Das Karamellgestrüpp

Dieser Artikel ist Teil 25 von 36 der Reihe Gespenstersuite
Die fürchterliche Trauer über ein vergangenes
Tonikum erstrahlt so viele Schritte weit im Westen;
die Fesseln tragen die Schuld an der vorübergehenden
Bewegungslosigkeit, die so gar nicht beabsichtigt war.
Jemand nennt das Spektakel beim Namen, weiß
aber den genauen Wortlaut nicht mehr, so dass sich
ein zufälliger Reim ergibt, der alles geändert hätte,
befänden wir uns auch nur ein Stäubchen weiter links.

Am Kostüm der Felsformation ändert sich nichts. Die
Mineralien treiben nahtlos wie am ersten Tag, und nur die
Höhlen, die wir im Dunst nicht erkennen, haben die
Kommunikation bereits eingestellt. Es wäre zumindest denkbar,
einen weiteren Schritt zu tun, ohne Schirm, ohne Schranken.
Ich sehe den Schlund noch vor mir, aber bäte man mich
um eine zuverlässige Beschreibung, würde ich lügen.
An diese sonderbare Aussicht wird man sich gewöhnen müssen.

Die Falter des Zwielichts

Dieser Artikel ist Teil 26 von 36 der Reihe Gespenstersuite

Es ist keineswegs so, dass die Zeit schneller vergeht als früher; beschleunigt sind nur die Informationen, die innerhalb der verstreichenden Sekunden lauern; sie teilen sich mit dem Unrat den Platz und wirbeln sinnlose Masse neu auf.

Aus den Lüstern rieseln Lichter in die Allnacht. Mauern drücken das Weltgeschrei von mir fort.

Wenn alles fällt, kann der Tanz auf glattpolierten Tischen ein Ausweg sein. Die verrenkten Glieder am Morgen (oder doch schon in der Nacht?), der Tanz, der das Gefäß verlässt, spricht von blinder Haut.

Ich will jetzt also singen, was ich noch an Liedern weiß, wo Wolken, Türen, Bäume, Büsche in die Runde sich gesellen. Licht ist längst nicht mehr das Wort für uns.

Flieh mit mir, wenn ein tauber Schuss in die Asche stiebt. Dein Gesicht so rosenlieb, auf deinem Lippennetz ein verbliebener Trank. Gib mir nicht ein Wort, wir dürfen keine Wörter mehren, vor allem verzeih‘ mir dies: mein Lustgebaren, das mich zur Lohe macht. Das Licht mit mir verbunden, heimlich nur; so heiß der Tag, der heute ist.
Sei mir gut und folge mir, ich kenne einen ungenannten Weg, schüchterner Ofen Korsette, Fesseldung. In Häusern peitscht das Wasser aus den Kellern, spült den Häusern die Gedanken ab.

Angeschirrt sind schon Vulkan und Berg, wir reiten still in den Nachtpulsar, um fernem Weh zu klagen, in den Himmel getupft reiten wir uns wund in Schemen, blätterblau, abgezupft. Des Lebens Rausch – mein Babelturm – die Knute des Kusses stets entfesselt, der sanfte Druck ein Peitschenhieb.

Betanze meinen Leib mit deinen fetten Küssen, die Brust verziert: so schmecken Leiber (sintig, hechelnd, gierig). Willst du mich wiedersehen, komm in mein Gestirn, ich hab’s gebaut, in den mitternächtlichen Himmel, dir zur Ehrʼ, weil schön du bist.

Dort beim Hexenkraut

Dieser Artikel ist Teil 27 von 36 der Reihe Gespenstersuite

Einst kannte ich mein Gesicht, nicht aber seinen Umfang. Ich kannte auch die Farbe meiner Augen; insofern sei gesagt, dass ich durchaus einmal daran glaubte, die Welt sei erschaffen worden und sie beträte mich durch meine Poren, doch – –

Gerüchte ziehen durch das Land. Bodennah kriecht der feuchte Dunst, der von den Zungen platscht, über die Felder, und damit verderben sie dem Morgen die Schönheit der aufgehenden Sonne. Die Waldlaubsänger sirren in den frisch mit Tau bezogenen Baumbetten mit dem Zwielicht um die Wette, flappen um ihre Koje herum, bringen ihre Hymnen den Würmern dar, den großen Ernährern, die aus der Erde ragen, dem Humus, dem Sand.

Fressen oder gefressen werden.

Eine Stunde vor Sonnenaufgang tragen die Arien der Rotkehlchen weit, aber erst als um 5 Uhr 40 die Stare erwachen, spottet dieses Opernhaus mit seinem tiefblau beginnenden Himmel allen menschlichen Tuns.
Was durch die Lüfte zieht, sich regt, verweht, wird Geschichte werden, die Worte faulender Gestank, der, langsamer als die Federvagabunden, den Wind findet, alles in seiner Reichweite vertreibt, was nicht mehr zur Nacht gehören will. Traumtentakel ziehen sich in die Büsche zurück, hinterlassen nur unangenehm nässende Spuren, ein Ektoplasma, zusammengefallen durch das tägliche Vergessen. Der Morgen beginnt sein Ritual, badet sich in den explodierenden Farben.
In dieser Zeit tritt Nebel aus der Erde, steht auf dem Land herum und wartet auf die endgültige Pracht der Sonne, die zwar schon ihre leuchtenden Arme über den Kohlwald ausstreckt, aber noch nicht in das Herz der Nebelbank hinein greift. Geisterhaft keckern die Stimmen der Kinder von der groben Steinbrücke, brechen sich an den Gebäuden entlang der Schlossstraße und kehren lallend zurück.

Achtet auf den Widder!

Die Eger gurgelt in ihrem dunklen Flussbett, im Nebel schwanken Gliedmaßen, auf der Wiese stehen Schatten. Es sind die Schafe, die schüchtern Gras rupfen vor der hölzernen Wand, hinter der sie ihr Nachtlager wissen. Die Tore sind seit den frühen Morgenstunden geschlossen.
Achtet auf den Widder!

Wollköpfe schnellen lauschend in die Höhe, schwarze Münder blöken. Die Kinderschar lacht, löst sich auf wie eine weitere gespenstische Erscheinung. Die Steinbrücke ist wieder leer. Als sich der Nebel verzogen hat, steht das Dorf wie ein beginnender Tagtraum still und wartend an seinem Platz. Trügerisch. Denn die Geisterkinder könnten jederzeit wiederkehren. Ich glaube, dass wir uns selbst dort lachen hörten, nur sprachen wir nie darüber. Einer dieser Augenblicke, als wir über die Steinbrücke der Eger tollten, musste einen Abdruck hinterlassen haben, der sich dann zu einem Spuk manifestierte. Wir hatten alle unser altes Leben gelassen, wo es war, nur erinnerte sich niemand mehr daran. Nur eine unbedeutende Turbulenz in Zeit und Raum, die uns selbst für alles andere sensibilisierte. Die Steine nämlich vergessen nichts. Ihre Erinnerungen fließen langsam wie ihre ganze mineralische Existenz. Geduld macht sie unsterblich. Wenn der Dunst an ihnen reibt, erklären sie sich bereit, flüchtige ikonische Gedanken abzusondern. Sie sind die Archivare der Zeit. Und manchmal lassen sie ein geflüstertes Wort entkommen, noch öfter aber ein schallendes Echo, dem man besser nicht folgt. Keine Heiterkeit findet sich dort, wo es endet.

Wir driften im wasserblauen Ozean
in wasserblauen Blumen fort von
allen Leibern, die wir bewohnt, die

wir an Tische setzten, und manchmal
kam uns das nur so vor. Aber eines
war unaufhaltsam aus uns geworden:

das Rinnsal, der Spuk, oder die
Bresche, die fast ausschließlich mit
wütenden Lücken gefüllt sich fand.

Gespenster Suite

Dieser Artikel ist Teil 28 von 36 der Reihe Gespenstersuite

Die Treppe, deren Gehlinie durch die Nacht führt, knarzt anders in ihrem Lauf, als diejenige, die sich durch den Tag ächzt. Wie gekörnter Draht flackern die dunklen Schritte, die sich selbst Wege erbauen und dabei zurückblicken, als würden sie den ganzen Körper atmen.

Der starke Arm am Brunnen (die Hand an der Winde) beteiligt sich an den verlorenen Tropfen. Ich beobachte mich bei der Ausführung von Taten, die nicht von mir stammen. Dein Arm, der Fische ermöglicht, ist mir ein Wegweiser, der um die Stille in jedem Rumor weiß. DieTrockenheit der Ruinen mit ihrem gebrochenen ornamentalen Dekor; aus ihren Fugen dämmern die Erinnerungen, eine Zeit des Gestern wiederholt sich hilflos im diffusen Licht. Jemand verschwindet und kehrt nie zurück, die Auflösung wird Zeugen haben, aber die Fensterscheiben übernehmen das Protokoll.

Mit meinen Händen erarbeite ich mir Nahten, ein Glitzern in den Silben; vorhanden auch der Mond. Mit neuen Spuren beginnt der Tag, der Sinn der Wiederholung, der Jagd. Der Tisch, das Universum, die Verkettung ligierter Buchstaben. Es hat sie weiß gemacht der Mond. (Jemand sagt: „Suchen Sie nach einem Weg, ohne Echo in die Nacht hinauszugehen!«“

Ich denke: Ja; Nachtstücke müssen es sein.)

Altes Los: Die Ewigkeit stirbt nur in Sekunden. Im Spiegel funktionieren die Züge deines Gesichts antriebslos, sie scheinen zurückzukehren. Du siehst dich an, aber du willst nicht sein, was du siehst. Du vertraust dir deinen Ausdruck nicht an, ein Schritt nur zur Seite, und der enge Raum übernimmt die Kontrolle an der Wand. Lachend bleiben auch die stehen, die Gifte wissen: Alt ist nur die Zeit. Das Los findet sein Mittel.

Die bescheinigten Freiheiten auf gestampftem Papier, alle Wahrheiten von Märchen verschlungen. Die Kohlrübe, die Sinnloses spricht, erfroren neben dem Kopfstein, den Rinnen für ein Wasser, das niemals wieder schmilzt. In dein Eise geblockt sehe ich dich an, erstarrt am Putztisch, unterbrochen während der Toilette deines Tages.
Ich kam, als es die Berge noch nicht gab. Lichter irritieren die Schwermut, die schwarze Galle im hintersten Versteck. Der Brunnen fällt, seines Sinnes beraubt, unter die Kristalldecke. Die Furchen im Acker, die Bilder im Schnee. Das Glitzern in den Silben, die Schritte malen können, die um jede Ecke ranken, das Haupt aus Torf.
Manche Bilder erscheinen uns bizarr in ihrer Nacktheit, bunt. Bedeutend sind nur die Rahmen, die Leinwand braucht Gestalten wie diese, um sich zu fangen. Dort: die Treppe; dort: die Schritte. Noch trug ich die Taschen der Endzeit bei mir, die Vulkane waren kaum erloschen. Kein Entkommen für den Fliederduft. Später saßen die Gäste um ein Lagerfeuer herum, erzählten sich von Mut und Gerechtigkeit, und stumm befand sich das Grauen bereits in ihrer Mitte.

Von den Klippen angefangen bis hin zur Startbahn gerann das Blut, und Kähne lichteten ihre Anker, ein Spektakel in Purpur, ein Aufruhr in Rot. Der Blick zurück im Zorn. Das Knacken der Zweige verriet auch andere Geräusche, und ihre Echos waren nicht vorhanden, sie schlummerten in den Bechern der Tavernen.

Die kleinen fetten Finger wischen Schmalz;
die kleinen fetten Finger dringen tief;
die kleinen fetten Finger öffnen Knöpfe und helfen dem Kleid aus dem Körper.
Ihr quadratischer Schlund öffnet Augen, dahinter räkelt sich eine versunkene Welt. Im Rachen der Riesin steht die Luft, der Himmel ist fleischig und nass.

Ich vergewissere mich nicht, ob noch etwas vorhanden ist, wenn ich den Raum verlasse, etwas wie ein Zeichen, eine Zusammenkunft der Gegenstände, die nun auch in mir zur Anwendung kommen. Raum und Körper; und ich vergewissere mich nicht, ob sie sich von selbst bewegt haben, und ich bebe, weil all das fremde Stimmen sind. (Manchmal ist es der Sound, der die Pferde mästet).

Das Bild

Dieser Artikel ist Teil 29 von 36 der Reihe Gespenstersuite
Frühe Variation

Unter meinem Bild verschwimmt die Farbe. Ich habe dir von dem Bild erzählt, aus dem polimentvergoldeten Rahmen gelaufen, der nicht mehr fasst, was in ihm vor Kurzem noch hin und her geschwappt ist: Ein flüssiges Landschaftsbild, stets neu geschaffen, von der Erinnerung vergrault, aber auch bewahrt.

Ich bin der Pinsel, der den locus amoenus nicht vom locus terribilis zu unterscheiden weiß; von Fingern aufgerappelt fahre ich über die Mittelgebirgszüge, füge Stufen und Gefälle ein, hinterlasse Lücken.

Ich bin ein Pinsel aus Lehm.

Im Schatten der Naturgewalten: Ein Antlitz ganz ohne Mund, hingeschmissen von Händen aus Staub, gezimmert aus Knochen, ohne ein Dach, auf das es regnen könnte.

An den Wänden meines Hauses: Bildmetaphern ohne Mund. Doch die Mauern wurden einst von ihrem Geist geküsst.

Nie hat ein Maler sie gemalt, nie hat ein Tänzer sie umschlungen, nie hat man sie bei Tag gesehn, nur dieser Mond schlug ihren Schatten auf ein flüssiges Gemälde.

Jeder Spuk ein Manifest

Dieser Artikel ist Teil 30 von 36 der Reihe Gespenstersuite
Ich weiß nicht, ob es hier begann. 
Denke ich darüber nach, gibt es 
weder einen Anfang noch ein Ende, 
nur die sichere Entropie. Jeder Spuk ist, 
für sich genommen, ein Manifest 
der Aufzeichnung gewaltiger Gefühlsregungen, 
die im Augenblick des äußersten Schreckens 
eine unauslöschliche Spur hinterlassen. Aber 
auch die Zeugnisse, die nicht der Tragödie 
oder dem Grauen entspringen, sind noch vorhanden. 
Sie sind nur nicht dazu gedacht, 
wahrgenommen zu werden, damit die 
schwarzen Blüten selbst besser 
zur Geltung kommen. Doch diese Spielart 
der Ewigkeit ist nichts 
im Vergleich zu jenen Vorkommnissen, 
die keine andere Neigung zu haben scheinen, 
als die Tore ins Chaos zu bilden - hinaus und hinein. 
Diese Tore haben eine ähnliche Funktion wie 
das Filtersystem, das unser Bewusstsein 
vom Unterbewusstsein trennt. Es ist eine Sache, 
über die Möglichkeiten der Materie zu sprechen, 
aber es ist etwas völlig anderes, über 
die Möglichkeiten des ganzen Universums zu sinnieren. 
Möglichkeiten, die nirgendwo anders hinführen als in den Wahnsinn.

Kafkas Prag

Dieser Artikel ist Teil 31 von 36 der Reihe Gespenstersuite
Aus kaleidosopierenden Bildern entsteht 
(wenn es kein Gedankenstrom ist, was ist es dann?) 
ein Murmel=Relief aus feinstem Aloe Vera
nicht in Gestalt eines finsteren Schattens aus der Zukunft, 
über den Weiden in (zwischen) den Basteien, 
den Zimmern also des Grabens (Grabes), 
der mit Zuckerschaum sein Bestes tut zu gefallen (Fallen), 
den Gefallenen, die sich bucklig durch die Gassen 
(unter ihren Flechtenmänteln versteckt) bringen, 
die großen Adern meiden (zum Beispiel die Cechbrücke oder den Wenzelsplatz). 
Immer wieder schallt ein Ruf körperlos aus offenstehenden Türen. 
Der Kapaun, gebunden in Seehundhaut. Es ist wichtig, nur in Geschichten zu leben. 
Ein Haus zerfällt und ein neues entsteht. In den Geschichten verbirgt sich die Welt, 
Glockentöne rinnen über das Land (die Flucht über die Dächer), 
unter der Brücke sagt sie: »Sprich nicht!« 
Die Zigarette glimmt, obwohl sie im Wasser liegt, das Gesicht nach unten 
(die Strömung ist nicht schlimmer hier in Kafkas Prag). 
Es ist jetzt Vierundzwanzig Uhr und Null Minuten, die Pflicht 
ist im Herzen der Schönheit ein Dorn ...
… also war schon wieder eine neue Tageszeit angebrochen, Anbruch überhaupt 
(mit erstaunlich viel Bewegungsfreiheit) 
der stille Tisch voller dampfender Teller, also lehnte ich an der Brüstung meines Balkons 
nachts und war so groß wie der einzige Baum – 
… nur soundsoviel Tage später, in der Luft schweben Paradiesgeister, 
betören mit einer Sprache des Glücks, an dem der Mensch stirbt, 
was nicht gemein, alltäglich, abgenutzt ist, dass, 
wer die Schönheit angeschaut hat mit Augen, 
dem Tode schon anheimgegeben ist, ich war ja homerischer Heros, 
die Hetäre Aspasia, der Kyniker Krates, war König und Bettler, Pferd, Dohle, Frosch 
und mehrmals ein Hahn.

Wenn ich das Kinsky-Palais in Prag betrachte, 
in dem sich unten rechts das Geschäft Herman Kafkas befand, 
gelingt es mir, das Wetter des Tages zu erfühlen, 
das an diesem Tage der Stadt 
einen gewissen lapidaren Gesprächsstoff liefern konnte 
und so dazu beitrug, dass vielleicht gerade 
inmitten von Kafkas Galanteriewarenladen darüber gesprochen wurde, 
denn über das Wetter redet man unverfänglich. 
Ich stehe vor den vergitterten Fenstern, bin zu früh dran, 
denn der Laden hat geschlossen.

Nur ein Haus kann uns trennen

Dieser Artikel ist Teil 32 von 36 der Reihe Gespenstersuite
Ich konnte das Haus nur sehen, wenn ich schlief. 
Doch näherkommen konnte ich auch dann nicht. 
Ich versuchte es in jedem Tempo und sogar 
rückwärts schlug ich aus, aber es war jedes mal vergeblich. 
Ich fragte mich, wo das Haus wohl stehen mochte, warum es 
mich zu sich zog, wenn es doch nicht zuließ, ihm zu nahe zu kommen, 

aber alle Antworten darauf stammten von mir selbst. Es gab 
darunter keine Stimme, der ich vertraute, 
weil all die Häuserstimmen, die ich in mir trug, für sich sprechen wollten.
Räume schlagen Falten, aber ich habe noch nie jemanden gesehen, 
der diese Falten gerade rücken könnte in der Hoffnung, 
danach wäre alles wieder ordentlich wie ein Sonnenzimmer, 

das man seinen Gästen zumuten kann. Der Staub einer Woche 
zum Fenster hinaus gejagt, alles an seinem Platz.
Vielleicht war das Haus nicht für mich bestimmt 
und ich konnte es deshalb nur von einer gewissen Entfernung aus betrachten. 
Aber ich spürte, dass sich etwas Bedeutendes in seinem Innern abspielte 
und hätte viel dafür gegeben, zumindest durch die Fenster sehen zu können.

Bestimmt hätte ich etwas gesehen, das ich nicht verstand.
Im Grunde ist es nicht notwendig, sich vollständig an ein Ereignis zu erinnern. 
Herausgelöst aus den großen Kontenten, 
kann man es hinter der richtigen Falte im Raum für sich 
betrachten und studieren, auch wenn man nur Symbole erkennt: 
Haar, das sich wie wildes Heu bewegt, eine Tänzerin, 

deren Gesicht nie zu sehen war, schwarze Magie 
hat sich ihrer Glieder bedient, dabei war es nur ein Blues, 
ein Vorgeschmack auf die gedankliche Ödnis, die auf 
ein verlorenes Ereignis folgt. Man spricht, man tollt 
und gleitet aus dem Bild, dem man Beobachter war 
und für sich ein Dirigent; auch wiederholt man 

seine Erwartungen und ist in manchen Dingen der letzte Geist, 
der sich an eine Beschreibung wagt. All das würde ich 
durch die Fenster des Hauses sehen können, denn es wäre 
kein Hineinblicken in verborgene Kammern, auf halbdunkles Mobiliar, 
es befände sich ein gestauchtes Theater dahinter und nichts im 
Innern könnte den Voyeur vor der Fassade erkennen oder gar identifizieren. 

Er wäre gar nicht da.
Diesen Eindruck kann ich nicht von mir wenden, 
aber ich freue mich auf jeden neuen Schlaf, 
auf dieses Haus, das ich umkreisen, aber nicht betreten kann.

Ockermoos

Dieser Artikel ist Teil 33 von 36 der Reihe Gespenstersuite
Ich spaziere dahin und staune über die Gewalt; 
gleichzeitig aber bin ich ein Tier im Siechtum, 
am Ockermoos, im Fadenkreis, am Wiesengrund. 
Gleich wird es mir den Pelz ausziehen, 
gleich wird es mir die Eckzähne feilen, 
schreite durch die Räume aus Glas, 
meine erstarrten, skulpturiösen  Gedanken, 
schwimmend in den Lavendelwassern, der Gebärbadewanne. 

Eine Zeitangabe, die nun in meinen Nüstern brennt, 
die Welt erzürnt das Glas ihrer Brille, dahinter stehen 
die erstarkten Tropfen. Seriöses Gebaren 
beim Abspreizen eines anständigen Fingers.
In ihrer eigenen Dunkelheit kennt sie sich aus, 
eckt nirgends an; nur manchmal fühlt sie sich 
beklommen und bestraft sich für den Wunsch nach Licht, 
aber sie bestraft ebenfalls das Licht selbst, indem sie 
Steine nach der Quelle wirft; 

ein Wanderer begegnet im Wald dem Teufel, 
aber auch der Teufel begegnet dem Wanderer (der Wanderer 
denkt sich diese Geschichte aus, der Teufel nicht).
Ich war einmal ein Stein vor zweihunderttausend Leben, 
ein glücklicher Stein im Geröll, wasserdicht bis ins kleinste Mineral, 
unbedeutender war nie ein Stein. Doch fehlt er, 
bricht das Universum in sich zusammen 
und wird zu früh ein Schwarzes Loch.

Paradies aus Schwefel

Dieser Artikel ist Teil 34 von 36 der Reihe Gespenstersuite
Ich kann mich auf alles anwenden. Auf dich, auf mich, 
sogar auf alle Tiere, schleichende Schleichen, also Anguidae, 
Flügel faltende Falter, also Lepidoptera. 
Manche davon bin ich in Bernstein-Quadern, 
manche bin ich in den Lüften. 
Ob ich ein Ich bin, ist nicht mit Sicherheit zu sagen. 
Kein adäquater Ausdruck beschreibt den Zeitenkelch, 
der mich mottig anzieht, nichts kleidet mich mehr in ein Wunder 
als die Erinnerung, das erinnerte Ich. Als hätte ich erlebt, 
was ich zu erinnern fähig bin. Ich kenne keine andere Nähe 
als die Berührung zweier Oberflächen. Die Hand – was sind wir davon, 
was bist du davon? Ich spüre nur mich, du bist mein Widerstand. 
Gib mir deine Hand, ich habe nichts von dir an meinen Händen. 
Bevor ich dich ansehen kann, bist du verschwunden. 
Wir sind nur Kinder im Vorgarten der Hölle, 
unser Paradies aus Schwefel.

Ich strecke die Hände aus, auch im Geiste, die Hände aus nach dir. 
Du windest dich, ich halte es für einen Tanz. Manchmal tanzt du, 
windest dich nicht, ergibst dich dir selbst, 
und ich mache mich über dich her, beuge mich nach vorne, 
zu dir hin, in dich hinein, durch dich hindurch. 
Ein Ort, an dem deine Kräuter wachsen. Ich bin verloren. 
Wie ich mich in deinen Gewittern winde, Blitzfinder im Regen. 
Ich gehe den Weg unaufhörlich, finde mich auf mich selbst wartend vor, 
nur um mir zu sagen, geh weiter, wer immer du auch bist. 

»Wer bist du?«, rufe ich und sitze bereits in dir, 
halte Kräuter in der Hand. Du wirst mich finden, die Orakel 
werden meinen Namen nennen, die Wurzeln werden 
nach dir greifen, die Vögel werden deine Ohrentrommel bersten lassen 
durch Lieder, Lieder, Lieder, die meinen Namen singen, 
die meinen Namen kreischen, die meinen Namen kennen. 

Stets du die Biene, der geöffnete Kelch, der von der Sonne trinkt. 
Stets ich das Aufflattern der Pollen, stets wir der Honig des Leibes, 
golden flüsternd die Unendlichkeit zweier Körper bedeckend, 
gliederlose Schweißperlen rinnenden Harzes, das überbordende Weltenall, 
das sich selbst erblickt. Auf Stufensteinen hinauf zum Mond, 
in den Tann, in rätselhafte Momente, in Staub, ewigen Staub,  
des Leibes Durst, der Kehle Durst, der Kehlen Durst. 
die goldenen Eier des Widders. In den hinteren Auen, am Tanzplatz dort, 
an dir, nah an dir dran, dir dran. Ich komme aus allen Trögen, Flaschen, Fässern. 
O sprich mir in den Mund die Lieder, höre mir das Herz heraus!

Fleisch der Gefallenen

Dieser Artikel ist Teil 35 von 36 der Reihe Gespenstersuite
Kein Hungerkünstler wird sich hinsetzen und
von einem Gedicht träumen, das er in kühlen
Nächten in einer Art Rodeo mit dem Minotaurus
von einer abwesenden Dame um den Bauch 
gebunden bekam : ein Stück Labyrinth, in dem 
er bleibt, gerade weil die Wände sich verschieben.
Er kann sich nicht immer vom Fleisch der Gefallenen
ernähren, auch wenn diese ewig sind.

Sottovoce

Dieser Artikel ist Teil 36 von 36 der Reihe Gespenstersuite
Eine Stadt ist
in jeder Sekunde eine Atmung der Dinge,
die zusammen leben, aber anders als diese
sind die Dinge geformt
und können deshalb 
zurückrudern, bleiben
also mit ihren Ideen verwandt
wie ein Knopf an einer Schwertscheide.

Auch wenn der Asphalt eines dieser Dinge ist,
führt er gar nicht so weit in den Hinterhalt hinein,
man sieht von vornherein das Leuchten der Endzone,
LKWs werden entladen, aber nichts vermehrt sich,
etwas verwandelt sich und man muss schon genau
hinsehen, um die zerrissenen Pakete zu erkennen,
die fallen gelassen wurden.

Es geht nicht um diese Dinge, aber manches davon
hat sich bewährt.

Der Schnee kam und bedeckte längst nicht
alle schweren Taten, die ausgezogen waren,
um ihre Treue wiederzufinden, ihr ewiger Schwur
war nur in der Nacht sichtbar, vor Tonnen
und dem Zinnober vor den Hütten, als da
ein Trank gebraut wurde, den alle tranken,
den aber niemand tanzen sah.

Ich bin schon vor Jahren da angekommen, doch
die Zeit bringt es mit sich, ein ungehöriges
Ereignis nicht mehr am Fuße der Mauern
niederlegen zu können. Man friert still, wenn
man das weiß. Wie in einem Museum stehen
die Exponate auf blendenden Sockeln aus
immergleichen Worten.

Wenn du verlassen wirst,
nimm zunächst deine Umgebung wahr:
eine Wiese, etwaige Unendlichkeiten
und dann die eine Richtung, in die du nicht gehst;
wenn du also warten willst,
kommt eines Tages ein anderer Tag.