Die Veranda

Vom Leben in einer Caverna

Kategorie: sandsteinburg Seite 2 von 7

Ich bin die Nacht / Du bist der Ort (5)

Sandsteinburg #40

Der Jüngere hatte nicht nur physisch zu Helmut aufgesehen, langhaarig, schmutzig, es hatte Roland auch nicht sehr bekümmert, dass Helmut, das Denk- und Sprachrohr, gern ein anderes Rohr in seinen Mund steckte, während Roland ihm Äste in sein Zweitloch, wie er es nannte, stecken sollte, Zweigerl am Astl, Astl am Ast; Helmut sah dabei wie ein Beamter auf seine Armbanduhr, sachliche, aufgeräumte Geräusche von sich gebend, ein Experiment im Schatten der Jugend, man nimmt, was man bekommen kann. Aus Meidlin machten sie sich nichts, prahlten sie sich gegenseitig vor (auch wenn das nicht stimmte und nur ihr Ungeschick und Unverständnis dem anderen Geschlecht gegenüber kaschieren sollte). Was waren das für Wesen?

»Die sind nicht zu verstehen, und zu allem Unglück beginnen sie, schrecklich zu bluten, wenn man ihnen etwas zwischen den Beinen herumfummelt, wo es nichts sonst zu finden gibt. Scharm-Lippen, versteht du?«

Roland hatte das noch nicht gesehen, aber er vertraute Helmut, wenn er von seinen jüngeren Schwestern sprach, wie ihnen ständig die Wunde wieder aufriss und sogar nachts das Bett mit Blut tränkte, die sich dann einen Lappen in die Unterhose legte, oder eine von Luckis alten Baumwollwindeln. Ihre Väter würden sich der Sache annehmen, sagte er – und meinte damit auch Rolands alten Meister, der sich häufig bei den Finners herumtrieb, um sich die Sache mit dem Blut anzusehen. Einmal hatte Roland Helmut gefragt, ob er das nicht auch einmal sehen dürfe, aber Helmut ließ gynäkophobisch keinen Zweifel daran, dass er sich vor seinen Schwestern ekelte und er unmöglich mit jemandem befreundet sein konnte, der sich dafür ernsthaft interessierte.

Es war einmal ein guter Tag, um baden zu gehen, die Sonne brannte das Blau aus dem Himmel heraus, grillte die wenigen Schäfchen, die da oben herumlungerten und sich nicht von der Stelle bewegten. Auf dem Feld hinter der Fabrik, wo die ruinenhaften und gespenstischen Wasserbassins mit all den ertrunkenen Ratten standen, ratterte der Unimog des Schäfers Herold (seinen wirklichen Namen hörte man nie) über die trockenen Stoppeln und wendete das Heu, dessen Geruch wie Getreidedunst über Wendenschuchs Mühle lag. Die Vögel kreischten und tschilpten heute besonders laut. Die Nacht schien keinen Einfluss auf diese gleißend hellen Sommertage zu haben, an denen selbst die Schatten wie helle Oasen wirkten. Aber sie war da. Sie beobachtete. Sie spähte aus Kellern, hockte in versteckten Winkeln der Dachkammern, der Brutstätte von Spinnen und Käfern herum, lauernd und aufmerksam.

Adam stand am alten Apfelbaum, den Unimog, in dem er oft mit über die Felder fuhr, hatte er verpasst, als Roland, Helmut und Lucki hinter dem langgezogenen, leichengelben Hausklotz hervorkamen.

»Kommst du mit?«, rief Helmut schon von weitem. (Es wäre ein Leichtes gewesen, die Stimme als lauernd zu erkennen, nur: wie will man angemessen reagieren, wenn der ganze Kosmos speit?)

Der Badeweiher: eigentlich kein zum Plantschen angelegter Tümpel, sondern einer der drei Fischteiche der Kaländers, ein richtiges Biotop mit meterhohem Schlamm, Libellen, die unentwegt über die Spiegelfläche propellerten, mit Fröschen und natürlich mit schleimigen Fischen: Karpfen und Hechte. Man musste sich überwinden, vom seichten Rand aus ins Wasser zu gleiten, loste die zu opfernde Extremität aus, wedelte Entengrütze und Wasserläufer plantschend hinfort, aber war man erst einmal drin, war das Wasser schlammig frisch und ölig angenehm. Richtig warm wurde es allerdings nicht einmal im Hochsommer. Die anderen Teiche kamen erst gar nicht in Frage. Man hätte sich selbst bis zu den Knien (und noch weiter) im Morast versenkt, bevor man dem Wasser auch nur nahe gekommen wäre. Außerdem lauerten Hände im Schlamm, die einen nicht mehr los ließen. Grünblaue, aufgedunsene Finger mit langen Krallen. Der Schlamm war ja überhaupt die eigentliche Bestie, ein Torwächter zu noch tieferen Regionen. Wer wusste schon, was sich wirklich in der Erde abspielte? Nichts kam hier ohne Geschichten aus. Die einen nannten das Wesen, das hier herumschlich, und dem die zahlreichen Schlammhände am Grund der Fischteiche gehörten, den ›Hägelmoo‹ oder den ›Nachtkrapp‹. Das war die mystische Variante, die auf den Geschichten vom Schwarzen Mann beruhte, die den Kindern erzählt wurden, wenn sie nicht schlafen wollten. Ganz abgesehen davon, dass man im Turnunterricht ein gleichnamiges Spiel spielte. Ein wildes Durcheinander, bei dem manche sich in der Menge versteckten, um nicht erwischt zu werden. Es gab jene, die den Schwarzen Mann neckten, ihn mit Grimassen aufforderten, sich an ihnen zu versuchen. War der Fänger ein guter Fänger, ließ er sich von nichts und niemandem beeindrucken, hatte sich sein Ziel schon bevor das Spiel begann ausgesucht, und jagte nur den Einen, egal, ob er sich versteckte oder ihn herausfordern wollte. Nur der Eine war wichtig – und den würde er hetzten, bis er ihn hatte.

Die andere Geschichte nannte sich die vom ›Schnackelhupfer‹, und die entstammte keiner archaischen Resteverwertung. Vielleicht war sie einst wesentlich harmloser als das Märchen vom Hägelmoo gewesen, zumindest aber war sie realer. Und sie spielte um den Badeweiher herum. Nackt, nur mit Gummistiefeln an den weißen dürren Beinen, hieß es, tanzte dort ein alter, ekelhafter Schmerbauch herum, sobald sich Kinder sehen ließen, knetete seinen riesengroßen Sack und schlenkerte sein Gemächt durch die Luft. Er meckerte wie ein Ziegenbock und roch wie verdorbene saure Sahne. Aber wirklich gesehen hatte ihn niemand – und das war das Schlimmste an der Geschichte. Es blieb der eigenen Phantasie überlassen, was aus ihm geworden war und wo er jetzt wohl stecken mochte.

Ich bin die Nacht / Du bist der Ort (4)

Sandsteinburg #39

In früheren Epochen stand die Gemeinschaft voller Ingrimm um den gezwieselten Baum herum wie um einen Scheiterhaufen, das Vieh starb, die Freunde starben, das Land verödete: »Du stinkst wie deine Sünden!«, rief man im Chor. Damals. Ein Wort, das mächtige Welten aus der Vergangenheit herbeizitiert, als hier noch die Holzknechte drahtig und zerlumpt in ihren Hütten, aus Rinde gebaut, lagerten, um den gewaltigen Bedarf an Brenn- und Bauholz zu gewährleisten. Die pumpenden Essen der Hammerwerke verschlangen dabei genauso viel fruchtiges saftiges Tann wie die Glashütten. Außerdem benötigte man Bauland in dieser nahezu lichtungsfreien, waldreichen Gegend, in der fürstlich der Hof der Jagd huldigte oder ausritt, um sich in Ekstase zu bringen durch den Klang prallender Hufen, und demzufolge in recht guter Stimmung ins Schloss zurückkehrte, ob mit oder ohne Beute. Heute handelte man das Vergehen ohne Spott ab, ließ die Muse des Prangers walten, um den Talion zu vollziehen, und der Sünder sollte es für sich allein ausmachen.

Ein aberwitziger Gestank lag in der Luft. Das laute Surren der Fliegen, die alle Farben, alle Größen angenommen hatten, kam direkt aus dem Fegefeuer. Lucki öffnete seinen Lippenring, um zu kreischen, wie es alle Kinder tun, die ihren älteren Bruder ohne Innereien an einen Baum gefesselt zu sehen bekommen. Eine von Rolands Krallen zuckte reflexartig nach oben, traf Luckis rotes O, und brachte das hohe Gilven abrupt zum Verstummen. Ein launiges Echo trat aus dem Wald, verzog sich aber schnell wieder ins Gebüsch. Lucki wollte gerne seinem Fluchtinstinkt folgen, aber er würde für alle Zeiten hier angewurzelt stehen bleiben, zu einem Baum werden, dem man nach einigen Monaten nicht mehr ansah, dass er vor kurzem noch ein fünfjähriges Kind gewesen war. Im Wald der Monumente, Sagen und Legenden. Das sieht doch aus wie … also, mit etwas Phantasie …

»Gehen wir näher ran!«, sagte Roland, fasziniert vom Keim seiner eigenen Panik, die sich, noch nicht richtig erwacht, irgendwo in der Nähe seiner Knie räkelte. Lucki schüttelte den hellblonden Kopf, so schnell wie es einem jungen Baum überhaupt möglich war. Es stank wirklich erbärmlich.

Die Nacht ist ein Zauberer, gleichzeitig ist sie der Theatervorhang, der sich hebt und die Scheinwerfer auf das fallen lässt, was sie auf der Bühne schon vorbereitet hat. Wegen ihr kommen die Zuschauer in Scharen, wegen ihr zahlen sie jeden Preis. Die Nacht spricht durch Symbole, nie benutzt sie ihre eigene Stimme. Sie imitiert Ängste und verdrängt Gelüste.

Roland packte Luckis Arm und zog ihn mit sich, drei Schritte legte er stolpernd zurück, bevor seine Motorik wieder einrastete. Er leckte sich hektisch über die Lippen, schmeckte das Blut, das aus einer kleinen Wunde floss.

Früher Morgen. Gegen Mittag würde der Gestank die ersten Häuser erreichen, vorausgesetzt, der Wind stand günstig. Niemand würde sich wundern, weil es hier doch ständig nach verbranntem Fell roch. Zum einen wegen der Schlotauswürfe des nahen Böhmerlandes, zum anderen, weil die Nasen von der Katzenscheißefabrik in Beschlag genommen wurden, die Kunststoffbottiche und Schiffsteile herstellte. Netzsch Kunststoff GmbH. Der Geruch nach süßem Blut wurde stärker. Das Gekröse glitzerte auf dem Boden, begleitet von einem wilden Fliegenbrausen. Helmut hing schief im Seil, das seinen Körper mit der Esche verband. Der Kopf war nach vorne gefallen. Ein halb geronnener Blutfaden hing aus seinem geöffneten Mund, seine Augen waren weiße Murmeln. Noch näher wollte Roland nicht zu dieser bizarren Installation aufrücken.

»Das waren Wölfe!«, flüsterte er und folgte damit den Gerüchten, die von der Witwe Gräf im ganzen Sechsämterland gestreut wurden. Doch welche Art Wolf hatte ihm die Zunge mit einem Messer abgetrennt und den Bauch mit einer Säge aufgerissen? Die rostigen Partikel schimmerten so zahlreich, dass man von einem wahren Eisenschauer sprechen konnte. Wegen des vielen Blutes fiel das nicht sofort auf. Roland beugte sich hinab, um in das sich ihm durch diese Bewegung erschließende Ohr zu flüstern: »Du rennst jetzt so schnell wie möglich nach Hause und sagst, dass Helmut von den Wölfen gefressen wurde. Ich bleibe hier und warte auf euch.«

Lucki nickte wieder heftig und war dann so schnell verschwunden wie ein Hundertmeterläufer nach dem Startschuss. Roland sah ihm eine Weile nach, wie er über die Lichtung wetzte und dann auf einem Trampelpfad im Grünen verschwand. Sofort setzte die Bestürzung wieder ein, die jetzt schon in die Nähe seiner Hoden gekrochen war, verengte seine Augen zu Schlitzen, weil sie zu Tränen begannen, und blickte sich um. Er hatte es auf Helmuts Kleider abgesehen, die er fein säuberlich zusammengelegt etwas abseits entdeckte. Er hoffte, dass er die Münze dort finden würde. Du musst dich jetzt zusammenreißen! Nichts tut dir etwas, alles ist bereits getan.

Ich bin die Nacht / Du bist der Ort (3)

Sandsteinburg #38

Jetzt trippelte Lukas, den sie alle Lucki nannten, neben Roland her. Er hielt kaum Schritt mit dem Älteren, den die langen Beine der Neugier trugen. (Lucki, Lucki, fahr ma nach Kentucky …) Das weißblonde Haar wippte über seinem Silberblick. Auch er war neugierig, wie sich sein für ihn über Jahre entwachsener Bruder gemacht hatte, aber er war es auf eine ganz andere Art und dachte, dass er eines Tages vielleicht auch einmal dort hängen würde, wenn er, rebellisch wie er war, nicht ins Bett wollte, oder nicht den höflichen Appetit nach Gebackenem Blut verspürte, den Liter zu Einermarkfuffzich an einem Donnerstag, dem Schlachttag. Dann nämlich zog sich stets seine Kehle zusammen und sein Magen ging auf Reisen, ohne Bescheid zu geben, wohin. Er wusste nicht, warum Helmut dort festgebunden worden war, aber er spürte eine mächtige Energie, die in der Antwort steckte.

Vielleicht sind wir Indianer wie im Film, Helmut schießt mit Pfeilerbogen auf Scheiben und er schießt auch ins Feld, wenn da was raschelt wie Mäuse, aber er trifft nie auch nur irgendwas, und deshalb vielleicht … deshalb hängt er da – oder er hat was angestellt, aber er isst sein Blut eigentlich immer auf … aber vielleicht hat er wieder mit Ida was Komisches gemacht, wo ich nicht wissen darf, weil es bei Lebensgefahr verboten ist, zu wissen, was er da macht, wenn ich dann mal da hänge, dann wird vielleicht Claus mir das Frühstück an den Baum bringen, wenn es vorbei wär’, so wie Roland das für Helmut macht, so sind beste Freunde, die sind einfach so, und Claus ist ja mein bester Freund; weil er nicht mit einem Schnuller aus dem Haus darf, nimmt er manchmal meinen, und das sind Freunde wie jetzt Roland ein Freund von Helmut ist.

Als sie ihn fanden, stand Helmut, weil er wegen der Fesseln nicht umfallen konnte, in einem Kranz seiner Gedärme, die ihm irgendwer oder irgendwas aus dem Leib gerissen hatte. Der Bauchraum war nur noch ein gähnendes braunschwarzes Loch, durch das man die Wirbelsäule schimmern sehen konnte. Aber keines der Organe fehlte. Wer immer Helmut wieder zusammensetzen gewollt hätte, würde ein komplettes Puzzle vorgefunden haben, obwohl Bissspuren zu sehen waren. An den Beinen, den Armen und im Gesicht.

Manchmal glaubt man, die Nacht sei ein lebendiges Wesen. Sie bewegt sich, und wer ständig in Bewegung ist, hat etwas zu verbergen. Woher sollte diese Rastlosigkeit sonst kommen? Aber lassen wir die Nacht in ihrer bizarren Formlosigkeit verharren, sprechen wir lieber von dem, was sich in ihr befindet – oder hinter ihr.

Roland ließ den Wasserkrug und den Beutel mit den belegten Broten fallen, die das Ende der Strafzeit einleiten sollten. (Was haben wir gelacht / bei vollem Magen auch an Dich gedacht). Die vierundzwanzig Stunden waren um, genug nachgedacht und mit den Nachtgespenstern gesprochen. Wie es aussah, etwas zu ausgiebig.

Ich bin die Nacht / Du bist der Ort (2)

Sandsteinburg #37

Die Siedlung war bereits auf den Beinen, man brühte sich Kaffee, der samt und sonders aus dem Tante-Emma-Laden der Familie Burges aus Kaiserhammer stammte, man schüttelte die Nacht wie einen Anzug aus, der noch eine Weile halten sollte. Wie die Stämme Nordamerikas den Büffelherden, so folgten sie hier den Fabriken, und hier waren sie nun alle gelandet. Früher waren es die großen Hammerwerke, die alle in Brot und Lohn brachten, die Glas- und Pechhütten, heute hieß die Zauberformel Kunststoff und Granit.

Freudig stürzten sich übermütige Vögel durch die Fliegenwolken, die große Löcher in den Himmel rissen. Nur die Aura irritierte die gefiederten Jäger etwas, so als wäre hier mit dem Magnetismus etwas nicht in Ordnung, so als kündigte sich ein Beben an. Der Hunger aber war stärker. Noch war er das.

Das jüngste Kind der Finners schielte durch seine Brille und watete durch den Schlick der Reifenspuren. Richard Finner glaubte nicht, dass er sein Vater war, was ihn kaum weiter störte, die beiden Mädchen waren ja ebenfalls nicht von ihm. Patchwork, das wird man später dazu sagen, aber noch waren sie dem Sprachgebrauch nach ein Haufen Zigeuner. Weil die Not auch eine Tugend hat, prahlte Richard mit seinem Nomadenleben, wo immer er konnte. Von wo sie wirklich abstammten, wusste er nicht, er betonte nur immer wieder, dass er unter einem Kettenkarussell zur Welt gekommen war und deshalb oft von herumwirbelnden Sesseln träumte, zumindest wenn er viel intus hatte. Dass er seinen Beruf mit Schiffsschaukelbremser angab, tat sein Übriges. Um seine Frau hatte er sich einst geprügelt, sie war der Gewinn eines Kampfes gewesen, der auf einem Schrottplatz stattgefunden hatte. An Ort und stelle wurden sie von einem Pastor getraut, der normalerweise nur Hundekämpfen beiwohnte und ansonsten Ford-Motoren segnete. Für eine Kiste Bier riss er sich jedoch zusammen und brachte sogar eine anständige Litanei zustande.

Wie ein Zirkusensemble waren sie einst hier aufgeschlagen. Grummeln, Brummeln, wie die Vorhut einer Invasion, stark motorisiert, drauf und dran, die Felder, die Äcker (die ganze Landschaft) im Flug zu nehmen. Dabei handelte es sich bei den brechenden Echos, die zwischen den Gebäuden und den heruntergekommenen Betriebswohnungen kein Reißaus fanden, um die Laute eines Ford Transit, der die Einfahrt hinauf durch den Staub marschierte; knatternd töffte und meckerte der nur von einem Draht festgehaltene Auspuff, die Lichtmaschine, die am helllichten Tage sämtliche Scheinwerfer auforgeln ließ, eben auch jene vier, die sich auf dem Dach befanden, ratterte, als müsse vor dem Blechmonstrum Nebel zerfetzt werden, um die Spur zu halten.

»Ich denke, das ist es«, sagte jemand, aber niemand stieg aus. Der Motor hörte auf zu prasseln und die Lichter hörten auf, mit der Sonne zu flirten, die heute garantiert 33° abarbeitete.

»Aber das hier ist nicht unten, unten ist auf der anderen Seite, das hier ist oben. So hat’s geheißen: unten; erst rauf, dann runter, unten ist der Eingang.«

»Halt lieber die Fresse! Halt lieber deine Fresse!«

Erneut begann der Höllenlärm aufzubranden, der Bus stotterte rückwärts und warf Kieselsteine nach vorne. In der Zwischenzeit nahm Bernhardt Langer seine Pfeife, führte sie durch den grauen Wald, der seinen Mund wie ein mystisches Gewässer umgab, zur Lippenmuskulatur und verließ seine Werkstatt, weil er durch die halbblinden Scheiben erkennen konnte, dass dem Wendemanöver im Hof nur in geringem Maße zu trauen war.

Der Auspuff des Ford und die Pfeife des Erfinders verständigten sich durch Rauchwölkchen, hatten angebandelt und mussten doch wieder auseinandergehen, als nämlich der Bus die akkurate Einfahrt rechts neben dem Wohnhaus doch noch fand und in kleinen Schritten auf den Sumpf zufuhr. Er sah, wie der Transit im Morast steckenblieb, den die letzte Überschwemmung hier angelegt hatte, und beobachtete weiter, wie ein hagerer Kerl mit mächtigem Schnauzbart, eine Frau, deren Oberarme sich weiß und lasch zur Erde neigten, zwei gleich große Mädchen, die an ihren Lippen sogen, und zwei unterschiedlich alte Jungen ausstiegen, der eine strohblond und klein, der andere gebeugt wie ein Fragezeichen und ebenso dürr wie sein vermeintlicher Vater, nachgerade in sich kauernd. Die Haustür fanden sie unverschlossen vor, der Schlüssel steckte, aber das konnte Langer nicht mehr sehen, und so zog diese Tatsache nur als eine nicht wahrgenommene Vermutung an ihm vorbei. Kein Mensch machte sich hier draußen die Mühe, jemanden zu empfangen. Während sie also ein paar Taschen aus dem Bus hievten, versank der langsam im Schlamm, die Räder waren schon kaum mehr zu sehen. Langer kehrte dorthin zurück, wo es nach Polyesterharz, Epoxidharz und Glasfilamentgewebe roch, weil er frische Luft ohnehin nicht lange ertrug.

Ich bin die Nacht / Du bist der Ort (1)

Sandsteinburg #36

In der Tiefe der Nacht kann einem alles begegnen. Welten türmen sich auf, entfalten ihre grandiosen weiten Ebenen des Zerfalls, mumifizierte Zeitzeugen murren aus trockenen Mündern von ihren Erlebnissen, ein Gesicht hängt in Fetzen in Höhe des Mondes – die Wangen aufgerissen wie zerschnittener Stoff in einer Bastelstube. Dann ist es vorbei, wie die Fahrt in einer Geisterbahn, die Kufen führen aus der stinkenden Nacht in eine noch tiefere hinein, ruckeln weiter zur nächsten Szene. Und nirgendwo hat das Licht eine sichtbare Qualität, schwarz in schwarz bestätigt es nur eine absolute Dunkelheit. Was man zu sehen bekommt ist merkwürdigerweise unabhängig von einer Lichtquelle. Die Toten leuchten von Innen, die Geister tun es ihnen nach.

Eine chemische Reaktion, die sich über den Baumwipfeln zu einer Dunstglocke formierte, nur das war von ihm übriggeblieben. Sein Rest würde bald zum Staub fremder Sterngruppen gehören, zu Globulen und Dunkelwolken, unentdeckt von allen Teleskopen, die da noch kommen sollten. Die Sonne entdeckte den gemarterten Körper zuerst. Ihr tastendes Licht beendete die Nacht, die in vielen Seelen lauert. Nackt hing er an diesen Stamm gefesselt, übergossen mit flüssigen Exkrementen in der Pose eines Gottes am Weltenbaum.

Schon öffnet der Moloch sein Bronzemaul und röchelt in allen Farben des Feuers, verschlingt alles – und würde sich selbst verschlungen haben, aber vielleicht … aber vielleicht will er nur den süßen Saft des Lebens kosten, das ihm selbst so fremd ist – sich sättigen an den Rinnsalen der Leiden aller, am herausgedrückten Seim, vielleicht will er auch nur die nie von einer Sonne beschienene Statue sein, der Hochofen elementarer Angst.

In den letzten Sekunden seiner rituellen Ekstase sah er die Nacht, die mit ihrer schneidenden Kälte bereits tief in ihn gedrungen war, Gestalt annehmen. Durchs Gebüsch fegte ländliche Agonie. Der Mangel an Eindeutigkeit ließ ihn schauderhaft Zittern, er erkannte nicht, was dort draußen seit Stunden um ihn herum kroch. Die Luft kündete von Maden, es war fürchterlich finster. Er zerrte an den Fesseln, aber das Hanfseil war unnachgiebig. Was die Erscheinung, die sich weder bewegte, noch an einem einzigen Ort verharrte, wirklich tat, war für ihn nicht zu erkennen. Der Schmerz nahm beständig zu, und die Angst hätte ihn verbrennen müssen, aber einige Minuten später war er ausgeschaltet, dieser zweigeteilte Baum zu seinem Martergrab geworden. Er sank in die Hanfseile und sickerte langsam in die Erde als eine Hinterlassenschaft der Jäger, Fischer und Sammler der Nacheiszeit, die hier ihr Hüttenlager hatten. Die älteste Erde sog sich mit Leben voll.

Sandsteinburg, Ende Buch Eins

Heute ist der letzte Audioteil des ersten Buches der Sandsteinburg von mir veröffentlicht worden. Das habe ich mit Mühe hinbekommen. Ob und wann ich an das zweite Buch gehen werde, ist gegenwärtig nicht zu erkennen. Hier noch einmal die Übersicht:

Buch 1: Der Elvegust

Die bisherige Gesamtlesung ist hier einzusehen. Andere Lesungen finden sich unter GrammaTau oder in der Audioveranda.

Meister Vollpferd hat ein Ziel

Sandsteinburg #35

Vom Pfefferminzkwas recht stark betaumelt – so günstig kam ihm heutʼ die Wahrsagerei – stürzte er zunächst in die Hagebutte, ein »verdammichte Hatschepetsche« auf den violetten Lefzen, als es noch einen Stock tiefer ging, was ihn dann endgültig stürzen ließ, die Faust mit widerborstigen Nüsschen gefüllt, die ihn sofort an Ort und Stellʼ bejuckten. In zweifacher Hinsicht oben (weil er ja lag und weil er in die Grubʼ gefallen, die ihm ganz merkwürdig die Nase düngte) wurden lautstark die letzten Verabredungen für die Nacht krakehlt, man wollte sich sputen, der Sonne zuvor zu kommen, die sonsten durch die dürren Holzstreben der abgefaulten Läden dem Zecher gern ins vom Lid kaum getrutzte Auge piekst. Ein Stündlein noch, vielleicht auch zwei – der Nachtwächter wärʼ für nüchterne Ohren klar, wenn auch sich trollend, noch zu hören – dann stündʼ der Tag wie ein zyklisch heimsuchender Creditor und vergessen wärʼ das Vergessen, mit dem man sich heutʼ beschäftigt hat. Die einen schleppten sich dann aufs Feld, die anderen zum Prachern und wieder andere fläzten sich, dickberingter Augen zum Trotz, in die Beamtenstube, um das tägliche Quint Qual und Pein in das Volks zu kotzen. À propos kotzen : wie der Meister Vollpferd das so denkt, merkt er seinen Kragen warm bespuckt, denn in der Dunkelheit, da kann man sagen, was man wilt, macht er sich in der gauchigen wässrigen Erde recht gut als ebensolche. Ihm dreht die Welt »jetzt erkennʼ ich dich, ventus contortus et rotatus, jetzt ist das Standbild still, und wie du mir erscheinst, so bist du«. Hachje, es naht sich schon der nächste und speit ihm auf die juckendʼ Hand. Der Alchimist schafft es nicht, sich zu rappeln, erkennt aber, während er versucht, dem Pfuhl zu entkommen, und ihm der verbrauchte Hirsebrei in die Manteltasche läuft, gefurzten (oder gerülpsten – wer kann das jetzt noch sagen?) Ingwer, etwas Nelke hockt darauf, Muskat, Galant, Kardamom und Zimt. Das will ihn also nicht trügen, man hat eine feine Küche hier beieinander. Schon ist er auf seinen Vieren, die Säufer schon weitergezogen, setztʼ sich doch beinahe eine Dirn auf seinen Steiß, um das Wasser abzuschlagen. Mit einem gellenden »der Boden lebt« fährt ihrʼs dann aus der Blase, aber nicht im Sitzen. »Ich werde die Zukunft erfinden«, sagt der Meister Vollpferd mit einem anständigen Krächzen, »ich werde sie so gestalten, dass niemand von euch – nein, überhaupt kein Mensch! – es sich im kühnsten Weindelir erdenken kann! Ich – jawohl ich – sorge für das Ende der Geschichte!« Wo man also in lustiger Torkelei den Alchimisten aus der Schissgruob steigen sieht, trollt man sich bald, weil man ihn für einen Dämon hält, der, wie bekannt, auf Abtritten erscheint.

Da kam ins Dorf einer, den hatte man von weit her geholt, der trank viel und verströmte den Geruch einer angesengten Ziege, die in ihrem eigenen Kot verging. Seine Angewohnheit, morgens mit einem angstvollen Luftsprung zu erwachen, das Schwert gezückt, die Augen weit aufgerissen, sprach sich schnell durch den Mund der Wirtin Gildema herum, bei der er unterm Dachstuhl hauste, bevor er ins Schloss hinüberzog. Die Landbevölkerung erschauerte, denn auch wenn ein Solcher im Stande sein soll, für den Markgrafen Friedrich Metall zu transmutieren, muss man davon gehört haben, dass solche Leute Kinder fressen (man denke an den Gilles de Rais). Sollte so einer Einzug halten dürfen in diesem schönen Gebürg, sich unter den Hiesigen bewegen, ratend, rätselnd, wo er den Honig hinschmieren wollen würde, wenn der Ofen bei 300 Grad gähnte und den Braten forderte? Der da so ankam, nannte sich Meister Vollpferd, gerade weil er einen ganzen Eimer leeren konnte – man möchtʼ nicht nachdenken, was da drinnen. Und so ging die Mär, dass er die jungen Weibsen um ihren Urin bat, dass denen bald der Schädel platzen musste vor Rötung. Wirr redete der außerdem :

»Eins, und es ist zwei; und zwei und es ist drei; 
und drei und es ist vier; und vier und es ist drei;
und drei und es ist zwei; und zwei und es ist eins.«

Als der Meister aber einmal den gebrochenen Haxen des Bauern Wiegand wieder richtete, verstummte bald der Hohn und man stellte ihm den Urin in Milchkannen vor die Tür.

Es ist eine grundlegende Erfahrung, die man machen kann, nämlich dass die Lebenden nicht wissen dürfen. Die Wenigen, die dennoch wissen, sind von jeglicher Gesellschaft ausgeschlossen; Wissende, ja Weise, sind den Toten näher. Deshalb sind die Menschen aufgrund ihrer schier unbegreiflichen Dummheit nicht eigentlich zu verurteilen. Man meide sie besser, wenn man es kann. Gelingt das nicht, spiele man mit ihnen wie mit einer jungen Katze. Das erfrischt die Muskulatur.

Die Engelmacherin

Sandsteinburg #34

Oben am Kriegerdenkmal; erste Liaison mit einer, die im Damensattel ritt. Aufgespartes Pfläumchen, Wald und Pavillon zum tratschen, Hirsche zum schießen, alles kräftig begatten, jedes zweite Kind stirbt, alle Damen ran an den Halm, den Born aufgesperrt! Das kleine Ding durchlaucht.

»Ich sehe, Ihr seid gekommen!«

(Ja, was sonst, der einzige Spaß, etwas Verpothenes & Empörendes zu tun!) Wie würde das edle Ding auf eine Tüte Gummibären reagieren?

»Ich habe Euch Blumen mitgebracht!«

Dafür gibt sie nicht ihre Hand.

Das ungewaschene Bein hinaufschnuppern, mit der Nase in den Röcken verheddert verenden –

(Der Galan sieht aus wie ein Räuber!)

»Euch wächst noch nicht einmal Gesichtshaar!« Aber er hat einen feisten Händedruck, man merkt’s, wenn er rund herum die abgebundenen Taille tastet. Die Romanze beginnt mit der Neugier, das Aufsatteln ist ein Akt der Wonne, bei dem sie schreit wie ein abgestochenes Ferkel. (Wer braucht schon Hände!) Die Blumen fest in der Hand, Knöchel blank, der Rohling hechelt den Gestank des rohen Fleisches in ihr rosafarbenes Loch, garniert mit kleinen weißen Zähnchen, und zwischen den Beinen brennt der Scheiterhaufen und riecht auch noch nach Brandbeschleuniger.

Da geht sie : Au!, den Hain und Au!, das Pferd, flennt wie ein Rohrspatz, wie mit dem Kleid, den Röcken einen Stallboden aufgewischt. Die Kloaken der Jungstuten, das werden die urbanen Verhältnisse später notwendig machen, müssten betreut werden, hier ist nicht jeder Edelmann, da wird sich schon mal bedient, da wird sich hergegeben, wer soll’s denn richten, wenn nicht der Pfiffikus des Waldes?

»Ich habe Euch nun ein für allemal durchlaucht!«

(Das büßt er, der Knecht!)

Am Heuschuppen schnuppern; getraut er sich denn zurück nach dieser Szenerie? Das Hubertusrudel wird’s verbreiten, flüsternd : Das kleinste Dämelchen ist vom Pferd gefallen, hat sich an seltener Stelle verwundet, wie der Zufall es will. Rumtreiben, rumtreiben; da sind doch nur Holzfäller und kaiserliche Pilzpflücker am Werk! (– und Pferdeauf und -absattler!)

Gar nicht so wie in den getürkten Geschichtsbüchern, wer von wem abstammt, Blickwinkel der Heraldik, so manch einer unter schöner Ornamentik dahingerafft, Blutleer, aber die Zeit war wer im Gegensatz zu allen Blödeleien der Moderne. Sowas wie Hosenbeine kaufen, keinen Rock tragen, etepeteten (anstatt trompeten), höfeln oder dienern, kratzbuckeln, und dann im Heu die dreckigen Gedanken der Mahlzeit der Pferde beigemischt!

»Das will ich jetzt aber genau wissen, dir läuft die Ehre die Beine runter, versickert in Fetzen! Im Grunde müsste man dich ersäufen oder alles verschweigen; doch das würfe Fragen auf, wenn du mit gespreizten Beinen die Decke anstarrtest, die Hecksen dir die Frucht aus dem Leib pellten. Da soll jemand auf den Umfang achten, die Zofen alles abschnüren!« – das enge Ding noch enger, die Libertines am gaffen, die Engelmacherin mit der brüllenden Kutsche eingefahren und begastet, als wäre sie nicht die, die dann ihre Tränke aus dem Tuch pult, von Welt gewandet, wie eine Schirmherrin schwarzer Künste.

Ersäufen oder verschweigen!

Während sie tatsächlich Risse und Speckflecke zählt, Stricknadeln in ihr pfuschen. Die berechtigte Frage, »Wieso denn?«, auf den bebenden Lippen. Hubertuston!

Der Hirsch, der ihr zwinkert, tot oder anderweitig beschäftigt, die Leber in einem Zwack herausgedampft und redlich getilgt, je nach Stand, frisches Blut, Organ aus dem Leib, die Frucht in der Kälte ein Klumpen blutiger Dotter, dampfend der Geist an der Speckdecke haftet, Formen choreografiert. Jemand betritt den Raum und ahnt es nicht, da kniet doch tatsächlich eine Vettel?

»Ich habe Euch Blumen mitgebracht!« (– oder allerlei Beeren, die ich fand.)

»Stellen Sie’s ab, und sagen Sie mal, tickt die Uhr da?«

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