Das Haus am Meer

Dieser Artikel ist Teil 13 von 36 der Reihe Gespenstersuite

Die Tatzen zitterten über den Sand, bevor das blaue Meer folgte und die Abdrücke wieder verschlang. Nur das Flackern einer jahrtausendalten Geschichte, die sich so lange wiederholt, bis der Strand abgeschliffen ist. Doch vorher muss der Brunnen werden. In Wirklichkeit zieht sich nämlich das Meer zurück und hinterlässt nur seine Schattenwelten.

Sehr früh schon huschte sie in Kleidern aus dem Haus, gefolgt von der dünnen Luft, die sich über Nacht in ihrer Kammer aufgetürmt hatte ohne entweichen zu können. Natürlich wusste sie auch diesmal nicht, wo sie graben sollte, ein Traum aber hatte ihr gesagt, die Tiefe warte bereits auf das Eisen des Spatens.

Das Meer rauschte unbekümmert ihres angestrengten Gebarens vor und zurück. Nichts deutete auf eine kommende Wüste hin, doch sie hatte sie bereits im Salz geschmeckt. Einen Tag mehr, einen anderen weniger. Vor und zurück. Einen Brunnen vor dem Meer zu bauen schien die einzige Lösung zu sein, also hieb sie so fest sie konnte in den Sand, aber schon waren die Tatzen über der ersten kleinen Kuhle und ebneten alles wieder ein. Wenn sie doch nur wüsste, wo sie graben sollte.

Noch bevor sich die Sonne sehen ließ, eilte sie zurück ins Haus, denn wer immer sie im Tageslicht gesehen hätte, würde sie eingefangen haben wollen. Drinnen saß sie still, aber nicht regungslos. Niemand kam vorbei und neimand klopfte an die Tür.

Sie war durch einen einsamen Wald gehetzt und verfing sich mit ihren wehenden Haaren so oft an den plötzlich auftauchenden Ästen, dass sie fürchten musste, bald keine mehr zu besitzen, aber zumindest blieb ihr Gefieder intakt. Sie lief im Kreis, aber das wusste sie bereits, bevor sie eine Begegnung mit einem ihrer ausgerissenen Haarbüschel hatte. Es war noch ein weiter Weg bis zum Meer.

Das Haus stand leer als sie es fand, zumindest war es seit Langem unbewohnt. Aber auch das stimmte nicht, denn es hatte auf sie gewartet, was für sie leicht zu erkennen war, als sie die Schwelle übertrat. Sicher hätte es sich gewehrt, wenn es mit ihr nicht einverstanden gewesen wäre. Es hätte sie vermutlich gar nicht eingelassen, denn die Waffen eines Hauses waren vielfältiger Natur, reichten von simplen Alpträumen bis zur gefährlichen Präsenz aufgebotener Geister, die aus der Erde nach oben gerufen wurden oder aus den Wänden traten, um die Art von Verwirrung zu stiften, die dann zu einem Unfall führen konnte.

Was sie aber sah, war Staub, von dem sie glaubte, das er ebenso alt war wie sie selbst. Er bedeckte zentimeterdick den Boden, tanzte vor den Fenstern im einfallenden Sonnenlicht und legte sich auf die zurückgebliebene Einrichtung, die aussah, als wäre sie älter als das Haus. An den Wänden klebten Salzablagerungen, aber das Meer hatte hier keinen Anspruch geltend machen können. Die Trockenheit war keines natürlichen Ursprungs.

Vielleicht wollte das Haus nicht, dass sie einen Brunnen grub, aber genau das würde sie tun, dafür war sie hergekommen. Es begagte ihr nicht, den Staub zu beseitigen und deshalb ließ sie sich Zeit, hörte auf das Ächzen und Stöhnen der Konstruktion, auf ein Zeichen des Missallensm, aber es gab nichts dergleichen. Allerdings war sie nicht verwundert darüber, keine Wasserleitung im ganzen Haus zu finden. Selbst der Abtritt oben unter dem Dach war eine trockene Röhre.

Das Haus verabscheute das Meer und das Meer zog sich zurück. Nur manchmal kamen die Tatzen zum Vorschein, wollten einen Körper aus den Wellen ziehen, der auf das Haus zugekrochen käme, aber noch gelang ihm das nicht.

Wäscheboden

Dieser Artikel ist Teil 14 von 36 der Reihe Gespenstersuite

Manchmal setze ich mich auf dem Dachboden in den Sessel, der in der Wohnung seinen Platz für ein freies Teppichfeld räumen mußte. Die Geruchsmischung aus altem Gebälk, weichgespülter Wäsche und der gewaltigen Enzyklopädie mit vergoldeten Schnittkanten, die ebenfalls vorerst aus meinem Arbeitszimmer verschwunden ist, weil sie einen ungemein bibliothekaren Duft verströmt, oder besser und wahrer gesprochen, weil ich in diesem Zimmer sonst nicht mehr treten kann, verleitet mich dann dazu, eine Pfeife anzustecken. Ich sitze da und betrachte die vertraute Wäsche. Wie wäre es, wenn ich unter dem Dach leben würde? Das ginge nicht ohne Hut. Ich gehe also hinunter in die Wohnung und wähle einen, den ich selten trage, schließlich sitze ich auch selten unter der Wäsche; wieder oben angekommen, finde ich das Tableau, das ich mit mir darin selbst nicht sehen kann, perfekt. Vielleicht aber habe ich die falschen Schuhe an, weil man das, was ich anhabe, nicht Schuhe nennen kann. Morgen aber, wenn ich die Wäsche abnehme, werden es die richtigen sein.

Mia Marple

Dieser Artikel ist Teil 15 von 36 der Reihe Gespenstersuite
1 Der Staub, nur die Uhr

Wenn im Fenster keine Katzen zu sehen sind, hat man
nichts als die falsche Zeit gewählt, hat man nichts
als einen umständlichen Weg zurückgelegt, die Bekanntheit
der Fassaden, kühl; die Gärten im Schlaf, die Dornen
ungefährlich bis zum nächsten Frühling. Da schleiche ich
mir hinterher und gehe mir auch vornweg. Ich kenne mich
nicht, aber ich habe mich schon einmal gesehen, als ich
in Farben taumelte, als Katzen in den Fenstern saßen,
als Lichter im Hintergrund einer Unendlichkeit schienen,
als noch Treppen in die Höhe führten; dort wähnte ich
mein Revier, meine Schritte ohne Echo. Dort wähnte ich
die Leinwand der Vergangenheit im Keller hängen, Nägel
verfinsterten die blanke Wand, in alten Schränken bleibt
nichts zurück; der Staub vielleicht, der nur die Uhr ersetzt. 

2 Stillstand, ich verlasse dich

Ich denke an die Traube, die du mir bist
dein Schatten kursiert hinter jedem meiner Lichter
dich will ich sehen in Gesichten, was geschieht hat einen Namen nicht
Stillstand, ich verlasse dich 
trunkene Stille, illusorische, mächtige, waghalsige, gefährdete 
was dich berührt, verdient dich
wieviel Zeit benötigt man, um einen Blick zu beschreiben?

3 Die Mälz

Dein glattes Kleid, sein Kleid so glatt,
unter dir die Wogen einer persönlichen Sintflut.
Dein Habitat verloren,
Reste einer imaginären Welt, einer mündlichen Keuschheit,
einer Restauration der Einsamkeit. In dir mag
tausendfach ein Sturm Getreide mälzen
und sich gegen Häute werfen, ein Abfluss fängt die Winde auf.

4 Wenn wir wollten

Wenn wir wollten, könnten wir ja noch einmal von diesem Flughafen trinken,
sagte sie. Ich sagte nichts. Sie nahm meine Hand, die eingeschlafen
in meinem Schritt verharrte, und führte mich auf das Gelände,
die Betonplatten im Gras. Nachdem wir ein Stück Erinnerung ausgepackt hatten,
teilten wir sie in zwei gleiche Teile. Wir sprachen.
Und dann tranken wir.

5 Mundtuch

Jetzt sind wir wieder beim Teich angelangt
und betrachten unsere Gesichter durch die Forellen schwimmen. Wenn du
hinein willst, gehst du hinein; wenn dir kalt wird,
schwimmst du zur Sonne. Deine Hülle ziert den Damm, eine starke Schnur
verbindet die Ufer - ich finde dich nicht mehr. Sag,
sind die Rosen angekommen? Ich nahm sie mit aus dem Garten,
dem sie Wächter waren, und nun - der Garten ohne sie -
verwandelt sich in Glas und Stein. Sag,
sind die Briefe angekommen? Schrieb sie auf Tische und Servietten
und hinterließ auch deinen Namen dort.

6 Die Zeiten falsch wählen

Die Nächte waren nicht wirklich Nächte, das Licht
hatte Lampen besetzt - nicht wirklich Lampen, aber Schattenwürfe
durch sie hervorgebracht, Silhouetten; und eine fing ich - deine war's.
Aber dann kamen die Zweifel, denn wie wärst du ohne Haken gewesen?
Ohne im Kummer zu verharren? Durchscheinend warst du nie. Wie
wärst du gewesen, wenn du mich nicht angesehen hättest? Wie
wärst du gewesen, wenn ich dich nicht entdeckt hätte? Die Bestürzung
wärt ewig, das heißt: bis heute. Und wenn heute alle Zeit ist,
dann ist das, was war, immerzu. Den Stoff, den du streichelst,
die Niederlage der Sinne. Meine Antwort an dich: ein Wimmern.
Die Handbewegung, der Kuchen, die Lippen, geöffnet, halb geöffnet,
die Zunge: ein Spiel um Welten. Ein Spiel aber nicht, was ich entdecke,
ein Spiel aber nicht, was vor uns lag. Im Kummer verharren, weil man ihn kennt.
Die Namen falsch sprechen, die Zeiten falsch wählen.

7 Weiter Winkel

Was geschieht, wenn ich dich kenne? Was, wenn ich überhaupt nicht weiß,
wer du bist? Deine Unruhe als Teil meiner Wahrnehmung. Ungezügelt 
das Laster der Empfindungslosigkeit. und ich sage dir: Das ist nicht die Welt,
die es kleinzureden gilt. Es war nicht viel, es waren kaum Stunden. Der
Donner brachte die Nacht, ich habe bewiesen, dass alles ohne Beweis ist.
Ich zersetze - eins, zwei - die Moleküle ihrer winkenden Hand, als gäbe
es mir das Recht, sie anzusehen, weiter Winkel; nichts wird sich je verändern, 
alles bleibt.

8 Verlässlich haben wir uns nie gekannt

Es ist nicht die Dauer, es ist der Sand. Und es ist nicht die Begegnung,
sondern ihr Ende. Es ist das, was bleibt, und sei es nichts. Es ist
das Angleichen der Tür, denn sie schließt gegenwärtig anders; es ist
die stehengelassene Tasse, die nie mehr benutzt werden kann. Setzt sie Staub an
ist es nicht die Dauer, es ist der Sand. Schafft man sie beiseite, bleibt sie dort,
nie wird sie wieder diese Tasse sein, unbedeutend, auf etwas verweisend,
das nie geschehen ist. Kein Tag geht je vorbei. Es stauen sich die Augenblicke,
stapeln sich, ohne sich je zu berühren. Es sieht nur so aus,
als wären sie aus Sand, angespültes Gelingen, Misslingen - kein Schiff
wird kommen, kein Tun wird Tatkraft werden, kein Vorhang hält uns davon ab,
die Gespräche zu vergessen, die nutzlosen Worte zu erinnern und zu vergessen.
Verlässlich haben wir uns nie gekannt.

Aton

Dieser Artikel ist Teil 16 von 36 der Reihe Gespenstersuite

Ich muß durch alle dunklen Zeiten, meine Türen sind geschlossen und lassen den Wind nicht mehr herein. Die Türen sind geschlossen, ich verlasse mich durch das Fenster in den Hinterhof hinaus, darauf bedacht, dass niemand mir begegnet oder zumindest niemand mich jemals wiedererkennt. In den Gedichten steht der Grund, sich neue Masken zu schnitzen, steht der Grund, sie zu vernichten. Worte, die mehr mit mir gemeinsam haben als mein eigenes Fleisch. Ich koche daraus die Suppe einer Agonie und leite den Enthusiasmus von mir fort, von ihr und ihr fort, suche ein unbescholtenes Wesen, das mich trifft, ein magisches, wissendes Wesen, nur vergiftet durch eine Melancholie, der meinen ähnlich. Lass uns unser Gift zusammentun und im Todeskrampf erstarren. Ein ewiges Denkmal des letzten Ausdrucks.

Begegne mir in den streunenden Gassen. Wie der wilde Schatten geboren im Schwanenteich. Anrührend ein Lied, die Skulptur des Atempfahls. Ich bin das goldene Element strickaufwärts. Im Knoten verborgen. Im Rausch untertags. In der Nacht dandyblass, der Ermangelung des Lichts wegen blass, der Begierde, dem Stahl, dem steinweichen Kauen, dem Kauern und Balgen an sonnigen Ufern, geschehen in Zeiten des Sonnenbeweises: Du Aton, du Aton, du Aton, du Aton (reprise). Die Dächer der Höhlen schaust du an, sperrst auf wie ein küssender Mund aufsperrt Lächeln.

Chac Mool

Dieser Artikel ist Teil 17 von 36 der Reihe Gespenstersuite

Aber ja, wir sind in die Köpfe eingedrungen, wir fanden die Klamotten Unserer Vorgänger unter den schwarzen Trauben, ihrer Kultur längst beraubt. Dennoch warten sie geduldig auf die Pflücker, die eines Tages fratzenhaft Aus dem Gebüsch schreiten, schief, aus Gründen eines Opfers für Chac Mool, Das erwartungsvoll in seiner besten Schale zu begaffen ist. Und sie harren dem Ende der Zeit. Und er Liegt und harrt dem Neubeginn. Die steinerne Finsternis verheißt ein Leben In Ewigkeit, in den Erinnerungen, in den unbedachten Gedanken, die Abschmieren wie ein Seifenkahn. Die gestiefelte Keramikschüssel, aller Dämpfe beraubt, allem Unglück ein Zeuge. Woher stammst du, Jungfernrebe? So wild schüttelst du deine Gifte und stolzierst rankend hinauf zu den Erschütterten Vulkanen, zu den Schakalen, die mich stolz bewachen.

Die so entstandenen Wyrmfelder erzeugen Räume, in die man Dinge stellen kann, die dann verschwinden, denn wo es 1 Ding gibt, muss es auch 1 Ding nicht geben, vorzugsweise dasselbe – Ding – die Taschen sind gepackt, von oben nach unten, unter dem Henkel die Adresse: Flatiron Building. Erstaunlich, wie sich die Wäsche in die Löcher faltet, aus denen Lorbeerstrünke (Kugeln Kegeln Säulen) ragen. Nun muss der Geist aus den Flaschen entlassen werden, auf Holzfasern verzichtet die Chronik an dieser Stelle, das Pochen wird substanzlos, der Takt aber bleibt. Ich selbst konnte nicht sehen, wo sich die Zeit verbarg (die erste Ernte wurde an Menschen verschenkt, die keine eigenen Felder besaßen). Gewitterwolken zogen vorbei und nahmen die Gäste mit, die in Reihe auf der Terrasse standen. Jetzt konnten die Gepäckstücke sich durchsetzen, ihre lange Nacht begann wie verabredet.

Fremder Kuchen

Dieser Artikel ist Teil 18 von 36 der Reihe Gespenstersuite
Sie schlenderte die Straße entlang; und
als es sich herumgesprochen hatte, war sie bereits wieder
in den Wäldern verschwunden. Es gab
eine Kordel an ihr, an der man ziehen konnte,
aber niemand wagte zu behaupten, es getan zu haben,
weil nicht herauszufinden war,
wer sie überhaupt gesehen hatte.

Er hatte dieses stampfende Gesicht,
das auf einem Zwirn saß, besser gesagt:
auf einer ganzen Spule. Die berechtigten Zweifel
standen noch im Sandkasten, belauert
von einer bedeutungsschwangeren Umfriedung.
Und die Kinder taten sich fremden Kuchen an.

Die nackten Ufer des Strandes

Dieser Artikel ist Teil 19 von 36 der Reihe Gespenstersuite

An den nackten Ufern, festgestampfter Sand und nass, stehe ich und rufe dich: Komm!

Du willst ankern, aber nirgendwo ist das Land fest genug, nirgendwo ist die Zeit stabil, eine Lücke, wo wir stehen. Fische erhüpfen sich kristallene Insekten, die Wasseroberfläche kocht. Ein Huhn ohne Kopf, vom Hunger der Menschen gerichtet, flappt gegen die Sonne, eine Mücke im Licht. Der Wille ist ein letztes Aufbäumen, der Kopf auf dem Hackstock döst. Ein Huhn, ein Ikarus, ein Sonnenstrahl. Der Kopf liegt auf dem Hackstock und döst, aber sein Körper flattert nach Süden, fällt über einer Holzwippe zu Boden. Sie zieht ihre karierten Strümpfe über ihre weiße Haut, trägt nichts mehr außer ihrem Flaum, der sich im Wind, der das Huhn noch einige Meter durch die Lüfte wirft, aufrichtet. Angelruten stecken fest in der Erde. Komm! Mit dem Blut werden wir uns reinigen von der Reise, die hier endet. Ich halte die Axt, die uns stützen wird.

Erdmale

Dieser Artikel ist Teil 20 von 36 der Reihe Gespenstersuite

für Friederike Mayröcker

So bleibt die Himmelsrichtung sichtbar. Eine Straße, die sich einen Zenit leistet, oder schiebt Gondeln westwärts ins Tal, wo wir lange nicht waren. Sollte es je geschehen, dass wir darüber denken, gibt es nur den Zugang von unten. Haus, in dem wir nachtlagen, aufgesuchte Räume vergaßen, Erde betrachtend einschliefen; Haus, in dem wir Kinder glaubten und Sensationen postschickten. Klingelzeichen überlebten Stromausfall, standen – gepudertes Gesicht – da oder verlangten Einlass von uns allen. Wir warteten, zogen dann ein in den Motorraum, der Wärme vergänglich wegen der Reise ungewiss der Kolbenbewegung Unterhaltung auf dem schmierigen Grund. Niemand, der die verätzten Erdmale aufhob aber ich kann dir nur drei geben, Rest unbekannt.

Als die Telefonie noch analog verlief

Dieser Artikel ist Teil 21 von 36 der Reihe Gespenstersuite

Als die Telefonie noch analog verlief, kam es vor, dass man mit der Wählscheibe nur halbe Ziffern wählte, weil man nicht bis zum Stopper durchzog. Meist passierte nichts weiter und es blieb still in der Leitung, bis auf das Hintergrundrauschen, das man auch zu hören bekam, bevor ein Freizeichen erschien, wenn auch nur kurz. Das Besetztzeichen hingegen erklang sofort. Die Vorstellung aber, doch durchgestellt zu werden, in eine Zwischenzone zu gelangen, war stets vorhanden. Doch wie lange hätte man warten sollen? Geister rühren sich erst dann, wenn sie erkennen, dass jemand einen langen Atem hat. Geduld ist ihre Währung. Eine andere Sache ist es jedoch, eine Nummer zu wählen, die es schon lange nicht mehr gibt, und die nicht vergeben werden kann, weil ihre Zeichenfolge aus einer anderen Epoche stammt. Man denke an ein Restaurant oder Hotel, weil deren Adressen noch leicht zu eruieren sind. Das Restaurant Schlichter im Berlin der 1920er Jahre, einer Zeit also, die viele verzweifelte Stimmen konservierte. Ausbacher Straße 46, Fernruf Amt Steinplatz 15610. Auch hier ist Geduld von Nöten, aber anders als bei einer Nummer, bestehend aus halben Ziffern, bestand dieser Anschluss in unserer Dimension. Was will man den Concierge fragen? Erkundigt man sich nach einem damals berühmten Gast oder gibt man sich zu erkennen als derjenige, der man ist? Ein verlorengegangenes Schattenwesen.

Am stillen Klavier

Dieser Artikel ist Teil 22 von 36 der Reihe Gespenstersuite
Mir wäre nur eine Richtung gangbar, eine,
die davon führt, worüber wir jüngst sprachen.
Der Ausgangspunkt darf durchaus diese Kreuzung sein
mit ihren Irrtümern, ihrem Wagemut, sich
in ein Zentrum zu setzen, ihren falschen Wegweisern.

Es wird nicht alles von einer vagen Größe bestimmt,
nicht alles in eine dafür vorgesehene Kammer sortiert,
aber sollte es je so weit kommen, dürften die
Kadenzen auch an dieser Stelle messbar sein.
Der Ordnung halber rolle ich die Wege besser zusammen.

„Das nennt man den Ton studieren“, sagst du
und stehst an diesem stillen Klavier, das
stets auf deinen Fingern spielte, wenn nur genügend
Gäste gekommen waren, um mich etwas zu fragen,
das du dann beantworten musstest.

In all den Jahren ist mir die Zeit nicht so sehr
abhanden gekommen wie unter den Fittichen der tauben Frau.
Ihr prächtiges Kleid hatte sie sich nur geliehen,
aber die Reue in ihrem Gesicht gehörte ihr ganz.
Sie zog all ihre Schatten alleine groß.

Castrum Montsegur

Dieser Artikel ist Teil 23 von 36 der Reihe Gespenstersuite

In dieser Nacht wird sie das Leben verlassen, es wird ihnen aus den Höhlen gerissen, die unter ihren Gärten lagen.

Der Teer des Harzbaumes, die Pechtröge der Hölle entsprangen hier. Aufgrund der wenigen Zeit, die den Verteidigern zur Verfügung stand, war es noch stark terpentinhaltig und somit dünnflüssig, auch ging das Brennholz zur Neige. Man schaffte bereits die Linnenkleidung heran, zunächst das, was man nicht am Leibe trug. Als aller Brennstoff verbraucht war, legte man schließlich Hand an sich und rieb, da man nun nackt zu kämpfen bereit war, die Muskeln aber in der Kälte nicht starr werden durften, den Körper mit dem nicht mehr wehrfähigen, bereits in den Gießpfannen angetrockneten Resten des Pechs ein. Auch deshalb ging das Gerücht durch die Jahrhunderte, die Mohren hätten den Heiligen Gral entführt. Wahr ist hingegen, dass er an diesem denkwürdigen Tag, dem 16. März 1244, das Castrum Montsegur verließ und nie mehr gefunden werden konnte. Sechs von pechschwarzer Gestalt wagten sich hinaus in die Mördergrube aus Piken, Schwertern, Rammböcken, den Katapulten der königlichen Armee, entkamen ungesehen, weil die Nacht sie als die ihren erkannte, ihnen anbot, von nun an Schatten zu sein, aber Schatten bleiben zu müssen. Tief ins Blut taucht ein Zahn, betrinkt sich, gerinnt Blut im Castrum Montsegur. Aus dem Burggraben kriecht ein schwarzes Reptil, nimmt die legendäre Schale für immer in seinen Magen, während die Katharer auf dem Feld des Vorgebirges brennen. Und die Sonne verdunkelt sich und auch die Nebel werden schwarz. Die Register der Orgelpfeifen werden später erfunden und später verstummen. Das Blut hat die Möglichkeit genutzt, sich mit dem edelsten der Metalle zu verbinden und ein neues Element sickert durchs Geröll, der Reptilienhain verschwindet geschützt vom Aschefall. Nur wenige Gewänder blähen sich auf und stoßen gegen den Wind. Kein Körper ziert die Nahten, die im Hitzewall zerschmelzen. Die Vortex-Reise hat begonnen.

Das enthauptete Huhn

Dieser Artikel ist Teil 24 von 36 der Reihe Gespenstersuite

Es ist da, das absolute Wagnis, alle sich überschlagenden Ereignisse miteinander zu verweben. Zeitturbolenzen treten an verschiedenen Stellen des Lebens gehäuft auf.

Ich passiere Sandbänke, die wie Walrücken aus dem Ozean stechen, ruhigere Gewässer waren das, als ich noch mit mir selbst Karten spielte, das Würfelglas hob.

Jetzt schreckst du aus dem Schlaf. Dir gilt das Hochzeitslied, dir gilt der Riss, dir gilt das zertrümmerte Türchen, macht hoch das Tor, das Tor mach weit; struwelpeterst im Bett, beginnst betäubt von Liebesträumen wie wild geworden zu schreien, gehst mühelos über das hohe c hinweg. Die menschliche Stimme, welch Zauber, der Einbruch in eine sichere Umgebung.

Ich ziehe es vor, eine Skulptur zu formen, nehme mich der Salzsäule an, Sodom und Gomorrha im Schlafzimmer. Wie klar ich sehe, als würde ich träumen. Das enthauptete Huhn flattert noch einmal auf und davon.
Rauschend zog ich mir die Stadt an, sie passte mir wie ein Dorfkleid.
Ich im Dorfkleid. Das könnte schön aussehen. Jetzt aber klingelt es, und die junge Postfrau hält mir ein in schillernd-düsteres Schlachtengemälde der Gefühle, unter die Nase, lächelt, als ob sie mich damit in Gold verwandeln könnte. Ich reiße die Päckchen immer vor Ort auf, kaum hat es die Hand der Überbringerin verlassen. Ungestüm werfe ich die Fetzen zu Boden, aber auch ich lächle (es fühlt sich an, als fingere man in einen frisch angerührten Semmelteig eine Kerbe hinein). Sobald ich sehe, dass sie mir das richtige Buch in die Hände gedrückt hat, lasse ich sie gehen. Sie ist neu (lernt das Briefewerfen erst gerade); das Treppenhaus ist dunkel; ich habe sie noch niemals gesehen; die Haare stehen mir zu Berge. Es hat sich also nichts verändert. Wann breche ich auf?