Das Schneeberg-Habitat

Dieser Artikel ist Teil 1 von 36 der Reihe Gespenstersuite

Hoch auf den Schultern des Landes saß der Berg, so dass er noch ein Stück höher reichte und deshalb wesentlich mehr sah als angenommen.

Wenn er sich bewegte, tönte aus seinem Inneren ein heulender Ton, ein Schnaufen lang zurückliegender Zeiten. Es gab kaum Platz an seinen starken Flanken, kaum ein Emporkommen an den Splittern seiner Gegenwart, und seine Krallen waren finstere Bäche, die in Kavernen hinabstiegen und nicht an den Wiesen interessiert waren, die ihnen schöne Augen machten und über Nacht verschwanden. Sie stiegen in ein anderes Tal und brauchten nicht lange für ihre Entscheidung.

Ein Ornament, schöner als ein Filzhut, blieb zurück und drückte sich tief in die Erde, die ihre Stirn zu runzeln verstand. Diesen Berg bestieg ich aufgrund einer Vorahnung, ein Zeichen, das ich am Grunde eines Suppentellers sah. Es könnte Regen geben und es könnten sich neue Bäche bilden, es könnte ein neues Feld entstehen, abstrakte Muster, die zu lesen waren, wenn der Gipfel nichts dagegen hatte, wenn die Turbulenzen etwas nachgelassen hatten. Noch war die Zeit nicht vorbei, Zöpfe pilgerten die Wangen entlang, blaue Augen starrten in die Nacht aller Nächte hinaus. Ein Bild keiner Sonne. Ein eingerahmter Pflug. Das Schwert vergessener Fahrten. Noch zürnten die heißen Lippen, aber schon tranken sie die nächste Tasse eines fürchterlichen Wimmerns. In den Hütten blieb es still. Der Schlaf ging um und rührte nicht an den Geheimnissen, den unverschlossenen Türen, die in kleine unbenutzte Kammern ohne Fenster führten. Auch dort hingen die Träume bündelweise von der Decke, jeder von ihnen mit einem Preisschild versehen.

Ein Schneedämon, der sich von Fleisch ernährt, um danach in die Wälder zu verschwinden, um sich das eiskalte Schnütchen mit jungen Fichten zu putzen, quergelegt und weich. Die Förster hielten das abgescherte Bäumelein für Windfraß, das Schneelager für Holles Bettenzelt, das Bluträtsel für füchsisches Treiben, das Kochfeuer für Magie. Man erzählte es nicht in der Kneipe, sagte nicht: Ich habe heute im Wald einen Herd entdeckt, Nierengulasch war noch übrig, aber ich wollte nicht riskieren, dass dieser weiße Riese erwacht und mir vielleicht Lungen und Herz abfrühstückt.

Morena

Dieser Artikel ist Teil 2 von 36 der Reihe Gespenstersuite

Morena erschien mir von unserer ersten Begegnung an als eine überirdische Schönheit und es darf nicht verwundern, dass sie, die auf einen uralten Stammbaum zurückblicken konnte, im besten Alter für eine Frau, noch nicht geehelicht wurde. Merkwürdig waren die Geschichten, die man sich über ihre Schönheit erzählte und erste ernstgemeinte Avancen kamen wohl aus Furcht nicht zustande, denn man wusste in den sie umgebenden Kreisen sehr wohl, dass man sich immer auch den Ahnen zu stellen hatte, die das Geschlecht einst groß gemacht. Wehe dem, der sich nicht als würdig erweisen sollte, der zögert, wenn es gilt, nach vorne zu stoßen oder der, andersherum, voller Übermut eine ganze Bresche allein zu füllen versucht. Ich war weder von der einen noch von der anderen Sorte und wurde wohl von ihr angehört, weil ich weder stürmte und drängte noch die übliche Furcht vor ihrer Aura zeigte. In ihrer Nähe wurde ich stets von einer Kraft erfasst, die mir ermöglichte, philosophische Höhen zu erklimmen und etwa über Jakob Böhme, der bei diesen Gesellschaften zu dieser Zeit gern diskutiert wurde, zu parlieren, als wäre ich je ein Studiosus gewesen und hätte die Aurora mehr als nur gelesen. Morena bedachte mich dann mit Blicken, die mich aufforderten, nur weiter so kühn von der alchimistisch-poetischen Machart zu sprechen und gerade den Gedanken vom Widerspruch als ein notwendiges Moment weiter zu verfolgen. So sprach ich oft vor ihr und ahnte nicht, dass ich gerade das, wovor sich die meisten fürchteten, heraufbeschwor.

Auf dem aus der Wand gewölbten Spiegel stand die Rechtfertigung gegenüber meines Verdachts, den ich vielleicht erst etwas später hätte äußern sollen.

»Ich habe nie …«

Dabei war dieser Gedanke nie ausgesprochen worden, meine hängende Mundpartie hätte sich gar nicht um die vorgesehenen Worte wölben können. Also schwieg ich.

Ich hatte sie im Raubvogelgehege stehen lassen, konnte mich nicht dazu entschließen, auf sie zuzugehen, beobachtete sie dabei, wie sie einen verbrannten Engel küsste. Aber das war es nicht, was mich veranlasste, ihr zuzusehen und mich dabei hinter einem gefiederten Baum zu verstecken. Meine Augen wären ihr dabei vielleicht nicht willkommen, und wenn nicht meine Augen, dann vielleicht ihr Blick.

Es waren ihre bandagierten Arme, die mich neugierig machten (den Engel erkannte ich, um die Wahrheit zu sagen, auch erst viel später), und nicht zuletzt ihr Atemgerät, das ihr aus dem Gesicht ragte wie eine Radarfalle. Da kannte ich sie noch nicht.

Später traf ich sie noch einmal, sie fiel mir durch ihr verräterisches Kleid auf. Ihre Maske hatte sie nicht mehr bei sich und auch ihre Arme waren ohne Wunden, die eine Verhüllung erforderlich gemacht hätten. Nur ihr Kleid und die Brandflecken darauf. Vor ihr auf dem Tisch stand ein Teller mit in Öl zerlassenen, kleinen Fischen – Sprotten, um es genau zu sagen. Der Ausgang war nicht weit, aber man wurde stets durch ein Schnellrestaurant geschleust, bevor man nach draußen kam. Die Tür öffnete sich erst, wenn man etwas verzehrt hatte (oder wenn man etwas zu Verzehrendes gekauft hatte; ob man es dann liegen ließ oder in den Papierkorb warf – es war pures Kalkül, dass es nur einen Papierkorb gab, so wurde an das moralische Empfinden appelliert – blieb der eigenen Strategie überlassen).

Ich sprach sie natürlich nicht an, aber ich schlenderte hinüber zu ihrem Tisch und grapschte nach jener Brust, die auf meiner Seite lag. Hätte sie die Maske noch getragen, hätte ich es nicht gewagt.

Ihr Teller zerbarst auf dem kargen Boden und die Fische schlitterten über die Fließen, als hätten sie es eilig, wieder zurück ins Meer zu finden. Aber sie fanden es nicht, verteilten nur das Öl und blieben liegen, wo sie waren.

Ich kann nicht genau sagen, was dann geschah. Erst jetzt erinnere ich mich an die krümeligen Reste ihrer Wimpern, die sie im Waschbecken hinterließ, an eine gesalzene Seezunge im Kühlschrank. Ich schaue mir ihre Handschrift auf dem Spiegel noch einmal an: »Ich habe nie …«

ich bin ein Ufer
das Schöne und das Wahre
sind getrennt

nach dem Ufer
beginnt eine neue Welt
wie immer

in welche Richtung
ist nur eine Frage
die einer am Scheitel stellt

Einer, der in den Katakomben schläft

Dieser Artikel ist Teil 3 von 36 der Reihe Gespenstersuite

Ich hatte mich am Denken gehindert und stopfte alles in mich hinein, das mich an ein Zwiegespräch erinnern könnte. Es war wie ein Frieden, auf einmal war Frieden.

Mir sollten die Tage nicht lang genug werden, denn die Dämmerung zog früh schon heran. Ich genieße die Beschreibung, aber ich selbst fülle nur die Korridore aus, nie die Zimmer. Ich bin noch keinem Leuchten begegnet, das mir nicht auswich. Es liegt das Fremde nie weit entfernt, es setzt sich in der Nähe an den nächsten Tisch. Und an den nächsten. Es kann alle Fassaden erklimmen und in allen Gläsern zuhause sein, so lange man nur nicht weit entfernt erspäht werden kann. Ich könnte mich hinabwinden in die Katakomben von Paris, die dem Schlund der Hölle entsprechen.

Ich werde nicht ankommen in meinem verlorenen Paradies, aber wenn ich dort eine kleine Bastion in Form eines Appartements hätte, mit Licht und einer gemütlichen Uhr, die nicht nur den Staub vertreibt – die finsteren Momente wären nur noch Willkür. Ich dürfte nur nie versuchen, wieder an die Oberfläche zu kommen, denn der Weg wäre mörderisch und führte direkt in den Wahnsinn.

Alles Geisterhafte war mir von Anfang an vertraut

Dieser Artikel ist Teil 4 von 36 der Reihe Gespenstersuite

Sobald man das Verschwinden zum ersten Mal beobachtet hat, weiß man einiges von der Welt. Doch wirklich reizvoll wird es erst dann, wenn die Erinnerung einsetzt und ihre Kapriolen dreht. Wenn man nicht einmal sicher sagen kann, was man eigentlich gesehen hat, ist es nahezu unmöglich, die Vergangenheit lückenlos und in richtiger Reihenfolge heraufzubeschwören. Das sind die wahren Gespenster, und die Vergangenheit ist das wirkliche Jenseits. Besessen von der Idee zurückzukehren, ging ich die Wege rückwärts. Sie wurden verbraucht und lange nicht mehr benutzt, denn eines muss man wissen: Alle Wege werden geteilt und nur die Anordnung aller Gassen, die man halbblind durchstieß, ergeben schließlich den eigenen Weg. Die meisten vergisst man und so lässt sich niemals auf das Ganze schließen.

Alles Geisterhafte ist mir von Anfang an vertraut. Kein Ort, an dem ich jemals war, der nicht von einem Spuk heimgesucht worden wäre, auch wenn ich längst und viele Jahre schon mein eigener Dämon bin. Doch es könnte sein, dass Geister auch mit der Jugend verschwinden; sie verschwinden vor allem dann, wenn man sie nicht mehr sucht, weil man ein Teil von ihnen geworden ist. Dadurch kehrt eine äußerliche Ruhe ein.

Im Gefüge herumkratzen. Es ist wie einen Körper betrachten. Es hat einen Grund, warum wir ausgerechnet diese Gestalt haben und keine andere. Wir sind immer und zu jeder Zeit, wer wir sein wollen. Und das Schöne ist: Nichts existiert wirklich, alles wird nur von Gedanken aufrecht erhalten, von unseren Beschreibungen und Erzählungen. Die aber wirken, weben also Welt.

Es ist schon wahr: ich wusste nie, wer ich war; vor allem deshalb nicht, weil jemand zu sein abhängst von einer Illusion, die man in anderen implementieren kann. Wir lernen also, jemand zu sein, indem wir jemand für andere sind. Doch das haben wir nicht in der Hand. Irgendwann konnte ich mir unter all den Modellen, die es von mir gab, das aussuchen, zu dem es mich am meisten hinzog. Doch es gab keines, mit dem ich mich identifizieren konnte. Mein eigenes Modell war dabei ebenso falsch wie das all jener, die sich große Mühe mit einem Abbild von mir gaben. Wir scheiterten alle.

Als ich noch zur Schule ging, wunderte ich mich bereits über die Welt, die daraus bestand, die Frage nach dem Alter zu beantworten. Wusste man das, war das Sternzeichen dran. Natürlich wäre es unsinnig anzunehmen, man bekäme als dreijähriger die Frage nach dem Jenseits gestellt. Kannst du dich daran erinnern, wie es war, bevor du geboren wurdest? Die Antwort wäre ohnehin nein gewesen, denke ich mir jetzt. Aber was wäre gewesen, wenn man sie mir damals gestellt hätte? Hätte ich etwas dazu sagen können? Weißt du, wo du dich befindest? Ich wusste nur, dass alles verschwimmt, wenn man es zu lange anstarrt. Ich wusste, dass ich wie in einem bierseligen Rausch umher lief, ohne wirklich besoffen zu sein. Ich träumte, wie ich lebte, da gab es keinen nennenswerten Unterschied. Ich lag im Bett, schloss die Augen und war immer noch draußen vor dem Haus. Die einzige Ausnahme war vielleicht, dass ich im Traum schwerelos war und herumfliegen konnte. Es war mir ein leichtes, über die Telefonleitungen zu hüpfen. Das ging soweit, dass ich bei Tag Angst bekam, wie ein Ballon aufzusteigen und nicht mehr nach unten zu kommen. Träumen oder Wachen waren tatsächlich dasselbe, aber wenigstens hatte ich bei Tag etwas Gewicht. Selbst wenn ich nur ein Kilo gewogen hätte, sagte ich mir, bliebe ich unten, denn ein Milchbeutel schwebt auch nicht einfach davon. Aber davon wollten die Leute nichts wissen, sie fragten mich nur, wie alt ich sei und warum mich meine Eltern nicht zum Friseur schleppten. Nun, es waren die 70er, da gab es keine Friseure.

Im Roastbeef-Center

Dieser Artikel ist Teil 5 von 36 der Reihe Gespenstersuite

Mit sehr geschmeidigen Rückschlägen in der Tasche fuhr es sich diesmal leichter. Niemand hatte etwas davon erwähnt und alle Kammern waren leer. Für einen Morgen wie diesen musste man nur zwei und zwei zusammenzählen, um hinter der Tür ein Stoppschild zu finden. Mit einfachen Bestandteilen lernt man seine Sinne zu kontrollieren. Es war diesmal so schwer wie nie gewesen, da aber alle Anwesenden schwiegen, glaubte ich zu wissen, wo ich war und würde schnell wieder auf die Hauptroute zurückfinden. Die Sonne stand ungünstig im Nebel herum, ein Auge wie aus einer Beutesammlung. Drei Stufen und ich war da, setzte mich und betrachtete die Wand, die ich schöner in Erinnerung hatte. Sollte das Ereignis spurlos an mir vorübergezogen sein? Ich konnte keinerlei Spuren entdecken, nahm zum Schluss aber dennoch eine Art Kuchen zu mir, um nicht aufzufallen, Wir hatten damals nicht geglaubt, uns jemals von vorne zu sehen, mit deiner Eitelkeit zogst du die Schmetterlinge an, und sie kamen, trugen aber nichts zu unserer Habhaftwerdung bei. Ein Schluck von dir war lauter als die vermeintliche Stille, ein Schuss fegte aus einer Dose und stob nur sehr selten am Ohr vorbei, das schon lange im Sand lag. Es mochte einst dir gehört haben, aber wer konnte das jetzt noch wissen? Einmal – ich erinnere mich – trafst du zu später Stunde einen Mann In einem Roastbeef-Center und fragtest ihn nach der Zeit, bis er genug davon hatte und über einen unbekannten Berg floh. Der ist nun das Wappen aller vergessenen Dünkel. Schick, wie man es anzieht, schick – schick, wie man davon spricht: wo man gewesen ist, warum man sich nie die Schuhe abputzt, bevor man nach draußen geht. Ein Wiehern verstört uns, aber wir wissen: es ist nicht der Tag. Kennst du Stellen leichten Regens?

Watt

Dieser Artikel ist Teil 6 von 36 der Reihe Gespenstersuite

Es war nicht nötig, diesen Koffern in den Schrank zu stellen, wo er umgefallen wäre, weil das Möbel nicht im Lot steht. Es konnte niemand zu uns hinauf gelangen, nicht ohne von den Federn berührt zu werden, die unablässig aus den Wänden sprossen und sich auch von Gemeinheiten nicht in ihrem Wachstum gefährdet sahen. Es gab andere, die von den Wänden troffen als ein Schauspiel natürlicher Präsenz. Die Himmelsrichtung spielte dabei keine so große Rolle. Am Tag zuvor war das anders gewesen. Käme es darauf an, könnten wir uns zur Ruhe begeben, die erwartete Ankunft fände dann jedoch nicht statt. Sie übten den Katzengesang, aber die Wege waren samt und sonders verschüttet. Die Kreise veränderten sich und wurden blau. Was ist das für ein Material? Es hat diese Geräusche schon vorher gegeben.

Daraufhin folgten Schritte. Ich hätte sie gerne an den Haaren herbeigezogen, aber sie verschwand noch bevor die Turmuhr zu jaulen begann. Ein ungemütlicher Teil von mir sank plötzlich ab und verharrte in der Schräge. Schatullen von unermesslichem Wert standen dort, die Öffnungen auf ein Ziel fixiert, das gleich aus den Wolken stürzen musste.

Krettich (Vom Werden älterer Geister)

Dieser Artikel ist Teil 7 von 36 der Reihe Gespenstersuite

Man gerät in des Geistes Grummeltopf und hält sich den Schädel mit einem Stumpf. Der Torso wird überwacht von Schatten, die sich die Schuhe binden als hätten sie es gelernt.

Das ist nur ein kleiner Weg, aber er wird breiter und tut es den bekannten Flüssen nach. Von der anderen Seite schallt das Horn; Schaluppen quälen sich durch Hindernisse, die Münder zum Gesang bereit.

Die finsteren Gebäude schwanken in ihrem violetten Licht, geworfen von schweren Sekunden, die von Polstern prallen. Ihre Streuung scheint leblos, doch die Täuschung kann das Gefühl nicht negieren, es mit einer antiken Täfelung aufnehmen zu wollen. Aus Gesichtern tropfen dann und wann Tränenperlen, je nachdem, wer sie geschnitzt hat, und wer dann in den Feierabend hinaus lief, ein Gasthaus seiner Wahl besuchte und die Stube mit dem Dreck an seinen Stiefeln beschmutzte.

Schwaden des Kesseldampfs

Dieser Artikel ist Teil 8 von 36 der Reihe Gespenstersuite

So lieben wir:
Wir kochen die magische Suppe ab, in der freilich auch ein Anteil der selten gefundenen Springwurzel schwimmen muss, und fischen nach den feisten Brocken, die nach oben querlen – alsda können sein: Knollensellerie, Porree, Pastinaken und Topinambur.

Es wäre nicht dasselbe, würden wir das Geschlampe nach Bauernsitte einfach über den Tisch in die vorgekerbten Tellermulden gießen, denn dann läge nur alles hingeschüttet vor uns, ohne den Reim, den wir uns über das Essen machen könnten.

Das Vergnügen aber, in den warmnassen Schwaden des Kesseldampfs zu stehen und mit starren Augen in der Hitze herumzufummeln – hier eine Wange, dort sogar ein Lächeln in den Wogen des kochenden Wassers zu entdecken, das unser Gemüse bald an die Oberfläche wirbelt, gleich aber wieder nach unten zieht – bereitet uns die natürliche Freude des Schwerenöters, der nach den wirklichen Wölbungen in schummerigen Hirtenhäusern Ausschau hält, aber nichts sieht außer Kerzen und Lampen, und sich so das Seine selbst zusammenspinnt.

Die glatten Rinnsale

Dieser Artikel ist Teil 9 von 36 der Reihe Gespenstersuite

Die Fahrt zum Leichenschauhaus verlief ohne Zwischenfälle, kein Ast verfing sich im Getriebe und niemand choreographierte einen Untergang. Auch wir müssen den Abschied an den Händen halten (mit etwas Nagellack sind seine Finger wieder schmuck). Die Wände schwitzen ein brutales Rot.

Gespenster = Gespinster = spenstig = Gespinst = spinnen, weben, walken, wenden.

Noch einmal: die Trompete schallt (ich sag’ es dir),

die Trompete schallt (nicht fern von hier).

Da hast du sie, diese feindlichen Wände um dich herum, diese schwitzenden Brutstätten des nächtlichen Wahnsinns. Sie sondern ein Flavor künftiger Ereignisse bereits in den Morast vor der Tür.

Jedes Steinchen kennt das Wagnis, von einer Pfütze überwältigt zu werden.

Auf dem Grund hurtiger Luft.

Zementbläue bleicht den Blues. Simsala=Peng.

Bis zu einem gewissen Grad kann ich es hupen hören, dann aber verschwindet die Nacht in goldenen Pumps und schleift ihr Rückgrat hinter sich her.

Ich lebe nirgends, ich habe wirklich kein Heim.

Auf der Stelle

Dieser Artikel ist Teil 10 von 36 der Reihe Gespenstersuite
Ich blättere in der Erinnerung wie in einem Bilderbuch,
Halte inne und gefriere ein, was gar nicht
Zittert. Wenn es ein gefallener Knopf ist, führt er
Mich zu einem Laden, den ich mir im Herbst eröffne.

Meist ist es jedoch ein Geruch. Den kann ich schwer nur
Über sämtliche Stufen schleppen, der hat so ein Gewicht.
Es sind finstere Wege, die Leinwand völlig unbeleuchtet,
Auf ein Signal bewegt sich alles weiter auf der Stelle.

Niemand weiß, wann er bereits so tief in der Falle sitzt,
Dass ihm der Raum aus diesem Schelmenstreich
Genommen wird. Ohne diese Bühne sind weitere
Bewegungen nicht möglich, sie können auch nicht in der

Dunkelheit ausgeführt werden, wo sie ohnehin niemand sieht.
Die Rettung offenbart sich in Form einer Tür. Eingebildet
Oder nicht, wird sie in jedem Vorhang sichtbar, der auch
Als extravagantes Kleidungsstück verwendet werden kann. Wie

Man ihn richtig bindet, spielt dabei keine Rolle, nur die Farbe
Irritiert gewöhnlich etwas, weil sie nicht eindeutig zu bestimmen ist.
Die Lippen festigen sich kaum um ein lose hängendes Wort der
Erlösung. Sehenden Auges öffnet sich die Welt oder ein Theater.

Das kosmische Konzept der Aufzeichnung

Dieser Artikel ist Teil 11 von 36 der Reihe Gespenstersuite

Es gibt vermutlich nicht viele Dichter, die behaupten, bei ihrer Zeugung anwesend gewesen zu sein. Das ist keine Aussage, die man bewusst und ohne den Willen, das Publikum an der Nase herumzuführen, tätigen sollte. Es gibt aber einen Grund, warum man es dann eben doch tun sollte: den der Mystifikation. Mir vorzustellen, Ende August in einem Hotel in Düsseldorf in die Planungsphase des Lebens einzutreten, hatte stets etwas von einer Legendenbildung, obwohl es meiner gesicherten Wahrheit entspricht. Mir vorzustellen, wie meine Mutter aus dem Fichtelgebirge (sie muss in Selb in den Zug gestiegen sein) an einem Freitagabend hinauf zu meinem baldigen Vater fährt, der dort als Maschinenschlosser arbeitet, um ein romantisches Wochenende mit ihm zu verbringen, gelingt mir nur durch die Inanspruchnahme meines eigenen Verzehrens. Dieser Tag ist mir um vieles mehr wert als mein Geburtstag (insofern man sich selbst in Ehren hält), denn mein Schicksal zog seine Kreise und konnte (in meiner Vorstellung) noch gar nicht festgelegt sein. Wie viele Seelen mochten um den Körper meiner Mutter gerungen haben? Oder gab es gar kein Ringen und ich stand bereits als Sieger fest? Ich glaube, wir alle gestalten uns aus Träumen heraus, den guten und den schlechten. Objektiv gesehen gibt es keine Ewigkeit, sehr wohl aber spreche ich von Zuständen, die eine Art Stillstand erfahren. Es bedarf einer künftigen Wissenschaft, um zu erfahren, aus was sie bestehen. Wenn wir unsere Konserven nutzen, mit Film, Ton und Schrift, die wir zu archivieren suchen, dann bedienen wir uns im Kleinen eines kosmischen Konzepts der Aufzeichnung.

Die Geschwindigkeit einer Kutsche

Dieser Artikel ist Teil 12 von 36 der Reihe Gespenstersuite

Was von uns bleibt, ist der Irrtum unserer Sinne. Wir können nur durch Sprache sehen, erkennen aber werden wir nie etwas über den Moment hinaus.

Es ist noch gar nicht so lange her, da zürnten Kutschenräder durch den Dreck und die Reisegeschwindigkeit bewegte sich mit dem Puls der Pferde. Sie genügte, um die Erscheinungen hinter den Bäumen erkennen zu können, die während eines flotten Marsches per pedes gar nicht wahrzunehmen sind, weil sie sich immer im toten Winkel des Läufers befinden. Bei unnatürlich schneller Fahrt ist hingegen jegliche Wahrnehmung gestört und es gibt schlicht keine aufzudeckenden Geister. Die Geschwindigkeit einer Kutsche aber deckt sie auf, sie ist das natürliche Tempo überland, und wir wissen, dass wir nicht da sind, wo wir sein sollten.

Zweifellos ruiniert uns die Vergangenheit mit ihren altmodischen Kleidern. Die Formen verabschieden sich und kehren in Symbolen wieder. Wer hätte nicht sein Augen ein zweites Mal gesehen, wenn die Sonne schläfrig in die Felder taucht und sich ein Gewölbe darüber spannt?