was sie lesen, mit dem Finger auf der Landkarte oder werfen zumindest einen Blick auf die Karte, um zu sehen, wo sie sich der nächste Außenposten, die Taverne oder Stadt befindet. Auch wenn heute Karten immer mehr aus der Mode kommen, ist der Tenor doch weit verbreitet, dass Karten eine gute Sache sind. Es gibt sogar Umfragen, aus denen hervorgeht, dass manche ein Buch, in dem keine Karte enthalten ist, gar nicht kaufen würden. Das klingt ziemlich verrückt, oder nicht? Kein Mensch würde auf die Idee kommen, vor dem Fernsehapparat zu sitzen, mit einer Karte in der Hand – oder sich den Film, gibt es keine Karte dazu, nicht anzusehen. Mittlerweile geht der Trend ohnehin dahin, keine Karten mehr ins Buch zu drucken, denn nur eine wirklich gute Karte bringt der Geschichte eine weitere Dimension ein, eine schlechte Karte hingegen könnte vom Leser als Kurzsichtigkeit des Autors ausgelegt werden, die Schwächen eines fragilen Konzepts hervorheben und die Aufmerksamkeit auf den schlechten Stil lenken.

Neben der guten und angemessenen Covergestaltung ist eine professionell erstellte Karte also unerlässlich. Mit den Covern ist das vielleicht verständlicher, und da geschehen gerade heutzutage grauenhafte Dinge, die einen wirklich davon abhalten, das Buch überhaupt auch nur anzusehen, mag es gut sein wie es will. Bearbeitete Fotographien oder computergenerierte Bilder geben zwar meistens schon das Signal, die Finger davon zu lassen, aber eben nicht immer.
Ein Grund, warum das Abbilden von Karten heute rückläufig ist, mag an der Flut der eBooks und eReader liegen . Es ist nicht leicht, aus dem Text zur Karte zu switchen und von da aus wieder zurück. Zumindest ist es nicht ganz so einfach, wie in einem Buch zu blättern. Aber das ist ein Problem, das die Technik durchaus lösen kann.

Sehen wir uns jetzt einfach einige der bekanntesten Karten an.

Thrors Karte

Die Variante der deutschsprachigen Ausgabe

 

Die von Tolkien gezeichnete Karte

Jede Diskussion über relevante Karten in der Fantasy-Literatur sollte die berühmte schwarzrote Zeichnung berücksichtigen, die dem “kleinen Hobbit” vorangeht. Die Karte wurde von Tolkien persönlich gezeichnet und zeigt den Lonley Mountain (Einsamer Berg) und die ihn umgebenden Gebiete, im Besonderen den Running River (Eiliger Fluss), wie auch die Desolation of Smaug (Smaugs Einöde) im Südwesten der Berge. Der Unterschied zur deutschen Nachstellung wird gleich offenbar, wenn man sich die beiden Karten nebeneinander betrachtet.

Was an dieser Karte sofort auffällt ist, dass sie authentisch wirkt, nicht überproduziert, damit sie gut und/oder künstlich aussieht. Sie lädt den Leser auf eine Entdeckungsreise ein. Leider fehlen in der deutschen Version die Runen komplett. Während englischsprachige Kinder damals wohl unter andere damit beschäftigt waren, die Runen entziffern zu wollen, betrachtete man bei uns diese wohl nur als unsinnigen Ballast, wer weiß das schon zu sagen, aber es liegt im Bereich des Möglichen. (Wobei ich nicht weiß, welche Karte in den unzähligen Neuausgaben steckt, ich besitze nur eine sehr alte Ausgabe). Am Ende des Buches findet sich die wunderbare Karte von “Wilderland” – und wer diese Karten mag, der mag alle, die von Mittelerde gezeichnet wurden. Sie gehören zum besten Artwork überhaupt.

Erdsee

Als der junge Duny, den sie alle Sperber nennen, auszieht, um ein Magier zu werden, setzt er Segel in einer Welt, die vor Inseln geradezu wimmelt, ob sie nun groß oder klein sind. Zu sagen, die Karte von Ursula K. Le Guins “Der Magier der Erdsee” sei komplex, wäre eine Untertreibung.

Hier ein Detail

Das sind jetzt nur zwei Beispiele einer faszinierenden Tatsache: dass Karten der Fantasy eine Dimension hinzufügen, auch wenn, wie gesagt, die Tendenz heute eher rückläufig ist (aber wo wäre sie das nicht?). Man könnte darüber diskutieren, ob sie denn wirklich für die Story notwendig sind – und es wird ja auch tatsächlich fleißig diskutiert. Ob das hierzulande jemanden interessiert, vermag ich nicht zu sagen, mir scheint, wir sind im Wesentlichen leidenschaftsloser in solchen Dingen und ich verfolge persönlich auch kaum, was sich hier tut, weil ich da bisher sehr wenig gefunden habe.

Das Boleite-Treppchen

Boleite ist einer der merkwürdigen Straßennamen, die an der Tierzuchtsraße und der Alpenrosenstraße vorbei durchs Boleitestäffele ins Freudental hinunterführt. Manche erkundigen sich bei ihrem Arzt nach ihrem körperlichen Befinden, hier aber befragt man das Boleite-Treppchen, das zum täglichen Hinaufeilen wie geschaffen ist. Jede Stunde, die man zu wenig geschlafen hat, wird dort vermerkt. Im Grunde ist das ein Privatweg, und ich fühle mich dann stets so privat wie irgend möglich, geschäftlich laufe ich dort nie auf und ab. Kempten ist die Stadt der kurzen Wege, es gibt in ganz Deutschland keine Stadt wie diese; als Spaziergänger hat man eine völlig eigenständige Infrastruktur. Anderswo müßte man, um ähnliches zu erreichen, durch die Kanalisation tappen, hier kann man Treppen, Passagen, Gassen, Pfade und sonderbare Wege nutzen. Der Begriff „Boleite“ leitet sich ab von Buchleite, und dieser Begriff wiederum hat nichts mit einem Buch, sondern mit Bildern zu tun, die hier einst an einer Tafel angebracht waren und die Wallfahrer davon abhielten, ins Dickicht zu purzeln, bevor sie auch nur eine einzige Kuh haben sehen dürfen. Wallfahrer also, die ins Gesäß des Tieres einstiegen, waren’s, denn es war nicht selten Nacht. Und eine Kuh so duldsam, eine Kuh, so nächtlich euteral. Ihr juckts am Arsche, während die Wallfahrer einfahren. Und ihr Euter milcht und milcht, gibt aber noch nichts her; das dann am Morgen; aber wie soll man von innen?

Kaffee bei Birnstiels

Kaffee gibt es in den unterschiedlichsten Höhenlagen, deshalb natürlich auch in Kempten. Wer es gerne hat, dass sein Kaffee nach alten Zeitungsrollen und Druckerschwärze schmeckt, der beehre den Herrn Birnstiel, seines Zeichens freilich kein Kaffeeausschenker wienerischer Couleur, sondern hoheitlicher Marketender für Druckartikel aller Art – und einer der letzten einer aussterbenden Zunft. Heute empfing er den Meister ganz im Blüschen, mit Schlips und ordentlicher Bommelei, festlich und fesch, gekämmt und adrett. Ein stattlicher Zeitungswaren-Vorzeiger (der sich auch mit Tabak, Haschischpfeifen und … nur so zum Spaß … einem Kaffeeautomaten brüsten kann. Man kann sich hier im Laden schlicht über alles unterhalten : Knötchen in der Brust, wo bekommt man ein bezahlbares Hirschgeweih, war die Fußpflegerin heute wieder schick?; bei Presse Birnstiel tobt der Figaro-Gedanke wie sonst nirgends mehr. Hätte Kempten eine Mutter, dann hieße sie Herr Birnstiel. Weiland kaufe ich meine wie auch immer gearteten Heftchen dort, die dann, Opfer jeder Sammlung, irgendwo im Keller lagern. Aber nicht diesmal. Diesmal bin ich auf der richtigen Spur, die da lautet : Hochphilosophie. Im Zeitungsschlabberladen? Oh ja, denn ich habe es auf die Buchrücken der LTBs abgesehen, Kater Karlo als intergalaktischer Schurke. Ist das nicht very well by the way? Tröstet euch : auch wenn der Kaffee für umme war, er schmeckte nicht besser als ein angebohrtes Leitungsloch und ich habe ihn dennoch getrunken. Wird das Auswirkungen auf meine Gesundheit haben? Ich glaube nicht, denn selbst die schlimmste Kloake verwandelt sich in Kempten in ein übersinnliches Tröpfchen aus dem Acheron.

Das Schuhwerk seiner Frau

Ein Männlein sitzt im Bauern fast still und stumm,
es hat auf seinem Bänklein zwei Tüten um.
Was mag in den Tüten sein,
das der Mann putzt ganz allein
auf dem Kempt’ner Bä-hä-hä-hä-hänkelein …?

In unserem ersten Beitrag wollen wir uns der fiktiven (und mächtigen) Klodhilde zuwenden, deren wirklicher (und fleißiger) Mann auf ein Bänkel auf dem Rathausplatz, kurz vor der Bäckerei Wipper) ausweicht, um sich seinen ehelichten Pflichten, die mancher gar nicht auf dem Schirm hat, zu widmen. Stellen wir uns die (fiktive) Klodhilde barbefußt und schwach bestrumpft vor, wie sie auf dem Balkon (der Herbst ziept schon an ihren Gliedern) nach ihrem Männe Ausschau hält, der ihr gesammeltes Schuhwerk in einer Plastiktüte gen Stadtzentrum führt, um es in Ruhe von Ihrem Wanderstaub und Auf-und Abs zu reinigen. Folgendes (ebenfalls fiktives) Gespräch wäre im Vorfeld des Kümmernisses denkbar:

“Es ist kalt, Klodde (er nennt sie halt so), darf ich heute nicht, nur einmal …” “Nixnix, Ferdl (sie nennt ihn halt so), den Gestank und die Unbilden der Wildnis wirst du schön brav in aller Öffentlichkeit von meinen gespenstischen Tretern wienern! So alle Welt soll sehen, was du mir bist und ich dir bin! Sapperlot!”

Und so trottet er heiteren (weil liebenden) Gesichtes gen Rathausplatz zu Kempten, um sein Tüchlein zu lüften und die Bürsten sprechen zu lassen. Doch: was ist das? Kommt da nicht der Dichter Putte ums Eck, um ihn dabei zu beobachten? Freilich, jaja, er ist’s. Schon richtet sich sein menschenferner Blick auf den einzigen Menschen, den er jetzt gerade sehen kann: einen Gebuckelten! einen Gebeugten! einen Unterfuchtelten!

Fantasy ist das Spiel des Geistes

Fantasy verhält sich zur Literatur wie Liebe zum Leben. Anders: Fantasy ist lebensnotwendig. Das sind in der Tat starke Worte; der eine Satz stammt von einem Autor, der andere von einem Psychoanalytiker. Die besten Werke der Phantastischen Literatur wurden in der Sprache der Träume verfasst, sagt George R.R. Martin, und er sagt weiter:

Fantasy ist Silber und Scharlachrot, Indigo und Azurblau, ein Obsidian, durchzogen von Adern aus Gold und Lapislazuli. Realität hingegen ist schlammbraunes Sperrholz, olivfarbenes Plastik. Der Geschmack der Fantasy erinnert an würzigen Pfeffer, an Honig, an Zimt und Nelken, an vorzügliches rotes Fleisch und an Weine, süß wie der Sommer. Realität ist Bohnen und Tofu mit einem Aschegeschmack. Realität ist das Einkaufszentrum von Burbank, die Schornsteine von Cleveland, eine Tiefgarage in Newark. Fantasy steckt in den Türmen von Minas Tirith, in den alten Steinen von Gormenghast, in den Hallen von Camelot. Fantasy fliegt mit den Flügeln des Ikarus, Realität mit Southwest Airlines. Warum sehen unsere Träume so klein aus, wenn sie endlich wahr geworden sind?
Wir lesen Fantasy, um die Farben wiederzufinden, denke ich. Um starke Gewürze zu schmecken, und um die Lieder zu hören, die die Sirenen sangen. Es gibt da etwas altes und wahres innerhalb der Fantasy, das mit etwas, das tief in uns verborgen liegt, kommuniziert; dieses Etwas, das als Kind davon träumte, eines Tages durch die Wälder der Nacht zu jagen, um ein Fest in den Höhlen des Merlin zu feiern, um eine Liebe südlich von Oz zu finden oder nördlich von Shangri La.
Sie können ihren Himmel behalten. Wenn ich sterbe, will ich nach Mittelerde.

Das hört sich beinahe schon wie ein Manifest an. Tatsächlich aber ist die Phantastische Literatur mit dem fortgesetzten Spiel eines ausgebildeten Geistes zu vergleichen, der in der Kindheit begann, sich im Traum seiner Möglichkeiten bewusst zu werden.

Wird das “Spiel” über einen längeren Zeitraum hinweg verweigert, beginnt sich bei jedem Menschen nachweislich das Gemüt zu verfinstern. Wir verlieren den Sinn und den Optimismus und fördern die Depression, werden unfähig, Freude zu empfinden.

Soweit Dr. Thomas E. Brown, Direktor der Psychiatrie der Yale-Universität. Er schlägt bei selbstmordgefährdeten Kindern und Jugendlichen den spielerischen Umgang mit der Fantasy vor. Mit erstaunlichen Ergebnissen. Die Fantasy-Literatur scheint ein wichtiger Stabilisator der geistigen Gesundheit zu sein und außerdem eine heilsame Therapie. “Fantasy zu lesen ist das Spiel des Geistes.” Dr. Brown behauptet, dass der Spieltrieb jedem Säugetier innewohnt. Bei jungen Katzen bilden sich durch ihre spielerischen Scheinkämpfe neurale Verknüpfungen im Kleinhirn. Nachdem unsere körperlichen Grundbedürfnisse gestillt sind, steht der Drang, zu spielen, bei einem gesunden Säugetier im Vordergrund. Eine dauerhaft verweigerte tägliche Dosis führt zu einem Defizit, das mit einem Schlafdefizit verglichen werden kann.

Schließen wir diesen kurzen Artikel noch einmal mit einem Zitat von Dr. Brown:

Es sind die “sinnlosen” Momente, die den Tag unvergesslich und wertvoll machen.

Die Bildsprache des Alfred Kubin

Auf der nördlichen Seite des Hauses liegt eine schattige Terrasse. Hierhin verirrt sich ab und an ein Vogel, der beim Überflug gegen eine Scheibe knallt und dann tot auf den Steinen liegt. Gerade gibt es Streit, wer ihn dort wegräumt.
Auf der Südseite scheint trotz Kälte und Schnee der Frühling ausgebrochen, denn eine Schaar von Spatzen zwitschert recht munter und macht fröhlich Beute auf dem Balkon mit dem Vogelfutter.

Beute machen…

Ich bin der Überzeugung, dass es in allen Dingen, Wesen und Erscheinungen noch eine andere Seite, als die der sichtbaren gibt. Hier und da kann man urplötzlich winzige Partikel von ihr erahnen, und, wie Michael Perkampus schreibt, sie bspw. „in den Augenwinkeln“, „hinter einer Pfütze oder einem Spiegel“ für den Bruchteil von Sekunden erhaschen (und daraus künstlerische Beute machen). Vielleicht braucht es aber auch nur etwas Übung, um mehr davon zu sehen… oder aber ein traumatisches Erlebnis, das unsere Scheinwirklichkeit entlarvt…

Anfang der 80er, als ich meine „erste Begegnung“ mit Alfred Kubin hatte, lebte ich auf der Seite Deutschlands, in der 1981 eine Linzensausgabe von Reclam in Leipzig erschien: Die andere Seite.
Im Kino zeigte man zudem eine Verfilmung dieses Romans – oder besser gesagt: einen vom Roman angeregten Film.
Es muss Traumstadt aus dem Jahr 1973 von Johannes Schaaf mit Rosemarie Fendel und Per Oscarsson gewesen sein… denn einen anderen Film darüber gibt es anscheinend (noch) nicht.
Staub, nichts als Staub und eine alptraumhaft-apokalyptische Stimmung mit dem ungeheuren Reiz des Fantastischen, hinter all den grauen Mauern mit den rußenden Schloten, die an jene der benachbarten Chemiefabrik in Bitterfeld-Wolfen und an den Braunkohleabbau in der Region erinnerten.. ein Gruselgefühl ist bis heute in tiefster Erinnerung…

Ich war vollkommen hin und weg…  gefesselt…
Der Film, so in meiner Erinnerung, schaffte es, im Gegensatz zu den meisten Romanverfilmungen, in vollkommener Weise, jene Atmosphäre von der im weiteren die Rede sein wird, wiederzugeben, die in vielen Werken Kubins zum Ausdruck kommt.
Den Künstler Alfred Kubin lernte ich zwar mit den zur Reclamausgabe gehörenden Illustrationen kennen, aber sein bildkünstlerisches Werk war damals im anderen Teil Deutschlands noch nicht zugänglich.

Eine ähnliche Stimmung, zwar nicht dieser komplexen Natur wie im Roman, der 1908 aus einer Schaffenskrise heraus entstand und 1909 mit 52 Illustrationen Kubins im Verlag G. Müller, München und Leipzig veröffentlicht wurde, entsteht bei der Betrachtung dieses Tuschebildes von 1902/03: „Der Verfolgte“.
„Perle“, die seltsame, im ewigen Dämmerlicht liegende Stadt, kann mit dieser düster staubigen Atmosphäre auf der Grafik verglichen werden.

Kubin zeigt hier mit seiner typisch reduzierten Bildsprache, aber mit betont psychologischer und archaischer Symbolik – einen Menschen auf der Flucht. Wohl kahlköpfig, mit Wanderstock – und Tasche, bekleidet in weitem, mit Gürtel zusammengehaltenem dunklen Gewand, ergreift er die Flucht aus dem linken Bildrand hinaus. Der ziemlich runde Kopf scheint sich noch kurz umzublicken, die linke Hand mit dem Stock emporgehoben und eine Ferse zeigend, flieht er eilenden Schritts, mit dem Rücken zum Betrachter. Es sind, wie für den Expressionismus typisch, kaum individuelle Merkmale des Menschen auszumachen. Das war ihm auch selten wichtig. Auch stärker symbolistisch gefärbte Bilder bleiben bei Kubin universell. Der Betrachter kann sich so besser mit ihnen identifizieren. In der schon von Caspar David bevorzugten Rückenansicht konnte sich der Betrachter besser auf die mit Symbolik aufgeladene Landschaft konzentrieren. War es bei Friedrich die von Gott geschaffene Natur mit dem Erlösungsgedanken, symbolisch dargestellt im göttlichen Licht, welches das Paradies verheißt, kommt auch ein romantischer Zug in Kubins Bild. Nur geht es hier nicht um Sehnsucht und Erlösung, denn die hier merkwürdig hölzern und übergroß erscheinenden Insekten mit starren Flügeln verkörpern wohl eher zutiefst endzeitlich apokalyptische Ängste. Jeder Mensch, der sich schon einmal in die Enge getrieben und verfolgt gefühlt hat, wird verstehen, was der Künstler bei der Erschaffung des Bildes im Sinn hatte. Zwischen Leben (zarte junge Birke am linken Bildrand) und Tod (dunkler astlos dargestellter großer Baum rechts) liegen übergroß werdende Ängste (mächtige Insekten). Jedes kleine Zeichen wächst sich aus zu einer nicht auszuhaltender Bedrohung, die Nerven liegen blank. So mag ein Schwarm Insekten in der Abenddämmerung monströs werden. Der psychisch geschwächte Körper empfindet riesige, laut rauschende Flügel, ein bedrohliches Summen, fühlt sich im nächsten Moment von den langen Fühlern betastet und obwohl er es besser wissen müsste, glaubt er sich sogleich gepiesackt und bald darauf erstochen oder verschlungen… so ähnlich stelle ich mir die Wirkung vor dem Original vor.

Die Flügelwesen erinnern in ihrer Form an Libellen oder Heuschrecken ohne Beine, aber auch an leichtmotorige Flugzeuge.
Heuschrecken (Orthoptera) stellen eine Ordnung der Insekten dar, welche mehr als 26.000 Arten umfasst. Ihr weltweites, in allen terrestrischen Lebensräumen Vorkommen, beinhaltet auch einige pflanzenfressende Arten, die zur Massenvermehrungen neigen. Vielleicht gab es auch einen darauf zurückzuführenden, lapidar erscheinenden äußeren Anlass für die Ideenfindung zu diesem Bild- die Flucht vor einem Insektenschwarm im Freien. Etwas mitunter sehr Lästiges, das die Menschen von jeher beschäftigte:

„Libellen haben es auf kleine Insekten abgesehen, die sie gerne in der Nähe von Tümpeln erbeuten“, Quelle
Nürnberger Chroniken – Heuschrecken (CCXXXv)

Man weiß von der Lebensweise der Libellen, dass ihre Beute im Wesentlichen aus anderen Insekten besteht, wobei beinahe wahllos alle Tiere attackiert werden, die sie überwältigen können. Zur Paarungszeit piesacken besonders die Männchen ihre Artgenossen, zeigen also Kannibalismus. Ihre Jagdflüge beobachtet man dabei nicht nur an Gewässern. Sie finden auch auf Wiesen, Waldlichtungen oder anderen freien Flächen statt- auch eine Beobachtung, die Kubin gemacht haben könnte.
Die Landschaft zwischen den beiden Baumpolen links und rechts in Kubins Grafik wird ebenfalls von einer kniehohen Wiese dominiert.

Kubin lebte zur Zeit der Bildentstehung wohl in München.

Nach dem Besuch eines Gymnasiums in Salzburg ab 1887 (abgebrochen aufgrund schulischen Versagens und vielleicht auch aus dem nicht bewältigtem Verlust seiner Mutter in seinem 10. Lebensjahr), hatte er ab 1892 seine fotografische Lehrzeit in Klagenfurt bei einem Verwandten absolviert (auch da nicht ohne Tiefs, denn ein Selbstmordversuch am Grab seiner Mutter hätte ihm fast das Leben gekostet- der Schuss aus der verrosteten Waffe ging nicht los) und lebte ab 1898 in München, wo er anfangs die private Malschule von Ludwig Schmid-Reutte besuchte.

Bereits in Klagenfurt in Berührung mit Schopenhauers “Parerga” gekommen, zeigte sich spätestens von ab Kubins pessimistische Weltanschauung. Das angeblich lange Zeit schlechte Verhältnis zu seinem Vater dürfte ein Übriges dazu beigetragen haben.

Am 2. Mai 1899 schrieb er sich zwar noch an der Königlichen Akademie für ein Studium im Fach Malerei bei Nikolaus Gysis ein, jedoch brach er auch hier schon bald wieder ab und begab sich auf mehrere Studienreisen, bis er schließlich 1906 bei Wernstein am Inn auf dem alten Herrensitz Schloss Zwickledt mit seiner Frau Hedwig ansässig wurde. Diese begüterte Witwe, eine Schwester des Schriftstellers Oscar A. H. Schmitz, hatte Kubin im Februar 1904 kennen gelernt. In Zwickledt entstand 1909 auch Kubins oben erwähnter Roman „Die andere Seite“. Doch dies ist schon nicht mehr die Zeit, in der unser Bild entstand.

Die wichtigsten künstlerischen Anregungen scheint Kubin nachweislich durch das Studium von Werken in der Münchner Pinakothek bekommen zu haben. Ihn begeisterten Künstler wie Klinger, Munch, Redon und Goya:

“Ich verfertigte ganze Reihen von Tuschzeichnungen, lernte das gesamte zeichnerische Werk von Klinger, Goya, de Groux, Rops, Munch, Ensor, Redon und ähnlicher Künstler kennen, die abwechselnd meine Lieblinge waren und mich hin und wieder, wenn auch unbewusst beeinflussten.”

Das ist auch ziemlich verständlich, liegen diese doch auf einer Wellenlänge mit Kubin, was das Aufgreifen existenzieller Probleme und das tiefe psychologische Verständnis der menschlichen Seele betrifft. Natürlich musste sich Kubin mit Minderwertigkeitsgefühlen abplagen, wenn er dieser künstlerischen Vorbilder als unerreichbar empfand. Aber seine Bilder jener Zeit zeigen, was er als nachahmenswert sah, z.B. kompositorische Lösungen.

Diesbezüglich kam mir sofort Goyas Bild in den Sinn: „Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer“ aus der Serie Capriccios, welches ein Inbegriff dieser düsteren Kehrseite „der lichten Welt“ der Vernunft und der Aufklärung ist.

„Eine Eule, im Spanien des 18. Jahrhunderts Sinnbild der Finsternis, Rückständigkeit und Ignoranz, reicht dem Schlafenden einen Pinsel hin, als wolle sie von ihm die Niederschrift seiner Träume erzwingen.“

Zeigt Kubin uns mit „Der Verfolgte“ einen ihn(?) verfolgenden Alptraum?

Der Traum allgemein hatte für Kubin symbolische Kraft, „die nicht erst einer psychologischen Analyse bedarf, da er die unmittelbare schöpferische Vision für stärker hielt als deren Analyse.“(Quelle)

So, wie Goyas Ungeheuer von rechts nach links in das Bild rauschen, so schwärmen auch die Insekten in Kubins Bild. Beide Künstler platzieren ihr Opfer an den linken Bildrand und reduzieren den Hintergrund auf das Notwendigste.

Der Traum der Vernunft gebiert Ungeheuer, Francisco Goya, 1797/98, Aquatinta und Ätzradierung; Quelle

Kubin neigte dazu, einmal herauskristallisierte Motive und Kompositionen wieder aufzunehmen und in veränderter Form wiederzugeben. So zeigt er uns bspw. auch in „Dolmen“, ebenfalls um 1902 entstanden, diese fliegende Invasion, als Symbol für (s)eine ziemlich gequälte Seele. Damit offenbart sich auch Kubins Nähe zum Symbolismus.

Dolmen*1, Alfred Kubin, 1902

*1 Dolmen, bretonisch für „Steintisch“, ist in der Regel ein Bauwerk aus großen, unbehauenen oder behauenen Steinblöcken, das in der Megalithkultur zumeist als Grabstätte diente

Nach Schopenhauer hatte Kubin Nietzsche gelesen und fühlte sich wohl grundsätzlich pessimistisch. Seine empfindsame Seele wurde später durch den Tod einer geliebten Freundin erneut verwundet.

Doch wir befinden uns mit diesem Bild ja noch in seinen jugendlichen Anfangsjahren (seinem Frühwerk von 1899 bis 1904). Kubins Hang zum Phantastischen, Dämonischen und Gespenstischen brachte eine Flut von unheimlichen Gestalten hervor. Sie drängten sich ihm auf und erzeugten wohl rauschhafte Gefühle. Viele Zeichnungen der frühen Schaffensperiode von 1899-1908 quellen über von phantastischen und grotesken Tierdarstellungen (Schlangen, Spinnen, Wölfe, Tiger). Unsere Flugwesen scheinen hingegen nicht aus solch gänzlich fremden Gefilden, sondern eher dem Alltag entnommen.

Hans Hofstätter zitiert eine Begebenheit, die davon zeugt, wie sich in Kubins Welt sichtbar Erlebtes auflädt und er in eine scheinbar ins Fantastische mündende Bewusstseinsebene eintritt, in dem sich die oben so als rar beschriebenen Wirklichkeiten plötzlich ganz klar zeigen, in dem seine Sinne geschärft sind (in: Die Bildwelt der symbolischen Malerei. In: Symbolismus in Europa. Ausstellungskatalog Staatliche Kunsthalle Baden-Baden 20. März – 9. Mai 1976. Baden-Baden 1976, S. 13):

“Mit noch übervollem Herzen schweifte ich in der Stadt umher und betrat abends ein Variété; denn ich suchte eine gleichgültige und doch geräuschvolle Umgebung, um einen inneren Druck, der immer heftiger wurde, auszugleichen. Es ereignete sich dort etwas seelisch sehr Merkwürdiges und für mich Entscheidendes, das ich heute noch nicht ganz verstehe, obwohl ich sehr viel darüber nachgedacht habe. Wie nämlich das kleine Orchester mit dem Spiel begann, erschien mir auf einmal meine ganze Umgebung klarer und schärfer, wie in einem anderen Licht. In den Gesichtern der Umhersitzenden sah ich auf einmal eigentümlich Tier-Menschliches, alle Geräusche waren sonderbar fremd, von ihrer Ursache gelöst; es klang mir wie eine hohnvolle, dröhnende Gesamtsprache, die ich nicht verstehen konnte, die aber doch deutlich einen ganz gespensterhaften inneren Sinn zu haben schien …”

Das Irrationale, das auch zum Menschen gehört, nicht immer einbezogen in den Vernunftbegriff, schied vieles aus, diffamierte es, verabsolutierte die Vernunft zum Machbaren, zu einem platten Fortschrittsbegriff, ungeachtet dessen, dass unsere Welt in ständiger Bewegung ist und auch jedweder Begriff einer ständigen Revision bedarf. Diese Erkenntnis wurde und wird nicht von allen Menschen geteilt. Bei Kubin hingegen durchzieht sie das gesamte Werk.

Tendenzen von Endzeitstimmung und psychischen Abnormitäten gründen hingegen oftmals in kollektiven Erfahrungen von Entbehrung, Verlust, Leid und Grauen. Dies auch bildhaft ausdrücken zu können, brachte Kunstwissenschaftler dazu, Kubin als Vater der modernen, psychologisierenden Zeichnung
zu beschreiben.

Während Goya seinen Protagonisten schlafend und sitzend zur Unbeweglichkeit, zur Ohnmacht verurteilt, glaubt man bei Kubin eine Chance für sein Entkommen zu sehen. Er ist schnell, er kann davonrennen. Wenn er aktiv wird, könnte er es schaffen.

Das passt denn auch zu Kubins Aussagen zum Thema Angst. Sie wäre ein Zustand, den man zu überwinden hat, um sein seelisches Gleichgewicht zu erlangen:

“Man muss hindurch, auch durch die Angst, um sich jenseits derselben nach einem infolge des Schwankens aller gewohnten Bewusstseinssicherungen qualvollen Übergangsstadium in einem neuen seelischen Gleichgewichtszustand wiederzufinden. Dem schwebenden.”

Wie so viele Künstler, wurde Kubin von seinen Zeitgenossen weniger wertgeschätzt als heute. Man hielt ihn für einen grafischen Dilettanten, feierte aber die Drastik seiner Bildthemen, von denen die erotischen hier noch nicht zur Sprache kamen.

*

Wer räumt nun diesen alptraumhaften Vogel, der noch durch kein Bild flog, von dieser Terrasse und überwindet diesen/dessen Zustand der Reglosigkeit?
Man könnte ihn über das Geländer nach unten werfen… müsste ihn dafür auch nicht allzu lange berühren, sein Lebensgewicht nicht zu lange spüren, wenn man ihn die unendlich vielen Treppen nach unten trägt. Ein letzter Flug …  wie ein Insekt zum Mond … so auch ein Mensch zum Vogel zu …

Insekt vom Mond, Alfred Kubin, 1910, Tuschpinselzeichnung

Der Wert der Zeichnung „Insekt vom Mond“ von Kubin wurde heutzutage auf 30.000 € geschätzt und für 41.650 € verkauft (Quelle).
Sie zeigt den mondförmigen Kopf des flüchtenden Menschen aus „Der Verfolgte“, zusammen mit den dort fehlenden Insektenbeinen der Flugmonster, die noch ein paar Blätter der Birke als Sporen mitgebracht haben. Und so bringt Kubin 8 Jahre später zusammen, was zusammen gehört.

Friedhofsmauer, Alfred Kubin um 1902; Tusche, laviert, auf Papier; 24,8 x 18,2 cm; Privatbesitz; Quelle

Der Kamikaze-Terrassenvogel wird vom Flughund des Goya-Kubin ausgesaugt und sich in Staub auflösen, welcher dann zur anderen Seite fliegt, um dort in die Beutemasse des Fantastischen einzugehen.

Das Fußvolk der Traumfabrik wird den Begriff des Vernünftigen neu definieren und die Macht der Bilder begreifen. Illusion ist einfache Realität, nicht chaotischer als das Leben selbst. Realitäten sind unendliche Kehrseiten einer Medaille, einer Münze, die der heutige Mensch dankbar für seinen Erkenntnisgewinn bezahlt… und seien es 41.650 € für die Illusion eines winzigen Mondfliegers.

Die Romantische Zeit

Die Romantische Zeit – ich möchte sie mir gerne vorstellen als den sensiblen Aufbruch des Geistes, der sich seiner Fesseln entledigt. Mir selbst ist das Licht der Gegenwart zu grell. Man geht angekleidet vor die Türe und kommt völlig nackt zurück, weil die Umgebung an einem reißt.

An Mayröcker : Sie haben so ungewöhnlich viele Gegenwarten erfahren, daß mir schwindelt. Dabei geschieht das ohne eigenes Zutun. Ich sehe es ja selbst – etwa halb so alt wie Sie jetzt sind – blicke auf die Uhr, und ein Jahr ist im Ziffernblatt versunken. Ich baute deshalb schon Uhren auseinander : meine Version davon, Zeit nicht im Ansatz zu begreifen. Verändert habe ich mich ja nie; nur mein Faß ist größer geworden – und deshalb meine Stimme lauter. Ihr Faß z. B. hat viel schönes Papier. Ihre Wohnung sieht aus wie ein echtes Gehirn. Vergessen, erinnern, verlieren & finden haben Sie ein architektonisches Meisterwek hinterlassen. Ist unser Gehirn ein Fleischzimmer? – Denken Sie, daß eines Tages kein Blätterwald mehr möglich ist. Unsere Ausdrucksmöglichkeiten schrumpfen, was mir Sorge bereitet. Ich hätte gerne Ihren Film gesehen, aber wo ich auch suche, ich finde ihn nicht.