Alfred Hitchcock: Der Mann, der zu viel wusste

In Alfred Hitchcocks Film von 1956 verliert ein amerikanisches Ehepaar, das eigentlich nur Urlaub machen wollte, ihren Sohn an Entführer, die an einem Attentat im Ausland beteiligt sind. Obwohl Der Mann, der zu viel wusste keiner von Hitchcocks beliebtesten Filmen war, beinhaltet er doch die typische von ihm erfundene „Suspense“ und eine der dramatischsten Wendungen von Doris Day.

Hitchcock hatte den Film zweimal gedreht, zuerst 1934 in England mit britischen Bühnenschauspielern (und Peter Lorre) als schwarzweiß-Thriller. Doch der gefiel Hitchcock nicht, und als Paramount 1956 grünes Licht für ein amerikanisches Remake gab, wurde John Michael Hayes damit beauftragt, ein neues Drehbuch zu schreiben und darüberhinaus Jimmy Steward und Doris Day für die Hauptrollen verpflichtet. Als François Truffaut Hitchcock später nach den beiden Filmen fragte, sagte Hitchcock:

„Die erste Version ist die eines talentierten Amateurs, und die zweite wurde von einem Profi gemacht.“

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Alfred Hitchcock: Eine Dame verschwindet

Hitchcock und Eisenbahnen gehören zusammen wie eine Lokomotive und ihr Tender. Er liebte sie, sie sind prominent in seinem Werk vorhanden, am wichtigsten jedoch in Eine Dame verschwindet. Vieles von dem, was hier passiert, kann nur auf einer Eisenbahnfahrt passieren – Passagiere, die gemeinsam durch einen Lawinensturz aufgehalten werden, unterschiedliche Klassen, die voneinander getrennt sind, Fremde, die sich begegnen, während sie unterwegs sind, ein Lokführer, der im Kreuzfeuer stirbt, ein Waggon, der auf einen Nebengleis geleitet wird, ein unerschrockener Held, der sich außerhalb eines schnell fahrenden Zugs von einem Wagen zum anderen kämpft, während andere Lokomotiven an ihm vorbeirasen, Hinweise in Form eines Namens, der durch den Dampf auf einem Fenster sichtbar wird, und ein Etikett auf einer Teepackung, das kurz an einem anderen Fenster kleben bleibt, und vor allem die erzwungene Intimität auf dieser rhythmischen Reise, die sich in ihrer eigenen Welt abspielt, unabhängig von der sich verändernden Landschaft draußen. “Alfred Hitchcock: Eine Dame verschwindet” weiterlesen

14 ästhetisch herausragende Horrorfilme

Die Kameratechnik ist eines der wichtigsten Elemente eines Horrorfilms. Mit ihren wegweisenden technischen Innovationen, surrealen Bildern und der Kraft der Subjektivität veränderten diese 14 Meisterwerke den Lauf der Filmgestaltung – und das Horrorgenre für immer. Warum diese Filme einen ästhetischen Mehrwert bieten, ist nicht Teil dieses Artikels, für Ästheten aber nicht schwer zu verstehen.

1. Der Fuhrmann des Todes (Victor Sjöström, 1921)

Dieser schwedische Film hat alle nachfolgenden Regisseure stark beeinflusst – vor allem Ingmar Bergman, dessen Film Das siebte Siegel eine direkte Hommage an Der Fuhrmann des Todes darstellt, und Stanley Kubricks Shining, der zahlreiche thematische und visuelle Ähnlichkeiten (wie z.B. die berühmte Axt-Szene) aufweist. Um die Geschichte eines geisterhaften Kutschers zu erzählen, der nach Mitternacht die Seelen der Toten stiehlt, verwendeten Regisseur Victor Sjöström und DP Julius Jaenzon Doppelbelichtungen, damals ein hochinnovativer Spezialeffekt. Diese Doppelbelichtungen wurden bis zu viermal übereinander gelegt, was die Illusion erweckt, dass Geister durch die aufwändigen Sets des Films wandern. Jeder “Geist” wurde mit einem Filter unterschiedlich beleuchtet. Jaenzon folgte ihnen mit einer Handkamera, die in der Lage war, außergewöhnlich tief zu fokussieren – höchst ungewöhnlich für diese Zeit.

Der Film zeigt auch komplexe narrative Strukturelemente, wie Meta-Flashbacks (oder Rückblenden innerhalb von Rückblenden), die vom linearen Erzählen abweichen, und damit Vergangenheit und Gegenwart zu einer ätherischen Realität verschmelzen. “14 ästhetisch herausragende Horrorfilme” weiterlesen

Alfred Hitchcock: Cocktail für eine Leiche

Cocktail für eine Leiche ist einer der mutigsten Filme, die Alfred Hitchcock je drehte. Hier verwandelt der Meister des “Suspense” ein kleines Spannungsstück in einen ganzen Spielfilm, und zeigt uns die Kehrseite der Thriller, mit denen er sich einen Namen machte. Mord wickelt sich in vielen Filmen mehr über das Motiv als über die Konsequenz ab. Die bösen Jungs planen ihr Verbrechen und sind viel Interessanter, bevor sie ihre Tat bereuen. Cocktail für eine Leiche verwirft diese Formel, lehnt sich an eine wirkliche (und besonders kaltherzige) Geschichte an und macht sich über deren Nachwirkung lustig.

Der Film ist der dunkle Schatten von Das Fenster zum Hof, den Hitchcock sechs Jahre später drehen sollte. Auch hier sehen wir James Steward in der Hauptrolle und auch hier spielt sich die Handlung in einem kleinen städtischen Apartment ab. In diesem späteren Film ist unser (und Stewards) Voyeurismus moralisch gerechtfertigt. Wir glauben, einen Mord beobachtet zu haben, sind uns dessen aber nicht sicher. Die einzige Möglichkeit, die Wahrheit herauszufinden, ruht in der weiteren Beobachtung der Szenerie. In Cocktail für eine Leiche wissen wir ganz genau, welchem kranken Geschehen wir da zusehen, die einzige Frage ist, wie lange wir es aushalten.

Es beginnt mit einem Mord und endet mit einem Pistolenschuss, der die Polizei auf den Plan ruft. Was dazwischen geschieht, wird in fast quälender Echtzeit gezeigt. “Alfred Hitchcock: Cocktail für eine Leiche” weiterlesen

Lars von Triers Antichrist

Von der Ökumenischen Jury, die von den internationalen Filmorganisationen der katholischen und evangelischen Kirche gestellt wird, mit einem Anti-Preis versehen, und auch sonst nicht zu kurz gekommen, was Buhrufe, Gelächter und negative Kritiken wie diese >>> des Tagesspiegels betrifft.

Lars von Triers 2009 erschienenes Psychodrama, das sich dem Publikum – schaut man es unter dieser Prämisse – auch in Form einer pathologischen Studie darbietet, setzt dem Horror in ganz eigener Weise Hörner auf. Es ist nicht allein nur eine Studie, die sich die uns hier gezeigte Paarbeziehung zum Gegenstand genommen hat, um einen abnormen Verlauf nachzuzeichnen, es ist auch eine, die sich die nach und nach offenbarte und somit festgehaltene Krankheitsgenese der beiden zum Anlass nimmt, das womöglich eigentliche Thema von Interesse herauszupellen. Und zwar beim Zuschauer. Der vielleicht, wie ich es tue, nach dem Wissensstand der medizinischen Psychologie von heute fragt, vor allem aber nach ihrer Praxis und Anwendung. Eine Studie also, die sich den Patienten anschaut, der ihre heutigen Dienstleistungen in Anspruch nimmt.

Das zentrale Thema von Lars von Trier ist, wie zumeist, die Angst des Menschen. Der Mensch, das Individuum, das – obgleich wir längst nicht mehr im Mittelalter leben und uns selbstüberschätzend als endgültig aufgeklärt begreifen – sich scheinbar sicher in den Händen eines Humanismus wähnen darf, der sich mit dem Wissens- und Erkenntnisfortschritt dekoriert, ihn auch postuliert, aber nicht anwendet, also nur behauptet: und somit in keiner Weise als ein solcher Humanismus zu begreifen ist. “Lars von Triers Antichrist” weiterlesen

Darren Aronofskys “mother!”

Am 5. September 2017 feierte dieses psychologisch herausragende transzendentale Drama Premiere. Es wurde bei den 74. Filmfestspielen in Venedig gezeigt. Am 14. September kam es zu uns in die Kinos. Nicht wenig Applaus, aber auch jede Menge Buh-Rufe hat es geerntet. Als misogyn oder platt-feministisch wurde es bewertet. Gar biblisch wurde es ausgedeuet.

Aronofsky, der mit einer Filmografie aufwarten kann, die Perlen beinhaltet wie: Pi (1998), Requiem for a Dream (2000), The Fountain (2006) oder The Wrestler (2008), hat mit dieser erschütternden Home Invasion-Darbietung meiner Meinung nach sein absolutes Meisterwerk unter seinen Meisterwerken vorgelegt. Dem Post-Horror ist es zuzurechnen. Neben Jennifer Lawrence und Javier Bardem spielen nicht minder überzeugend Ed Harris und Michelle Pfeiffer. Einige Kritiker sahen in dem Film immerhin einen Oscaranwärter 2018 in mehreren Kategorien. “Darren Aronofskys “mother!”” weiterlesen

A Ghost Story – Zeit ist alles

Es gibt natürlich Gründe dafür, warum Geschichten, die sich um Trauer drehen, auf die Erfahrungen der Lebenden (der Überlebenden) fokusiert sind, die mit dem Schmerz des Verlusts und dem Mysterium der Abwesenheit zu kämpfen haben. Vielleicht aber haben die Toten auch Gefühle. Wenn man darüber nachdenkt, ist das sogar der Urgrund vieler Geistergeschichten. Und genauso verhält es sich bei A Ghost Story, David Lowerys genialen und bewegenden Film von 2017.

Dies ist die Geschichte eines Gespenstes, dessen Namen wir zu keiner Zeit erfahren, auch als es noch als Mensch existiert nicht. Es schwelgt in einigen der üblichen gespenstischen Verhaltensweisen: es schlägt Bücher aus den Regalen, lässt Glühbirnen flackern, öffnet mitten in der Nacht Schranktüren und verängstigt eine Familie durch einen großflächigen, übernatürlichen Wutanfall.

Die Wirkung all dessen auf den Betrachter ist seltsam und intensiv, aber nicht gerade beängstigend im Sinne der erwarteten Horrorfilm-Manier. Im Zeitalter der breit angelegten, digitalen Möglichkeiten verfolgt Lowery einen bewährten, einfachen Ansatz. Unser Gespenst ist ein Bettlaken mit ausgeschnittener Augenpartie. Das hindert  die Figur aber nicht daran, uns ein grüblerisches, schwelendes Temperament hinter dem Stoff zu offenbaren. “A Ghost Story – Zeit ist alles” weiterlesen

A Ghost Story – Zeit ist alles

Es gibt natürlich Gründe dafür, warum Geschichten, die sich um Trauer drehen, auf die Erfahrungen der Lebenden (der Überlebenden) fokusiert sind, die mit dem Schmerz des Verlusts und dem Mysterium der Abwesenheit zu kämpfen haben. Vielleicht aber haben die Toten auch Gefühle. Wenn man darüber nachdenkt, ist das sogar der Urgrund vieler Geistergeschichten. Und genauso verhält es sich bei A Ghost Story, David Lowerys genialen und bewegenden Film von 2017.

Dies ist die Geschichte eines Gespenstes, dessen Namen wir zu keiner Zeit erfahren, auch als es noch als Mensch existiert nicht. Es schwelgt in einigen der üblichen gespenstischen Verhaltensweisen: es schlägt Bücher aus den Regalen, lässt Glühbirnen flackern, öffnet mitten in der Nacht Schranktüren und verängstigt eine Familie durch einen großflächigen, übernatürlichen Wutanfall. “A Ghost Story – Zeit ist alles” weiterlesen

Im Garten ist was faul

Gut zwanzig Minuten nach Beginn des Films Schloss des Schreckens, basierend auf Henry James’ verstörender Geistergeschichte Das Durchdrehen der Schraube, steht die Gouvernante, die ihr Glück, in diesem großen Landhaus arbeiten zu dürfen, nicht fassen kann, im Garten, ganz in Weiß gekleidet, und schneidet weiße Rosen. Die Kamera ruht in der Nähe ihrer voluminösen Röcke, auf einer kleinen Gartenstatue, die sich in die Sträucher schmiegt. Es ist ein Cherub, aber er sieht irgendwie deformiert aus, und sein Lächeln hat etwas Schreckliches an sich. Das wird spätestens dadurch bestätigt, als ein praller schwarzer Käfer aus seinem Mund krabbelt. Der Käfer baumelt kurz auf der Lippe des Cherub, vibriert mit seinen kleinen Beinchen und fällt aus dem Blickfeld.

Ein merkwürdiges, krankhaftes Gefühl schleicht sich in die Brust des unbedarften Zuschauers, sowohl schrecklich als auch aufregend. Es ist dieses Insekt, das aus einer scheinbar festen Gipsstatue herauskommt. Es gibt ein Wort dafür: unheimlich. Schlagen Sie es in einem Standardwörterbuch nach, und Sie erhalten eine kurze, wenig hilfreiche Definition: “Im Garten ist was faul” weiterlesen

Durst – Ein Vampirfilm ohne Klischees

Als Park Chan-Wook seinen Vampirfilm “Durst” drehte, wollte er die Knoblauchzehen, Opernumhänge, Holzpfähle und andere schimmelige Genre-Stereotypen weglassen. Er beabsichtigte auch nicht, der gegenwärtigen Flut an Blutsauger-Fabeln mit ihren pubertierenden Helden und Heldinnen, wie etwa “Twilight” oder “True Blood”, noch ein weiteres Kapitel hinzuzufügen. “Im Westen gibt es diese große Ansammlung von Klischees in Vampirfilmen”, sagte der südkoreanische Autor und Regisseur.

“Ich dachte, mir könnte etwas Einzigartiges einfallen, indem ich diese Klischees wegließ.”

Aus diesem Grund sollte “Durst” als scheinbar erster Vampirstreifen in Erinnerung bleiben, in dem der Protagonist ein asiatischer römisch-katholischer Priester ist, der sich wegen seiner bisherigen Hilflosigkeit schuldig fühlt. Dieser bescheidene Mann des Glaubens, der vom führenden koreanischen Schauspieler Song Kang-Ho gespielt wird, wird aus Versehen zu einem sinnlichen nächtlichen Raubtier, als er freiwillig an einem Impfstoff-Experiment teilnimmt, das einen tödlichen Virus bekämpfen soll. Stattdessen erhält er eine ansteckende Transfusion, die ihn zum Vampir macht.,

In seinen früheren Filmen, darunter die koreanischen Megaerfolge “Joint Security Area” und “Old Boy”, der den Grand Prix beim Festival in Cannes 2004 gewann, hat Park eine technische Finesse bewiesen, die einige Kritiker zu Vergleichen mit David Fincher verleiteten, sowie eine Fähigkeit, unverbrauchte Bilder und metaphorische Bedeutung aus westlichen Filmgenres und Erzählkonventionen zu gewinnen. Kurioserweise wurde “Durst” teilweise durch den Roman “Thérèse Raquin – Du sollst nicht ehebrechen” (1867) des französischen Schriftstellers Émile Zola inspiriert, in dem es um eine junge Frau in einer fiebrigen Affäre geht. Sie entflieht darin einer seelenlosen Ehe und einer erstickenden Häuslichkeit. In “Durst” spielt die Schauspielerin Kim Ok-Vin eine ähnlich gefangene junge Frau, deren Charme einen priesterlichen Blutsauger anzieht.

Park sagte, er bewundere die Art und Weise, wie Zolas Roman “sich mit Liebe nicht nur als Begriff befasst”, sondern als alltägliche Realität von erdgebundener, fleischlicher Anziehungskraft. Mit “Durst” wollte Park in ähnlicher Weise etwas von der transsylvanischen Mystik abstreifen und “Vampirismus als etwas fast Biologisches behandeln, oder es als Krankheit zeigen”. Die eher düstere Kulisse von Krankenhäusern, einsamen Straßen und trostlosen Häusern – im Gegensatz zu der glamourösen, gotischen Inszenierung so vieler westlicher Vampirfilme – verleiht “Durst” auch eine naturalistische Qualität, die gespickt mit surrealen Happenings alarmierend und manchmal auch humorvoll daherkommt (z.B. als der wütender Vampir lässig auf einen Laternenpfahl schlägt, der dann in zwei Hälften zerbricht).

Obwohl niemand in “Durst” als Vampirabwehr ein Kreuz dabei hat, ist der katholische spirituelle Subtext des Films kein Zufall. Als Sohn akademischer Eltern wuchs Park als Katholik auf, bis er in der Pubertät zu dem Schluss kam, dass “es keine Grundlage gab, an die Existenz Gottes zu glauben”.

Obwohl seine religiöse Erziehung dabei half, sein jugendliches Weltbild zu formen, sagte Park:

“Wenn jemand behaupten würde, dass der Katholizismus einen ebenso großen Einfluss auf mich ausübte wie Martin Scorsese, wäre das eine riesige Übertreibung.”

Was ihm am meisten anhängt, sei die katholische Vorstellung von der Erbsünde, die unerschütterliche Schuld und die schillernd verzierten Traditionen der katholischen religiösen Kunst.

In “Durst”, sagte er, wollte er den Katholizismus und Vampirismus als grundsätzlich westliche Konzepte betrachten, die in die koreanische Kultur importiert wurden wie fremde Gegenstände, die in einen menschlichen Körper eingeführt werden. “Der Film handelt also von externen Elementen, die sich in einer neuen Umgebung wiederfinden.” Spannung baut sich in “Durst” unabhängig davon auf, ob diese externen Elemente letztlich akzeptiert oder abgelehnt werden, ob sie assimiliert werden oder am Ende ihre Wirte zerstören.

Der Regisseur schlug ein Sinnbild vor, wie er die Film- und Erzählkonventionen infiltriert und sie mit neuen Variationen und Ideen infiziert: “Man könnte fast sagen, ich bin der Keim, der in das Genre gelangt ist und alles vermasselt”, sagte er.

Nur wenige Regisseure sind einladendere Ziele für Fanboy-Verehrung und den Spott von Filmkritikern als jene, die Pulp-Genre-Filme mit höheren philosophischen Bestrebungen mischen. Doch Parks metaphysische Neigung (er studierte Ästhetik und Philosophie ) sollte für sorgfältige Betrachter seiner Filme keine Überraschung sein.

Seine Vorliebe für Blut, gepaart mit einer Handvoll Hochspannungssequenzen (einschließlich der berüchtigten “Old Boy”-Szene, in der die Hauptfigur, nachdem sie aus dem Gefängnis entlassen wurde, in ein Restaurant geht und seine Zähne in einem lebenden Tintenfisch versenkt), haben einige Rezensenten dazu verleitet, ihn als Exploitationautor zu brandmarken, zu einem stilvollen, aber grausamen Tarantino-Möchtegern.

Bei näherer Betrachtung von Parks Werk zeigt sich aber nicht nur, dass er nicht nur wunderschön komponierte Bilder ästhetisierter Gewalt wie Sam Peckinpah komponiert, sondern auch moralische Anliegen anbietet, die sich mit Fragen des freien Willens, der Rache und der Selbstbeherrschung beschäftigen. Wie eine Reihe von Figuren in den Filmen von Alfred Hitchcock, dessen Meisterwerk “Vertigo” entscheidend dazu beigetragen hat, dass Park von seiner geplanten Karriere als Kunstkritiker abwich, sind Parks Charaktere eher orientierungslose Menschen, die in extremen Umständen gefangen sind, für die sie nicht selbst verantwortlich sind, die sich dann zu nichtumkehrbaren Handlungen gezwungen sehen, die ihre eigene Zerstörung herbeizuführen drohen.

In “Old Boy” (2003), der zweite Teil von Parks so genannter Vengeance-Trilogie, wird der Protagonist aus Gründen, die er nicht kennt, aus dem Gefängnis entlassen, nachdem er dort 15 Jahre lang festgehalten wurde. Diese Kafka-artige Prämisse trägt eine Geschichte von Rache und psychologischer Manipulation vor, die auch als Allegorie der Beziehung zwischen einem gottähnlichen Regisseur und seinen langmütigen Schauspielern gedeutet werden könnte.

Park sagte, dass seine Vorliebe für klaustrophobische, gefängnisähnliche Situationen in seinen Filmen von der Fähigkeit herrührt, die Ideen, mit denen er es dadurch zu tun bekommt, zu reinigen und zu verschlanken. Indem er seine Filme auf eine begrenzte Anzahl von Variablen reduziere, könne er Mikrokosmen konstruieren, darin enthaltene Universen, in denen menschliches Verhalten intensiviert wird.

Und wenn dieses Verhalten oft beunruhigend ist und die Umstände seiner Charaktere nervenaufreibend sind, dann meint Park, dass das so ist, weil sie gar nicht so ungewöhnlich sind, wie wir vielleicht glauben möchten. Er beschreibt den inhaftierten Charakter in “Old Boy”, der nicht weiß, warum er festgehalten wird oder wann (wenn überhaupt) er freigelassen wird, als “Metapher für einen fundamentalen menschlichen Zustand”.