Michael Perkampus | Albera Anders | Die literarische Welt

Kategorie: Schwester Renate (Seite 1 von 2)

(Renate Ginderklops war in den 50er Jahren der Star unter den Haushaltsberaterinnen. In der EDEKA-Zeitschrift DIE KLUGE HAUSFRAU domestizierte sie in regelmäßigen Abständen wilde Mädchen zu willigen Herdschlampen.) Die Idee, sie zu reaktivieren, kam mir, nachdem ich manche meiner Tagebucheinträge von ihr kommentieren ließ. Das gefiel mir so gut, dass ich ihr eine eigene Rubrik schenkte.

Tee anstatt Insektengift

Seit die Erde rotiert und durch eine dunkle Kartonage schlingert, dreht sich alles um dieses Insektengift, das auf jedem Altweibertisch vor sich hin dampft, schwarz wie ein Sumpfloch, saubitter und mulchig wie ein Maul voller Blumenerde, kurz bevor der April die Rentner in den Garten lockt. Selbstverständlich kann man sich Kaffee auch auf die Haut schmieren, wenn die vor lauter Allergie aussieht wie eine billige Pizza, und muss nicht nur fette Schnecken von den noch fetteren Erdbeeren  abhalten. Man will, so dünkt es mir, gar nicht an die eigentliche schwarze Brühe ran, sondern an das, was drin ist, im Kaffee also das Kaffee-in, bei dem die Basedowschen Kranken zwar mit Pulsbeschleunigung, Herzklopfen und folgender Gedankenflucht, Nervosität, und quälender Schlaflosigkeit reagieren, das gesellschaftliche Leben aber nahezu still stehend würde.

Ja, ich schwadronierte einst über unsere steinbrüchig gewordene  Kaffeekultur,  und bin noch immer davon überzeugt, dass manche Mauken wieder nach frisch geschleuderter Butter duften, wenn man das, was vom Weiberkranz übrig geblieben ist, in ein Fußbecken quirlt.

Als Höllenweib gesunder Praxis beobachte ich natürlich sehr genau, was sich im Land der Dichter, von denen ich bestochen werde, so tut – und, was soll ich sagen: da zeichnet sich eindeutig ein Trend nach englischem Vorbild ab. Theophyllin bring, wie alle Welt bezeugen kann, ein langes Leben in jede echte Queen hinein. Und wer möchte nicht, gebückt und runzlig, gewandet in bunte Farben und steinalt, noch so eine rüstige Fotografie abgeben?

Ob im Palast auch wirklich Twinings of London auf den schicken Tischen in den noch schickeren Kesseln zieht, vermag ich nicht zu sagen, obwohl ich gerade bemerke und mich frage, warum ich dort noch nie geladen war; gesagt aber werden kann, dass es hier in Dichters Grüften solch ein Getränk – von mir höchstselbst bereitet – zu jeder Tag und Nachtzeit gibt. God save Tee-in.

Pörkölt

Um ein Gulyás zu kochen, wäre es unbedingt erforderlich gewesen, ausschließlich Rindfleisch zu verwenden, und so wurde es bei uns heute ein Pörkölt, das aus verschiedenen Fleischarten besteht; was aber nimmt man, wenn man kein Schaf zur Hand hat und der Metzger sich nicht vom Fleck rührt, sobald man ihn auffordert, augenblicklich eines zu zerlegen, man bräuchte kleine magere Stücke und die Wolle für den Überzieher nähme man auch gleich mit? Man schielt zur Sau, man denkt an die Sau, man nimmt die Sau und verdrängt das Gulyás für dieses eine Mal, weil das Rindfleisch zusammen mit dem Schwein heute günstiger angeboten wird. Außerdem flattert draußen ein Wenigelchen Schnee in der Luft herum und man denkt, das sei ein guter Tag für Pörkölt. Man nimmt noch einen ganzen Sack Zwiebeln, weil man davon ebenso viel braucht wie vom Fleisch und besteigt seinen Schlitten, der, weil dieses verdammt seltene weiße Zeug nicht mehr liegen bliebt in unseren Breiten, seine Kufen bereits nach den ersten Hundert Metern völlig aufgebraucht hat. Das war dann wohl das Zahnfleisch des Transportmittels. Kurt, nimm mir mal den Sack da von dem Schlittern, Kurt, hörst du nicht? – Ah, da kommter!

“Den Sack, Kurt!”

“Was gibts denn, Renchen?”

“Pörkölt!”

Wenn er jetzt noch lange so kuckt, lange ich ihm eine.

Prilblumen gegen Akne


Wenn man von Skandalen spricht, ist meist der Teufel nicht weit. Oder? Ich meine: was haben wir uns schmachtend als junge Mädchen auf dem Boden gewälzt, als Sissi – noch immer ein Dauerbrenner unter den Puppenspielerinnen – in Form von Romy Schneider über den Bildschirm lächelte. Eingerollt in die Ballkleider der Mutter haben wir uns; und in Ermangelung an Glitter haben wir uns mit Lametta behängt und uns in Ermangelung einer Krone den Eierkocher auf den Kopf gesetzt. Hach – die Jugend pumpte noch frisches Blut durch meine Brust, bevor ich zum täglichen Abwasch herangezogen wurde.

Wirkliche Prinzessinnen waren wir ja nie mit unseren abgebrochenen Fingernägeln und Kartoffelhänden. Das änderte sich erst als die Böhme Fettchemie 1959 das flüssige Pril heraus brachte. Findig wie wir waren (und was ich im Magazin “Die kluge Hausfrau” nie sagen durfte), massierten wir unsere leicht bäuerlichen Fettringe um die Hüften damit weg. Oder versuchten es. Klappte nicht. Wisst ihr ja. Kann natürlich nicht. Aber gegen Akne half das Zeug allemal. Ich komme ja heute wirklich selten noch dazu, Empfehlungen auszusprechen, aber diesmal will ich es tun. Sollten aknebefleckte Knaben und Mädchen mich noch lesen, heißt das. Schmiert euch ruhig mal Pril ins Antlitz!

Kaffeekultur

Die Kaffeekultur, die wir in den 50er und 60er Jahren pflegten, hat sich heute mehr und mehr verloren. Die Jugend trinkt nur noch das verbrannte italienische Zeug, das wie eine abgeleckte Teerstraße schmeckt. Nach dem Krieg war das natürlich nicht besser, da knirschte noch der Kaffeesatz zwischen den Zähnen, so dass man mit ihm nicht einmal mehr vernünftig wahrsagen konnte. War’s die Zukunft, die man sich da mit reichlich Spucke in die Magengrube schaufelte – eine Botschaft aus dem Jenseits? Man wusste es nicht; bis Melitta Bentz auf die Idee kam, Löcher in einen Kochtopf zu stanzen und durch das Löschpapier aus den Schulheften ihrer Söhne ihr Gebräu filterte. Das hatte zwei Vorzüge: endlich konnte sie die geheimen Machenschaften ihrer Nachbarn wieder im vollendet daliegenden Satz erkennen – bevor sie geschahen; und zum zweiten schmeckte der Kaffee endlich nach einem rühmlich geführten Hausaufgabenheft. Ich beneide die Schwester im Geiste noch heute. Da ich selbst eine Frau bin, die bekanntermaßen nicht nur praktisch, sondern auch modern denkt – insofern es sich lohnt – und meinen Vorbildern in nichts nachstehen will, kam ich also gestern auf die Idee, den Hausaufgabenkaffee der Melitta, der Generationen von Frauen aus den anrüchigen Hexenvereinigungen, bei denen sie sich mit brauner Brühe übergossen, in den gut bürgerlichen Vorgarten zum Kaffeekränzchen lockten, zu modifizieren. Ich leitete den Kaffee mitsamt dem aufgequollenem Pulver durch das Laptop meines Mannes. Und siehe da: der Muff der 50er verschwand augenblicklich, der Kaffee schmeckte nach digitaler Revolution. Natürlich ging bereits eine technische Beschreibung meiner Idee an das Patentamt. Vielleicht ist durch den Erlös eine Sauna im Keller drin.

Die Unterwäsche der Vergangenheit

Ich weiß, ich soll hier in erster Linie Ratschläge verteilen, aus dem unerschöpflichen Fundus meiner apostolischen Berufung das Praktische herauskehren; aber ich denke, dort kommen wir hin, wenn ich Folgendes erzähle.

Dass wir unsere Körper alle sieben Jahre vollständig erneuern, hat sich ja längst herumgesprochen. Während ich heute am frühen Morgen so vor meinem Blumenfenster saß und in mein Milchhörnchen biss, um mich an seinem Geschmack zu erfreuen, den ich seit Kindheitstagen kenne, da überkam mich die Frage, mir zu überlegen, wer ich denn überhaupt bin, wenn ich alle sieben Jahre verdunste – und ob ich mit diesem Geschmack in der Frühe nicht einen Irrtum begehe. Kopiere ich hier nicht eine Person, die ich ja längst nicht mehr bin? Vielleicht – und ich hörte redlich in mich hinein – hätte ich viel lieber nach dem Aufstehen eine dampfende Schweinehaxe und einen Humpen Bier? Aus Trauer aber, weil ich mich ja einst kannte und gut mit mir auskam, als ich noch lebte, könnte ich doch etwas übernommen haben, das mich an die Freundin (wie sollte ich mein früheres Wesen sonst nennen?), die ich mir war, erinnert. So wie man Mais frisst, um seiner indianischen Vorfahren zu gedenken, nicht?

Nun, ich werde wohl keine große Philosophin mehr werden, aber ich sprang gleich auf und packte meine Unterwäsche und sonstige Kleidung, die sich länger als sieben Jahre in meinem Besitz befindet, in einen Müllsack, und in noch einen. Ach, und dann in noch einen. Ich würde ja nicht einmal die Wäsche meiner Schwester ohne Vorbehalt anziehen, so viel Not leide ich ja nun nicht.>

Dabei stellte ich fest, dass ich mit dieser Aktion weit über die Hälfte meines Kleiderschranks eliminierte. Wir Mütterchen im besten Alter rutschen nicht mehr so kribbelig auf dem Hosenboden herum – uns hält der Zwirn deshalb ein wenig länger.

“Kurt!” sag’ ich; “Kurt, willst du mich nicht endlich zu deiner Frau nehmen?”

Er sieht mich, ratlos neben den Wäschebergen stehend, verdutzt und auch etwas besorgt an. Und ich erkläre ihm, dass wir natürlich gar nicht verheiratet seien, weil ich ja die, die er geehelicht hat, gar nicht mehr bin, und ich unmöglich mit jemand in wilder Ehe zusammenleben könne. “Außerdem plädiere ich dafür, dass wir uns mal so richtig gut kennen lernen, und dass du die Klamotten, die dir nicht gehören nach meinem Vorbild entsorgst!”

“Renate”, sagt er, “Renate, geht’s dir gut?”

Die gewählte Röhre

Ich frage mich, wie weit man die Verstümmlung von Begriffen treiben kann. Jeder weiß, dass es Unsinn ist, ein Blasinstrument Trump zu nennen, wo es doch richtigerweise Trumpet heißen müsste. Ist das Maulfaulheit, die wir da zu ertragen haben? Mitnichten. Macht man sich etwas kundig, erfährt man, dass es eine Trump (deutsch: Tromp) tatsächlich gibt. Das Wort bedeutet „Röhre“. Eine solche Röhre wurde nun erstmals Präsident der Vereinigten Staaten. Das ist ein ähnliches Novum wie die Präsidentschaft eines Schwarzen. Röhren sind wider aller Unkenrufe keine Minderheit in den USA, tatsächlich besteht nahezu der ganze Kontinent aus Röhren, Röhrenteilen und Röhrenleitungen. Es geht sogar das Gerücht, dass sich diese Röhren schneller vermehren als Ratten und Mäuse. Flüssigkeiten und Gase werden durch Röhren transportiert. Der Gestank ist manchmal unermesslich. In den Präsidenten der Vereinigten Staaten kann man schlecht hineinscheißen. Damit verfehlt er als Röhre jedoch seine Bestimmung, könnte man sagen, aber das stimmt nicht ganz, denn diese Röhre gibt es – sie wurde ja gewählt, auch wenn man das nicht glauben mag – um die geistigen Fäkalien eines ganzen Landes durchzuschleusen.

Vorbereiten auf den Winter

Wenn der Winter kommt, wird es kühl. Obwohl es auch manchmal kühl ist, wenn der Winter nicht vor der Tür steht, ist die kühle Luft doch eines der Markenzeichen des Winters, vorausgesetzt, es handelt sich nicht um einen milden Winter, der dem vorzeitigen Frühling ähnelt. Dann mag es durchaus ebenfalls kühl sein, man spricht dann aber doch besser von Milde. In der Milde strickt man Pullover, die man in der Kühle trägt. Die Frage, die uns hier beschäftigen soll, ist diese: Wann wäscht man diese Dinger? Der Sommer würde sich am Besten dafür eignen, denn da strickt man nicht und trägt auch nicht. Nun kann man aber nicht den ganzen Sommer lang Pullover waschen, und sie im Winter dann tragen. Es müsste mehr Abwechslung zwischen den Momenten des Waschens und des Tragens geben. Ich habe herausgefunden, dass sich ein zweites Exemplar als Lösung anbietet.

Lichtersparnis durch Fachschatten

Lichtersparnis ist in erster Linie eine Zunft der langen Schatten. Es empfiehlt sich, eine Kompaktleuchtsofflampe von einem ebensolchen eindrehen zu lassen. Seit 2009 dürfen keine 100 W Glühbirnen, seit 2010 keine 75 W Glühbirnen, seit 2011 keine 50 W Glühbirnen, seit 2012 keine 25 W Glühbirnen mehr verwendet werden. Seit 2013 herrscht deshalb Dunkelheit, was dem Analphabetentum gerade hier bei uns in die Karten spielt. Bücher können ja mittlerweile gegessen werden und ein Feuerchen im Wohnzimmer ist allemal sicherer und gemütlicher als eine Energiesparlampe, was uns wieder zu den Schatten zurückbringt. Da die Kompaktstoffleuchten mittlerweile bei minus 75 W angelangt sind, ist die herrschende Dunkelheit natürlich auch eisig, was die Gefahr eines Minus-Stromschlags erheblich steigert, wenn man keinen Fachmann zu Rate zieht. Mittlerweile bildet die Finsterwerke Allgemeine Güte auch Frauen aus, die dann als Fachschatten agieren und im Telefonbuch etwas irreführend unter Schattierte vom Fach zu finden sind. Diese Fachschatten sind leichter und robuster als ihre männlichen Kollegen und werden hauptsächlich bei Nicht-Leselampen hinzugezogen.

Von der Bergung des Konfekts

Konfekt besteht in erster Linie aus seinem eigenen Namen und unterscheidet sich von der Herrenschokolade nicht zuletzt durch Süße. In diesem Sinne bedeutet es freilich “Zuckerwerk”, Werk des Zuckers, Zuckertagebau, Zuckerbergwerk, und besteht aus Zucker, der von Zwergenhänden aus finsteren, süßen Stollen geborgen wird. Diese Hände stammen aus der Region des Chururu-Flusses, denn nur dort entwickeln sie sich putzig und nicht prankenhaft wie im Rest der Welt. Behaarte Hände würden steckenbleiben, sobald sie die erste Kurve passieren müssten, die aber stets vor der zweiten zu nehmen ist. Diese Hände sind rosa, nackt und geschlechtslos, was dabei hilft, den Geruch des späteren Konfekts auf ein Minimum zu reduzieren. Gerochen werden kann es dennoch, allerdings ist hierzu eine Nasenlupe zu benutzen, die es kaum in einer haushaltsüblichen Auflösung gibt. Und wer will schon ständig das Observatorium besuchen?

(Renate Ginderklops war in den 50er Jahren der Star unter den Haushaltsberaterinnen. In der EDEKA-Zeitschrift DIE KLUGE HAUSFRAU domestizierte sie in regelmäßigen Abständen wilde Mädchen zu willigen Herdschlampen.)

Im zehnten Jahr könnte ich eine Feier für mich geben

Nachdem sich nun der neunte Monat dem Ende neigt – und der achte (Oktober) beginnt, CERN endlich bestätigt hat, dass es Materie gibt, die schneller ist als das Licht, Einstein obsolet geworden ist, überrascht mich die unendliche Dummheit – um noch einmal den Relativitätstheoretiker zu zitieren – der Menschheit immer noch. Ich dachte in den letzten Jahrzehnten, es sei klar, dass Licht gar keine absolute Form darstellen kann. Aber gut … ich bin diesbezüglich ein Laie. Lassen wir die putzigen Leute nur machen. >Mit Markus heute Vormittag unser Gespräch vorangetrieben, so geht es also morgen da weiter. Im Possenspiel stecke ich heute etwas fest, ich finde immer schwerer in mein Arbeitsklima, das ich benötige, meine Desillusionierung nimmt auch ständig zu. Das hat sich zwar noch nicht zu einer Depression ausgewachsen, ist aber nicht weit davon entfernt, was ich für ein Wunder halte – hier neben einer Schnellstraße unter dem Eindruck permanenten Lärms. Und dann ist es natürlich auch so, dass ich seit nun mehr sieben Jahren keinerlei Einkommen habe. Im zehnten Jahr könnte ich eine Feier für mich geben lassen. Ich glaube, das schaffe ich.

Ein heißes Bad und kalte Wickel, zwei Aspirin und nicht dauernd dieser schädliche Kaffee, die Welt sähe anders aus. Betrachten wir eine Blume, die sich durch den Beton schiebt, geht uns in der Regel das Herz auf. Oder besuchen Sie einen Schlachthof.

15.41 Danke Schwester. Besuchte also einen Schlachthof und befand mich wieder guter Dinge. Im Augenblick beschäftigt mich – abgesehen von gutem blutigem Fleisch und Unmengen an Kaffee – der Weg zurück ins Analoge.
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