Schellack

»Auch ich möchte wissen, wer Sie sind« sagte sie. Ich ließ sie stehen und ging nach nebenan. Kurz darauf kam sie herein, erschüttert ob meines Verschwindens, aber ich zuckte mit den Schultern, als ich sie so schüchtern stehen sah, das Licht aus dem Nebenraum über ihre Schultern geworfen. Dieses Licht beleuchtete nichts und nahm ihr für einen Augenblick die Ziselierung aus dem Gesicht.

»Was tun wir nun? Was fangen wir an?«

»Wir hören uns ein paar Aufnahmen an – Tonband, oder besser: das gute alte Schellack!«

»Die Läuse?« Ihre Augen traten ins Dunkel.

»Ja. Gibt es nicht mehr. Die Platten sind schwer, schmerzen aber wundervoll, wenn man sie auflegt.«

»Sie tun so, als würde ausgerechnet ich Ihnen zuhören.«

»Ich weiß.« Ich fühlte mich ertappt, doch dem durfte man keine Träne nachweinen. Sie stand noch immer im Türfutter. »Schließen Sie doch die Tür, wenn Sie noch etwas bleiben wollen!«

Sie schloß und schloß. “Dann ist die Tür aber für immer geschlossen!”

»Sorgen Sie sich nicht, wir nehmen das Fenster! Allein, dass wir beide diese Atmosphäre teilen – das sehe ich doch richtig? – läßt eine geschlossene Tür alt aussehen.«

»Warum sind Sie vor mir geflüchtet?«

»Sie wollten etwas anderes fragen! Zwingen Sie sich nicht, zu lügen – sagen Sie lieber etwas falsches!«

»Sie meinen, daß ich Sie liebe?«

»Das wäre nicht das erste Mal.«

»Und ich käme auch noch damit zurecht.« Sie lachte kurz auf und setzte sich aufs Bett. Was sie trug, trug sie nur zum Spaß. Es war nicht ihr Stil. Den verbarg sie unter ihrem Mieder. Ich ging zum Grammophon und legte Donegan Lonnie Skiffle unter die Nadel. Rauch stieg auf und sorgte für den Vanillegeruch.

»Haben Sie etwas dagegen, wenn wir das Licht einschalten? Ich kann Sie gar nicht sehen« sagte sie.

»Sie wagen sehr viel – tanzen Sie mit mir!«

Sie erhob sich raschelnd und lief im Zimmer hin und her, um mich zu finden. Ich blieb still und wartete, bis sie nach all den Gegenständen, die sie umwarf, endlich gegen mich rempelte. Ich griff schnell zu und walkte ihre Arschbacken, preßte ihren Unterleib an meinen. Ihr Atem veränderte sich. Sie beherrschte das Morsen.

Lang, kurz – kurz, kurz – lang, lang – lang, kurz, kurz – lang, kurz, lang – kurz – kurz, kurz, kurz, kurz: nimm mich!

»Sie atmen vorzüglich« flüsterte ich. »Sie kultivieren Ihren eigenen Slang!« Erst jetzt bemerkte ich, daß sie ihre Zunge verschluckt haben mußte, denn es befand sich keine in ihrem Mund. Sie begann, lasch zu werden, brach unter meinen knetenden Händen zusammen. Es mußte jetzt schnell gehen. Ich sprang zur Tür, riß sie auf und rief: »Ein Notfall!«

Skiffle, der auch auf dem Plattenteller lag, war der erste, der reagierte. Mit wenigen Blicken hatte er sich im Zimmer umgesehen und die Situation erkannt, kniete nun vor ihrem blauen Gesicht und schüttelte den Kopf. Nach und nach strömten auch die anderen herein.

»Sie ist tot« sagte Skiffle mit seinem Kratzen und Rauschen in der Stimme.

»Sie sollten sich auf CD pressen lassen« riet ich ihm.

»Da haben Sie recht. Das werde ich.«

Die Strümpfe bei Hofe

Nick ertappte sich selbst dabei, wie er im Regen saß, und das Schauspiel der fallenden Tropfen beobachtete. Nichts hätte ihn heute Abend zurück in seine Kammer gebracht, denn er wollte nicht etwas hören, was nicht gleichzeitig zu beobachten war.

Wärst du unsichtbar, mein lieber Regen, ja, auch dann müsste ich mir eine Gestalt für dich ausdenken. Vermutlich würde ich Fingerknöchel nehmen, ich wüsste ja nicht, dass du Wasser bist.

Infernalisches Prasseln. Das Prasseln von Geisterfingern auf den armseligen Behausungen und … auf dem etwas weniger armseligen Dachstuhl des Schlosses. Was die wohl den ganzen Tag dort treiben? Aufhübschen, abhübschen, hinaus zur Jagd, zurück zur Tafel!

›Lustschloss‹ – dieses Wort gefiel Nick außerordentlich, aber: ob die jetzt auch im Regen hockten? Zeitlos schienen die Herrschaften nie zu sein, alles wirkte geplant und gewichtig, selbst wenn eine der Damen den Strumpf verlor. Das geschah auf merkwürdige Weise. Das Textil löste sich noch im Schuh bereits vom Fuß, krabbelte aus den geschnürten Stiefeln ins Freie, und ließ sich einfach fallen. Meistens verendete der Strumpf im Gehuf der galoppierenden Pferde, so manches Mal aber stürzte sich ein Jüngling gleich hintendrein und brachte das Kunststück fertig, vor dem freiheitlich denkenden Strumpf im Matsch zu landen. Das nützte weder Fuß noch Reiter, aber es gefiel dem Strumpf, denn jetzt durfte er sicher sein, dass er mit Stroh ausgestopft dort aufgehangen wurde, wo die wirklich wichtigen Strümpfe hingen. Das war eine etwas seltsame Galanterie, die womöglich gar nicht so oft vorkam. Aber wenn man, wie Nick, überall Geheimnis und Rätselraunen erblickt, und sei es in einer lächerlichen Pfütze, dann wird die Frage, warum so ein gut umsorgter Strumpf sich selbst entleiben sollte, zur Nebensache; die Hauptfrage blieb: Was ist hier eigentlich los? Hier ist die Welt, und da bin ich – ständig ist alles in Bewegung!

Untersuchung der Werwölfe

Ich bin schon wieder ein Wolf, und ich muß mich dafür entschuldigen. Jetzt kommen sie, ich muss verschwinden! Geben Sie auf sich acht, auch wenn (mich der Jäger holt mit dem Schießgewehr) ich nicht mehr bin. Die Gefahr lauert überall, selbst bei Ihrem Barbier, der Ihnen die Zöpfe wringt.
Seit Lykaon die Götter solange frevelte, bis Zeus höchstselbst bei ihm einen halben Krug Wein nahm, ist doch alles nur noch Wolf. Darauf läuft es schließlich hinaus. Dem Zeus war zu schelten angeraten vom Rest der olympischen Maculmacher – und schelten wollte er – nach dem halben Krug Wein. Will sich ja nicht den Schank verderben, bloß weil einer Sauereien plärrt, die Göttinnen vernuttet, die Götter verschwult.

Lykaon war wohl Atheist, riss zeuselnde Witze, ganz unbeeindruckt von göttlichem Feuerwerk und transzendaler Geruchlosigkeit. Einer der Witze verstand sich auf die Pointe, Zeus hinmetzeln zu lassen, ihn zu richten für die Taktlosigkeit, sich eben für Zeus zu halten.

»Und so eine Hinrichtung überlebt der nimmer!« nuschelt der Hof, und rührt in den Pötten, um das Geschmalz so schmalzig zu bekommen, dass es nachher auf den Braten aufgetragen werden kann. Kräuter und Schmalz, dann Salz, dann Pfeffereien, stoßen, stoßen … mit dem Stößel stoßen und rühren, den Topp packen, dreimal auf den Tisch wumpen und nebenher nuscheln: »Das überlebt der nimmer, wenn der König dem Zeusvagabunden den Kopf abspricht!«

Sollte Zeus überleben, wäre wohl der Beweis erbracht, dass die Blitze wirklich ihm gehören, und dass er auch ein recht prachtvoller Ficker sei. Zeus, der olympische Herrenzimmerbesitzer. Doch tafeln wollen wir, wir wollen ja immer nur tafeln, ob König, ob Gott, ob Wolf.

Die Gaudriole jedoch war, dass Lykaon seinen siebenjährigen Sohn schlachtete, um diesen als Henkersmahlzeit, bestrichen mit der feinen Paste, zu servieren. Es vergingen an die zwei Stunden am Spieß, innen rein kamen Äpfel und Nüsse (auch ein Wenigelchen von der Paste). Nun mundet Menschenfleisch freilich nur, wenn es noch keine geschlechtsspezifischen Merkmale in sich veredelt hat. Wäre der Sohn 14 gewesen, würde man sprachlos bleiben, oder sagen müssen, das Mahl wäre ja nur symbolisch, das würde ja doch niemand essen im Angesicht des Ernstes der Lage. Und doch: Das Bürschchen war 7 und triefte nur so vor Saft und Schmackes. Zeus nun mochte viel über sich ergehen lassen, wenn es sich um seine Mitgöttinen handelte, die ihn da schnörkelpiepen wollten. Er konsumierte auch viele von ihnen (wobei sein hauptsächliches Interesse den Reben dieses Fremdlings aus Kleinasien galt), aber hier spielte er nicht mehr mit. Lykaon mochte ein Frevler sein wie er wollte, er mochte brandschatzen und foltern und spießen und hinraffen lassen, wie es ihm beliebte, aber eine derart ungöttliche Gräueltat wollte er nicht dulden. So verwandelte Zeus Lykaon in einen Wolf, der sich stets zur Vollmondnacht seinem Bluttrieb – dann, wenn das Blut rieb – hingeben musste.