Die nackten Ufer des Strandes

An den nackten Ufern, festgestampfter Sand und nass, stehe ich und rufe dich: Komm!
Du willst ankern, aber nirgendwo ist das Land fest genug, nirgendwo ist die Zeit stabil, eine Lücke, wo wir stehen. Fische erhüpfen sich kristallene Insekten, die Wasseroberfläche kocht. Ein Huhn ohne Kopf, vom Hunger der Menschen gerichtet, flappt gegen die Sonne, eine Mücke im Licht. Der Wille ist ein letztes Aufbäumen, der Kopf auf dem Hackstock döst. Ein Huhn, ein Ikarus, ein Sonnenstrahl. Der Kopf liegt auf dem Hackstock und döst, aber sein Körper flattert nach Süden, fällt über einer Holzwippe zu Boden. Sie zieht ihre karierten Strümpfe über ihre weiße Haut, trägt nichts mehr außer ihrem Flaum, der sich im Wind, der das Huhn noch einige Meter durch die Lüfte wirft, aufrichtet. Angelruten stecken fest in der Erde. Komm! Mit dem Blut werden wir uns reinigen von der Reise, die hier endet. Ich halte die Axt, die uns stützen wird.

Hof um 1750

Und wenn die Städte so vor mich hinwogen
Wie ich sie auf alten Stichen erblicke, dann
Wird mir leicht der Sinn der Vergangenheit
Gewahr, die ich ungesehen in mir trage. Es
Sind stets die Entwicklungen des halbfertig
Gedachten, die man aus der Zukunft schaut,
Weil man nie den Geist der Zeit als
Mensch dieser Zeit in Erfahrung bringen wird.
Nur rühren Briefe und Zeugnisse an eben
Jenem Organ, das nur noch wenige in
Ihrer Brust gleich neben dem Herzen nähren;
Es ist die Gewissheit, wie doch alles kam.
Man möchte hinausschreien, die Maschinen
Mögen augenblicklich stoppen. Doch nichts hält an.

Carawahn

Dann sprach sie erst wieder, als er es ihr erlaubte, jedoch nicht mehr so fröhlich wie zuvor. Wie betäubt richtete sie ihr Haar, obwohl sich daran nichts verändert hatte. Sie fühlte sich beklommen, Sebastians Blick stach wie ein Messer auf sie ein, aber sie hatte das Gefühl, er sah nicht sie, sah nichts anderes als sich selbst.
Höre, draußen geht ein Sturm; den rufen wir: Los, Donnerhand! Den knechten wir mit Eisenband, und führn ihn´an der Lorelei vorbei und lachen aus dieses sich=kämmende Monster. Aus den Bechern rieselt Wort um Wort, ein Regen ist geworden; und all das fasst nicht an, womit das Herz bewohnt sein will. An kalten Tagen spickt man aus der Nische und wundert sich, wieʼs draußen geht. Doch hier im Stübchen glüht der Herd, bereitet warmen Mündern Speisen. Wir segeln durch die Endlosigkeit der Himmel, Sternenaugen, schwarz die Nacht; sie seufzt den silbernen Baum=Mond an, er fällt herab in Tränen, Licht der Nacht – die Erde ein violetter Brand im Saphirdunst des Orbits, während darunter Bäume in einer kühlen Brise baden. Wir passieren das Karmesinauge des großen Gottes Mars.
»Habt ihr viele Spiegel zu Hause?«

Baumdaimon

Im Traum sah er alle toten Menschen aufgestapelt über den Horizont der Erdscheibe schwappen und wie ausgebeinte Rinderhälften in den abyssalen Rinnstein rutschen. Ihre Ausdünstungen verwesten die Luft, die sich in seine Lungen verirrte und seinen Körper lähmte. Sein Atem gerann und zerfiel in tausend Stücke, die sich von ihm fortbewegten. Die Bäume schwiegen. Er hörte keine Vögel und spürte keinen Wind. Dann aber betraten fünf Tänzer die Lichtung, auf der er stand, Engel in ihrer verkommenen Reinheit, die sich betrunken und wie von Sinnen bewegten. Ein schwarzgekleideter, dürrer Mann mit Borkengesicht näherte sich langsam von links. In seinen Augen waren ›Rote Kobolde‹ gefangen und taxierten die Umgebung. Er beugte sich nach vorne und spuckte aus, traf einen langgestreckten Käfer, der sich zum Trocknen auf den Rücken wälzte. Lange betrachtete (Richard) die ominösen Seraphim und dann die Gestalt, die ihren Zeigefinger in die Luft streckte. Sofort begann dieser, sich in einen Ast zu verwandeln, dessen knorriges Ende Zweige auffächern ließ, die sich mit einem nahegelegenen Baum verbanden.
»Du bist eine gespaltene Person und bereicherst dich an der Grauzone, deren Ausmaße du nicht erahnst!«, sagte der Mannbaum. Dann drehte er sich um und ging geradewegs auf die tanzenden Engel zu, deren Enstase sich ins Unermessliche gesteigert hatte. Der Schaum vor ihrem Mund verklebte ihre Münder und ihre Augen waren unkenntliche weiße Schemen, worin die Pupillen in Intervallen zuckten. Die männlichen Tänzer hatten eine Erektion, während die weiblichen Engel rhythmisch ihr Geschlecht massierten.
Die schwarze Gestalt blieb direkt vor ihnen stehen, wartete, bis ein weiblicher Engel grunzend herangestolpert kam, und griff mit dem freien Arm, der sich sofort in einen Ast verwandelte, zu. Augenblicklich verfing sich der anvisierte Engel darin. Der schwarze Mann zog den weiblichen Engel aus dem Kreis der Tänzer, woraufhin diese wie vom Blitz getroffen zu Boden gingen. Er präsentierte ihn mit den Worten: »Sie ist der Schlüssel zu einem Gedanken!«
Der nackte Engel lag benommen im Moos und gurgelte und rollte abgehackte Wörter, die sich in abgestandenen Wein verwandelten, in seinem Rachen, der Schaum verschwand, die Augen drehten sich nach innen, die Geisterstunde war vorbei.
»Ich kam hier her, um mit den Bäumen zu reden, stattdessen fand ich dich«, sagte (Richard) und verschwand hinter einem Vorhang, den er sich ebenfalls nur einbildete.

(Dieses Fragment  befand sich im Original in “Seelen am Ufer des Acheron”, wurde dann für die Sandsteinburg umgeschrieben und jetzt wieder herausgenommen. Das liegt hauptsächlich daran, dass trotz Umgestaltung immer merklich blieb, dass hier eine andere Zutat Gültigkeit hatte, die sich nicht einfügen wollte. Zudem glaube ich, dass es mir möglich ist, den “Acheron” eines Tages selbst in ein – für mich – ordentliches Maß zu bringen, was für ein Werk, das ich im Kindesalter schrieb, eine gehörige Willenskraft bedeutet.)

WiederErweckung

Er lehnte sich zurück und nahm die Brille ab, die sich in Zeiten periodischer Weltbrände dem Urozean anschloss.
Er antwortete ihr in Druckschrift, dann entzündet er ein Räucherstäbchen. Durch die Bohlen der Kabine hörte er die Matrosen brüllen. Der Tag ging im nächsten Salon zu Ende, Spiegel an der Bar und Kronleuchter, schmiedeeiserne Türklopfer und Symphonien auf Notenpapier.
Der Alte legte eine Leiter an die östliche Wand der Kammer, jeweils eine Handbreit mit hellem Sand gefüllt, flach auf den Bauch. Es gab allerdings noch eine andere Möglichkeit, die Zwischenzeit sinnvoll zu nutzen, doch das war alles Nebensache geworden.
Kleine pastellfarbene Fasane verfingen sich im Zaun, der über die Felder zackte, über die Talsohle fegte, blassblau die Mäntel der Statuen, deren Blässe die Gesichter immer weiter bearbeitete; so warteten sie darauf, wieder erweckt zu werden.

(Dieses Fragment war sowohl in der Sandsteinburg – dort unter “Der Böhmwind” – als auch in der Hunderprosa – dort unter “Die Novelle” eingebaut. Aus beiden Gefügen wurde er jetzt entfernt.)

Das Problem hierbei ist, dass es sich um eines meiner “Insel-Fragmente” handelt, die jetzt erst einmal beiseite geschoben werden müssen.

Trichter der Unendlichkeit

Wenn überall die Himmel fehlen, kann sich alles nur mehr auf der Erde tummeln. Es gibt kein Entweichen keiner Kraft, mögen sie sich überlagern, um sich voreinander zu verbergen; nicht um nicht entdeckt zu werden, sondern um sich eigenen Raum zu schaffen – in einem Trichter der Unendlichkeit.

Kaiserhammer / Schwarzenhammer

Ein Ort denkt selten daran, Werk zu sein; und wenn er es dann doch wird, kann er sich dem Abstrakten nicht mehr entziehen; das zu sein, was er nie war. Hier erzählt es sich leicht vom Heksenkraut. Dieser Text ist vielleicht der beste Ausgangspunkt. Die Koordinaten sind: : 50° 8′ 0″ N, 12° 4′ 39″ O

Das Fichtelgebirge in seiner typischen Hufeisenform.

Und obwohl Schwarzenhammer und Kaiserhammer Geschwister sind, sind das nur Aneinanderreihungen des größeren Raha, das zu keiner Zeit die Größe Babylons oder Roms erreichte, aber dennoch das Sechsämterland umschloss.

Ich neige dazu, Lovecrafts Aussage ›I am Providence‹ zu entlehnen, wage aber nicht, diesen Satz anzupassen und dann zu übersetzen. Der Klang wäre entsetzlich, der Rhythmus überhaupt unrund. So lasse ich es bei der Andeutung.

Es sind die Hämmer, die uns Geschichten weben. 1499 wurde Schwarzenhammer als ›Mitlern Hammer‹ verzeichnet, 1787 gehörte der Ort zum Richteramt Selb, bestand aber nur aus einem Wohnhaus mit Erkerstube, Nebengebäuden, Feldern, Wiesen und Weihern. Erst als Christoph Schumann und August Schreider 1905 eine Porzellanfabrik errichteten, wuchs die Siedlung zu jenem Ort heran, der hier Namensgeber ist.

Der Einfluss von Kaiserhammer ist größer. Hier wurde 1787 ein Jagdschloss mit drei Flügeln und verschiedenen Nebengebäuden errichtet, nachdem bereits seit 1706 ein Jagdhaus und ein Tiergarten bekannt waren. Durch den Tannenforst führte eine gehauene Allee zu einem (1761 von Carl Gondard begonnenen) achteckigen Rundel, von dessen acht Fenstern im oberen Salon man durch acht Alleen, die durch den ganzen Wald gehauen waren, hindurchsehen konnte.

Es muss wohl kaum hinzugefügt werden, dass diese acht Alleen die ganze Welt umfassten.

Dort beim Heksenkraut (Endgültige Fassung)

Bereits seit Jahren arbeite ich an einer Fassung letzter Hand für alle Teile der Sandsteinburg. Da es sich dabei um ein ‘absolutes Buch’ handelt, wird es wohl kaum möglich sein, je einen endgültigen Druck davon in Händen zu halten. Natürlich geht es mir nicht um eine eventuelle Publikation – so etwas kann man nicht mehr verlegen -, aber um ein ‘Schrankmanuskript’, gesetzt und gebunden neben den ganzen Typo- und Manuskripten (und den kleineren Werken). Wenn ich mich nicht täusche, habe ich allein dieses textliche Vestibül um die zehn Male umgearbeitet. Warum als jetzt ‘endgültige Fassung’? — Weil jetzt alle Teile dort (und so) stehen, wie ich sie stehen lassen kann und will, und weil die Wirkung, die auf diese Weise erzielt wird, die richtige ist, so dass ich mich um den ersten Hauptteil ‘Der katabatische Elvegust’ kümmern kann.

Zweites surrealistisches Märchen (Pilze zu Gast)

C: Könntest du dir – und ich frage das ohne Hintergedanken – sonnengebräunte Pfifferlinge vorstellen, die eines Tages ihren Standort wechseln wollen? Und jetzt die eigentliche Frage: müssen sie nicht bei uns vorbeikommen, wenn sie ihr Ziel je erreichen wollen?

A: Aber doch, ja, ich denke, sie sollten sich Beine machen und recht flink bei uns vorbeikommen. Dann gesellen sich zu Flora und Faun auch die Fungi. Ich mag die Plasmodien der Gelben Lohblüte gebraten als “caca de luna” (“Mondkacke”). Pilze sind hübsch. Besonders die mit den Häubchen, den Schwammporen oder Lamellen.

C: Sie leben ja auch zu Mars, die Pilze. Da müsste sich doch was machen lassen, um für immer in den interstellaren Gebräuchen zu verschwinden? Sind sie erst da, werden sie schnell flach und alt. Sie seibern Stoffe von hoher Qualität und drängeln nicht wissentlich. Mehr von der Hinterfotze, also heimlich. Nun, du deckst den Tisch und ich suche in den Winkeln. Da fand ich noch immer von Spinnen geröstete Hüllen einst blühender Larven.

A: Dann sind sie, wenn sie auf meinem Tellerchen landen, flunderflach? Ist ihr Durchmesser dann nicht um ein Beträchtliches gestiegen? Wie soll ich sie dann verspeisen können? Klingt, als bräuchte ich danach einen “Fotzenspangler”.

C: Oh ja, ja oh! Sie sind dann so grooß wie einmal um die Oberfläche Gottes gelegt. Wie soll ein kleines Schnütchen wie das deine alles auf einmal wagen? Es gälte, sofort den Yogi – so man kennt – anzurufen, um eine fernöstliche Fressmethode zu erlernen. Wir machen es uns einfacher. Du wirst sehen: mit einer frisierten Kettensäge lassen sich auch Flunder brechen und in schlummernde Frittengröße schneiden. Aber horch! Da klingelts’s schon!

A: Äh, Monsieur Frits holt di Kättensege aus där Schübläd. Nurzu! Werden ja sehen, ob der Lappen Gottes nicht rechtzeitig über den Tellerrand schaut und hüpft. Vielleicht zieht er dann, höchst beleidigt, ziharmonisch reisend von dannen und es ertönt eine kosmische Melodei …

(RÖÖÖÄÄÄÄÄMMM BRABA BRABABA BRA, FROMM FROOOOOMM … (lautes Geschrei, das sich verbietet hier in Worte zu fassen. Und dann kippt auch noch irgendwo ein verdammter Stuhl um!)

ENDE

Gelächter hinter den Schächten

Dort flattern Engel aufgeregt ums Licht, stürzen mit versengten Flügeln in den Urgrund (Bäche Flüsse), bleiben zuckend liegen, schreien den Menschen um Hilfe an.
Wir sind von der Schlange unterbrochen worden; weißt du es noch, mein Ebenstern, mein simmerndes, einsames Lied, das ich dir von den Lippen stahl? Flogen oft hinunter zum Urgrund, der ätherischen Kraft entlang, Kundalini-Schübe zitterten mit uns, für andere war es nur ein Tanz. Wir kannten kein Ich, all unsere Instinkte markierten den Weg zur ungelenkten, chaotischen Kraft, getrennt durch flächige Membrane, silberschön. So atmeten wir die letzten Tabus, kannten kein Wesen, das uns an Kraft überlegen gewesen wäre, doch erobern wollten wir nur die Entdeckungen in uns, fanden wir dort doch die Welt in ihrem Keim, feindispers in einer fluiden Phase. In der Morgendämmerung des menschlichen Weltgefühls driftet, von Goldschatten eingekreist, der Drachenwurm in seiner perfekten Kreisform durch Himmel und Erde vor ihrer Trennung, ‘flos sapientum’ auf dem unendlich ausgebreiteten Rücken, schön wie ein Diamant, der in seine Einzelteile zerfällt, Geburts- und Zeugungsakt in einem. Wir, der wir der große Er/Sie sind, vereinigen uns mit unserem eigenen Schatten, kriechen aus unseren eigenen Höhlen und brüten aus Götter.
Schatten warfen sich neben sie, Kleinvieh flüchtete, den Berg, der zum Propheten kommt, ignorant auf sie herab scheinen sehend. Hand an Hand klebend warfen sie einen Blick nach oben zur Fassade, die sehr schön war, beinahe so schön wie ihre ineinander verschränkten Hände.
Die Stadt blinkt, Spielhölle, die sie ist; der menschgeschaffene Urwald blökt seine künstlichen Töne, Paarungsrufe oder Warnungen, unter das Dach der Smokglocke. Der Wind täuscht, es ist nicht frisch – bringt Erzählungen, die auf der Brise reiten, von Geschehnissen, diesem flüchtigen Gas. Von Lebensfetzen angestoßen wird er sich in einen Orkan verwandeln, der die Zwillingserde erreicht. Morgen vielleicht.
Ach, wenn ich Tal wäre, auch mal Berg (und Sonnenschein), eine Lache Regenfläche, Pferdehälfte (gut abgehangen)! So ein Wunsch nach Ornamenten, kyrillischer Weberei; an den Borden entlang holpern, ganz der Teppich, der sich unter Sohlen schmiegt (die auch auf glühenden Kohlen gehen könnten).