Samanta Schweblin: Das Gift

Dass das wirklich Monströse die Natur, das Fremde und das Menschliche ist, daran hat uns der klassische Terror bereits gewöhnt: Wald und Dschungel fungieren als Versteck für all das, was von der Vernunft verdrängt wird, und Kinder sind der Anfang dieser Fremdheit. Wir finden dort, wo wir uns in Sicherheit wähnen, nichts anderes als die Warnung vor unserem Aussterben.

Diese längere Erzählung Samanta Schweblins, die aus irgendeinem unerfindlichen Grund als ihr erster Roman gehandelt wird, ist die intelligente Variation des Klischees „äußeres Monster gleich inneres Monster“, das sich auf eine Strömung in der lateinamerikanischen Literatur bezieht, die dem kolonialen Diskurs der Unschuld der Landschaft (im Gegensatz zur Stadt) einen Schlag versetzen will. Amanda und ihre kleine Tochter verbringen einige Tage auf dem Land in einem Haus, das von Carla vermietet wird, einer attraktive Frau, deren Sohn David, nachdem er durch das Wasser eines Baches, von dem er trank, vergiftet wurde, und dann bei einer rituellen Heilung seine halbe Seele verloren hat. Aus dem Gespräch zwischen Amanda und David, einem Kind mit einer verstörenden Erwachsenenstimme, rekonstruieren wir den Moment, in dem Amanda die „Rettungsabstand“(so heißt das Buch übersetzt im Original) verliert, mit der wir unsere Kinder schützen und tappen durch ein halluzinatorisches Dickicht.

„Das Gift“ ist eine Erzählung (und kein Roman), die den poetischen Stil mit Schweblins vorherigem Buch „Die Wahrheit über die Zukunft“ (Suhrkamp, 2010) teilt. Auch hier entfernt sie jegliches Beiwerk, um dem Leser das Vertrauen in die Perspektive, aus der die Geschichte erzählt wird, zu nehmen.

In diesem Fall handelt es sich um einen Dialog zwischen zwei wissbegierigen Stimmen, einer transformierten Erwachsenen und einem Kind (das Kind ist hier der Wissende, die Erwachsene hingegen naiv), der sich an einem verwirrenden Ort abrollt (auch wenn dieser Ort als „Erste Hilfe“ bezeichnet wird, ist seine wirkliche Verortung nicht möglich). Und obwohl Schweblins Fähigkeit, mit einer so komplexen Perspektive umzugehen, offensichtlich ist, setzt sie hier zu sehr auf den Plottwist, der von einem erzwungenen Ausgangspunkt und mithilfe minimalistischen Erzählens zu eindringlich auf diesen zusteuert. Dennoch ist diese Variation eines immunologischen Themas äußerst erfolgreich: der Feind von außen (das Virus, das giftige Element) ist gleichzeitig der natürlichste.

Und sie stellt sogar die Konstruktion unserer Vorstellung von Gefahr in Frage, denn indem Schweblin die genmanipulierten Sojaplantagen auf subtile Weise mit der Angst vor physischer und moralischer Verformung der eigenen Nachkommen in Verbindung bringt, bietet sie hier zwei mögliche Lesarten an (die mütterliche und die ökologische) und demontiert den Begriff der heilbringenden Natur. Der „Rettungsabstand“ verwandelt sich in den verwundbaren Raum der Fürsorge des bürgerlichen Humanismus, in eine bereits verlorene Vertrautheit mit der Welt.

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