Ein Gemälde auf Erde

Dass man in der Veränderung steht, dass man in der Veränderung sich selbst nicht verändert, gestreift wird vom Verfall; andere verfallen und man selbst. Aber es sind nur Kleider; man hat eines ausgezogen, darüber hinaus ändert sich nichts.

Aus einem Ballon tranken wir Würze, wir tranken das Leben in einem einzigen Zug, installierten unsere Vergangenheit in dieser Gegenwart, für immer ein Gemälde auf Erde, Land, Zeit.

Alles Geisterhafte war mir von Anfang an vertraut

Sobald man das Verschwinden zum ersten Mal beobachtet hat, weiß man einiges von der Welt. Doch wirklich reizvoll wird es erst dann, wenn die Erinnerung einsetzt und ihre Kapriolen dreht. Wenn man nicht einmal sicher sagen kann, was man eigentlich gesehen hat, ist es nahezu unmöglich, die Vergangenheit lückenlos und in richtiger Reihenfolge heraufzubeschwören. Das sind die wahren Gespenster, und die Vergangenheit ist das wirkliche Jenseits. Besessen von der Idee zurückzukehren, ging ich die Wege rückwärts. Sie wurden verbraucht und lange nicht mehr benutzt, denn eines muss man wissen: Alle Wege werden geteilt und nur die Anordnung aller Gassen, die man halbblind durchstieß, ergeben schließlich den eigenen Weg. Die meisten vergisst man und so lässt sich niemals auf das Ganze schließen.

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Die glatten Rinnsale

Die Fahrt zum Leichenschauhaus verlief ohne Zwischenfälle, kein Ast verfing sich im Getriebe und niemand choreographierte einen Untergang. Auch wir müssen den Abschied an den Händen halten (mit etwas Nagellack sind seine Finger wieder schmuck). Die Wände schwitzen ein brutales Rot.

Gespenster = Gespinster = spenstig = Gespinst = spinnen, weben, walken, wenden.

Noch einmal: die Trompete schallt (ich sag’ es dir),

die Trompete schallt (nicht fern von hier).

Da hast du sie, diese feindlichen Wände um dich herum, diese schwitzenden Brutstätten des nächtlichen Wahnsinns. Sie sondern ein Flavor künftiger Ereignisse bereits in den Morast vor der Tür.

Jedes Steinchen kennt das Wagnis, von einer Pfütze überwältigt zu werden.

Auf dem Grund hurtiger Luft.

Zementbläue bleicht den Blues. Simsala=Peng.

Bis zu einem gewissen Grad kann ich es hupen hören, dann aber verschwindet die Nacht in goldenen Pumps und schleift ihr Rückgrat hinter sich her.

Ich lebe nirgends, ich habe wirklich kein Heim.

Krettich (Vom Werden älterer Geister)

Man gerät in des Geistes Grummeltopf und hält sich den Schädel mit einem Stumpf. Der Torso wird überwacht von Schatten, die sich die Schuhe binden als hätten sie es gelernt.

Das ist nur ein kleiner Weg, aber er wird breiter und tut es den bekannten Flüssen nach. Von der anderen Seite schallt das Horn; Schaluppen quälen sich durch Hindernisse, die Münder zum Gesang bereit.

Die finsteren Gebäude schwanken in ihrem violetten Licht, geworfen von schweren Sekunden, die von Polstern prallen. Ihre Streuung scheint leblos, doch die Täuschung kann das Gefühl nicht negieren, es mit einer antiken Täfelung aufnehmen zu wollen. Aus Gesichtern tropfen dann und wann Tränenperlen, je nachdem, wer sie geschnitzt hat, und wer dann in den Feierabend hinaus lief, ein Gasthaus seiner Wahl besuchte und die Stube mit dem Dreck an seinen Stiefeln beschmutzte.

Ist so fürchterlich nicht

Dieses Haus – der Magen eines ausgeweideten Tieres, in den Rinnstein vor der Schlachterei geschmissen – barg dreizehn gallgrüne Zimmer mit jeweils zwei von einer Nikotinpatina zur Blindheit berufenen Fenstern.

Ich sage Fenster, doch waren es Augen. Geweitet von dem, was sich einst auf den jetzt leergefegten Straßen abgespielt hatte. Nach innen gekehrt; ausgelaufen wie angestochener Eidotter. Es waren jene fürchterlichen Narben, die auf jedem Asphalt lauern. Es waren Entbehrungen, die Abwesenheit von Sinn, die ihren milchigen Nebel ausmachten.

Die Zeit ist ein großes, böses Ding.

Es ist die Verwandtschaft mit den Leib der Fassade aus Glas und Beton, aus Unrat und abgestorbenen Seelenkammern, stinkend wie altes, in Verwesung übergegangenes Blut, blasphemisch aufgebläht: ein Schwamm, transformierend von zuvorkommender Höflichkeit in die leibhaftige Qual des Erstickens.

Wie dieses Haus gab es viele Häuser, die nicht in direkter Nachbarschaft zueinander standen. Eingehüllt in die Abgase frevelhafter Gedanken, von Wind aufgewirbelte, zu Staub gemarterte Leichenteile. Willkommen ist der taumelnde Tod.

Die Fetzen seines Staubmantels rasierten die verkrüppelten, blattlosen Sträucher und Bäume, Ruinen einstigen Lebens. Die Sense schürfte rostig und stumpf über zerbröckelte Bordsteine dieser Kloake einer menschlichen Siedlung, die Erlösung durch die Hand eines Mörders verdient hätte. Aber der Tod war in Wirklichkeit nur der Dreck, der von den Bergen geblasen durch die geschlagenen Schneisen pulverte.

Das alles erkannte ich, obwohl sie behaupteten, es sei nur ein gewöhnliches Haus, das man aus Geldmangel noch nicht abgerissen hatte.

Und die Stadt sei so fürchterlich nicht. Dabei lächelten sie: würden sonst so viele Touristen hier erscheinen? Ich sagte ihnen, dass ich mit dem Bus angereist sei, auch wenn ich mich aufgrund meines Kummers nicht eines Datums entsinnen könnte. Dass die Stadt leere Ödnis sei, ein Trug – und mich das Notizbuch eines Freundes hier her geführt hatte, der den Schatten nicht entkommen war; und dass nur den Romantikern, den Süchtigen, den Todgeweihten und Außenseitern der falsche Tand nichts anhaben konnte, sagte ich ihnen.