Die Veranda

Das phantastische Leben in der alten Spinnerei

Kategorie: verhexte texte (Page 1 of 9)

Orte

Es gibt einen Zwischenraum, getragen von 8 Spinnenbeinen. Er bewegt sich hinter Zeitlupen. Zu langsam für ein menschliches Auge ihn zu erfassen. Zu schnell der Raum, in den es gewohnt ist zu blicken. Begehbar nur durch einen Steg, an dem er zu bestimmten Zeiten steht und ruht. Dann ist er sichtbar. Zwei nebeneinanderliegende Türen hat er, von gleicher Größe und Art. Beide sind sie weiß, mit einer blauen Raute in einer blauen Ellipse darauf. Sein Inneres ist rosig und warm. Kleine Spinnen sitzen auf den feuchten weiten Gewebswandungen, die, sich hinstreckend zu einer langen Passage, zeitüberwindend in die Welt zu allen Orten führen, die ich mir in Gedanken vorstelle. Städte, Wüsten, Berge, Seen, Wälder. Orte, die hinter immer neuen Spinnennetzen entstehen. Netze, die mich umschließen, sobald ich in sie gehe. Feiner als ein Taucheranzug, angereichert mit einem stundenausbreitenden Sauerstoff. Es ist ein Raum, verloren im Hier. Zeit, die ich ablege, wenn ich ihn, durch die rechte Tür tretend, verlasse. Weil ich muss. Um mich wieder schlafen zu legen. Nahe meines Netzes. Hinter dem sich im Wind die Welt abspult.

Wintar

In mich gedreht, steige ich gewebige Treppen hinauf und hinab,
gehe entlang poriger Wände.
Haut. Dunkelheit. Schatten. Helle.
Falten, Öffnungen, Spalten, Flüssigkeiten.
Zarte Flächen. Raue Flächen. Glatte Flächen.
Hartes und Weiches.
Risse, Wunden und Narben.
Eine verheilte Flechte.
Mein Nabel. Mein Mund.

Ungeduscht alles wahrnehmen: sich dranlegen, drauflegen, reinlegen.
Die Hände: auch Augen. Die Füße: auch Hände zum Greifen.
Gerüche und Talg. Sich anziehen und gehen.
Nicht sprechen. Nur gehen.

Der Drang zu gehen.
Nicht rennen, nicht joggen, nicht wandern.
Gehen. Lange gehen.
Die Beine wieder zu Beinen werden lassen.

Berufskrankheit?

Nein. Erinnerungen an Kindertage.
Tage des Laufens. Einem Zweimetermann hinterher.
Durch viele fremde Städte gefolgt.
Eine andere Sprache gehört, ein anderes Land gesehen und gerochen.
Fremdgegessen. Fremdgetanzt. Weit gelaufen, um Gast zu sein.

Der Mund, die Hände zum Benutzen.
Messer, Gabel, Löffel. Die Füße nebeneinander gestellt.
Der Hintern eine Zeit lang Sitzfleisch.
Sich verabschieden und gehen.

Heimkommen.

Die Tür aufschließen. Die Treppe steigen.
Die Tür aufschließen. Das Licht auslassen.

Eine Kerze anzünden. Den Stuhl vorziehen,

sich auf die eigenen von hinten in die Hose geschobenen Hände setzen: trifft Kaltes auf warmweichen Schinken.

Gutfest!

Liebe E.,

wie jedes Jahr zum Geburtstag und zu Weihnachten wirst du mir wieder eine Orchidee schenken. Ich hatte dich eigentlich schon einmal gebeten das zu lassen aber du hörst ja nicht auf mich. Jetzt habe ich derlei viele, dass ich sie schon nicht mehr zählen kann.

Was du jedoch noch nicht weißt: schon seit Weltweilen wohne ich in einem gläsernen Gewächshaus, mitten im Raum der Abendsonne, schreibe, schlafe darin. Befestigt an einem Abhang im Norden, befestigt an Aiga. In luftiger Hüfthöhe. Eine permanente Wärmezufuhr ist durch sie gewährleistet. Der Pflanzen wegen. (Also her mit der nächsten. Ich komme dich besuchen.) Unter meinen Füßen, da auch der Boden aus Glas, liegt Ymir in ihrem tiefen Nabel, dem man jeden Morgen seine kompakte Göttin, eine Kuh, herunterlässt, damit er von ihr trinken kann. Wir sind hier an diesem Ort schon recht weit oben, liebe E.. Die Kinder, die hier das Licht der Welt erblicken, ihr Lachen, das ich manchmal aus der Tiefe vernehme, hallt in den Bergen immer noch lange nach, bis sie recht schnell das Spielen lassen und von Aiga hinab ins Tal wandern, um dort sesshaft zu werden.

Sei gegrüßt, Kind der Berge! Die Zeit vergeht hier anders.

Um mich herum sind weitere Berge, zu meiner Linken, denn ich schreibe ihr, Aiga, zugewandt, ist ein Tunnel eröffnet worden. Auch eine asphaltierte Straße gibt es längst. Unterschiedlichste Karosserien, wie sie offenbar vom Band der Zeit fahren, kommen hier durch, wollen nach oben, zu irgendeinem Kreuz, das dort aufgestellt wurde. Nur wenn es Nacht ist, ist es ganz beruhigt, da man die Auffahrt sperrt. So ist es vereinbart. Dann stehe ich manchmal im Tunnel. Sehe zwei riesige Vögel im massiven Zustand wie Kosmen, inmitten ihrer Musik, wunderschön aufeinanderzugleiten. In anderen Nächten höre ich sie nur, ozeanisch, durch ein Schnabelrohr, das in mein Glashaus mündet. Dann sind am Himmel die Sterne besonders hell. Denn auch das Dach ist gläsern, wie du dir denken kannst.

Daher danke, liebe E., im Voraus und auch für all die Jahre zuvor.

A., dein 4. Kind

Das hölzerne Pferd und die Phantastik

(noch ohne 1. Stock)

Im Mondschein lief ich die Dorfstraße entlang. Lief bis an ihr Ende. War wieder hier. Sprang über den Zaun neben dem Eingang, lief durchs Rosenbeet und streunte über den Hof. Abermals, die zwei hölzernen Torflügel waren weit aufgeklappt, stand die Scheune offen, die zweimal so hoch war wie das Haus, in dem wir gerade schliefen. Auch die kleine Tür, dem Tor gegenüberliegend, durch die man sie verließ und so in den Garten gelangte, war geöffnet worden. Hinter dem Garten lag ein Acker, hinter dem Acker der Wald. Wieder saß mein Urgroßvater betrunken auf dem hölzernen Pferd schaukelnd versunken vor ihr : so floss aus ihr Nacht in den Hof.

Frauen in schwarzen Kleidern krochen wendig über den Flur, versuchten, angelockt vom knarzenden Klang, in unsere Scheune zu gelangen, die unserem Haus direkt gegenüber stand. Ich wusste, er ritt dem Wald entgegen: schaukelte schneller, schneller und schneller, dass sie, die Krochen, kommen mögen. Da schoss meine Urgroßmutter wie ein aufgeschrecktes Biest im Nachtkleid: weiß wie ihr wehendes Haar, furios wie eine Lichtscheuche, aus dem Haus und über ihn hinweg, sie zu schließen.

So sah ich es noch einmal. Sah es, als sah ich es zum ersten Mal. Mein zartes Alter ließ mich ihn damals nicht fragen: 

Wieso reitest du das Pferd so doll?

 
So oft hat er es versucht. So oft war seine Liebesmüh’ ihr gegenüber vergeblich.

Und so blasst diese Erinnerung nun auch vor meinem inneren Auge. Wird schwarz und schwärzer.

Es fließt nun immer Nacht auf diesen Hof, ihn zu dunkeln, die Torflügel stets weit offen, das hölzerne Pferd zu schaukeln, auf dem er jedes Mal saß, wenn er betrunken war, in dessen Mähne und Schweif noch Waldkletten hängen. So war ich noch einmal hier: es zu sehen. Und lausche bis heute bang einem letzten Knarzen.

Hallo Lulu,

ich bin wieder da. Und bei Kräften. Ich weiß, du hast mich vermisst, meine Saugfischin, und immer wieder rumgekruscht.

Und ja, ich habe sie ausprobiert: Die Aigaverschwundenheitsmaschine, wie du sie nennst. Das gefällt mir. Sie funzt. Steig’ ein und verschwinde! Nur bei dir offenbar nicht. ‘s babbt, sagt J. immer und wedelt mit einem ihrer Stofftiere. Ein weiterer, recht häufiger Ausspruch von ihr ist: Freund Freund Freund! Muss ich jetzt immer an dich denken, du Stofftier. Auf jeden Fall bin ich wieder auf einem aufsteigenden Ast (als Astreiterin). War über eine Woche lang in einem viralen Cocon aus Schleim gefangen, in dem ich mich durch die Weltgeschichte geschleppt habe. J. ist in meinem Alter und lebt in einem Kuckucksnest, in dem ich nun seit einem Monat arbeite. Nahe an einem See gelegen, an dem tatsächlich ein Kuckuck wohnt. Man hört ihn ständig rufen, egal zu welcher Tageszeit:

Kuckuck!
((((Hai))))! -fischfrau

Bin wirklich happy damit und frisch verknallt in 15 ‘Kuckuckskinder’ unterschiedlichen Alters, die in jeweils sehr eigenen Welten leben. Teilweise schwer zugänglich. Zum ersten Mal habe ich das Gefühl einem Beruf nachzugehen, der mir durchweg Freude bereitet. Das war vorher nicht so. Jetzt weiß ich wenigstens, warum ich müde ins Bett falle. Ach ja, und ich habe etwas Kurioses geträumt: Ich drang in ein Haus ein, um den ‘Hirschjungen’ zu befreien. Ein Mongole, stellte ich fest. Er sprach nicht, sah dem Treiben eher mit Argwohn zu. Heißt: Ich habe ungefähr 10 Menschen, die ihn gefangen hielten, mit einem Draht den Kopf vom Körper getrennt. Einfach so. Ohne mit der Wimper zu zucken (was mich allerdings im Wachzustand durchaus zucken lässt, denn auch im Traum nahm ich mich nicht als kalten Menschen wahr: also nicht anders als sonst). Als wäre ich eine Art alleinige SWAT-Einheit (irgendwie peinlich). Special weapons and tactics. Lach! Ehrlich gesagt, ich weiß nicht so genau, was die Action soll (woher sie kommt, ist was anderes), warum mein Unterbewusstsein meine Kampfmieze lädt. Naja, der Traum ging noch weiter: Ich wollte gerade mit dem Jungen das Haus verlassen, da sah ich einen vorauslaufenden Schatten über die Türschwelle gleiten. Ich versteckte mich wieder ums Eck, der Hirschjunge hinter mir. Ich hoffte, dass er ruhig bleiben würde, uns beide nicht zu verraten. Das blieb er auch. Ich kann gar nicht genau sagen, was da auf uns zukam, ich wusste nur, es war uralt und ich hörte, dass es lahmte. Wachte aber auf, bevor ich es zu Gesicht bekam. Das Interessante jedoch ist, mir war sofort klar, das würde nicht so einfach werden. Empfand es als etwas Kraftvolles, Wendiges (trotz dessen, dass es lahmte). Etwas, das zigfach mehr Kraft hatte als ich. In jeglicher Weise.

Schade bei solchen Träumen ist nur, diesen Urweltwesen oder -kräften nie gegenüberzustehen. Stets aufzuwachen, bevor sie mich sehen oder ich sie. Es ist immer nur eine gegenseitige Wahrnahme der Anwesenheit. Ein Ablauf von Zeit. Hin auf etwas Unvermeidliches. Ein Kurz-Bevor. Andererseits, ich habe den Hirschjungen gesehen. So hat ihn mein Unterbewusstsein benannt. Im Gameplay wäre er wohl die Prinzessin, die vom Endgegner gefangen gehalten wird. Oh Diane, ich hab’s weiter pervertiert.

Wer weiß, vielleicht war es der von den Hunden, die ich getötet habe, gehetzte und gerissene Hirsch. In Menschengestalt. Genommen vom Schatten.

Träumst du, Lu?

(P.S. Überlege dir doch schon einmal, warum die Kombi: obenrum Schwein, untenrum Engel nicht sehr lebenskonstituierend ist. Die umgekehte Variante, das verrate ich dir schon mal, ist auch nix. Um losen Cock-&-Muschi-Konsum geht es dabei nicht. Rauch’ deine Puppstrings und versuche alles als ein Loft wahrzunehmen. Bewusstsein an vorderster Front natürlich. Klar! Dein Schiffchen, deinen Körper solltest du allerdings mitbedenken und was er fürs Bewusstsein bedeutet. Körper ist Seele. Jedenfalls behaupte ich das. Aber du kannst natürlich auch Margie befragen. yer best. yer black pearl.

Es ist und bleibt doch dein derzeitiges (ein Jahrzehnt) Überlebenskonzept, das sich als Konsequenz aus deiner bisherigen Biographie ergibt, es so zu halten, wie du es schaffst dich eben durchzubringen. Für mich in Ordnung. Nur vergesse nicht, es ist deines. Offenheit, Francis, sie vor allem mal durch- und aushalten. Auch in deinem Korsett (nette Vorstellung). Und ich schau dir dabei zu.

Schaffst du das?

Erklär’ mir dein ‘Kranksein’. Und ja, ich weiß, dass du der Meinung bist, alles ist krank, der Mensch ist krank. Auch ich empfinde Ekel vor Verhaltensweisen, verstehe also durchaus, was du meinst. Dennoch ist das eine arg faule Aussage von dir.)

Macht die Musen los!

Wenn die Muse dir kostspielig geworden ist, weil man dir in dieser Welt keine Zeit gibt, wird sie dir vielleicht nicht einmal ihren nackten Hintern blecken. Mit einer Muse marschiert man nicht. Das ist absolut unmöglich. Was sie verlangt: ist Zeit. Und so ist es schmerzhaft in einer Welt zu leben, in der von dir erwartet wird, ohne Muse zu sein. Warum scheut man ihr Antlitz? Was vermag sie zu zeigen, das so vernichtend ist, dass man sie verbannt?


Wer ohne Muse ist

hört, als wäre er ohne Ohrmuscheln,
berührt, ohne zu berühren,
schmeckt, als wäre er ohne Zunge,
sieht, ohne zu sehen,
spricht, als kennte er kein einziges Liebeswort.

Wer ohne Muse ist, nimmt nie wahr,
wie es leicht nur zu strömen braucht,
wie es duftet, wenn man liebt.

Wer ohne Muse ist, tanzt und tanzt doch nicht.

Wer ohne Muse ist, liebt vielleicht,
scheut aber doch den Ozean,
den Schmerz, den es auch bedeutet.

Wer aber doch ohne Muse Mensch sein kann,
mit allem, was es bedeutet,
der werfe den ersten Stein nach mir.

Häxe(n)wërch

Waldein

Wieder und wieder,
bereits der Morgen in den Wäldern meiner Haut,
verlasse ich mich.
Erneut.
Verborgen in Häuten.
Verborgen in Rufen.
Hinein in den Wald.
Den einen.

Schemenform (Proto)

Wieder und wieder lief ich des Weges, den ich einst nahm.
So oft warf ich meine Hände dabei ins Feuer.
Und jedes Mal in jeder Mitte dieses Waldes ließen sie mein Haus, auf das sie mit ihren nachtlangen Fingern zeigten, erneut in diesem großen Kessel versinken.

So lange habe ich dich hier nicht mehr gesehen.

Die Bäume brachen ihre Borken durchgehend stumm auf.

Fleischweiß ist es hier geworden.

Einzig hinter der Tränenmauer gingen Wölfe auf Zehenspitzen auf und ab.

Die Strümpfe bei Hofe

Nick ertappte sich selbst dabei, wie er im Regen saß, und das Schauspiel der fallenden Tropfen beobachtete. Nichts hätte ihn heute abend zurück in seine Kammer gebracht, denn er wollte nicht etwas hören, was nicht gleichzeitig zu beobachten war. Wärst du unsichtbar, mein lieber Regen, ja, auch dann müsste ich mir eine Gestalt für dich ausdenken. Vermutlich würde ich Fingerknöchel nehmen, ich wüßte ja nicht, daß du Wasser bist.

Infernalisches Prasseln. Das Prasseln von Geisterfingern auf den armseligen Behausungen und … auf dem etwas weniger armseligen Dachstuhl des Schloßes. Was die wohl den ganzen Tag dort treiben? Aufhübschen, abhübschen, hinaus zur Jagd, zurück zur Tafel!

›Lustschloß‹ – dieses Wort gefiel Nick außerordentlich, aber: ob die jetzt auch im Regen hockten? Zeitlos schienen die Herrschaften nie zu sein, alles wirkte geplant und gewichtig, selbst wenn eine der Damen den Strumpf verlor. Das geschah auf merkwürdige Weise. Das Textil löste sich noch im Schuh bereits vom Fuß, krabbelte aus den geschnürten Stiefeln ins Freie, und ließ sich einfach fallen. Meistens verendete der Strumpf im Gehuf der galoppierenden Pferde, so manches Mal aber stürzte sich ein Jüngling gleich hintendrein und brachte das Kunststück fertig, vor dem freiheitlich denkenden Strumpf im Matsch zu landen. Das nützte weder Fuß noch Reiter, aber es gefiel dem Strumpf, denn jetzt durfte er sicher sein, daß er mit Stroh ausgestopft dort aufgehangen wurde, wo die wirklich wichtigen Strümpfe hingen. Das war eine etwas seltsame Galanterie, die womöglich gar nicht so oft vorkam. Aber wenn man, wie Nick, überall Geheimnis und Rätselraunen erblickt, und sei es in einer lächerlichen Pfütze, dann wird die Frage, warum so ein gut umsorgter Strumpf sich selbst entleiben sollte, zur Nebensache; die Hauptfrage blieb: Was ist hier eigentlich los? Hier ist die Welt, und da bin ich – ständig ist alles in Bewegung!

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