Montagsfrage: Weihnachtsbotschaft

Von allen Festen, die wir über das Jahr feiern, ist mir das heidnisch-christliche Weihnachtsfest noch immer das liebste, auch wenn man sich in der modernen Zeit anstrengen muss, den Geist der Weihnacht heraufzubeschwören. Sophia stellt heute in der Montagsfrage jene nach einer Weihnachtsbotschaft in Büchern, und interessanterweise ändert sich jährlich im Dezember meine Stimmung tatsächlich dahingehend, dass ich auch im Podcast eher jene Sendungen produziere, die das abbilden. “Die Welt bei Kerzenschein” ist sicher ein sehr gutes Beispiel; und natürlich habe ich am 24ten dann Charles Dickens mit seiner berühmtesten Geistergeschichte im Angebot. Da will ich nicht vorgreifen, aber es ist klar, dass Dickens das, was wir heute als Weihnachtsfest bezeichnen, mit erfunden hat.

Da sind wir überhaupt beim Thema. Weihnachten und Geistergeschichten. Wie ich bereits in der Folge über Halloween sagte, sind die herbstlich-winterlichen Feste jene, in denen uns die jenseitige Welt näher ist als an anderen Tagen. In früheren Zeiten feierte man am 25. Dezember das Julfest und das Sol Invictus (den Geburtstag der unbesiegten Sonne). Beide Feste wurden in Verbindung mit der Wintersonnenwende, der längsten Nacht des Jahres, gefeiert. Man glaubte, dass die Geister auf die Erde zurückkehren würden, um unerledigte Angelegenheiten zu beenden – genau das, was Jacob Marley in “Eine Weihnachtsgeschichte” tut.

Es ist diese Geschichte, die ein  beliebter Teil des literarischen Kanons geworden ist – und für viele ein unverzichtbarer Teil der Weihnachtszeit. Die Geschichte verkörpert den guten Willen, der mit der Weihnachtszeit verbunden ist – und sie enthält das Lieblingselement der Viktorianer für eine gute Weihnachtsgeschichte: Gespenster. Wie viele seiner Kollegen schrieb Dickens auch andere Weihnachtsgeschichten, in denen Gespenster und Geister vorkommen. Aber warum diese Besessenheit mit Geistern zur Weihnachtszeit?

Zu Dickens’ Zeiten war Weihnachten kein besonderes Fest. Tatsächlich war es für die meisten Menschen immer noch ein ganz normaler Arbeitstag. Die industrielle Revolution bedeutete weniger freie Tage für alle, und Weihnachten wurde als so unwichtig angesehen, dass sich niemand darüber beschwerte. Bei uns sah es ganz ähnlich aus; es dauert immer etwas, bis eine kulturelle Errungenschaft zu uns herüber schwappt.

Auch wenn es kaum Beweise dafür gibt, dass die weihnachtliche Geistergeschichte als bewusste Tradition vor der viktorianischen Ära existierte, gibt es etymologische Hinweise darauf, dass die Tradition mindestens bis in die Zeit Shakespeares zurückreicht. In “Ein Weihnachtsbaum” (1859) schreibt Dickens:

“Wahrscheinlich riecht es im Laufe der Zeit nach gerösteten Kastanien und anderen guten, gemütlichen Dingen, denn wir erzählen, während wir um das Kaminfeuer herumsitzen,  Wintergeschichten. Das sind natürlich Gespenstergeschichten.”

Der Ausdruck “Wintergeschichten” und seine Variante “Wintermärchen” waren zu Dickens’ Zeiten weitgehend ungebräuchlich geworden, aber er bezieht sich auf ein phantastisches Garn, das man sich zur Unterhaltung am winterlichen Feuer spinnt.

Eine noch erste Konnotation des Begriffs “Wintermärchen” findet sich vor allem in Christopher Marlowes Der Jude von Malta (1589) mit einer sehr spezifischen Definition: Ein “Wintermärchen” ist eine Geistergeschichte.

Zugegeben, nicht jede Geistergeschichte (oder nicht jedes Wintermärchen) enthält das, was man eine Weihnachtsbotschaft nennen kann, aber ich glaube dass folgende Bücher, die sich mir stets zur Winterszeit aufdrängen, durchaus dazu geeignet sind, eine gewisse weihnachtliche Stimmung zu transportieren: Neben der genannten wäre da Otfried Preußler – Krabat, die ich seit drei Jahren nicht mehr gelesen habe und gegenwärtig als Hörbuch ausprobiere.

Ich will jetzt gar nicht so sehr auf den Inhalt eingehen (denn ehrlich gesagt, bereite ich bereits eine Buchbesprechung vor), aber dieser Kinderbuch-Klassiker, der nicht nur alle seine heutigen Exponaten auf die Plätze verweist, sondern auch zur Neujahrsnacht endet, birgt natürlich die Botschaft der Standhaftigkeit. Das Buch hat man schon als “sorbischen Faust” bezeichnet, vor allem weil das Motiv – ähnlich wie die Sage um Doktor Faust – immer wieder frei bearbeitet wurde. 1954 schrieb zum Beispiel Měrćin Nowak-Njechorński Meister Krabat – der gute sorbische Zauberer. Es geht hier um nicht weniger als um die Bewahrung der Welt.

Ich bleibe gern in der Jugendbuch-Abteilung und füge noch Astrid Lindgren mit ihrem “Die Brüder Löwenherz” an.

Die Geschichte berührt eine Reihe von wichtigen Themen, die für ein Kinderbuch erstaunlich tiefgründig sind, wie Tod, Tyrannei, Rebellion und Mut. Aber das Hauptthema des Buches ist eigentlich die Wiedergeburt. Außerdem gibt es den noch tiefer gehende Hinweis darauf, dass alle Mythen war sind.

Eigentlich eine Abenteuergeschichte, macht sie deutlich, dass es ein Leben nach dem Tod gibt, und zwar ein sehr interessantes und ereignisreiches Leben.

Um es kurz zu machen: Die Brüder Löwenherz handelt Karl, einem 10-jährigen Jungen, der an einer unheilbaren Krankheit leidet, und seinem 13-jährigen Bruder Jonatan. Beide Brüder sterben zu Beginn der Geschichte, aber wie Jonatan Karl schon zu Lebzeiten erzählt hatte, treffen sie sich im Land jenseits der Anfänge, dem Nangijala, wieder. Doch dieses Land ist alles andere als ein Paradies. Auch hier gibt es Unruhen. Teile des Landes wurden von Tengil, einem bösen Kriegsherrn, in Besitz genommen. Nun droht er auch das Kirschtal zu übernehmen.

Die Kinder, vor allem Jonatan, werden von einem Pflichtgefühl gepackt. Er macht sich ohne seinen Bruder Karl auf den Weg, um eine Lösung für das Problem zu finden, das dem Kirschtal durch Tengil droht. Er trifft auf Orvar, einen Freiheitskämpfer, der ebenfalls versucht, Tengil zu bekämpfen. Karl und Sofia schließen sich zusammen, und gemeinsam bilden sie eine Gruppe von Freiheitskämpfern.

Tatsächlich könnte man jetzt eine gewaltige Rundreise starten und sich im Weiteren ansehen, warum zum Beispiel ein gewissen Gefühl der Gemütlichkeit, wie sie von verschiedenen klassischen Krimis ausgeht, zur Weihnachtszeit boomen. Tatsächlich hat ja fast jeder Krimiautor die ein oder andere Geschichte zur Weihnachtszeit angesiedelt. Allerdings wäre die Botschaft hier eine andere, weshalb ich es bei den drei genannten belasse.

Über

M.E.P.
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Wenn es kein Buch ist, dann ist es ein Hörbuch. Und wenn es kein Wort ist, dann ist es der Jazz.

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