Straßenbau im Neunzehnten Jahrhundert

Haggenmüllerstraße, Kempen (Foto: Albera Anders)

Die Bagger werden zwar nicht mehr mit Dampf betrieben, weil die Kessel, in denen er produziert werden kann, mittlerweile kaum noch auf einem Flohmarkt zu finden sind und die Beschaffungskosten astrale Höhen zeitigen, aber das trübt das Gesamtbild nur marginal. Die Zeitreisenden freut es sicherlich zu erfahren, dass Kempten in diesem Jahr damit begonnen hat, sämtliche Straßen und Bürgersteige abzureißen, damit die Bevölkerung sich wieder am Matsch und am naturbelassenen Schlagloch erfreuen kann. Kinder werden ihre Papierschiffe wieder mitten auf der Straße kentern lassen können und auch Pferdescheiße wird bald wieder die glückliche Luft um uns herum erfüllen. Gegenwärtig ist das Pilotprojekt in der Haggenmüllerstraße zu bewundern, und ich kenne niemanden, der nicht vor Aufregung zittert, weil es endlich wieder in ein Jahrhundert voller Sonnenschein und Muse geht. Brechen wir gemeinsam auf.

Der Kobold am Forum

Wir spazierten durch verlassenes und vergessenes Land, wir spazierten also durch die Kemptener Kälte, weil es stets die frische Luft ist, die sich am besten atmen lässt. Und schon waren wir auf dem Rückweg, näherten uns ganz wunderbar dem Weg, der uns an der Allgäuhalle vorbei führt (und auch schon so oft geführt hat). In den Wäldern ist es keine große Überraschung, auf das Kleine Volk oder andere Naturgeschöpfe zu treffen, auch wenn man sie nur in den Augenwinkeln blitzen sieht, in einer Stadt ist es jedoch mehr als außergewöhnlich (auch wenn es mehr Trolle, Feen und Schrate gibt, als man sich das vielleicht denken mag. Sie wissen ja andernfalls nicht, wo sie ihre Milch besorgen sollen).

Von der Ferne sah er so aus, als trüge er eine Maske, als er näher kam, sah er erschrocken hin und her, denn freilich bemerkte er, dass wir ihn erkennen konnten, als wir an ihm vorbei gingen. Zu einem Gespräch waren wir gar nicht gekommen, weil wir nicht weniger verblüfft waren als der Kobold selbst – eine Gattung der Goblins – mit seinem roten Haar.

Das Wort “Goblin” kommt eigentlich aus dem Griechischen “kobalos”, was Schurke bedeutet. Viele Unterrassen von Goblins durchstreifen die Welt von Nordeuropa bis in den Mittelmeerraum und sogar bis nach Japan, um sicherzustellen, dass die Menschen von ihrer Anwesenheit wissen. Übernatürliche Fähigkeiten können jedoch von Nation zu Nation oder von Kontinent zu Kontinent variieren. Das einzige verbindende Merkmal ist dabei ein schelmisches Bewusstsein, das in einer grotesken oder abschreckenden Form mit einem allgemeinen Bezug zur Nacht oder zu lediglich dunklen Orten verkörpert ist. Goblins gibt es schon seit sehr langer Zeit, so dass man im lateinischen Mittelalter diese Kreaturen mit dem Begriff “Gobelinus” benannte.

Die Kobolde sind dabei eine sehr bekannte Goblinrasse. Der Grund ihrer weiten Verbreitung liegt an ihrer Vielseitigkeit, da sie quasi überall zu finden sind – auf Schiffen, in Minen, und sogar in den Häusern der Menschen. So ändert sich auch ihr Erscheinungsbild, um sich dem Ort ihrer Wahl anzupassen. Die meisten Kobolde entscheiden sich jedoch für ein Leben als ambivalente Hausgeister, denn dort können sie ihrer Natur freien Lauf lassen, die darin besteht, im Haushalt zu helfen, oder – wenn sie vernachlässigt oder beleidigt werden – die Bandbreite ihrer bösartigen Streiche zu zeigen. Berüchtigter sind jedoch jene Kobolde, die in unterirdischen Stollen leben. Das Element “Kobalt” wurde nach ihnen benannt, da die Bergleute früherer Zeit das giftige, arsenhaltige Erz, in dem sich Kobalt findet, mit ihnen in Verbindung brachten.

Dass es sich bei unserer Begegnung um einen Kobold handelt, liegt also schon deshalb auf der Hand, weil andere Goblins eher nicht in einer Stadt auftauchen würden, maskiert oder nicht.

Viehmarkt

In erster Linie mochte ich es gar nicht glauben. So leicht wäre es über die Jahre bereits gewesen, die Reiseschreibmaschinen gegen eine zünftige Büromaschine (ein Arbeitspferd) einzutauschen. Ich hätte wohl nicht eine derartige Leidensstrecke zurücklegen müssen. Die Monikas waren mir aufgrund ihrer Robustheit bereits mehr an die Finger gewachsen als die anderen, dennoch gab es Makel, über die ich immer wieder berichtete. Jetzt ist der Koloss Olympia SG vor Ort, eingeritten und für tragfähig befunden. Zudem habe ich, sollte einmal etwas im Argen liegen, einen Mechaniker dazugewonnen, der auch mein zukünftiges Schreiben mit der Maschine gewährleisten kann. Drama beendet? Es sieht leicht danach aus.

Man mag sich fragen, was ich auf dem Allgäuer Viehmarkt zu suchen habe. Die Antwort ist sensationell einfach : mich nach dem Preis für eine 29-Liter-Kuh erkundigen. Der Preis liegt derzeit bei 1100 Euro, was natürlich dem niederträchtigen Milchpreis geschuldet ist. Man möchte fast sagen : jetzt Kuh oder nie Kuh ! Die Maße meiner Klause liegen bei rund 34 Quadratmeter, der Balkon ist zu schwach auf der Brust (aber ich könnte mit einem Rollwägelchen für Kfz-Mechaniker zum Melken rollen, wenn ich die Balkonschwelle wegreiße…) alles überlegungen, die man sich machen muss.

Kaffee bei Birnstiels

Kaffee

Kaffee gibt es in den unterschiedlichsten Höhenlagen, deshalb natürlich auch in Kempten. Wer es gerne hat, dass sein Kaffee nach alten Zeitungsrollen und Druckerschwärze schmeckt, der beehre den Herrn Birnstiel, seines Zeichens freilich kein Kaffeeausschenker wienerischer Couleur, sondern hoheitlicher Marketender für Druckartikel aller Art – und einer der letzten einer aussterbenden Zunft. Heute empfing er den Meister ganz im Blüschen, mit Schlips und ordentlicher Bommelei, festlich und fesch, gekämmt und adrett. Ein stattlicher Zeitungswaren-Vorzeiger (der sich auch mit Tabak, Haschischpfeifen und – nur so zum Spaß – einem Kaffeeautomaten brüsten kann. Man kann sich hier im Laden schlicht über alles unterhalten : Knötchen in der Brust, wo bekommt man ein bezahlbares Hirschgeweih, war die Fußpflegerin heute wieder schick?; bei Presse Birnstiel tobt der Figaro-Gedanke wie sonst nirgends mehr. Hätte Kempten eine Mutter, dann hieße sie Herr Birnstiel. Weiland kaufe ich meine wie auch immer gearteten Heftchen dort, die dann, Opfer jeder Sammlung, irgendwo im Keller lagern. Aber nicht diesmal. Diesmal bin ich auf der richtigen Spur, die da lautet : Hochphilosophie. Im Zeitungsschlabberladen? Oh ja, denn ich habe es auf die Buchrücken der LTBs abgesehen, Kater Karlo als intergalaktischer Schurke. Ist das nicht very well by the way? Tröstet euch : auch wenn der Kaffee für umme war, er schmeckte nicht besser als ein angebohrtes Leitungsloch und ich habe ihn dennoch getrunken. Wird das Auswirkungen auf meine Gesundheit haben? Ich glaube nicht, denn selbst die schlimmste Kloake verwandelt sich in Kempten in ein übersinnliches Tröpfchen aus dem Acheron.

Das Schuhwerk seiner Frau

Ein Männlein sitzt im Bauern fast still und stumm,
es hat auf seinem Bänklein zwei Tüten um.
Was mag in den Tüten sein,
das der Mann putzt ganz allein
auf dem Kempt'ner Bä-hä-hä-hä-hänkelein ...?

In diesem Beitrag wollen wir uns der fiktiven (und mächtigen) Klodhilde zuwenden, deren wirklicher (und fleißiger) Mann auf ein Bänkel auf dem Rathausplatz, kurz vor der Bäckerei Wipper) ausweicht, um sich seinen ehelichten Pflichten, die mancher gar nicht auf dem Schirm hat, zu widmen. Stellen wir uns die (fiktive) Klodhilde barbefußt und schwach bestrumpft vor, wie sie auf dem Balkon (der Herbst ziept schon an ihren Gliedern) nach ihrem Männe Ausschau hält, der ihr gesammeltes Schuhwerk in einer Plastiktüte gen Stadtzentrum führt, um es in Ruhe von Ihrem Wanderstaub und Auf-und Abs zu reinigen. Folgendes (ebenfalls fiktives) Gespräch wäre im Vorfeld des Kümmernisses denkbar: “Es ist kalt, Klodde (er nennt sie halt so), darf ich heute nicht, nur einmal …”

“Nixnix, Ferdl (sie nennt ihn halt so), den Gestank und die Unbilden der Wildnis wirst du schön brav in aller Öffentlichkeit von meinen gespenstischen Tretern wienern! So alle Welt soll sehen, was du mir bist und ich dir bin! Sapperlot!

“Und so trottet er heiteren (weil liebenden) Gesichtes gen Rathausplatz zu Kempten, um sein Täschlein zu lüften und die Bürsten sprechen zu lassen. Doch: was ist das? Kommt da nicht der Dichter Putte ums Eck, um ihn dabei zu beobachten? Freilich, jaja, er ist’s. Schon richtet sich sein menschenferner Blick auf den einzigen Menschen, den er jetzt gerade sehen kann: einen Gebuckelten! einen Gebeugten! einen Unterfuchtelten!

Fleischsauce am Haken

Gäbe es eine Disziplin der Unmöglichkeiten, wäre Fleischsauce am Haken ein Dauerbrenner. Kempten hat noch sehr viele echte Fleischer, Haudegen am Hackebeil, am Viehschußgerät und am Rippenzieher. Die Auswahl fällt schwer, ein Qualitätsproblem gibt es hier nicht, die umgebundenen Schürzen der Metzger sehen besser aus als die im Klinikum, hygienischer auch, schließlich ist es beim Tier nicht egal, wie es verreckt. Natürlich gibt es auch hier Veganer, Modeerscheinungen machen auch vor den Toren des Südens nicht Halt. Aber diese essgestörten Yuppies sind eher die Ausnahme, hüpfen in ihrer Lichtgestalt durch den Äther, schweben fast (zum Laufen sind sie zu schwach), die Mädels führen sich Mohrrüben ein, die Buben schauen neidisch zu; wobei nicht gesagt werden soll, dass ein wenig Salat dem Tellerrand nicht ein angenehmes Flair verleiht und einem rosaroten Steak nicht erst zur vollen Blüte verhilft. In der Innenstadt gibt es einen Vinzenz Murr, den ich häufig konsultiere, allein, um den Treiben beizuwohnen, das die Angestellten dort veranstalten, oder die Veranstalter anstellen. Ich bin dort in aller Regelmäßigkeit, beobachte als kundiger Kunden, wie sie ihr Geschäft abschließen – und wenn es erst um die Wurst geht, hat jeder seine Eigenheiten. Der eine will den Zipfel abgeschnitten, bei andern erinnert sich die Fleischfachverkäuferin daran, selbst den Zipfel abzuschneiden (oder hätte es beim ersten auch schon getan, hätte dieser nicht, weil er vermutlich schon einmal über den Zipfel, oder um den Zipfel herum, betrogen wurde, darauf hingewiesen : Zipfel ab). In der Küche schmort bereits das Hirschgollasch, dem ich probeweise schon einmal beipflichten konnte, während ich vermischt Putenschnetzel und Schweineschnetzel auf dem Teller habe – die Entscheidungskraft wurde mir gestern von einer Friseuse aus den Haaren geschnettert.

Die Geschwister Grimm in Kempten

“Im Anfang war das Wort. Und das Wort war bei Gott. DAS ist doch merkwürdig!”

(Zitat von “Die-mit-dem-Dichter-spricht”)

Das Allgäu ist übervoll mit Menschen, an denen der Nonsense der heutigen Zeit zwar nicht abprallt, aber hier und da dann doch für das genommen wird, was er ist: eine vorübergehende Erscheinung. Gerade in den Bergen und in den Randbezirken gibt es noch eine Menge Zauber.

“Ich würde Sie niemals als Hexe bezeichnen!”
“Ich mich aber schon”

Naturheilkundige finden hier ihr Mekka. 1775 wurde die letzte Hexe in Kempten zum Tode verurteilt, aber nicht verbrannt. Sie starb eines natürlichen Todes. Vielleicht geht es Kempten deshalb so gut. Wer im schöpferischen Element tätig ist, der weiß, dass diese Kraft weiblich ist, auch wenn es Männer gibt, die das leugnen. Ich selbst wäre ohne die weibliche Urkraft seelisch wie körperlich bankrott. Deshalb die Große Mutter, deshalb Hexen. Aber mir geht es hier nicht um Elementarkräfte und deren Herkunft. Es ist ziemlich erstaunlich, dass sich Kräuterfrauen und solche, die sich selbst “Hexen” nennen nicht nur in den Allgäuer Dörfern finden, sondern mitten in der Mall, die gesichtslosen Konsum über ihre Jünger schüttet, die jeden Tag erneut anbranden, um dem Abfall der Industrie anheischig zu werden.

Der Weg, der unvermeidlich zu einem Ziel führt heißt: Offenbarung; und dass es nicht nötig ist, seine Schönheiten zu deklarieren, versteht sich von selbst. Nur jener, der im heimlichen Licht seine Warzen sehen lässt, seine Schuppen, seine Hexenhaare (die sich unter die Makellosigkeit mischen und die, trotz der Folterbank, auf der sie ausgerissen werden, mit Hohngelächter immer wieder kehren), kann eines Tages von sich behaupten: Ich wurde geliebt. (M. Perkampus / Die Laubfrau)

Bilder: Albera Anders

Dass wir beide zufällig aussehen wie die Geschwister Grimm (nehmen wir einmal an, es wären keine Brüder gewesen), muss für viele Kemptener eine witzige Erscheinung gewesen sein. Zwar kann man nicht davon sprechen, daß wir etwas mit Schwefel veranstaltet hätten oder sonstwie mit der Welt ins Gericht gegangen, aber so eine geballte Ladung Kosmos sieht man auch nicht alle Tage. “Ich lese trotzdem ab und zu in der Bibel” ,sagte sie und kicherte dabei. “Im Johannesevangelium. Vor allem den Anfang finde ich interessant.” Sie mustert mich aufmerksam, fragt dann: “Haben Sie’s vor sich?” Ich nicke. Das hören wir Dichter gern: Im Anfang war das Wort. Die kleine Dame fand das merkwürdig. Ich nicht. Alles, was existiert, habe ich durch mein Wort geschaffen.

Der Fall Sissi

Der Traum vieler Mädchen, eine Prinzessin zu sein, lässt sich leicht mit der von Romy Schneider selbst gehassten Rolle der jungen Kaiserin, die sie im gleichnamigen Gummi-Film von 1956 spielte, in Verbindung bringen. Ein strammes Korsett hat die leibhaftige Kaiserin ja tatsächlich bis zu ihrer Ohnmacht hin geschnürt.

Ob Elisabeth hingegen etwas mit Magenta und rosarotem Plüsch anfangen konnte, bezweifle ich. Dazu war ihr Leben viel zu tragisch. Wie das aber bei Tortenbauern und Zuckerschmieden so ist, liebt man das glitzernde Süß über alle Verhältnisse hinweg, und wenn dann in der Familie die cinemascopische Legendenbildung mit den vielleicht persönlichen Vorlieben, Puppen an- und auszukleiden, eine genetische Tatsache darstellt, hat man den Salat, beziehungsweise das prunken=trunkene Gebäck.

Ist nicht schlecht, sieht nur so aus, weil der Wind weht

Das Töchterlein huscht dem Vater in den Hobbykeller nach und zwingt ihn, das kleine Modell eines Wirtshauses anzufertigen, rosarot bitte, denn wenn ich einmal groß bin, dann werde ich Kaiserin sein! Und wenn du’s nicht tust, trage ich nur noch Bubenklamotten und spiele Fußball mit der versauten Dorfjugend, die gern Frösche anpinkelt.

“Eines Tages werden wir einen Gast haben, der kommt von einem anderen Stern. Eigentlich ist er ja Dichter, aber seine Frisur ist auch nicht schlecht.”

Der Schock wird tief sitzen beim Papa, der sich fortan mit Herzog Max Joseph anreden lassen muss, vor allem, weil er es nicht fertigbringt, seiner Tochter zu sagen, dass er im Hobbykeller nicht mit Holz herumplauscht, sondern Zuckertürme spachtelt. Aber – Heißa! – da hat er die Idee! In Kempten wird bald eine Kneipe frei, die sich ja ganz leicht in ein Café verwandeln lässt. “Wir zerfetzen einfach deine Unterwäsche und hängen sie dort an die Decke, bekleistern die Theke damit und du wirst schon sehen! Die rosarote Scheißhausbrille nehmen wir von hier, Mutti kann das Ding ohnehin nicht leiden.