Der Autor Michael Perkampus

Kategorie: Stundenbuch (Seite 2 von 35)

Auch Stundenbücher, eine Leuchtspur durch den Kosmos; eine Freiheit, die unbedingt einzunehmen ist.

Bei KOVD unterschrieben

In den letzten Tagen wurde das Phantastikon endgültig auf den Podcast TAUSEND FIKTIONEN angepasst. Nach einer wahren Anmeldeorgie dürfte die Sendung jetzt in allen relevanten Netzwerken zur Verfügung stehen, als da wären iTunes, Amazon Podcast, Spotify usw.

Das dient einerseits dazu, die wahre Artikelflut etwas zu bezähmen, denn gelesen wird davon ohnehin nichts, gehört aber tatsächlich umso mehr, was sich jetzt schon sagen lässt und dieser Entscheidung Recht gibt.

Über die Weihnachtszeit habe ich auch endlich Zeit gefunden, den Vertrag mit KOVD zu unterschreiben. Den Verlag gibt es gerade seit zwei Jahren und dort wird 2021 „Ich bin die Nacht, Du bist der Ort“ erscheinen. Das sind recht günstige Voraussetzungen, um eventuell gleich weiterzuschreiben. Der nächsten Kerngeschichte – „Die Läufer und die Fänger“ – würde das sicher gut gefallen, auch wenn noch einige Passagen zu erledigen wären, die ich aber seit Wochen aufschiebe. Kurz nach der VÖ zu „Mummenschanz in großen Hallen“ wollte ich das Schreiben schon an den Nagel hängen. Die Gründe hierfür thematisiere ich selbst in meinen Artikeln und Podcasts: Der Fluch der deutschen Sprache, obwohl die Sprache nichts dafür kann. Wäre dem so, würde ich grundsätzlich nur noch englische Originale lesen.

Alles Geisterhafte ist mir von Anfang an vertraut

Alles Geisterhafte ist mir von Anfang an vertraut. Kein Ort, an dem ich jemals war, der nicht von einem Spuk heimgesucht worden wäre, auch wenn ich längst und viele Jahre schon mein eigener Dämon bin. Doch es könnte sein, dass Geister auch mit der Jugend verschwinden; sie verschwinden vor allem dann, wenn man sie nicht mehr sucht, weil man ein Teil von ihnen geworden ist. Dadurch kehrt eine äußerliche Ruhe ein.

Im Gefüge herumkratzen. Es ist wie einen Körper betrachten. Es hat einen Grund, warum wir ausgerechnet diese Gestalt haben und keine andere. Wir sind immer und zu jeder Zeit, wer wir sein wollen. Und das Schöne ist: Nichts existiert wirklich, alles wird nur von Gedanken aufrecht erhalten, von unseren Beschreibungen und Erzählungen. Die aber wirken, weben also Welt.

Ich möchte kein Schauspiel sehen

Natürlich gibt es mehr als zwei Sorten Schreiber, aber zwei lassen sich merklich unterscheiden: jene, die vom Film gelernt haben, wie man Geschichten erzählt, und jene, die sich dem Erzählen grundsätzlich verweigern, weil es ihnen primär um die Sprache geht. Klar ist auch, dass sich filmisches Erzählen und Sprache nicht grundsätzlich ausschließen, aber es ist ein großer Unterschied, ob die Figuren und die Handlung im Vordergrund stehen oder die Sprache selbst. Ich wünsche mir, dass Bücher Dinge tun, die Filme nicht können – und umgekehrt; andersherum hätte ich weder Grund, einen Film zu sehen (und auseinanderzunehmen), oder ein Buch zu lesen (und dem Autor zu folgen). Ich selbst bin alles andere als ein filmischer Schreiber, lese aber dennoch gerne die Träume anderer, die Sprache lediglich als Transportmittel nutzen, weil ich niemanden gebrauchen könnte, der eine ähnliche Poetik wie ich entwickelt. Bei Filmen hingegen frage ich nach der Darstellung (was logisch erscheint). Ich möchte kein Schauspiel sehen, sondern eine Verkörperung – Abstraktion suche ich eher im Buch.

Besessen von der Idee zurückzukehren

Sobald man das Verschwinden zum ersten Mal beobachtet hat, weiß man einiges von der Welt. Doch wirklich reizvoll wird es erst dann, wenn die Erinnerung einsetzt und ihre Kapriolen dreht. Wenn man nicht einmal sicher sagen kann, was man eigentlich gesehen hat, ist es nahezu unmöglich, die Vergangenheit lückenlos und in richtiger Reihenfolge heraufzubeschwören. Das sind die wahren Gespenster und die Vergangenheit ist das wirkliche Jenseits. Besessen von der Idee zurückzukehren, ging ich die Wege rückwärts. Sie wurden verbraucht und lange nicht mehr benutzt, denn eines muss man wissen: Alle Wege werden geteilt und nur die Anordnung aller Gassen, die man halbblind durchstieß, ergeben schließlich den eigenen Weg. Die meisten vergisst man und so lässt sich niemals auf das Ganze schließen.

Hexenkiel

Noch einmal wiederhole ich: Schwärzer als die Textur der Nacht schält sich ein Symbol aus der dunklen Leere.

Die Gesichter der Vergangenheit sind am besten dort aufgehoben, aber ich sehe sie manchmal auf den Straßen. Es könnte sein, daß sie mich gar nicht bemerken, wie ich zusammenfahre. Es könnte aber auch sein, daß ihre Blicke, die in eine völlig andere Richtung gehen, genau so platziert sind, daß ich denken könnte, eine Wahl zu haben, mich also nicht zu erkennen gebe. Der Vergangenheit kann man sich nicht offenbaren, eine gefährliche Begegnung ist das, die Zeit läßt nicht zu, daß man sich versöhnt.

Bilder sind nicht wirklich, sie sind nur eine Erscheinungsvariante. Das Szenario wird beherrscht von der Traumsubstanz. Ob ein Ding fest erscheint oder durchlässig ist ganz und gar unerheblich.

Indem das Wunderbare und Übernatürliche genügt

Todorov, dem ich einige Dummheiten unterstelle, zählt Kafkas „Verwandlung“ zum Beispiel nicht mehr zur Phantastik, weil hier das Übernatürliche von Anfang an vorgesehen sei. Es geht ihm hier um das fehlende Überraschtsein angesichts der phantastischen Ereignisse. Dass die Psychoanalyse die phantastische Literatur ersetzt habe, ist eine weitere Merkwürdigkeit; doch angemerkt werden muss, dass aus heutiger Sicht selbst die Psychoanalyse ein überholtes Modell darstellt. Längst hat sich alles den Neurowissenschaften zugewandt. Es gibt natürlich andere Kandidaten, die Todorov widersprechen, aber auch sie überzeugen letzten Endes nicht. Hans Richard Brittnacher ist so jemand, wenn er behauptet, dass das Phantastische im Grunde kein ästhetisch innovatives Potential mehr entwickeln könne. Das Problem der deutschen Phantastikforschung wird da schon mitgeschrieben, denn sie stecken diese Begrifflichkeit einfach zu eng, weshalb unbedingt angeraten ist, den germanistischen Ansatz völlig hinter sich zu lassen und sich der angloamerikanischen Literaturwissenschaft anzuvertrauen. Es mag manchen staubigen Backen nicht gefallen, dass hier Phantastik und Fantasy im Grunde auf das gleiche abzielen, indem das Wunderbare und Übernatürliche genügt, um einen Text als phantastisch erscheinen zu lassen, denn „im Laufe des Jahrhunderts ist das Phantastische selbst zur Dominante des modernen Romans geworden“, wie Bernhard Cornwell feststellt.

Dunkelviolette Geschichten

Im Englischen gibt es die Bezeichnung „Purple Prose“, die einen Stil beschreibt, der in erster Linie imaginativ und hyperbolisch ist. Die Farbe selbst taucht die Psyche in einen mystischen Ozean. Den oft zitierten „Riss“ in der Realität, der angeblich phantastische Literatur auszeichnen soll, habe ich nie akzeptiert, weil für mich niemals eine Schranke sichtbar war, die eine erfundene Realität von einer erfundenen Phantastik trennen könnte. Glaube ich an Gespenster? (Mehr im Phantastikon)

Oblatenlebkuchen

Auf dem Boden liegen Reiskörner.

Die anderen Türen im Gebäude sind verschlossen, nur die Wohnung gegenüber ist zugänglich. Auf dem Boden liegen Reiskörner. Es sieht so aus, als wurden Kleidungsstücke hastig aus den Schränken gerissen, überhaupt standen die meisten offen. Ich habe nicht so gut geschlafen, obwohl das Bett durchaus bequem ist, ein wenig zu weich vielleicht, die Matratze. Es ist ziemlich still, man ist das ja gar nicht gewohnt. Nur ab und zu kommt es mir vor, als hörte ich aus der Ferne den Gesang eines Mädchens. Muss da merkwürdigerweise an die Loreley denken. Aber das ist natürlich nicht möglich.

Ich habe Nürnberger Oblatenlebkuchen gefunden. Etwas hart, aber in Kaffee eingeweicht erwachen sie zu neuem Leben. Es ist ziemlich kalt draußen und ich werde meine Untersuchungen des Reviers vielleicht noch etwas hinauszögern. Vielleicht fange ich mit einer Bestandsliste der beiden für mich zugänglichen Wohnungen an.

Ich habe Nürnberger Oblatenlebkuchen gefunden.

Die Heizungen funktionieren nicht. Im Keller nachgeschaut, aber ich konnte nicht erkenne, woran es liegt. Strom funktioniert, aber ich darf mich darauf nicht verlassen. Mir kommt es jetzt schon seltsam genug vor. Es sind ausreichend Konserven vorhanden, ich werde wahrscheinlich noch viel mehr finden und mit einem Leiterwagen transportieren. Es gibt nicht wenige Katzen, die hier herum streunen und wohl in derselben Lage sind wie ich. Daher also die Geräusche in der Nacht. Aber der Gesang? Das war keine Katze.

Wasser ist kalt, aber ich erhitze es in den zahlreichen Töpfen. Auch der Herd in der anderen Wohnung funktioniert, vielleicht klopfe ich die Wände heraus, um mehr Übersicht zu haben.

 
 
 

Sendemasten

Es sind die Sendemasten … ich habe hier noch keinen gesehen, aber ich kann ihre Strahlung durchaus wahrnehmen. Es spielt jetzt vielleicht keine Rolle mehr, aber die Träume werden boshafter. Fortschritt in den Untergang, wie Phil lächelnd behauptete, bevor ihm seine eigene Scheiße aus allen Löchern quoll. Alles Mögliche kann sich als Mensch tarnen, intelligenter Sternenstaub. Aber ich verstand nicht, was er im Fieber von sich gab. Die Abschaffung des Körpers wurde in den letzten 400 Jahren vorangetrieben, im Grunde aber begann es bereits mit dem Rad. Als ob man seinem Schäferhund Obstler in das Wasser mischt. Was glaubst du, was passiert? Nun, ich habe einen betrunkenen Hund, sagte ich. Ja, aber vielleicht hast du einen betrunkenen bösartigen Hund. Bösartig, wie manche Träume … Aber das Rad war ein Segen, wie das Feuer. Ich sehe mich heute etwas um. Als Kind spielte ich häufig mit dem Gedanken, was wohl wäre, wenn ich mir jedes Haus, jede Wohnung einmal ansehen könnte. Eine Soziologie der Höhlen. Ich habe in der Wohnung gleich gegenüber einen besseren Kaffee gefunden, der nicht so erbärmlich stinkt, er ist von Mövenpick, zwar abgelaufen, aber vakuumverpackt. Danach gehe ich los, um das Revier abzusuchen.

Dunkel gefärbte Töne

Eigentlich sollte ich dunkel gefärbte Töne finden, um diese Pest um uns herum zu beschreiben, aber ich verstumme im Angesicht einer solchen Katastrophe. Zu viel wird gesagt, aber kaum etwas bringt uns in irgendeine Richtung. Dabei ist es nicht so, dass ich in Lethargie verfalle, ich arbeite ununterbrochen, aber die Substanz ist mir abhanden gekommen. Man bereitet sich unbewusst auf ein mögliches Ende von allem vor. Natürlich kann man das von sich schieben – das gelingt eine Zeitlang, aber die Präsenz ist überwältigend. Mir ist in dieser Zeit sogar meine Trauer abhanden gekommen, sie ist einer Gleichgültigkeit gewichen. Der Tod als einzige Gewissheit untergräbt nicht den großen Reichtum an Unsicherheiten, die uns das Leben mit auf den Weg gibt. Mehr als flimmernde Eindrücke von der Welt bleiben uns nicht, vor allem kein Kontinuum.

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