Die Veranda

Das phantastische Leben in der alten Spinnerei

Kategorie: kardinale gedanken (Page 1 of 8)

Notizen zur Sandsteinburg

Der Sturm, von dem hier die Rede ist, war einer der heftigsten, die ich je verschlief. Ich mag noch andere Stürme verschlafen haben, schließlich ist schlafen eine Arbeit, die verrichtet werden muss, manche behaupten, um sein Innerstes neu zu justieren, dabei senden wir in diesem Zustand unsere gesammelten Informationen an den Argus, dem wir die Augen sind.

Die ersten Notizen zur Sandsteinburg entstammen einem Traum – es gibt keine Literatur ohne Traum -, wenn auch das, was da im Jahre 2005 in der Schweiz über mich kam, kaum mehr kenntlich im Text auszumachen ist. Tatsächlich ist der ehemalige Anfang jetzt der Schluss. Nicht ganz der Schluss, aber schluss=nahe. In diesem Traum ging es um einen Hund und ein Bettgestell. Der Hund war eindeutig ncht Bella, von der hier die Rede ist. Nicht jener Hütehund, der mich in den Arsch zwickte, sondern jener, der überhaupt keine andere Rolle spielte, als das Traumgemälde zu vervollständigen, das aus einer korpulenten Dame bestand, die zusammen mit ihrem Bettgestell eine Busreise unternehmen wollte.

Bernd Michels ist eine der wenigen Figuren, denen ich nie begegnet bin. Ich hätte auch meinen Detektiv Egon Brunswick für diese Rolle heranziehen können, aber der war zu dieser Zeir noch Kunststudent. Hohenner hingegen war mein Kinderarzt. Das war eine Zeit, als es noch Ärzte gab, die etwas konnten und über das Land reisten. Er hat mich ein paarmal zusammenflicken müssen, als ich auf der großen Müllhalde in eine Coca Cola-Scherbe fiel, als ich mir den halben Daumen mit einer Brotschneidemaschine absäbelte usw. Man könnte jetzt sagen, ich hätte ihm kein nettes Denkmal errichtet, aber es versteht sich von selbst, dass der Hohenner des Romans nicht der Flickschuster meiner Kindheit ist. Ich war selbst erschüttert, als ich davon hörte, dass er Augen sammelte…

Zum reinen Hören empfielt sich dieser Reiter, der alle Files enthalten wird.

Notizen zur Sandsteinburg

Es sind jene Romane, die dem Gedicht gleichen, stets fragmentierte Romane. Es sind also jene Romane die höchsten Romane, die dem Gedicht gleichen. Kein unsinniges Einfangen der Welt, sondern das Einfangen der fraktalen Momente. (Das mit dem „unsinn“ ist eine lässliche rhetorische Floskel – ich bin ein großer Verfechter des „Unsinns“, weil er so sehr (und so wichtig) dem poetischen Geist entspricht, man könnte sogar so weit gehen und behaupten, er sei der poetische Geist in seiner Quintessenz. Jedes echte Gedicht ist per se unsinnig. Bei dieser Beschäftigung entsteht ein Sub-Sinn, ein wirklicher Sinn in der Wahrnehmung, die ja seit der Industrialisierung verkümmert und auf einen angeblichen Zweck rduziert ist. In einem (modernen) Gedicht entdecken wir das, was wahr ist.). Und in einem Roman ist „Wahrheit“ ebenfalls nur dann aufzuspüren, wenn er ein absichtsvolles Fragment darstellt.

Notizen zur Sandsteinburg

Eine Kulisse ist mir oft alleiniger Beweggrund; das stimmt insofern, als dass colëiz das Flüssige meint. Anfangs dachte ich mir ein Kaleidoskop, doch das wiederum bezeichnet in seinem griechischen Urgrund eine schöne Gestalt. Auch Jigsaw Puzzle wäre eine trächtige Bezeichnung, denn Rätselhaftes und Wunderliches sind präsent, allerdings nicht im Sinne eines Ratespiels. Nein, es ist die Kulisse, die eben auch die Atmosphäre mitbetont.

Meine Urgroßmutter Johanna Specht lebte und starb in diesem Schloss (das nur noch einen Flügel besitzt); dieses Gebäude illuminiert den ganzen Roman, wie ebenfalls die Eger, Schwarzenhammer/Kaiserhammer. Bereits in der Entropia – im Grunde eine Fingerübung zur Sandsteinburg – machte ich den Ort zum Akteur. Außer Friederike Mayröcker hatte sich damals niemand für das schmale Büchlein interessiert, aber das ist nicht wesentlich, oder besser gesagt: es ist insofern wesentlich, als dass Friederike Mayröcker tausend Leser aufwiegt, denn es ist durchaus von Bedeutung, wer liest und wer versteht. Eine Masse hat keine Bedeutung für den Geist. Damit wil ich jedoch nicht herunterreden, dass ich aufgrund meines solitären literarischen Geweses fremd in Zeit und Raum bin. Und anders wird es mir mit der Sandsteinburg, die neben GrammaTau mein Hauptwerk bildet, nicht ergehen. Doch hat auch das nur insofern eine Bedeutung, als dass ich eine Essenz in einem Flakon fange wie ein Körper seinen Lebensgeist beinhält.

Wie man sehe  kann, genügt mir das alleinige Schreiben hier nicht, ich will dem Spektakel einen Körper geben, indem ich lesend spreche.

Es gab einen Surm – Beginn des 3. Kapitels

Eine Bilanz, von Thomas Owen

Übersetzt von Michael Perkampus. Im Original erschienen in der Weird Fiction Review. Eingeleitet von Edward Gauvin.

Belgier sind große Spaßmacher und Betrüger. Und das durch alle Gesellschaftsformen hindurch. Passenderweise war die Gründerfigur der frankophonen belgischen Literatur der folkloristische Schelm Thyl Ulenspiegel, wie er in Charles de Costers epischem Werk Die Mär von Eulenspiegel und Lamme Goedzak und ihren heroischen, ergötzlichen und rühmlichen Abenteuern in Flandern und anderen Ländern auftaucht. Die eine Hälfte Französisch, die andere Hälfte Flämisch (mit einem Funken Niederländisch und Deutsch); belastet mit einem entzweiten, aber kämpferischen Selbstwertgefühl; seit Jahrhunderten das Schlachtfeld Europas, leidend unter schnell aufeinanderfolgenden Besatzungsmächten, die ohnehin durcheinander geratene Identität zusätzlich durch das durchs Land trampelnder Armeen getrübt, reagierte Belgien auf die Fragen der Identität mit Extravaganz und den Launen der Fantasie.

Resignation, Selbstironie, und Ironie, stellt der Historiker Jacob Roel fest, wurden zur Überlebensstrategie, entwickelt, um den harten Fakten des Lebens etwas entgegen setzen zu können. Belgier haben die Exzentrik zu einem nationalen Charakterzug erhoben. C’est belge kann alles bedeuten: von hirnlos bis bizarr. Der Königspalast in Brüssel verfügt über einen Raum, dessen Decke komplett mit Hunderttausenden winziger Rückenpanzer eines in Thailand beheimateten Käfers dekoriert ist. Der Titel: Himmel der Lust.

So hat auch der belgische Fabulismus eine finstere Vornehmheit, bestehend aus einem anspruchsvollen, gewählten Ton, verbunden mit einem Gefühl von Unheil und – manchmal – Angst. Im Gegensatz zu den wilderen Franzosen ziehen es die belgischen Autoren vor, die tagtäglichen Heimlichkeiten zu Gunsten eines sorgfältigen Realismus zu untergraben, der die phantastischen Elemente um so fesselnder und aufwühlender erscheinen lässt. Mit bescheidenem Witz entwickelten die Belgier eine Nationalliteratur der Träume.

Eine Sache, die eine Gemeinschaft als solche definiert, ist es, Lügengeschichten übereinander zu erzählen. Das verleiht vielen Texten eine fast mündliche Unzuverlässigkeit. In Thomas Owens Kurzgeschichte The Bernkastel Cemetery ist einer der Protagonisten Owens Zeitgenosse und Mentor Jean Ray. Aber es ist nicht der Jean Ray, der berühmt ist für seine übernatürlichen Geschichten: es ist ein Jean Ray, der auftritt wie eine Mischung aus Indiana Jones, Pater Damian und Robert Langdon, Abenteurer, Exorzist und Gelehrter in okkulten Dingen. In einem der zahlreichen Essays taucht Ray sogar als Tarantelzähmer auf. Ray war überhaupt eine populäre Figur in den Büchern aller seiner Freunde. Die folgende Generation hat diese Tradition aufrecht erhalten: Thomas Owen geistert – eine höfliche und unheimliche Erscheinung – durch die Werke von Anne Richter und Nadine Monfils, die von leicht fantastisch bis markerschütternd reichen.

Thomas Owen (1910 – 2002) ist einer der Namen, die regelmäßig zusammen mit Jean Ray als eine Säule der belgischen Phantastik genannt wird. Sein richtiger Name war Gérald Bertot, seines Zeichens Strafverteidiger, Kunstkritiker, Krimiautor und Manager einer Müllerei. Unter seinem Pseudonym verfasste er mehr als 300 Geschichten und verpasste darin der Horrorerzählung Wirtschaftlichkeit und Reinheit. Seine beunruhigenden Erzählungen wurden oft mit Edgar Poe und Dino Buzzati verglichen. Es gibt eine Beständigkeit der Weltsicht in Owens Werk: die existentielle Angst, die Thomas Ligotti auf einem Klappentext richtigerweise als „den Alptraum, lebendig zu sein“ bezeichnet.

Eine Bilanz
von Thomas Owen

Was ich am wenigsten an Lovecraft mag ist seine Liebe zu Katzen. Was mich am meisten verblüfft, ist seine Fähigkeit, zu träumen, sich Dinge vorzustellen, zu erfinden, seine Visionen, seine Vorahnung von der Unendlichkeit des Universums, und sein Gefühl für Angst, Terror und Panik vor dem unergründlichen Unbekannten, das er erriet, suchte, bewahrte, wie es sich der menschlichen Wahrnehmung offenbart, wie es stets entgleitet, wenn wir versuchen, in dessen Nähe zu kommen, formlos, gallertartig, erschreckend …

Was mich begeistert, ist die verbale Seite seines Deliriums, Wortreich, von Grund auf neu geschmiedet für die Schönheit dieser Worte Klänge, der beschwörenden Kraft ihrer klangvollen Architektur. Nyarlathotep, Inquanok, in Kadath … Oder gleichzeitig in Babylon, unter den Chickasha-Indianern, und in ferner Sternzeit. Was mich amüsiert ist, dass ich seinem Randolph Carter in Oklahoma begegnete; ich reiste mit ihm den ganzen Weg nach New Orleans. Und dieser Randolph Carter schien lediglich eines dieser Pflanzengehirne zu sein, zukünftiger Bewohner eines radioaktiven Kometen, obwohl sein äußeres Erscheinungsbild dem eines wohlhabenden Bauern glich, der sich frech an seinem Hinterteil kratzt und nichts anderes im Schilde führt als im French Quarter, am Ufer des Mississippi die riesigen Brüste von Rita Alexander zu betrachten, auch bekannt als Champagner-Mädchen oder Miss Goldfinger …

„Sie tragen einen berühmten Namen,“ sagte ich diesem einfachen, unprätentiösen Mann, dessen Frau Rezepte für die Arcadia Post verfasste.

„Ich bin dieser berühmte Mann,“ sagte er, auf einem Zahnstocher kauend. „Sohn von Edmund Carter, dem Hexenmeister – aus Salem, natürlich,“ lächelte er.“ Und Urahn von Pickman Carter, der in zweihundert Jahren die mongolischen Horden nach Ozeanien zurückdrängen wird.“

Bei solchen Worten aus seinem Munde schüttelte es mich vor Erstaunen.

„Lovecraft?“ fragte ich ihn, von leidenschaftlichen Emotionen heimgesucht. „Hat das irgendeine Bedeutung für Sie?“

Der Mann senkte seinen Blick und schien für einen Moment lang zu meditieren. Dann sagte er mit leiser Stimme: „Hören Sie gut zu. Er erzählte mir (ihm oder Ward Phillips Warren oder sogar beiden) folgendes: ‚Carter, bei der Liebe Gottes, legen Sie den Stein zurück und retten Sie sich selbst, wenn Sie können! Sofort! Lassen Sie alles stehen und liegen und hauen Sie ab! Das ist ihre einzige Chance! Tun Sie, was ich sage und fragen Sie nicht nach dem Grund!'“

Das rührte an eine Erinnerung, die tief in mir verborgen war; der Mann wusste davon und spielte mit meiner Furcht. Bei Brennan, wo wir ein flambiertes Papa Brûlot mit feinstem St. John-Rum zu uns nahmen, beugte er sich über den Tisch und artikulierte klar und deutlich jede Silbe, als er sagte: „Neugierde! Unzumutbare Schriftsteller! Warum trachten sie danach, verstehen zu wollen? Warum wollen sie das festhalten, was vergänglich ist? Howard Phillips starb dafür, dass es ihn in die Nähe der ultimativen Leere gezogen hatte, wo Azatoth, Dämonsultan, sein Kauderwelsch zornig in die Dunkelheit speit.“

Eine Welle aus Ungeduld und Verzweiflung erfasste ihn. Er stieß das Glas Eiswasser um, das man gerade erst vor ihn hingestellt hatte.

„Dummkopf!“ rief er. „Er ist tot!“

Er stand auf und taumelte aus dem Zimmer, was traurige Blicke der Verwunderung nach sich zog. Ich blieb, wo ich war, erstarrt in teilnahmsloser Würde. Ein schwarzer Kellner brachte ein weiteres Glas mit Eiswasser.

Erstveröffentlichung in Cahiers de l’Herne, No. 12. Die Nummer war Lovecraft gewidmet, 1984.

Wo liegt Entenhausen?

Es kommt für jeden einmal die Stunde, da er sich diese Frage stellt, wo Entenhausen denn eigentlich liegt. Nun ist diese naturgemäß nicht so leicht zu beantworten, was man allein daran sieht, dass es darüber unterschiedliche Meinungen gibt. Über eine Stadt wie München muss man nicht diskutieren, sie verändert ihren Sandort nicht. Verändert denn Entenhausen seinen Standort? Nun, das hat es tatsächlich schon einmal gegeben, nämlich als Erika Fuchs – die ja den Namen überhaupt erst erfunden hat –  für sich beschloss, dass Entenhausen in Deutschland liegt, genauer: in Oberfranken, und noch genauer: in Schwarzenbach an der Saale. Dort nämlich, wo sie lebte, als sie als erste Chefredakteurin der Micky Maus und Übersetzerin die erste Generation deutscher Disney-Fans mit ihrem Sprachwitz prägte. Von da her ist es folgerichtig, Entenhausen in Deutschland zu verorten – und die Donaldisten haben das dann auch getan. Carl Barks war natürlich der Urheber jenes Duckburg, das Erika Fuchs erst zu Entenhausen machte, und hier haben wir das erste Problem vor uns, denn eigentlich ist Entenhausen nicht einfach nur eine Übersetzung von Duckburg, auch wenn wir heute ein und dieselbe Stadt darunter verorten – was ja im Grunde richtig ist.

Das hier ist „Der einzig wahre Stadtplan von Entenhausen“ des Donaldisten Jürgen Wollina, der nach 13jähriger Arbeit der Welt im Jahre 2008 vorgestellt wurde. Er kann bei der donald.org bestellt werden und sollte in keiner Sammlung fehlen.

Ein Stadtplan gibt natürlich noch keine Auskunft, wo sich eine Stadt überhaupt befindet, und um das zu klären, muss man zwei Dinge wissen. Erstens: Woher kam Carl Barks, und zweitens: Was ist Entenhausen (im Sinne von Duckburg) überhaupt.

Die Allgemeinheit geht davon aus, es handle sich bei Entenhausen um einen fiktiven Ort, der sich nirgendwo befinde, weil er ja eben fiktiv sei, bloße Erfindung. So einfach ist es aber nicht. Ich nämlich behaupte: Entenhausen existiert. Reisen wir nicht andauernd dorthin, um mitzuerleben, was sich dort so tut? Und selbst wenn das noch nicht genügen würde – seit Jahrzehnten schicken Zeichner, Texter und Leser gewaltige Energien aus, um Entenhausen zu erschaffen und weiterzuentwickeln. Wir können nur nicht körperlich anwesend sein, weil Entenhausen in einer anderen Dimension liegt, so wie Träume (die ja ebenfalls existieren). Die wissenschaftliche Disziplin des Donaldismus geht etwas anders vor, sie stützt sich überhaupt erst auf die Prämisse, dass sich Barks die Geschichten nicht einfach ausgedacht hat, sondern dass sie wahr sind. Also auch keine Traumreisen, keine Literatur oder Fantasie, sondern absolut wahr. Und das führt wiederum zu dem Problem, dass auch nur Carl Barks aus Entenhausen berichten konnte. Tatsächlich wird man diese wunderbare Stadt zunächst einmal in Barks eigener Erinnerung finden, denn nichts entsteht im luftleeren Raum. Ob andere Zeichner Entenhausen dann woanders hin verfrachteten, muss erst untersucht werden.

Calisota

MMSH 16

Beachtet man alle Hinweise, kann es keinen Zweifel geben, dass Entenhausen alias Duckburg in Nordamerika liegt. In einigen Fällen gibt es sogar Entfernungshinweise. So ist zB. Puget Sound (eine Meeresbucht im Norden der USA) 1000 Meilen entfernt, Burbank wird als in der Nähe liegend erwähnt. Aber all die Hinweise werden uns Entenhausen natürlich nicht finden lassen, weil es aus einer Zusammensetzung besteht. Barks hat lange in Hemet, Kalifornien gelebt und von dieser Erfahrung viel in seine Arbeit integriert. Allerdings ist Hemet keine Küstenstadt, Entenhausen aber schon. Und Barks hatte viel übrig für Schneelandschaften. Aber auch da konnte er auf seine Erinnerungen zurückgreifen, denn aufgewachsen ist der Meister in Oregon und lebte in den 30ern in Minnesota, also ganz im kalten Norden, an der Grenze zu Kanada. Duckburg stellt nun genau diese Kombination her. Dass Entenhausen in einem erträumten und zusammengesetzten Staat liegt, erwähnt Barks selbst. In der Geschichte „Gilded Man“ (dt. „Jagd nach der roten Magenta“) von 1952 (Deutscher Erstdruck im Micky Maus Sonderheft 16) gibt es folgenden Hinweis: „She floated away in 1901. Said forward her mail to 45 Mallard Avenue, Duckburg, Calisota“. In der deutschen Übersetzung findet sich das allerdings nicht, wie überhaupt die (sicher zu recht) hochgelobte Erika Fuchs in ihren Übersetzungen auch viel Schaden anrichtete. Calisota ist nun also diese Verbindung aus Kalifornien – dem Sommer, das Meer, die Palmen, die Wüste) und Minnesota (Berge, Winter, Flüsse). Nur wenn man diese erinnerten Verbindungen und präzisen Beobachtungen Barks kennt, wird man Entenhausen finden.

Stella Anatium

Die Ducks sind keine Enten, sie sehen nur so aus. Warum wir einen Teil der Bewohner Entenhausens als Tiere sehen, ist bisher noch nicht eindeutig geklärt, hat aber etwas damit zu tun, wo Entenhausen überhaupt liegt. Weiter oben habe ich ein paar geographische Daten herbeigezogen. Die sind allerdings nur halbwegs plausibel, wenn man davon ausgeht, Entenhausen sei auf unserer Erde zu finden. Es gibt da unterschiedliche Theorien.

Wir selbst sind im Grunde Affen, bezeichnen uns aber genauso als Menschen wie die Bewohner Entenhausens. Tatsächlich erscheinen uns neben Enten Mäuse, Hunde, Schweine, Wölfe, usw. Aus einem bestimmten Grund glaube ich, dass es etwas mit der Charakterbildung zu tun haben könnte. Wir selbst geben uns Tiernamen. Schweine, Ratten, Hunde, Vögel oder Füchse sind bei uns ebenfalls zu finden; Frauen sind Katzen, Hühner, Kühe oder Hasen. Es gibt in Entenhausen freilich auch Menschen, die tatsächlich so aussehen. Das ist sogar die Mehrheit, eine undefinierbare Masse – wie auch bei uns. Sie sind meist unspektakulär, reines Requisit. Und trotzdem sehen die Entenhausener Menschen nicht wirklich so aus wie die Menschen auf der Erde. Wir erkennen sie nur, weil sie sich ganz eindeutig von all jenen unterscheiden, die animalid aussehen.

Es gibt Donaldisten, die behaupten, Entenhausen wäre eine längst vergangene Epoche, läge also in der Vergangenheit; und es gibt Donaldisten, die sagen, Entenhausen läge in der Zukunft (Atomtheorie). Das ist jene Strömung, die Entenhausen auf unserem Planeten verortet. Das Problem daran ist, dass wir bisher auf keinen einzigen Hinweis gestoßen sind, der uns Entenhausen in der Vergangenheit glaubhaft machen könnte. Das gleiche lässt sich über die Zukunft sagen, wenn auch mit einer etwas anderen Argumentation. Es ist nämlich höchst unwahrscheinlich, dass es noch einmal zu einem Goldrausch am Klondike kommen wird, oder dass jemand wie Dagobert Duck in einem Menschenleben sowohl den Goldrausch als auch die Eroberung des Weltraums erlebt. Denkbar schon, aber unwahrscheinlich. Das wichtigste Gegenargument ist aber – wie auch schon bei der Theorie über die Vergangenheit – das nicht vorhandene Interieur unseres Planeten. Bedenkt man, was wir unseren künftigen Generationen alles hinterlassen, ist es doch wenig glaubhaft, dass die Entenhausener ihrerseits nichts von unseren Hinterlassenschaften je entdeckt haben.

Die interessanteren beiden Theorien gehen so: Entenhausen befindet sich auf einem anderen Planeten; und: Entenhausen befindet sich in einem Paralleluniversum. Diese beiden Theorien gehen meistens Hand in Hand, es ist die berühmte „Stella Anatium“ – Theorie, und diese ist, meines Erachtens, die richtige. Allerdings glaube ich dabei nicht direkt an einen anderen Planeten, sondern tatsächlich an ein Paralleluniversum. Schließlich ist die Erde Entenhausens auch als Erde erkennbar und wird in den Comics nicht anders genannt. Auch die historischen Ereignisse gleichen sich auf verblüffende Weise. Nimmt man alle Ähnlichkeiten mit unserem Planeten zusammen, könnte es sich – sieht man einmal von manchen sonderbaren naturwissenschaftlichen Problemen ab – eben auch um unsere Erde handeln. Es ist ja gerade diese Ähnlichkeit, die manche Donaldisten zu ihrer Terra-Theorie veranlasste.

Es gibt noch weitere Theorien, aber die lassen sich alle in die genannten eingliedern. So geht die Chrononen-Theorie ebenfalls von einem Paralleluniversum aus, erklärt die Verzahnung mit unserer Welt nur etwas anders, indem es den Zeitbegriff modifiziert. Die Frage,die mich beschäftigt, ist die nach der Möglichkeit einer Kontaktaufnahme. Und die hat nichts mit moderner, sondern mit alter Wissenschaft zu tun. Darüber gilt es nachzudenken.

Emma Frances Dawson

Emma Frances Dawson wurde 1838 in Bangor, Maine geboren, aber ihr Geburtsjahr ist umstritten. Sie verdiente ihr Geld durch Übersetzungen aus dem Lateinischen, Griechischen, Französischen, Deutschen und Spanischen, was bereits ihre geballte Sprachkraft andeutet. Außerdem gab sie Musikunterricht und schrieb Kurzgeschichten der befremdlichen oder unheimlichen Art, die in die Veröffentlichung „An Itinerant House an Other Stories“ 1896 einflossen. Das Buch ist mittlerweile eine gesuchte Rarität, für das man mehrere hundert Dollar auf den Tisch legen muss, falls man es überhaupt noch findet.

Die Rettung dieser außergewöhnlichen Kollektion kam durch Thomas Loring and Company of Portland, Maine mit einer Faksimile-Ausgabe zustande. Das Original wurde um weitere Geschichten und eine Einführung von Robert Eldridge Pinkney ergänzt. Außerdem enthält es zehn Original-Illustrationen von Ernest C. Peixotto, einem Freund der Dichterin.

Ambrose Bierce war einer ihrer Mentoren und schrieb: „Sie überragt jeden Schriftsteller an dieser Küste, mit dessen Arbeit ich vertraut bin.“
Nach ihrem Tod wurde ihr von Helen Throop Purdy attestiert: „Sie besaß eine Phantasie und einen Stil, der selten ist. Ihre Erzählungen stehen an Atmosphäre jenen Poes in nichts nach.“

Den größten Teil ihres Lebens verbrachte Emma Dawson in der Umgebung von San Francisco, vor allem in Palo Alto, als Einsiedlerin und völlig verarmt. Nach einem Schlaganfall wurde sie erst drei Tage später entdeckt und in ein Krankenhaus gebracht, in dem sie eine Woche später im Alter von 86 Jahren 1926 verstarb. Trotz ihres schwierigen und einzigartigen Stils und der Dunkelheit ihrer Geschichten ist sie unter den Connaisseurs der phantastischen Literatur hochgeachtet.

Leider ist Emma Frances Dawsons Werk für den deutschen Markt nicht erschlossen und das wird sich, betrachtet man die literarische Situation hierzulande, wahrscheinlich auch nicht ändern.

Der Nihilismus des Rust Cohle

Dieser Artikel schließt hier an: Der König in Gelb

Es gibt Filme und Serien, die pumpen die Erwartungshaltung von Beginn an über jeden erwartbaren Horizont. Die meisten ambitionierten Werke – und das trifft ebenso auf Literatur zu – scheitern, wenn sie scheitern, am Ende. True Detective 1 scheitert nicht wirklich, aber die letzte Folge der Mini-Serie hält der unglaublichen Dichte nicht stand, was wirklich schade ist, denn bis dahin hat man nicht weniger als das Beste, was eine Mystery-Serie überhaupt aufs Parkett bringen kann vor Augen. Nicht weniger als eine Sensation.
Die Storyline, die sich an das moderne Erzählen durch Verschachtelung hält, die erzeugte, dichte Atmosphäre, die Wahl der Musik, sowie die fabelhafte Leistung der beiden Hauptdarsteller (Woody Harrelson, Matthew McConaughey) sind in der Summe nicht weniger als perfekt.

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Das Spukhaus

Seit der Antike bereichern Geisterhäuser unsere Vorstellungskraft: knarrende Treppen, zuschlagende Türen, flüsternde Stimmen, raschelnde Geräusche, zerbrechende Vasen, gurgelndes Pfeifen, klopfende Zweige am Fenster, huschende schwarze Katzen, klagende Hunde sausen schon ziemlich lange durch die Gänge unserer kollektiv erträumten Behausungen. In jedem Kulturkreis erzählt man sich Geschichten darüber, denn selbst, wenn wir uns zuhause und in Sicherheit wähnen, erkennen wir tief in uns an, dass es dort Dinge geben könnte, die nach uns greifen.

Spukhäuser stellen einen faszinierenden psychologischen Raum dar und erschrecken uns aus sehr ursprünglichen und tief verwurzelten Gründen. Auf einer Ebene verkörpern sie Freuds Konzept des „Unheimlichen“, in dem ein solcher Raum „seinen Terror nicht von etwas Fremdem oder Unbekanntem ableitet, sondern – im Gegenteil – von etwas Fremdem, das unsere Bemühungen, sich von ihm zu trennen, vereitelt“.

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