Die Veranda

Das phantastische Leben in der alten Spinnerei

Kategorie: die stundenbücher (Page 1 of 34)

Sandsteinburg, Ende Buch Eins

Heute ist der letzte Audioteil des ersten Buches der Sandsteinburg von mir veröffentlicht worden. Das habe ich mit Mühe hinbekommen. Ob und wann ich an das zweite Buch gehen werde, ist gegenwärtig nicht zu erkennen. Hier noch einmal die Übersicht:

Buch 1: Der Elvegust

Die bisherige Gesamtlesung ist hier einzusehen. Andere Lesungen finden sich unter GrammaTau oder in der Audioveranda.

Wie ein Kamin

Was ist, wenn man so wenig Achtung vor dem eigenen Werk hat, dass man es quasi hinauswirft, aus dem Fenster schmeißt, mit vollen Händen ausgibt, anstatt zumindest so zu tun, als ginge man als Künstler einem legitimen Beruf nach? Oder ist es gerade umgekehrt, die größte Achtung vor dem eigenen Werk, wenn man es wie den Atem sausen lässt (auch als Atmer geht man keinem Beruf nach), weil man ja tut, was getan werden muss; ist es also die Achtung vor dem eigenen Atem, der geliehen ist wie alles, was uns umgibt? Ist man also Geck oder Priester, weil man sich ja massiv von all den Konsumenten und Funktelefonisten unterscheidet, die viele Teile der Erde bevölkern, ist man endlich im Zorn angekommen (der wie ein Kamin die Kemenate wärmt)?

Auch in der Entstellung

Adam sagt, er sehe mir sehr gerne dabei zu, wie ich versuche, meinem seltsamen Werk einen Klang zu geben. Der Wert des Lebens auch in der Entstellung. Wir gehören nicht hierher, und doch sind wir da. Ich selbst zähle mich zum Artensterben, das jetzt ohnehin grassiert. Vor mir gab es viel von mir, nach mir wird es nichts mehr geben.

Keselground II rückt näher, während ich in den Seilen hänge. Erst schob ich es auf den Wein, dann auf den Blutverlust (der wirklich lächerlich war), gestern aufs Wetter und heute gehen mir die Argumente aus.

Primo & Secondo

Ich verstehe zumindest so viel, das ich zwei Leben habe. Eines, in dem ich mir regelmäßig Blut abnehmen lasse; und eines, in dem ich nur über Bedeutungen, Wahrnehmungen und Symbole nachdenke. Das “blutig” genannte Leben ist auch eines der Ernährung. Sind die Königsberger Klopse etwas anderes als Ricardo Piglias Kurzformen? Ist der Milchkefir, den ich seit präterpropter zwei Monaten anrichte etwas anderes als die Carl Barks-Sammlung? Und was hat das mit meinem Blut zu tun? — Die Suche nach Ursächlichkeit auf der einen Seite, die Lust am Widersinn auf der anderen. Chaos und Ordnung. Ich hätte schon Medizin studieren müssen, um mich zumindest ein wenig zu verstehen. Aber ich halte mir lieber einen Arzt. Früher waren es Hunde, Katzen …

Ausgekugelte Ohren

Wie Macedonio Fernández an einem Buch schreiben, dass dazu gedacht ist, unbeachtet zu bleiben. Eine reizvolle Idee. Der Idiolekt, die chiffrierte, persönliche Sprache. Daran ändert auch Die Veranda nichts, es ist bequem so, wie ein Schuh, der sich durch Nässe erst aneicht. Früher musste man seinen avantgardistischen Sinn noch mit Flaschen voller Wein und dreckig wie ein Gossenhund in die bürgerliche Welt hineintragen, mitten in ihren Sonntagsstaat. Das hat sich sehr verändert; heute bedeutet alles Rückzug. Man kann alles von oben betrachten. Die Schmierfinken veröffentlichen ein Buch nach dem anderen, das Buch selbst ist das Ziel (oder schlimmer gar: das digitale Nichtvorhandensein – hinfortgedachtes Papier), nicht der Text, schon gar nicht die Sprache. Mit der aber allein ist alles möglich. So beharre ich darauf, manches “falsch” zu betonen, damit – wenn schon nicht die Wörter – der Klang zum Hyperbaton wird, über das man unweigerlich stolpert. Ich liebe stolpernde Zungen, noch mehr aber ausgekugelte Ohren.

Ulixes

Tatsächlich fetzten wir gestern mit einem Mietwagen über völlig verstopfte Autobahnen – was ja an sich eine glasklare Sache ist:  SonntagSonne programmiert den Gehirnstamm auf die LandfraßStraßen. Wir aber hatten eine Mission, die wir dann hinter Ulm abbrechen mussten, klaustrophobische Zustände sagten also die Reise in den Odenwald ab (was ein Krankheitsbesuch geworden wäre). Um den Tag noch zu retten, rollten wir ins ehemalige Erdton-Studio, um etwas in meiner Vergangenheit herumzuwühlen und sie auf Gegenwärtigkeit zu testen. Es ist ein üppiges Land dort draußen, aber auch hier bleibt Vergangenes vergangen. Es gibt nicht einmal die Illusion von Gegenwart.

Der ekle Raum

Wir haben keine guten Schriftstseller, aber wir haben gute Übersetzer, und dafür sei jenen gedankt, die sich leidenschaftlich und ohne Aussicht auf Ruhm darum kümmern, dass hier literarisch überhaupt noch von einem Kulturland gesprochen werden kann. Das alles ist eigentlich kein handwerkliches Problem, sondern ein mentales. Vielleicht liegt meine unverwüstliche Ansicht aber auch daran, dass ich mich mit der deutschen Mentalität so gar nicht anfreunden kann. Meine zwei Versuche, auszuwandern (einmal nach Mexiko 1993 und einmal in die Schweiz 2005) sind ja an unterschiedlichen Dingen gescheitert. In der Schweiz verlor ich durch eine Scheidung mein Aufenthaltsrecht, in Mexiko lag das Unternehmen an umgerechnet zehntausend Mark, die mir für das Land, das ich kaufen wollte, noch fehlten. Puerto Angel an der Pazifikküste wäre meine Destination gewesen; zurück in Deutschland umfing mich mein altes bohemiales Leben, dem ich zu diesem Zeitpunkt nicht auskam. Ich siedelte im Blindflug ins Allgäu um, und bis auf das fünfjährige schweizer Erlebnis, bin ich seitdem umgeben von Bergen, Kühen und – betrachtet man die Lebensmittelskandale der Republik – gesundem und erstklassigem Essen. Aufregung liegt mir nicht mehr.

Notizen zur Sandsteinburg

Alle Erfindung, die ich mache, geht von einem Impuls aus, der vielleicht selbst schon Erfindung ist. Mir erscheint wahr, was nicht zu erkennen ist, denn es muss mehr erahnt als gesehen werden. Die Irrungen sind selbstverständlich künstlerische Voraussetzung. Wenn da nicht die Sprache wäre, selbst ein irrationales System. “Ich gehe” ist poetisch; “Ich gehe ins Haus” ist es nicht. Tatsächlich wird unsere Unzulänglichkeit gut in der Sprache sichtbar, in jeder Sprache, die wir wählen; natürlich ist Sprache nicht zur Kommunikation gedacht, dafür eignet sie sich nicht; sie eignet sich ausschließlich als künstlerischer Ausdruck.

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