Der Autor Michael Perkampus

Kategorie: Stundenbuch (Seite 1 von 35)

Auch Stundenbücher, eine Leuchtspur durch den Kosmos; eine Freiheit, die unbedingt einzunehmen ist.

Unverständlichkeit

Versteht man sich als Dichter, als jemand, der sich in die Poesie versenkt, dann sollte es einem nicht zur Erzählung drängen. Das aber wird es vielleicht, nämlich dann, wenn sich die Bilderflut nicht mehr an Ort und Stelle halten lässt, wenn sie sich also Raum schaffen will, um den zeitlichen Nullpunkt zu überwinden. Vom Aspekt der Verdichtung gesehen, bedeutet dies aber gleichzeitig eine Verwässerung; es sei denn, man handhabt seine Texte wie Jean Paul. Das Verständliche ist in einer Erzählung oberstes Gebot. Was aber, wenn man etwas Unbegreifliches einfangen möchte? Ich selbst bin ebenso wenig verständlich wie die Welt, die ich vor langer Zeit vorgefunden habe.

Kutschen- und Lampenzeit

Auf keinen Fall dürfen wir die Handschrift verlieren, die uns so eine persönliche Note verleiht, nämlich in dem, was wir wirklich denken. Gedacht wird, möchte ich sagen, mit der Hand. Dass bereits eine Schreibmaschine von selbst arbeitet, ist bekannt. Julien Gracq war es, der seine Lektüre stets mit dem Stift begleitete, und so nannte er eines seiner Bücher „schreibend lesen“.

Selbst lese ich gerade den dritten Band von David Morrells Da Quincey-Trilogie, und was ich darin unter anderem finde, ist eine Zeit in der Schwebe, eine Kutschen- und Lampenzeit. Im Kern der viktorianischen Epoche fühle ich noch alles Rätselhafte des Überlebens, das Neue allein an der Inbetriebnahme der Eisenbahn. Bei solchen Romanen ist es mir, als ginge ein Ducken damit einher, denn man darf sich nicht frontal von dem treffen lassen, was wir als unsere Gegenwart bezeichnen.

Einen Punkt zu machen

Was ich selbstverständlich nicht lese, ist Gegenwartsliteratur, was aber nicht meint, dass es heutig geschriebene Bücher betrifft, sondern solche, die in einer heutigen Zeit spielen. Tatsächlich interessiert mich die Welt gerade noch so am Rande bis in die 70er hinein, die heutige „Gesellschaft“ verachte ich jedoch bis ins Mark.

Natürlich wird heute auch viel weniger Literatur von Wert geschrieben, aber ausnahmslos alle guten Schriftsteller widmen sich der Vergangenheit oder gleich ganz einer anderen Welt.

Eingelesene Storys für den Podcast

Gegenwärtig arbeite ich etwas an den Hörbüchern für den Podcast. Morgen geht diese Rubrik online mit meiner Neuübersetzung von Leonora Carringtons „Weiße Kaninchen“. Erik R. Andara ist bereits fertig produziert und seine Story erscheint in der nächsten Woche; heute habe ich bereit Xulhu von Tobias Reckermann eingelesen.  Es ist die titelgebende Geschichte einer von Jörg Kleudgen herausgegebenen Anthologie, erschienen im Blitz-Verlag. Das Problem ist natürlich, dass ich gegenwärtig keine Sprecherkabine habe, an der ich aber arbeite. So hänge ich fast immer halb im Kleiderschrank, umgeben von Kissen, um eine gewisse Qualität zu ermöglichen. Höre ich mir allerdings manche Produktionen von Audible an, so muss ich sagen, dass dort – obwohl eine Menge Geld fließt – oft wirklich miese Produktionen auf den Markt kommen.

Ich bin natürlich kein typischer Hörbuch-Sprecher und habe meine Stimme auf meine eigenen Texte geeicht. Aber ich glaube, dass ich im Kleinen vielleicht dennoch etwas Hörenswertes anbieten kann.

Vom Verschwinden

Das Verschwinden um uns herum ist bizarr. Es beginnt mit Kleinigkeiten: ein Café wird aufgegeben, die Adresse eines Freundes stimmt nicht mehr, oder die Erinnerung verblasst und reiht sich ein in die Prozession toter Clowns, die von der anderen Seite winken. Sie tun das nur in einer Stadt mit Fluss, wo sich das Rechts vom Links trennt, oder das Nord vom Süd. Gemeinhin nennt man das Verschwinden auch Veränderung. Die Worte sind jedoch nicht dasselbe; die Veränderung kann ohne Verschwinden auskommen, auch wenn trotzdem ein bestimmter Teil nicht mehr vorhanden ist, das Verschwinden aber hat etwas Geisterhaftes in seiner veränderten Form und bedeutet einen völligen Verlust. Ich kenne das Verschwinden sehr gut, es widerfährt mir in so vielen Gesichtern.

Die Geschwindigkeit einer Kutsche

Was vom uns bleibt, ist der Irrtum unserer Sinne. Wir können nur durch Sprache sehen, erkennen aber werden wir nie etwas über den Moment hinaus.

Es ist noch gar nicht so lange her, da zürnten Kutschenräder durch den Dreck und die Reisegeschwindigkeit bewegte sich mit dem Puls der Pferde. Sie genügte, um die Erscheinungen hinter den Bäumen erkennen zu können, die während eines flotten Marsches per pedes gar nicht wahrzunehmen sind, weil sie sich immer im toten Winkel des Läufers befinden. Bei unnatürlich schneller Fahrt ist hingegen jegliche Wahrnehmung gestört und es gibt schlicht keine aufzudeckenden Geister. Die Geschwindigkeit einer Kutsche aber deckt sie auf, sie ist das natürliche Tempo überland, und wir wissen, dass wir nicht da sind, wo wir sein sollten.

 

Zweifellos ruiniert uns die Vergangenheit mit ihren altmodischen Kleidern. Die Formen verabschieden sich und kehren in Symbolen wieder. Wer hätte nicht sein Augen ein zweites Mal gesehen, wenn die Sonne schläfrig in die Felder taucht und sich ein Gewölbe darüber spannt?

Der Jingle für die Phantastikon-Lesungen

Gemeinsam mit Albera Anders heute einen neuen Jingle entworfen, der immer dann in den TAUSEND FIKTIONEN erscheint, wenn ich eine Erzählung als Hörbuch einlese. Das ist dann auch die weitere Planung, bestehend aus eigenen Übersetzungen (und auch eigenen Geschichten, zumindest ab und zu), aber auch von ausgesuchten deutschen Autoren, wie etwa Erik R. Andara.

Musikalische Unterstützung:

Witches dance by Óscar H Caballero
Link: https://filmmusic.io/song/7274-witches-dance
License: https://filmmusic.io/standard-license

Schutz vor dem Autor

Es ist, wenn man über Bücher schreibt, nicht anderes,  als ob man über sich selbst schriebe; nur ein Vorwand zwischen sich und dem Gedanken, den man formuliert. Auch sucht man selbstverständlich sich selbst, wenn man nach Büchern sucht, die man zu lesen beabsichtigt. Man wartet auf ein Signal, eine Merkwürdigkeit, die aus einem selbst kommt. Bücher sind natürlich keine Lebewesen, auch wenn das ab und zu behauptet wird, sie können nichts leisten ohne unser Zutun, und was wir tun, ist ein Abgleich unserer Selbst mit dem, was ein anderer stellvertretend für uns gedacht hat. Im günstigsten Fall gibt es keine Distanz zwischen dem Leser und dem, der für ihn, unwissentlich, geschrieben hat. Es ist nie verkehrt, wenn der Autor, den man liest, bereits verstorben ist oder zumindest ganz und gar unerreichbar, weil er etwa auf einem anderen Kontinent lebt. Auf diese Weise kann man sich am besten vor ihm schützen und vor all dem, was er über uns weiß.

Mit Andreas Emgels über Phantastik

Mit Andreas Emgels habe ich in den letzten Tagen einige interessante Worte wechseln können, die schließlich in einem von ihm geplanten Artikel für zauberwelten-online.de gemündet sind. Das Thema war die Phantastik, obwohl zuvor noch einige andere Genres für seinen Genre-Talk im Raum standen.  Gespräche über Literatur halte ich gerade in heutiger Zeit für äußerst wichtig, um Standorte zu bestimmen. Es ist ja sehr auffällig, dass viele – gerade jüngere Autoren – gar nicht darüber sprechen können, was sie tun. Im schlimmsten Fall wissen sie es nicht einmal. Nun, was ich tue, weiß ich zum Beispiel selbst nicht, aber ich könnte mich eventuell daran erinnern, was ich getan habe.

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